Beine enthaaren

Manche Dinge kann man sich nur vorstellen, wenn man eine Frau oder ein Radrennfahrer ist. Aber wie fühlt es sich an, seine Beine zu enthaaren? Eines vorweg, es dauert . . .

Für Ästheten ein schrecklicher Anblick.“ Mit diesen Worten wurden vergangenen Sonntag in diesem Blatt meine behaarten Beine bedacht. Gut, man ist ja lernfähig und will den Freunden der Ästhetik keine schlaflosen Nächte bereiten – also runter damit. In Gesprächen mit erfahrenen Enthaarern lernte ich zunächst, dass es gleich mehrere Wege gibt, sich des Buschwerks zu entledigen – und dass der Großteil davon eher schmerzhaft sein soll. „Du wirst schreien“, meinte etwa die Freundin, die grinsend ihren Epilierer aus dem Badezimmer kramte. Völlig emotionslos war hingegen der Gesichtsausdruck der Verkäuferin im Drogeriemarkt, als sie Kaltwachsstreifen und Enthaarungscreme über die Kassa zog.

Einen ganz so phlegmatischen Blick schaffe ich daheim nicht, als der erste Wachsstreifen mit einer beherzten Handbewegung ein paar hundert Haare von meinem Unterschenkel reißt. Aber so schlimm ist es auch wieder nicht. Lustig sieht er aus, der gerodete Streifen. Mehr schon nicht. Und der Epilierer? Auch kein Drama. Das Gefühl dabei ist nicht mehr als ein etwas intensiveres Kitzeln. Bleibt noch die Enthaarungscreme, die von der Anwendung her wohl am gemütlichsten ist. Mit einer Spachtel auftragen, fünf Minuten eine rauchen gehen, mit der Spachtel das Schaum-Haar-Gemisch abkratzen. Fertig. Wieder ein paar Quadratzentimeter freigelegt. Wo ist das Problem?

Die Mühen der Ebene. Der Anruf einer Freundin unterbricht die Enthaarungszeremonie – mit drei Landebahnen auf den Unterschenkeln geht es zu einem spontanen Abendessen. Bei dem ich stolz erzähle, dass Enthaaren ja überhaupt nicht wehtut, wie kann man nur so wehleidig sein und überhaupt. Stolz rolle ich ein Hosenbein auf – sehr zum Gaudium des Gegenübers: „Du hast ja nur an den Stellen enthaart, wo es am wenigsten wehtut!“ Aha, an den Innenseiten soll es also schmerzhafter sein. Und an den Knien erst. Interessant, dürfte also noch ein längerer Abend werden . . .

Und tatsächlich werden die Mühen der Ebene spürbar, wenn es um mehr geht als nur einen Streifen aus dem Busch zu reißen. Beim sechsten Wachsstreifen beginnt das Gefühl, dass es mühsam wird – der Kniebereich ist wirklich eher schmerzhaft zu roden. Der Epilierer wird auch langsam nervig, wenn er sich immer wieder in den Haaren festfrisst. Und die Enthaarungscreme macht auch keinen Spaß mehr – weil sie leer ist, ehe die Beine glatt sind. Der Abend endet mit einem langen Rendezvous mit dem Nassrasierer unter der Dusche, Beinen wie Hühnerschenkel in Zellophan – und der Erkenntnis, dass mir die Ästheten die Beine runterrutschen können. Glatt genug wären sie jetzt . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 31.05.2009)

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Eine Konifere auf seinem Gebiet

Bevor mir die Emulsionen hochgingen, beschloss ich, mich an den Kiemen zu reißen.

Gelegentlich ist das Schreiben einer Kommune eine regelrechte Syphilisarbeit. Umso schöner ist es, einer Konifere auf diesem Gebiet zu begegnen. Und da gibt es schon einige, die mir ziemlich imprägnieren. Erst unlängst saß ich mit einer solchen bei einem Kartoffelcretin zusammen und wir plauderten ein wenig über das sinkende Nivea mancher Texte. Als mein Gesprächspartner allerdings begann, auch über mich zu lästern, fühlte ich mich ein wenig auf den Schlitz getreten. Aber ich beschloss, ruhig zu bleiben, schließlich lasse ich mich von unbedarften Aussagen sicherlich nicht produzieren. Er ließ aber nicht locker und stichelte weiter. Irgendwann reichte es mir, denn so manche Meldung meines Gegenübers war ein glatter Schlag unter die Gürteltiere. „Das verbiete ich mir“, sagte ich, „denn das ist doch keine konjunktive Kritik mehr“.

