Machen Sie das bloß nie bei der Firmenweihnachtsfeier

Ein „Knigge“, den die Welt nicht braucht – es sei denn, Sie gehen wirklich im Einhornkostüm hin.

Eine Standarddisziplin im journalistischen Jahreskreis ist der „Knigge“. Der „Urlaubsknigge“ etwa verrät, dass Sie in Japan niemals die Stäbchen in den Reis stecken dürfen. Nicht, dass man das sonst tun würde, aber immerhin ist man gewarnt. Im „Trinkgeldknigge“ wiederum erfährt man, dass in Schweden kein Trinkgeld erwartet wird, dass man aber öfter „tack“ sagen soll, was dem deutschen „danke“ entspricht. Doch die Königsdisziplin wird gerade in diesen Tagen zelebriert. Gern eingeleitet mit den Worten „Alle Jahre wieder“ wird der „Knigge“ für die Firmenweihnachtsfeier aus dem Geschenkpapier gewickelt. Und wir erfahren, dass es vielleicht nicht so günstig ist, sich bis zur Besinnungslosigkeit anzuheitern, um dann dem Chef die Meinung zu sagen. Dass man damit konfrontiert sein könnte, dass einem von Vorgesetzten das Du angetragen wird, und wie man damit umgehen sollte. (Am nächsten Tag schauen, ob sich der Chef erinnern kann, nicht selbst duzen!) Und dass generell „nach der Weihnachtsfeier ist vor dem nächsten Arbeitstag“ im Hinterkopf präsent sein sollte. No shit, Sherlock. Tack für die Warnung!

Als würden Firmenweihnachtsfeiern irgendwo zwischen Sodom und Gomorrha liegen. Als würden alle über ein Jahr aufgestauten Emotionen wie ein Messerset bereitgelegt, um hinter der Deckung eines Christbaums auf die Protagonisten geworfen zu werden. Aber gut, offenbar sind solche Tipps gewünscht. Also bitte, schnäuzen Sie sich nicht ins Tischtuch. Verschließen Sie die Tupperware gut, damit die Wegzehrung vom Buffet nicht aus der Manteltasche tropft. Wenn Sie schon im Einhornkostüm kommen müssen, binden Sie sich eine Serviette um, sonst drohen Flecken auf dem Fell. Und seien Sie nicht allzu enttäuscht, wenn der DJ keinen satanischen Black Metal im Repertoire hat – im Zweifelsfall nehmen Sie halt selbst eine CD mit. Rock ’n‘ Roll!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.11.2016)

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Diese Weihnachtskolumne ist zu 27,3 Prozent erfunden

Aus Mangel an eigenen Kindern lassen sich rührende Erlebnisse rund um Weihnachten halt nicht so leicht erzählen. So auf die Art, wie der Zehnjährige dem Papa verständnisvoll ins Ohr flüstert: „Du, ich weiß eh schon seit ein paar Jahren, dass es das Christkind gar nicht gibt. Aber ich wollte dich nicht enttäuschen, darum hab ich mitgespielt.“ Also muss der persönliche Erfahrungsschatz eben mit Kuriosa aus externen Quellen aufgepimpt werden. Etwa mit Umfragen aus der Markt- und Meinungsforschung, die uns dabei helfen, das Phänomen Weihnachten besser zu verstehen. Hier erfährt man unter anderem, dass 71,7 Prozent der Österreicher schon mindestens einmal ein falsches Geschenk bekommen haben, sich das 67,8 Prozent jedoch nicht anmerken ließen – hat ja nie jemand behauptet, dass Weihnachten das Fest der Aufrichtigkeit ist. 68 Prozent streiten rund um das Fest der Liebe (das macht 50 Cent fürs Phrasenschwein) mit der Familie oder dem Partner. Zu 35 Prozent ist das Aufräumen und Putzen daran schuld, gefolgt vom Organisieren familiärer Veranstaltungen mit 27 Prozent. Letztere gehören für 72 Prozent zur Weihnachtszeit dazu – nach mageren 65 Prozent im Vorjahr ein deutlicher Anstieg. 46 Prozent backen ihre Weihnachtskekse selbst – und im Dezember legen die Anmeldungen in Fitnesscentern um etwa 20 Prozent zu. (Ja, alle diese Umfrageergebnisse gibt es wirklich!)

