Der Flohmarkt der aufgelassenen Slogans

Manche Dinge sagt man heute einfach nicht mehr, sag ich einmal. „Sag ich einmal“, zum Beispiel. Und auch in einem Gespräch ein „Schade, eigentlich“ fallen zu lassen, zeugt davon, dass der Sprecher seinen Phrasenschatz langsam einem Update zuführen sollte. Über die hyperinflationäre Verwendung des „sozusagen“ zu klagen, dessen Auswüchse zunehmend unseren Magen plagen (wow, vielleicht wird das doch noch was mit der Karriere als Rapper), kommt mittlerweile sozusagen fast schon so häufig vor wie das „sozusagen“ selbst. Vom inhaltsleeren „gar nicht zu reden“ gar nicht zu reden. Oft scheint es, dass der Sprachschatz ganzer Generationen sich ausschließlich aus einem Flohmarkt für aufgelassene Slogans speist. Wo das „Kömma das nicht anders regeln“ zum Spottpreis feilgeboten wird. Wo man das „Kein Kommentar“ immer noch ganz offen auf dem Ladentisch präsentieren darf. Wo man sich zahlreiche „Das wird man sich genau anschauen müssen“ in verschiedensten Variationen ganz genau anschauen kann – und wo am Ende des Tages sogar die restlichen „am Ende des Tages“ ausverkauft sind.

Dass der Flohmarkt trotz des reißenden Absatzes seiner Ware nie verlustig geht, legt nahe, dass wohl irgendwo in einer chinesischen Fabrik sozusagen billigst alte Phrasen kopiert, in großer Stückzahl produziert und neu auf den Markt geworfen werden, sag ich einmal. Dort dürfte auch noch regelmäßig der Klassiker des slapstickhaften Beziehungslebens über das Fließband gejagt werden. Die Antwort nämlich auf eine Frage, die man meist dann stellt, wenn man sich gerade unglaublich lächerlich gemacht hat, sich zum Beispiel gerade einen Viertelliter Spaghettisauce vom weißen Hemd kratzt – und das Gegenüber diesen Mund macht, den man macht, wenn man sein Amüsement nicht ganz offen zur Schau stellen sollte. „Lachst du über mich?“ „Ich lache nicht über dich, ich lache mit dir.“

So etwas sagt man heute sozusagen einfach nicht mehr, sag ich einmal. Schade, eigentlich.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.02.2014)

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Das Verpacken eines E-Books und orthopädischer Kaffee

Vielleicht ist es altmodisch. Aber E-Books zu verschenken, ist dann doch nicht so wirklich romantisch. Das liebevolle Verpacken des Buches in ein ganz besonderes Geschenkpapier, vorher vielleicht noch eine handschriftliche Widmung auf die erste Seite schreiben – und dann das eingelernte Prozedere, dass der Beschenkte das Paket schüttelnd vor sein Ohr hält und rät, was das wohl sein könnte. „Eine CD?“ Dieses lieb gewonnene Ritual lässt sich nicht ohne Weiteres in die digitale Welt übertragen. Oder nur bedingt – ein E-Book auf einem hübsch verpackten USB-Stick lässt den Schenker wie einen unbelehrbaren Vertreter der haptischen Retrogeneration dastehen. Das macht man einfach nicht. Bei Musik ist es nicht viel anders. Das neue Album von Bruce Springsteen über iTunes herunterzuladen schließt ein liebevolles Verpacken danach fast schon aus. Außer wieder mit dem USB-Stick – aber siehe oben.

Dabei muss man nicht einmal in der entmaterialisierten digitalen Welt auf Geschenksuche gehen, auch so manches handfeste Präsent wirft heute Probleme auf. Jemandem etwa von einer Reise durch Guatemala eine Packung handverlesenen Kaffee mitzubringen, ist ähnlich erfolgversprechend, wie eine VHS-Videokassette an den USB-Port stecken zu wollen. Gibt es überhaupt noch Kaffeemaschinen, in denen man das Pulver durch einen Papierfilter jagen könnte? Und darf man als Gast auf die Frage, welchen Kaffee man gern hätte, noch so altmodische Dinge wie „Cappuccino“ oder „kleiner Brauner“ antworten? Da doch „Intenso“, „Lungo“ oder „Ristretto“ ohnehin schon jeder verstehen sollte – wobei in der Regel eher „ein grüner“ oder „ein blauer“ geordert wird. Oder, wenn es sich um einen „Decaffeinato“ handelt, ein halblustiger „orthopädischer“.