Dabei versuchte ich, so autistisch wie möglich zu agieren, immerhin wollte ich jegliche Imitation vermeiden – er sollte ja nichts in den falschen Hans bekommen. Doch währte die Diskursion nicht lange, denn mein Gesprächspartner stammelte pergament nur noch inhaltslose Phasen. Langsam bemerkte ich, wie meine Emulsionen hochgingen. Und bevor ich mich wie Hektar vor Troja zu einer Attrappe hinreißen lassen und das Duett in einem Fiaker enden würde, beschloss ich, mich an den Kiemen zu reißen und lieber von Tannen zu ziehen. Immerhin bestand die Gefahr, dass mein Resümee darunter leider könnte.

Ich muss gestehen, dieser unliebsame Verlauf des Gesprächs war eine Zensur in meinem Leben. Vielleicht habe ich ja ein bisschen übererigiert. Mittlerweile vertagen wir uns aber eh wieder. Sollte ich auf diesen Vorfall angesprochen werden, werde ich dennoch mit Sicherheit antworten: „Kein Kommissar!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.05.2009)

Finnisch ist das bessere Französisch

Die Welt könnte eine bessere sein, würden Weltsprachen nicht wegen militärischer Erfolge entstehen, sondern nach dem Grad des Amüsements, das sie bereiten. Unter dieser Voraussetzung hätte es etwa Französisch nie und nimmer zur Lingua franca großer Teile der Welt geschafft. Oder ist es sonderlich amüsant, auf Französisch zu zählen? Dann sagen Sie mal zum Beispiel „97“ – quatre-vingt dix-sept, übersetzt so viel wie „vier Mal zwanzig und siebzehn“. Nicht lustig? Na eben. Und jetzt versuchen wir das Ganze einmal auf Finnisch: Yhdeksänkymmentäseitsemän. Da springt doch das Herz vor lauter Freude.

Oder nehmen wir einen lauen Sommerabend, Sie sitzen eng umschlungen mit der oder dem Angebeteten auf einer Parkbank und möchten eine innige Sympathiebekundung durchführen. „Je t’aime“ klingt da doch nur abgedroschen. Viel origineller und treffender kommt es, wenn Sie zärtlich „Minä rakastan sinua“ in das Ohr des Gegenübers hauchen. Der Erfolg sollte damit jedenfalls gesichert sein. Und selbst im Fall der Ablehnung haben Finnen mehr zu lachen, wenn beim mitfühlenden „leider“ statt eines weinerlichen „malheureusement“ ein strammes „valitettavasti“ auf den Lippen geformt wird.

Möchten Sie sagen, dass etwas „sofort“ zu geschehen hat, müssten Sie das mit „silmänräpäyksessä“ ausdrücken. Und sollten Sie je in die Situation kommen, nach einem „Feuerlöschschlauch“ fragen zu müssen, käme mit „Pikapaloposti“ eines der wohl schönsten Worte der Welt zum Einsatz. Ebenso traumhaft klingt der Komparativ von warm – „lämpimämpi“. Wer braucht da noch Französisch? Aber die Welt ist nun einmal so, wie sie ist. Und Finnisch ist keine Weltsprache. Valitettavasti . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.05.2009)

Im Bademantel in die Arbeit

Manche Dinge sind nicht dafür gemacht, außerhalb der eigenen vier Wände eingesetzt zu werden. Aber wie fühlt es sich an, wenn man im Bademantel in die Arbeit fährt?

(c) Michaela Bruckberger (Die Presse)

Einige Dinge sind einfach nicht dazu gedacht, außerhalb der eigenen vier Wände zum Einsatz zu kommen. Trainingsanzüge, zum Beispiel, eignen sich nur be dingt für den Sonntagsspaziergang – es sei denn, man ist Sportler und das Spazieren erfolgt im Laufschritt. In den meisten Fällen wird der Jogginganzug jedoch mitnichten zum Joggen übergestreift, sondern zum Ausführen des Hundes oder zum Einsammeln der Sonntagszeitungen missbraucht.

Bei einem anderen Kleidungsstück ist diese natürliche Schamgrenze offenbar noch nicht gefallen. Oder kennen Sie jemanden, der das Haus im Bademantel verlässt? Und, nein, das Öffnen der Haustüre, um die abonnierte Sonntagszeitung von der Matte zu holen, zählt natürlich nicht.

Zeit also, den Grenzgang zu wagen – und mit dem Bademantel in die Arbeit zu fahren. Ein Unterfangen, das mit einem kleinen Kribbeln beginnt, nachdem die Wohnungstür ins Schloss gefallen ist – verbunden mit der Hoffnung, dass nicht gerade ein anderer Hausbewohner auch den Aufzug nach unten nimmt. „Ein Experiment . . . für die Arbeit“, würde man dann stammeln. Nein, bei allem Forschungsdrang – zumindest im eigenen Haus will man sich nicht unbedingt zum Trottel machen.