Immerhin, hier kann man – auch ganz ohne Kinder– aus eigner Erfahrung etwas beisteuern. 16,9 Prozent treffen bei „Stille Nacht“ auf Anhieb den richtigen Ton. 34,5 Prozent der Bonbonnieren, die unter dem Christbaum liegen, sind weitergeschenkte Firmengeschenke, auf 18,2 Prozent klebt sogar noch die Glückwunschkarte mit bestem Dank für die gute Zusammenarbeit. 57,3 Prozent der Österreicher glauben immer noch, dass Peter Rapp „Licht ins Dunkel“ moderiert. 67,2 Prozent können sich noch an weiße Weihnachten erinnern. Und etwa 77,8 Prozent der besten Geschenkideen hat man in der Woche nach Weihnachten.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.12.2014)

Dinge, die man unter dem Christbaum nicht hören will

Weihnachten steht vor der Tür – und ein Text, der mit diesen Worten beginnt, hat eigentlich schon verloren. Auch „Weihnachten naht mit großen Schritten“ ist ein Auswurf kreativer Einfallslosigkeit. Würde man einen Euro für jede Verwendung einer solchen vorweihnachtlichen Hohlphrase zur Seite legen, ließe sich damit eine ganze Kärntner Bank sanieren. Mit einem weiteren Euro für „leuchtende Kinderaugen“ könnten womöglich sogar die Pensionen gesichert werden, bis besagte Kinder selbst in den Ruhestand treten. Und was das hyperinflationär eingesetzte Adjektiv „besinnlich“ bedeuten soll, müsste man all die hektisch weiter über die Mariahilfer Straße hoppelnden Leute fragen, die einem gerade eben ein solches Fest gewünscht haben.

Auch unter dem Christbaum warten diverse Wörter und Sätze, die man nicht unbedingt hören möchte. „Aha“, zum Beispiel, ist der Gottseibeiuns der Reaktionen beim Geschenkeauspacken. Damit signalisiert der Beschenkte, dass er keine Ahnung hat, was er denn nun mit dem Ding, das er gerade aus dem Geschenkpapier geschält hat, anfangen soll. Oder zumindest, dass es definitiv nicht auf irgendeiner Wunschliste verzeichnet war. Gelegentlich wohnt dem „Aha“ noch der Wunsch inne, dass es sich um eine Finte handeln könnte – und unter fröhlichem Gelächter dann doch noch ein Geschenk, das man wirklich gern hätte, aus einem Versteck geholt wird. Allein, wenn die Post-aha-Stille länger als 30 Sekunden anhält, ist es wohl vorbei. Und der Schenkende kann seinerseits eine Phrase auspacken, um das schönste Fest des Jahres (höhö!) weiter in den Abgrund zu ziehen: „Du freust dich ja gar nicht!“

Ein Klassiker ist übrigens auch das „Eigentlich haben wir ja ausgemacht, dass wir uns heuer nichts schenken“. Was allerdings nur wirklich gut funktioniert, wenn beide sich nicht daran gehalten haben. Wer also jetzt noch den Verdacht hat, dass der Pakt erneut nicht halten wird, sollte sich beeilen. Denn, falls es noch nicht erwähnt wurde: Weihnachten steht vor der Tür.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 15.12.2014)

Zehn Dinge, die in Kolumnen zum Advent stehen müssen

Eigentlich wären jetzt ja 24 Tage Zeit, um täglich eine Weisheit aus einem Kalender mit schlauen Sprüchen zu ziehen. Allein, aus irgendeinem Grund hat es sich eingebürgert, Listen mit zehn, 33 oder 83 meist weitgehend irrationalen Dingen zu erstellen, die man tun muss, bis ein Ereignis eintritt – sehr häufig übrigens das finale Momentum des eigenen Todes, aber das hat ja mit Weihnachten wieder nichts zu tun. Also bitte, dann eben eine Top-Ten-Liste für die kommenden Tage.

1) Einen Wortwitz mit Punsch machen. „Punschlos glücklich“ oder jemandem „jeden Punsch von den Lippen ablesen“.

