Erkennt Shazam ein Lied durch die Wand, ist es laut

Shazam ist eine App für Smartphones, die es ermöglicht, gerade laufende Musiktitel mittels einer Datenbankabfrage zu erkennen. Damit kann man sich heute den demütigenden Gang ins Plattengeschäft (gibt es so etwas eigentlich noch?) sparen, wie er in der Prä-Handy-Ära noch notwendig war. Dort, die Jüngeren kennen es nicht mehr, summte man einem skeptisch schauenden Mitarbeiter eine Melodie vor – vielleicht noch angereichert mit Versatzstücken eines Textes, so wie man glaubte, ihn verstanden zu haben. Mit ein bisschen Glück hatte man danach die gewünschte LP oder CD in der Hand. Mit etwas Pech hatte zumindest der Verkäufer seinen Spaß.

Dieses Shazam also startete ich, als in der Nachbarwohnung gerade ein Lied zu hören war. Gut, die Wände sind nun einmal dünn, und solange das Blockflötenkind Ruhe gibt, ist es ja nicht so schlimm. Man gewöhnt sich an alles. Shazam jedenfalls erkannte das Lied. „The Pretender“ von den Foo Fighters dröhnte durch die Wand. Ein Indiz dafür, dass es ziemlich laut gewesen sein muss – oder die Wand noch dünner als gedacht. Nun, liebe Nachbarn, nichts gegen die Foo Fighters – in der Regel spielt ihr viel schlechtere Musik. Aber Gitarrenrock um halb zwei Uhr nachts?

Keine Panik! Falls Ihr, wer immer Ihr seid (die Nachbarwohnung gehört zur anderen Stiege), diese Zeilen lest – entspannt Euch. Ich werde auch in Zukunft nicht mit Schlapfen und Schlafrock an Eure Tür klopfen und fragen, ob Ihr wisst, wie spät es ist. Das ist nämlich eine dumme rhetorische Frage. Und abgesehen davon gibt es ja auch noch die Nachbarn im Lichthof, die wirklich nerven: Sie spielen ständig „Where Is My Mind?“ von den Pixies auf der Akustikgitarre. Inklusive des hohen Jaulens am Anfang. Nein, dafür habe ich Shazam nicht gebraucht. Genau dieses Gejaule habe ich seinerzeit schon einmal im Plattengeschäft vorgetragen. Der Verkäufer hatte seinen Spaß…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.04.2013)

Advertisements

Die Kaltwassertoilette am Ende des schwarzen Lochs

Nein, warm ist es – das Wasser – noch immer nicht. Aber wenn es draußen keine Minusgrade hat, tauen die steif gefrorenen Finger nachher ohnehin gleich wieder auf. Und wenigstens rinnt das kalte Wasser so lange, bis die Hände wirklich gewaschen sind. Ist zumindest würdevoller als das Ertasten der Lichtschranke, die den Wasserfluss freigibt, wie es in manch anderem Lokal üblich ist. Wie viel kann ein Wirt eigentlich einsparen, indem er seine Kunden auf der Toilette derart demütigt? Und wer stellt eigentlich die Bewegungsmelder im Handtrockner ein? Kaum ist die feuchte Hand mehr als einen Zentimeter entfernt, macht der lauwarme Luftstrom wieder Siesta.

Wirkliche Sadisten sind aber jene Gastronomen, die in ihren Sparbemühungen selbst in den Toilettenkabinen nicht vor Bewegungsmeldern zurückschrecken. Gibt es eigentlich einen Begriff für die Verrenkungen von Armen und Oberkörper im Sitzen, um in den Bereich des Infrarotfeldes zu gelangen, damit es wieder hell wird? Toiletaerobic? Stimmt schon, es geht auch im Dunkeln. Aber… nein, lassen wir die Details.