Schamgefühl verfliegt. Einmal auf der Straße, weicht das Schamgefühl der Neugierde. Die entgegenkommenden Passanten beobachten, Blickkontakt suchen, auf eine Reaktion warten. Allein, die Leute benehmen sich nicht sonderlich auffällig. Die einen schauen vorbei, ein paar verschämt zu Boden. Wahrscheinlich wäre es zu viel verlangt, auf den Frotteemantel angesprochen zu werden, doch wenigstens ein verdutzt-freundliches Lächeln oder ein verschämtes Grinsen wäre schon schön. Hallo, hier geht jemand mit dem Bademantel durch die Neustiftgasse! Findet da niemand etwas dabei?

Bleibt die Hoffnung auf die U-Bahn. Und endlich, am Bahnsteig tuschelt ein Pärchen hinter vorgehaltenen Händen. Juhu! Endlich bemerkt mich jemand. Als die U-Bahn einfährt und sich die Türen öffnen, strömen die Fahrgäste aber wieder mit Tunnelblick aus dem Waggon und registrieren mich nicht. Na gut, Sitzplatz suchen und das Gegenüber beobachten. Die ältere Dame ist sichtlich bemüht, möglichst nirgendwo hinzuschauen. Im Grunde nicht anders als sonst – Blickkontakt in öffentlichen Verkehrsmitteln ist in Wien ja ohnehin tabu.

Resümee: Als Bademantelträger erregt man in Wien kein sonderliches Aufsehen. Vielleicht, weil die Wiener lieber wegschauen und hinterher heimlich flüstern? Vielleicht, weil man sich an derartige Erscheinungen schon gewöhnt hat? Vermutlich, weil hier ein derart offenes Klima herrscht – und Menschen, die man früher als Dorftrottel bezeichnet hätte, heute nur mehr als Exzentriker gelten.

(c) Michaela Bruckberger (Die Presse)

Der Bademantel an sich wurde nicht dafür gemacht, um damit in die Arbeit zu fahren. Dennoch bleibt das öffentliche Aufsehen verhältnismäßig gering.

(c) Michaela Bruckberger (Die Presse)

Die U-Bahn-Fahrt verläuft nicht anders als sonst, kein einziger Fahrgast spricht mich an, es wird nicht gelächelt - und Blickkontakt ist sowieso tabu.

(c) Michaela Bruckberger (Die Presse)

Allzu oft kommt es nicht vor, dass Redakteure im Schlafrock das Gebäude der "Presse" betreten. Aber den Versuch war es wert.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.05.2009)

Nein zum Zwickeltag

Wie nennt man den Tag zwischen einem Feiertag und einem Wochenende? Fenstertag, ganz klar. Und in ganz Österreich ist man sich darüber einig. Ganz Österreich? Nein, ein unbeugsames Bundesland leistet bis heute erbitterten Widerstand gegen diesen Begriff. Und nicht nur das, still und heimlich unterwandert die oberösterreichische Sprachmafia die heimische Begriffslandschaft mit einer eigenen Wortkreation – dem Zwickeltag. Begonnen hat alles mit einem Welser Möbelhaus – das mit dieser Familie in der Werbung, Sie wissen schon – und einem unseligen Werbespot, in dem mit Rabatten an Zwickeltagen geworben wurde.

Damit war der Damm gebrochen und dem Zwickel Tür und Tor für die schleichende Unterwanderung der restösterreichischen Umgangssprache geöffnet. Plötzlich war in der medialen Debatte über Lehrerarbeitszeiten von Zwickeltagen die Rede, konnten sich sogar stolze Niederösterreicher auf einmal nicht mehr an den Fenstertag erinnern. Und das alles für den Zwickel. Für alle, die nicht wissen, was das überhaupt sein soll: Dabei handelt es sich um ein Stück Stoff, das in ein Kleidungsstück eingesetzt wird, etwa im Schrittbereich von Strumpfhosen. Oder allgemeiner, wie mir eine oberösterreichische Freundin erklärte, „einfach alles, das zwischen etwas steckt“.

