Bücher ordnen, aber richtig

Wer Nick Hornbys „High Fidelity“ gelesen hat, kennt die drei Arten, nach denen man seine Plattensammlung sortieren kann. Alphabetisch, chronologisch, biografisch. Punkt. Wortmeldungen von Exoten, die behaupten, ihre CDs nach Größe zu ordnen, sollte man stillschweigend ignorieren. Bei Büchern wäre ein solcher Einwurf hingegen durchaus zulässig. Schließlich gibt es hier ein bei Weitem umfangreicheres Spektrum an Sortiermöglichkeiten, das sich irgendwo zwischen den Extrempolen Ästhetik und Anwenderfreundlichkeit einpendelt. Alphabetisch, chronologisch, biografisch (die kennen wir schon), nach Verlag, nach Genre, nach Farbe (eine Freundin trug übrigens extra ein Sommerkleid in Petrol, als sie „Microeconomic Theory“ in die Lehrbuchsammlung zurückbrachte . . .), nach Hardcover oder Taschenbuch, nach Sprache, nach dem Zufallsprinzip et cetera. Schall und Rauch, es gibt eine viel kreativere Methode: Ordnen nach Getränk.

Jean-Paul Sartre und Simone de Beauvoir kommen ins Pastis-Regal, „Herr Lehmann“ von Sven Regener ist das klassische Bier-Buch, Friedrich Torbergs „Tante Jolesch“ gehört zum Kaffee und einen Sir Arthur Conan Doyle könnte man sowieso direkt neben die Teebeutel stellen. Die Wodka-Ecke ist mit Wenedikt Jerofejews „Die Reise nach Petuschki“ bestens besetzt, bei Salman Rushdie denkt man dagegen eher an Mango Lassi, die letzten Kinderbücher lassen sich ganz gut unter Himbeersaft zusammenfassen. Und dazu noch eine kleine Abteilung mit dem Label „Messwein“. Na, das macht doch intellektuell schon etwas her, oder? Zumindest mehr als die Ordnung, die vermutlich bei vielen von uns eher traurig aussehen würde und auf die wir uns hier gar nicht erst einlassen wollen: gelesen oder nicht gelesen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 31.08.2009)

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Wo ist Yesterday Repair Man?

Am nächsten Morgen ist die Sehnsucht groß. Gleich nach der einsetzenden Erinnerung und dem entsetzten Griff auf die Stirn wünscht man ihn sich herbei – den Yesterday Repair Man. Kennen Sie nicht? Nun, das ist jener Superheld, der fragwürdige Entscheidungen vom Vortag rückgängig macht, etwa eine SMS, die man so nicht abschicken hätte sollen, rückwirkend von der SIM-Karte und aus dem Gedächtnis löscht. Zugegeben, praktisch wäre das schon. Andererseits aber auch langweilig.

Und eine Verschwendung von Ressourcen noch dazu, schließlich brauchen wir ganz andere Superhelden viel dringender. Beispielsweise bei Gesprächen mit (vornehmlich) Männern, deren Nasenbehaarung beschlossen hat, für einen Sonntagsausflug ein wenig in die freie Natur zu lugen. Ein Fall für Nasenhaarauszupfman, der in seinem hautengen Overall mit einer gleißend leuchtenden Schere in der Rechten vom Himmel stürzt und im Bruchteil von Sekunden – und vom Nasenhaarträger unbemerkt – die haarigen Bösewichter um einen Kopf kürzer macht. Chapeau! An seiner Seite im Olymp der Superhelden steht im hautengen weißen Kittel Spinatausdenzähnenputzman in ständiger Alarmbereitschaft. Und kann sofort eingreifen, wenn beim Italiener ums Eck der stumme Hilfeschrei eines jungen Mannes ertönt, der die Kerzenscheinromantik nicht durch zahnkosmetische Hinweise an sein reizendes Gegenüber zerstören möchte. Hosenschlitzzuziehman muss ebenfalls gelegentlich ausrücken, so wie Klorollennachfüllman bei manch ungläubigem Griff ins Leere zur Hilfe anrollt. Ja, es gibt viel zu tun.

Ach ja, falls Sie in nächster Zeit irgendwo Sinnvollekolumnenideenman begegnen sollten, schicken Sie ihn doch bitte mal bei mir vorbei!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.08.2009)

Die Antwort auf alle Fragen

Woher soll ich wissen, was ich denke, bevor ich höre, was ich sage? Eine berechtigte Frage, die treffend eines der Grundprobleme menschlicher Kommunikation beschreibt – dass man in so mancher Situation Dinge von sich gibt, die im zwischenmenschlichen Koordinatensystem zwischen überflüssig, unpassend und peinlich verortet sind. Kaum ausgesprochen, würden die gerade aufgeschreckten Ganglien am liebsten ein Netz auswerfen, um die mit falscher Munition aufgeladenen Schallwellen noch abzufangen, ehe sie holterdipolternd auf fremdes Trommelfell klopfen.

