„Es war mal was anderes“ ist die ultimative Vernichtung

Ein Versuch über das Bemühen, die an einen gestellten Anforderungen zu erfüllen.

Die Wahrheit ist eine Tochter der Redewendung. Und die verbale Kindesweglegung ist eine Disziplin, in der es schon Teenager zu Meisterleistungen bringen. „Ich mag dich total gerne“, wird dann dem vor Herzklopfen bebenden Gegenüber entgegengehaucht. Und mit dem nachfolgenden „als Kumpel“ das Klopfen zu einem sofortigen Stillstand gebracht. Die so höflich verpackte Wahrheit, dass das Miteinander definitiv nichts wird, auch noch in scheinbares Kompliment zu kleiden, ist so etwas wie die Urmutter der Enttäuschung, die ihre Kinder im Laufe eines Lebens immer wieder zu Besuch vorbeischickt. „Es liegt nicht an dir“, „du hast etwas Besseres als mich verdient“ oder „ich brauche einfach eine Pause“ sind längst zu Realität gewordene Popkultur. Phrasen, die den schnellen Stich ins Herz durch langsames Herauslöffeln ersetzen. Aber nein, es ist nicht so, wie Sie denken!

Bei einer Einladung zum Essen verbirgt sich die Kritik des Gastes hinter einem „schmeckt interessant“, dem überraschten „so kenn ich’s gar nicht“ und landet am Ende beim Resümee „es war mal was anderes“. Nicht zu verwechseln mit dem „es war einmal“, wie es in Märchen häufig am Beginn steht, ist diese Phrase die ultimative Vernichtung, die jegliche schüchterne Ambition auf eine für den Winter geeignete Kopfbedeckung für den Koch (ließe sich eine Haube eigentlich auch als bauliche Maßnahme zum Schutz des Hauptes beschreiben?) zunichte macht. Es ist wie ein „hat sich bemüht, die an ihn gestellten Anforderungen zu erfüllen“ im Dienstzeugnis. Ein „war ganz nett“ nach einem gemeinsam verbrachten Abend. Ein „vielleicht beim nächsten Mal“, mit dem eine abschlägige Mail garniert wird.

Ja, dann. Vielen Dank fürs Zuhören und vielleicht beim nächsten Mal. Ich brauche jetzt einfach eine Pause. Aber dass eines klar ist – es liegt nicht an Ihnen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.11.2015)

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Mike Krüger: „Plan B war oft in meinem Leben“

Mit »Mein Gott, Walther« und dem »Nippel« wurde er als Blödelbarde berühmt, später machte er Karriere als Moderator, erlebte die Goldgräberzeit im deutschen Privatfernsehen und feierte Erfolge in seichten Kinofilmen. In seiner Autobiografie erzählt Mike Krüger aber auch über die ernsten Seiten seines Lebens – den frühen Tod der Mutter und die harte Zeit im Internat.

Finden Sie es anstrengend, immer lustig sein zu müssen?

Mike Krüger: Nein. Ich habe eine gewisse Grundlustigkeit in mir, da muss ich mich nicht dazu zwingen. Und in meinem Freundeskreis erwartet keiner, dass ich zusätzlich den Komiker gebe, nur weil ich einer bin.

In Ihrer Autobiografie gibt es auch dunkle Momente. Etwa den Tod Ihrer Mutter, den Sie aber nur ein wenig anreißen.

Bei einer Autobiografie gehört natürlich auch meine Kindheit dazu. Der Tod meiner Mutter, als ich drei war, hat mich sehr zurückgeworfen. Dann ist sie auch unter sehr mysteriösen Umständen ums Leben gekommen – was ich erst herausgefunden habe, als mein Vater gestorben ist. In seinen Unterlagen habe ich den Totenschein gefunden, in dem gestanden ist, dass meine Mutter in einem Hotelzimmer in Paris an Herzversagen gestorben ist.

Was hat Ihr Vater Ihnen vorher erzählt?

Was damals wirklich passiert ist, habe ich mit meinem Vater leider nie besprochen, denn als ich klein war, hat er das abgeblockt. Dann war ich lange im Internat. Und danach ging es ihm gesundheitlich nicht so gut, dass man noch ernsthafte Themen mit ihm besprechen hätte können.

Tut es Ihnen leid, dass Sie das nie aufgearbeitet haben?

Ich würde schon gerne Genaueres darüber wissen, aber es ist nicht so, dass es mich schwer belastet.

Und das Verhältnis zu Ihrem Vater war ein eher distanziertes?