2) Am Einkaufssamstag einen Verkäufer in eine Grundsatzdebatte über Weihnachten als Orgasmus des Kapitalismus verwickeln.

3) Jedem Zehnten, der sich über „Last Christmas“ beschwert, ein fröhliches „Bingo“ entgegenrufen.

4) Arbeitskollegen, die zur Toilette gehen, einen „besinnlichen Aufenthalt“ wünschen.

5) Dem ORF-Wettermann vorsorglich einen Beschwerdebrief schicken, warum es schon wieder keine weißen Weihnachten geben wird.

6) Täglich auf die Waage steigen und mit betretenem Gesicht „aber nach Weihnachten dann“ murmeln.

7) Die Türen des Adventkalenders in der falschen Reihenfolge öffnen und dabei lauthals „Breaking the Law“ singen.

8) Darauf bestehen, dass bei der Bescherung nicht schon wieder „Stille Nacht“ gespielt wird, sondern das „Helikopter-Streichquartett“ von Karlheinz Stockhausen.

9) Die Wohnung mit Sand auslegen, Heizstrahler aufstellen und Freunde zu einer Mottoparty „Hawaii“ mit Badekleidungspflicht einladen.

10) Mit möglichst vielen Menschen, die man selten sieht, ein baldiges Treffen ausmachen. Irgendwann nach Weihnachten dann, wenn wir mehr Zeit haben, ja? Freu mich! Dann noch schöne Feiertage!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 01.12.2014)

Hoffentlich kommt Chris Rea endlich daheim an

Über Weihnachtsmusik in Geschäften zu schimpfen, ist nicht rasend originell. Aber das ist die Weihnachtsmusik ja auch nicht. Dass alle Shops und Einkaufszentren Österreichs ausschließlich mit „Ö3 Christmas Hits 1+2“ bestückt sind, gehört offenbar zu den in der Verfassung verbrieften Grundkonstanten des Landes. Man wünscht sich nichts sehnlicher, als dass Chris Rea endlich daheim ankommt, um nicht noch eine Runde „Driving home for Christmas“ singen zu müssen. Würde José Feliciano am liebsten mit schwarzer Bohnensuppe bewerfen, um sein „Feliz Navidad“ zum Verstummen zu bringen. Und entdeckt, wie unglaublich aggressiv der Pazifismus von John Lennons „Happy Xmas“ machen kann. War is over? Sieht nicht so aus. Noch dazu, weil all die Leute hier sicher schon längst alle Geschenke haben und nur da sind, um im Weg zu stehen. Im voll besetzten Lift loszuschreien: „Die Fahrscheine, bitte!“, kann die vorweihnachtliche Verkrampfung übrigens durchaus lösen. So man sich traut.

Zumindest in der U-Bahn ist „Driving home for Christmas“ noch nicht angekommen. Dafür aber zwei Worte, die bei jeder Station aus hunderten Mündern zu hören sind – ja, die geradezu das Weihnachtsfest in all seiner Unendlichkeit perfekt zusammenfassen. Wenn zwei mit Einkaufstaschen behängte Christbäume – pardon, Fahrgäste – ihre Unterhaltung ausklingen lassen, wenn schließlich einer durch die offene Tür aus der U-Bahn stakst und der andere seine Taschen noch ein paar Stationen weiter spazieren fahren muss, da ertönen sie in ihrer ganzen Besinnlichkeit: „Dir auch!“ Was immer da auch vorher gesagt wurde – man hört bei all dem Gemurmel ja nicht so gut – es muss etwas sein, was eine tröstliche Botschaft in sich trägt. Denn kaum sind die Worte ausgesprochen, kaum schließt sich danach die U-Bahn-Tür, ist da auf einmal dieses Lächeln. Weicht die Anspannung aus dem Gesicht. Und mit sanftem Glockenläuten steigt er plötzlich vom Himmel herab, der Weihnachtsfriede. In diesem Sinn: Ihnen auch!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.12.2013)