Dass ein solches Unterfangen schon aus rein physikalischen Gründen nicht gelingt, darf als bekannt vorausgesetzt werden. Aber keine Angst, damit speise ich Sie nicht ab – wir sind ja lösungsorientierte Menschen. Und die Lösung für oben genanntes Problem ist ganz simpel. Sie besteht aus drei Buchstaben (und wahlweise einem Rufzeichen oder drei Punkten) und ist universell einsetzbar: „Tja!“

Spielen wir eine Situation durch, etwa ein Gespräch über Fußball. „Gut haben sie gespielt gestern“, sagt das Gegenüber. „Tja!“ Damit ist alles gesagt – und man hat nichts Dummes gesagt. Denn „tja!“ kann alles heißen. „Ja, gut gespielt“, „Finde ich eher nicht“ bis zu „Ist mir so was von vollkommen wurscht, verdammt noch mal“. Ein „tja!“ funktioniert auch bestens, wenn man den Gesprächspartner akustisch nicht versteht, aber auf eine Nachfrage verzichten will. Selbst einer Frage kann man so ausweichen, denn „tja!“ ist neben seiner universalen Anwendbarkeit auch ein Killerwort, das ungewollte Kommunikation mit einem Schlag abwürgt. Denn was soll man auf diese in drei Buchstaben komprimierte universale Wahrheit noch antworten? Tja . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.08.2009)

Laufende Nasen und riechende Füße

Sparen ist eine Lieblingsdisziplin der Österreicher. Doch während der Euro brav aufs Sparbuch getragen wird, kommt niemand auf die Idee, sich dumme Fragen zu sparen. Nehmen wir den Klassiker, der bei frühmorgendlichen Anrufen zu hören ist: „Bist du schon wach?“ Ähnlich sinnvoll gefragt fühlt sich der Nieser mit tränenden Augen, der gerade ein Taschentuch zur schleimigen Kunstaktion gemacht hat – „Hast du einen Schnupfen?“ Das konkrete „Hast du deinen Reisepass (Schwimmreifen, Sonnenschirm, Pilotenschein etc.) eingesteckt?“ kurz vor der Abreise hätte grundsätzlich schon Sinn, doch allzu oft begegnen wir lediglich dem sinnlos-besorgten „Hast du eh nichts vergessen?“

Andere sinnlose Fragen haben zumindest auf der semantischen Ebene einen gewissen Unterhaltungswert. Etwa die Überlegung, ob man mit einem Navigationssystem auch zu sich selbst finden kann. Oder das Rätsel, warum Füße riechen, während Nasen laufen können. Gegenstand so mancher Diskussion ist auch, ob Vegetarier Schmetterlinge im Bauch haben dürfen.

Um Sinnloses von sich zu geben, ist allerdings nicht zwingend ein Fragezeichen vonnöten. Man denke nur an die Zeiten vor der Rufnummernerkennung am Telefon – wie oft stellte sich da der Anrufer mit den zwei bedeutungsschwangeren Worten „Ich bin’s“ vor! Diese Miniphrase hat sich aber auch in Zeiten des Handys noch eine kleine Nische gefunden und verstört regelmäßig bei unangekündigten Besuchen an der Gegensprechanlage.

Und dann gibt es da noch die Frage, die Kinder im Kasperltheater zu begeisterten Jasagern macht – „Seid ihr alle da?“ Nur eine gerne verwendete Phrase ist noch nerviger – soll ich sie Ihnen sagen?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.08.2009)

Die letzte Zuflucht des Versagers

Ich gestehe, ich habe eine Pflanze zu Hause. Nur eine, die ist von Ikea und nicht umzubringen. Seit fast fünf Monaten steht sie im Wohnzimmer. Und ist immer noch grün. Das ist nicht selbstverständlich, ist mein grüner Daumen doch sonst eher eine Form von aktiver Sterbehilfe. Ich erinnere mich an meinen ersten kleinen grünen Kaktus (nein, er stand nicht draußen am Balkon. Und hollari, hollari, hollaro war er schon gar nicht!), den ich Tag für Tag so liebevoll goss, bis er von innen her zu verfaulen begann.

Alle weiteren Vorstöße in die Welt der Flora lassen sich am besten mit den Worten von Samuel Beckett beschreiben: „Immer wieder versucht, immer wieder gescheitert. Nochmals versucht, besser gescheitert.“ Mit Schrecken denken manche Freunde zurück, deren Küchenkräuter ich für ein paar Tage beaufsichtigen musste – und die nachher eher an einen brennenden Dornbusch erinnerten. Fast schien sich bei mir ein alter Spruch von Homer Simpson zu bestätigen: Der Versuch ist der Beginn des Versagens.

Umso erstaunlicher ist es, dass mein Sitznachbar in der Redaktion den ansehnlichen Urwald, den er auf seinem Fensterbrett angelegt hat, während seines Urlaubs gerade mir zur Pflege anvertraut. Weiß er es nicht besser? Oder will er die wuchernden Chlorophyllschleudern nur elegant loswerden, um wieder durch das Fenster sehen zu können? Wie auch immer – Ehrgeiz ist die letzte Zuflucht des Versagers, und so werde ich Tag für Tag mit Hektolitern von Wasser durch das Ressort stampfen, Bäume und Kakteen zärtlich streicheln und sie am Abend in den Schlaf wiegen. Dass ich dabei den Brian-May-Song „Too Much Love Will Kill You“ pfeife, sollte Sie nicht beunruhigen, das hat keine tiefere Bedeutung. Bestimmt nicht.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.08.2009)