Die sind übrigens alle hübsch und einzeln in Alu verpackt. Im Grunde also eigentlich geradezu perfekt zum Verschenken. Fragt sich nur – zugegeben, vielleicht ist es altmodisch –, wie man vorher die handschriftliche Widmung in diese Dinger bekommt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.02.2014)

Alles gut

Vor allem bei neueren Wohnanlagen lassen die Schilder kaum mehr einen Rückschluss darauf zu, wer hier eigentlich wohnt. Was mitunter dazu führt, dass man als Besucher vor der Haustür noch schnell das Handy zücken muss, um nachzufragen, bei welcher Nummer man denn nun eigentlich anläuten muss. Schade ist das Verschwinden der Namensschilder auch deswegen, weil damit viel der kindlichen Freude verloren geht, die sich beim Lesen von Namen einstellt – die auch eine Ahnung davon geben, wie sich das Minisoziotop Wohnanlage wohl zusammensetzt. Statt bei tschechisch, bosnisch oder türkisch klingenden Namen über die Migrationsgeschichte der Stadt sinnieren zu können, wird maximal die Fähigkeit des Zahlenmemorierens geschult – viel mehr ist aus den Türnummern, die immer häufiger das Gesicht der Klingelanlage prägen, nicht herauszuholen. Wobei der Monokultur der Zahlen gerne noch ein versteckter Imperativ vorangestellt wird, dass wir das alles gefälligst gut zu finden haben: Top. Wie ein dauergrinsender Animateur im All-Inclusive-Urlaub ständig mit nach oben gestrecktem Daumen die Pflicht zur guten Laune einmahnt, fordert Top 1 bis Top 32 den Klingler zum zustimmenden Kopfnicken geradezu heraus. Standing on top of the world, baby!

Andererseits, etwas gut zu finden ist in notorisch schlechten Zeiten ja auch nicht so schlecht. Nehmen wir den Optimismus einfach mit und denken an eine hübsche Phrase, die sich ähnlich wie das Top auf den Türklingeln seit einiger Zeit eingebürgert hat: Alles gut. Kaum ein Dialog, kaum eine Beilegung eines Streits, kaum ein Nachfragen nach dem Befinden, in dem diese zwei Wörter nicht auftauchen. So wie das „Roger“ im Sprechfunk signalisiert, dass man die Botschaft verstanden hat, taucht „Alles gut“ mittlerweile in fast jedem Gespräch auf. Gerade, dass nicht auch noch reflexartig der All-Inclusive-Daumen reflexartig mit nach oben geht. Vielleicht sollten wir auch noch überlegen, „Alles gut“ auf alle Türklingelschilder zu schreiben. Das wäre top.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.02.2014)

Ich bin ja kein…, aber

Ich habe ja nichts gegen lange Haare, aber gepflegt müssen sie sein. Ich bin ja kein Freund von Trash-TV, aber die Dschungelshow habe ich sehr gern geschaut. Ich bin ja kein Vegetarier, aber ich esse kein Fleisch. Ich habe ja nichts gegen Nacktfotos, aber ästhetisch müssen sie sein. Ich bin ja kein Schwarzfahrer, aber ich habe es eilig und bin nicht mehr dazu gekommen, mir einen Fahrschein zu kaufen.

Ich bin ja kein Alkoholiker, aber einen Tag ohne ein paar Bier kann ich mir nicht vorstellen. Ich lese ja Boulevardzeitungen nicht gern, aber sie haben halt den besten Sportteil. Ich fahre ja nie betrunken mit dem Auto, aber kaum steige ich ein einziges Mal nach dem Heurigen doch ein, muss mich die Polizei aufhalten. Ich glaube ja nicht an Gott, aber wie kann er nur zulassen, dass es auf der Welt so viel Not gibt?

Ich habe ja nichts gegen Ausländer, aber sie müssen sich an unsere Kultur anpassen. Ich bin ja gegen Gewalt, aber ich marschiere mit dem Schwarzen Block durch die Innenstadt. Ich lege ja keinen Wert auf Marken, aber Apple macht einfach die besten Laptops. Ich habe ja nichts gegen Frauenbewegungen, aber sie müssen rhythmisch sein. Ich habe ja nichts gegen Schwarze, aber würde mein Kind einen nach Hause bringen, hätte ich ein Problem damit. Ich bin ja gegen Kinderarbeit, aber wenn ich solche Produkte boykottiere, haben sie ja gar keine Arbeit mehr.

Ich bin ja kein Raser, aber ein Dreißiger im Ortsgebiet geht ja gar nicht. Ich habe ja nichts gegen Amerikaner, aber sie haben halt keine Kultur. Ich habe ja nichts gegen Einsparungen, aber die Polizeistation in meiner Gemeinde darf nicht eingespart werden. Ich habe ja nichts gegen Kinder, aber sie machen immer so viel Lärm auf dem Spielplatz.

Ich bin ja nicht gegen Neues, aber früher hätt’s das nicht gegeben. Ich bin ja kein Sexist, aber jetzt setze deinen süßen Hintern in Gang und mach mir einen Kaffee. Ich bin ja kein sprachlicher Pedant, aber Sätze, die mit „Ich bin kein…“ beginnen und mit „aber“ fortgesetzt werden, enden selten gut.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.02.2014)