Walking in a Winter Wonderland

Vielleicht treiben Sie gerade auf einer Luftmatratze über die Alte Donau, vielleicht sitzen Sie mit einem Glas eiskalter Limonade auf dem Balkon oder packen gerade den Korb für ein Picknick im Augarten. Es sind Momente, in denen man sich wohlfühlt, Momente des Genusses, die man am liebsten bis in die Ewigkeit ausdehnen würde. Doch es ist eine trügerische Ruhe, es ist die Ruhe vor dem Sturm. Denn schon am Donnerstag steht die Sonne genau über dem Wendekreis. Soll heißen, ab dann werden die Tage wieder kürzer. Für unzählige Menschen ist das das Zeichen, um in die Mid-Year-Crisis zu verfallen. Denn plötzlich ist absehbar, dass vielleicht gar nicht mehr so viele Tage kommen werden, an denen man abends nur mit T-Shirt im Freien sitzen kann. (Es gibt ja Menschen, die behaupten, dass es in Ostösterreich im ganzen Jahr nur maximal zehn solcher Tage gibt, aber das nur nebenbei.) Natürlich, der eine oder andere Badetag wird sich schon noch ausgehen, ein paar schöne Momente werden schon noch drinsein. Doch im Grunde ist man sich bewusst, dass es bergab geht. Dass der Herbst kommt. Schon bald werden die Heurigen wieder Sturm ausschenken. Es wird auch nicht mehr lange dauern, bis die ersten Maronibrater ihre Holzhütten und Öfen wieder aus dem Lager holen. Und ehe man sichs versieht, strecken den unbedarften Einkäufern im Supermarkt schon Lebkuchen und Weihnachtskekse ihre winterliche Fratze entgegen.

Ein lächerlicher Gedanke? Mitnichten! Aber wiegen Sie sich ruhig weiter in Sicherheit, treiben Sie nur weiter auf Ihrer Luftmatratze, trinken Sie einen Schluck eiskalter Limonade oder packen Sie Ihren Picknickkorb. Aber wenn die Blätter zu Boden fallen, ein Schneesturm über die Stadt hinwegfegt und Sie bibbernd vor Kälte „Walking in a Winter Wonderland“ vor sich hinflüstern, dann sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.06.2012)

Kein Stress! Bleib ganz ruhig!

Nur noch ein paar Tage, dann ist sie wieder vorbei, die sogenannte besinnliche Zeit. Sogenannt deswegen, weil sich die Zeit vor Weihnachten zeitweilig eher besinnungslos anfühlt. Wer am vierten Advent-Einkaufssamstag die Einkaufszombies auf der Mariahilfer Straße bei ihrer Jagd miterlebt hat, weiß, wovon die Rede ist. Nein, das soll jetzt kein Weihnachts-Bashing werden, aber mit dieser Einleitung bekommt man die Kurve recht gut zum eigentlichen Thema des Interesses, nämlich dem Stress. Doch soll die Kolumne jetzt auch nicht im üblichen und erwartbaren vorweihnachtlichen Wehklagen enden. Im Gegenteil. Lebe lieber unerwartet! Also, konkret geht es darum, wie man Menschen, die ohnehin schon am Limit sind, noch ein bisschen stärker unter Druck setzen kann. Die passenden Worte, die man etwa an jemanden richtet, der gerade aus der Dusche steigt, während draußen vor der Tür schon die Gäste warten, lauten: „Kein Stress!“

Genau diese Aufforderung trägt eine gemeine 180-Grad-Wendung in sich, die dem armen Stressgeplagten subtil mitteilt, dass er sich gefälligst beeilen soll. Umgekehrt kann man Menschen, die noch keine Anzeichen von Stress zeigen, mit drei schönen Worten aus der Fassung bringen: „Bleib ganz ruhig!“ So sehr die Person auch vorher noch in sich geruht hat, so schnell wird sich in ihr Aggression entwickeln. Falls ein Gespräch zu harmonisch verlaufen sollte, hat man damit eine Trumpfkarte in der Hand.

Zugegeben, diese kleine Lehrstunde in Sachen menschliches Zusammenleben hat eine gewisse provokante Note. Auf der anderen Seite – selbst schuld, wer sich von derartigen Sticheleien aus der Ruhe bringen lässt. Man könnte ja auch ebenso gut sagen: „Ich lasse mich nicht stressen. Ich habe ohnehin schon genug Stress.“ In diesem Sinne wünsche ich eine halbwegs ruhige Weihnachtswoche. Und… kein Stress!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.12.2011)