Als ich noch zu Hause lebte mit ihm und seiner zweiten Frau, war er sehr viel unterwegs und hat gearbeitet. Im Internat war die Verbindung sowieso gekappt, und da entwickelt sich natürlich kein besonders enges Verhältnis.

Das Leben im Internat ist ja traurig, weil man von daheim weg ist, auf der anderen Seite ist es aber auch eine schöne Zeit.

Es gibt da eine strenge Hackordnung. Als Kleiner hat man das Problem, dass die Größeren das Sagen haben und das meist mit körperlicher Gewalt durchsetzen. Wenn man dachte, die Erzieher helfen einem, war man auch falsch gewickelt. Denn die waren eigentlich noch schlimmer. Zum Glück wurde ich schnell größer, und da ging es besser. Im Sommer haben wir die meiste Zeit am Strand verbracht. Dementsprechend schlecht waren die Noten, da haben wir dann in den kalten Wintermonaten versucht, das einigermaßen aufzuarbeiten. Die letzten Jahre im Internat waren dann schon schön.

War das Internat eine Erfahrung, die Sie nicht missen möchten?

Ich hätte gut drauf verzichten können, aber alles Negative hat auch Vorteile. Man lernt auch viel.

Hat Ihre Kindheit Ihren Humor geprägt?

Ja, denn da wird man entweder selbst aggressiv und gewalttätig, oder man ist einer wie ich, der alles eher ein bisschen ins Lächerliche zieht. Ich habe dann festgestellt, dass man durch Scherze über Lehrer die Klasse auf seine Seite bekommt, ohne mit Gewalt zu drohen. Das hat mich später bestätigt, als es mein Beruf wurde, dass ich offenbar eine Gabe habe, Menschen zum Lachen zu kriegen.

Was bedeutet der Untertitel Ihrer Autobiografie, „das Leben ist oft Plan B“?

Plan B war eben oft in meinem Leben. Meist, wenn ich nicht damit gerechnet habe, kam etwas um die Ecke. Und meist habe ich dann gesagt, ja, das mache ich. Manchmal auch einen Tick zu früh – bestes Beispiel diese Samstagabendshow „4 gegen Willi“. Als ersten Moderationsjob gleich eine Samstagabendshow zu machen war mutig.

Was hat bei „4 gegen Willi“ nicht funktioniert? Was war das Problem?

Da kam einiges zusammen. Ich hätte sicher auch besser sein können. Damals war ich total unerfahren, was Moderation anging. Und dann war das natürlich die Aufregersendung überhaupt – und die ist dann nach drei Jahren eingestellt worden. Wir hatten zwar tolle Quoten, aber der Bayerische Rundfunk wurde zugeschüttet mit aggressivsten Briefen, heute hätte es einen Shitstorm nach jeder Sendung gegeben. Und der damals neue Unterhaltungschef wollte das nicht jeden Sonntag haben.

Samstagabendshows gibt es ja heute gar nicht mehr. Tut das weh?

Das kann man ganz entspannt sehen. Die Medienlandschaft hat sich gewandelt, so eine Show kostet unglaublich viel Geld und die Sender gönnen sich das einfach nicht mehr. Irgendwann kann man zwei Millionen Euro für eine Sendung nicht mehr rechtfertigen, damit produzieren andere eine ganze Staffel einer Doku-Soap. Fernsehen wird viel billiger produziert, und die Leute machen sich ihr Programm selbst. Die öffentlich-rechtlichen Anstalten haben das noch nicht begriffen. Ich habe einmal einen Bericht in der ARD gesehen, wo sie sagten, dass es Netflix gibt, da könne man Serien für wenig Geld schauen. Ich dachte, ich habe mich verhört. Das ist das, was euch in Zukunft Riesenprobleme machen wird.

Durch das Internet kann ja mittlerweile auch schon jeder ein Komiker sein.

Die Zuschauer haben natürlich eine Riesenauswahl, für die Komiker, die versuchen, davon zu leben, wird es aber immer schwieriger. Für fünf Millionen Klicks im Internet kann man sich halt nichts kaufen. Da ist es mir lieber, ich habe fünf Millionen LPs verkauft. Insofern ist es für die Protagonisten schwerer geworden, weil jeder mit den einfachsten Mitteln bekannt werden kann – aber aus dem Internet herauszukommen und damit Geld zu verdienen, das wird schwieriger.

Merken Sie es finanziell?