Was erwartet uns als Nächstes? Welche Begrifflichkeit wird das unbeugsame Bundesland als nächstes Exportgut in den restösterreichischen Diskurs bringen? Womöglich die Zeitangaben? Das könnte dann wirklich hart werden, wenn 16.15 Uhr statt „Viertel fünf“ plötzlich „Viertel über vier“ heißen würde. Ein Aufeinanderprallen zweier Sprachwelten, in der die Uhren plötzlich anders gingen. Und das, liebe Oberösterreicher, das geht ja überhaupst nicht!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.05.2009)

Ja ja, so ist das… und sonst?

Die Stille genießt üblicherweise keinen allzu guten Ruf. Zumindest dann, wenn sie mitten in einem Gespräch plötzlich im Raum steht und ihren Platz einfordert. Denn an ihrer Seite betritt meist auch ein peinliches Gefühl der Beklemmung die Szenerie. Dummerweise ist die Welt nun einmal kein Film von Aki Kaurismäki, in dem das mit leerem Blick garnierte kollektive Schweigen zum guten Ton gehört. Im Gegenteil, bei uns entsteht in solch einer Situation der unbändige Wunsch, die Ruhe sofort zu bekämpfen. Doch leider haben die meisten bei der Ausgabe der rhetorischen Keulen zum Kampf gegen die Stille nur bedingt taugliches Material ausgefasst. Und so wie das österreichische Bundesheer im Ernstfall keine Geheimwaffen hervorzaubern kann, wird auch beim kommunikativen SUPERGAU mit kleinen Brötchen gebacken.

Ein seufzendes „Na ja“ gehört zu den am häufigsten gehörten Stilmitteln im Kampf gegen die Stille. Auch oft im Einsatz ist ein gehauchtes „Au weh“, das gerne mit einer Veränderung der Körperhaltung einhergeht. Nachteil dieser Taktik: Eine Starthilfe für ein ins Stocken geratenes Gespräch ist das nicht gerade. Da wird dann gerne ein hoffnungsvolles „Und sonst?“ ins Spiel gebracht, das dem Gesprächspartner den Ball zuschiebt. Säuft die Kommunikation dennoch ab, wird aus dem rhetorischen Katastrophenportfolio schließlich die ultimative Waffe abgerufen: „Ja, so ist das“ – quasi das Eingeständnis, dass der tote Punkt nicht weiter mit Wiederbelebung gequält werden sollte. Bleibt nur noch die Aufgabe, möglichst würdevoll zur Verabschiedung zu schreiten. Das geht am besten mit einem simplen „Na gut“. Dann dreht man ab und lässt sowohl Gesprächspartner als auch peinliche Stille einfach zurück. Ja, ja, so ist das.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.05.2009)

Angst im Kino

Kann man Angst im Kino dadurch besiegen, indem man jemand noch Ängstlicheren an seine Seite setzt? Definitiv.

Horrorfilme sind wie Chilischoten. Sie tun ein bisschen weh, man fragt sich, warum man sich das antut – um dann am Ende im Nachlassen des Schmerzes einen Lustgewinn zu erfahren. Nun wissen erfahrene Scharfesser, dass der durch Capsaicin hervorgerufene Schmerz durch Milch wieder von der Zunge vertrieben werden kann. Doch wie mildert man die kurzen Momente des Schreckens im Kino, wenn einer der typischen amerikanischen Schocker – junge Frau, böse Träume, Dämon springt aus dem Spiegel, kreisch – ansteht?

Die Erfahrung lehrt, dass Knabbergebäck das Zusammenzucken nicht verhindert, lediglich die Möglichkeit einer Ausweichhandlung bietet – im schlimmsten Fall zuckt das Popcorn mit und landet am Boden. Auch Getränke helfen nur wenig, noch dazu birgt der Biss in den Plastikbecher die Gefahr eines Wasserschadens.

Bleibt die Option, einen möglichst ängstlichen Menschen zu einem Kinobesuch einzuladen – und ihm vorsorglich möglichst wenig über den Film zu erzählen. Versuchsobjekt: eine an sich sehr quirlige, beim Thema Horror jedoch äußerst schreckhafte Freundin. Die dann auch schon beim Vorspann immer tiefer in den Sitz versinkt, nach wenigen Minuten die Jacke über den Kopf zieht und nur mit einem halb geschlossenen Auge durch den verbleibenden Spalt lugt – ständig „Ich hasse dich“ murmelnd. Wie Milch auf einer mit Chili belegten Zunge wirkt sie jetzt für mich. Kein Zusammenzucken, nur mehr Lachen beim Anblick des kleinen kauernden Hobbits auf dem Nebensitz.

Versuch gelungen, kein einziges Mal erschrocken, den ganzen Film über nur grinsend neben einem Häufchen Elend gesessen. Bin gespannt, ob sie noch einmal mit mir ins Kino geht.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.05.2009)