Ich bin ja zum Glück schon etwas länger dabei. Ich könnte jetzt Rente einreichen, was ich nicht tue. Aber ich habe das Glück zu sagen, ich mache, wozu ich Lust habe.

Wie hat sich der deutschsprachige Humor in den vergangenen Jahren verändert?

Früher war Comedy immer mit Gesang verbunden. Wir haben zusätzlich zu den Wortgags ein Instrument gespielt, was für mich persönlich auch abwechslungsreicher ist als eine reine Stand-up-Geschichte. Ich finde es immer sehr schön, wenn zwischendurch jemand singt. Lieder prägen sich natürlich besser ein als Wortgags. Man schafft es mit einem Lied wie dem „Nippel“, dass da ganz Deutschland mitsingt.

Nervt es Sie eigentlich, immer wieder den „Nippel“ singen zu müssen?

Gar nicht. Wenn man es geschafft hat, einen so großen Hit zu schreiben, den jeder kennt – da freue ich mich jedes Mal. Ich singe es natürlich im Konzert nicht mehr selbst, das macht dann das Publikum, und ich spiele nur Gitarre. Und wenn 2000 Leute geschlossen den „Nippel“ singen, ist das ein tolles Gefühl.

In Ihrem Buch geht es auch oft um Geld. Sprechen Sie gern darüber?

Man nennt natürlich keine Zahlen, vor allem nicht, wenn man aus Hamburg kommt. Aber wenn jemand so viele Schallplatten verkauft hat wie ich, 16 Jahre lang erfolgreich Werbung gemacht hat, und noch viele andere Sachen, kann man sich ausrechnen, dass ich nicht verarmt bin. Ich habe Geld im Buch deswegen erwähnt, weil ich immer in die Goldgräberzeiten gefallen bin. Als das Privatfernsehen losging in Deutschland, spielte Geld keine Rolle. Da haben Sender einfach gesagt, die Idee ist gut, macht mal. Heute wird gefragt, wie viel man davon am Tag produzieren kann. In dieser Zeit war ich dabei. So wie auch in der goldenen Schallplattenzeit, als noch Vinyl verkauft wurde. Und mit Thomas Gottschalk und mir ging die deutsche Kinocomedy los. Ich wollte also im Buch nur den Vergleich herstellen, dass es das heute nicht mehr gibt.

Sie haben als öffentliche Person ja auch eine gewisse Vorbildfunktion – wie passt es da, dass Sie beschreiben, wie Sie eine ganze Minibar ausgetrunken haben?

Vorbildwirkung soll es nicht sein, aber es war einfach so. Es war der Zeitgeist Ende der Siebziger, Anfang der Achtzigerjahre. In der Biografie von Eric Clapton steht, dass er Ende der Siebziger viele Konzerte im Liegen spielte – nicht, weil er das wollte, sondern weil er nicht anders konnte. Das ist aber niemandem aufgefallen, denn dem Publikum ging es ähnlich. Das hat sich geändert. Wenn man heute bei einer Redaktionssitzung sitzt, hat man schon Glück, wenn nicht ein Wassersommelier um die Ecke kommt. Ob das damals gut oder schlecht war, müssen die Leute beurteilen. Das ist alles eine Zeitgeschichte, und vieles hat sich gewandelt. Ich rauche nicht, achte auf meinen Körper, mache Fitness. Von daher lebe ich sehr gesund heute, aber es gab auch wilde Zeiten.


Herr Krüger, darf man Sie auch fragen, ob . . .

. . . ob Sie manchmal auch über Ihre eigenen Witze lachen?

Nein, das ist verboten. Es gibt nichts Schlimmeres, als wenn jemand einen Witz vorträgt und selbst darüber lacht.

. . . ob Sie manchmal an den Nippel denken, wenn Sie eine Tube nicht aufbekommen?

Das passiert häufiger. Meine Frau weigert sich, im Flugzeug die Kaffeesahne aufzumachen, und gibt sie mir. Dann kommt meist der Spruch von jemandem, der danebensitzt. Das zeigt, dass Lieder nichts bewirken, denn die Verschlüsse sind nach wie vor so bescheuert wie damals, als ich das Lied geschrieben habe.

. . . ob Sie wissen, was Petrus wohl sagt, wenn Sie wie die Protagonisten in „Mein Gott, Walther“ und dem „Nippel“ vor dem Himmelstor stehen?

Dann würde Petrus sich wahrscheinlich wie im Lied zu Jesus umdrehen und sagen: Das wurde aber auch Zeit.


 

(“Die Presse”, Print-Ausgabe, 01.11.2015)