Physiker streiten übrigens gerade darüber, ob ein Astronaut in einem schwarzen Loch eher von der Gravitation zerrissen oder verbrennen würde. Denn laut einer neuen Theorie werden schwarze Löcher von einem heißen Partikelstrom umsäumt. Heiß bedeutet in diesem Fall zehn hoch 32 Kelvin, also rund zehn Billionen Billionen Mal mehr als die Temperatur im Kern der Sonne. Der Begriff „Point of no Return“ wirkt da durchaus plausibel. Und niemandem wäre in einer solchen Situation zu verdenken, einen gewissen Zug zur Toilette zu verspüren. In diesem Fall würde man es wohl auch akzeptieren, wenn auf der anderen Seite kein Warmwasser aus dem Wasserhahn käme.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.04.2013)

The Tell-Tale Hosenbein

Fürwahr! – reizbar – sehr, gar fürchterlich reizbar waren meine Nerven gewesen und sind es noch. So, wie es Edgar Allen Poe in „The Tell-Tale Heart“ beschrieben hat, wenn er von dem Mann erzählt mit seinem blassblauen Auge mit einem Häutchen darüber – „sooft sein Blick auf mich fiel, stockte mir das Blut in den Adern“. Genau dieses Gefühl stellt sich auch jedes Mal ein, wenn ein Fahrradfahrer nach dem Absteigen darauf verzichtet, sein hochgekrempeltes Hosenbein, das mit einer Wäscheklammer fixiert ist, wieder in die dafür vorgesehene Ruhestellung zu bringen. Ist es nur Vergesslichkeit, die das Hosenbein in dieser Stellung verharren lässt? Ist es Koketterie, um all den in Büros, Hörsälen oder Kaffeehäusern sitzenden Fußgängern und Autofahrern die lange Nase der Coolness des Großstadtradlers zu zeigen? Oder ist es gar ein heimliches Erkennungszeichen eines Geheimbunds, der die Stadt nach und nach in ein riesiges Radstadion zu verwandeln trachtet?

Was immer es ist, es ruft jedes Mal ein Gefühl der Beklemmung hervor. So wie der Blick auf jemanden, der sich ständig an derselben Stelle auf dem Kopf kratzt. Wie das Gegenüber in der U-Bahn, in dessen Nase sich hartnäckig ein Stück eingetrockneten Nasensekrets festgesetzt hat – und das zu pulsieren scheint wie das verräterische Herz des Mannes mit dem Häutchen über dem Auge, den Poes Protagonist gemeuchelt und unter ein paar Holzdielen versteckt hat. Ich schäume, ich tobe, ich fluche! Man sieht hin, erstarrt innerlich, wagt nichts zu sagen. Allmächtiger Gott! Nein, nein! Und man hofft darauf, der Mensch möge das eklige Stück endlich mit einem Handstreich aus seinem Pfrnak entfernen. Und genau so wünscht man, der Radfahrer möge endlich die Kluppe abnehmen und sein rechtes Hosenbein abrollen. Ehe man nämlich irgendwann selbst losstürmt, den sportlichen Großstadtdurchquerer packt und ihm die Hose nach unten zieht. Ihr Schurken! Ich gestehe die Tat! Hier, hier, das grässliche Hosenbein, es nervt!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 15.04.2013)

Störe ich gerade ungelegen?

Eigentlich gehe ich ja einem anständigen Beruf nach, nur leider habe ich ihn noch nicht eingeholt. Was mich im beruflichen Wettrennen mit mir selbst immer wieder in die unangenehme Situation bringt, andere Menschen konsultieren zu müssen – Recherche ist so eine journalistische Berufskrankheit, Sie verstehen. Und hat man gerade die Nummer eines Informanten gewählt, gebietet es die Höflichkeit, nicht einfach draufloszusprechen, sondern erst zu erkunden, ob der Gesprächspartner überhaupt die Zeit (oder die Bereitschaft) hat, seine Expertise zu teilen. Es braucht also eine Einstiegsfloskel, um den guten Willen vorzutäuschen, dass nicht nur das eigene Zeitmanagement – nahender Redaktionsschluss, zum Beispiel – im Mittelpunkt des Denkens steht. „Guten Tag, störe ich gerade ungelegen?“ Sätze wie dieser sorgen mit ihrer bestimmenden Unbedarftheit meist auf Anhieb dafür, dass sich die Person am anderen Ende der Telefonleitung Zeit nimmt. Wobei Telefonleitung in Zeiten des Mobilfunks eigentlich der falsche Begriff ist – genauso gut könnte man im Elektrogeschäft nach einem WLAN-Kabel fragen. Aber das nur nebenbei.

Findige Gesprächspartner, die in Wirklichkeit keine Information preisgeben wollen, haben aber mittlerweile einen Gegenspruch entwickelt, mit dem der Journalist abgefüttert wird. „Das wird man sich genau anschauen müssen“ ist eine dieser Nullphrasen, ebenso wie „Wir werden das in den Gremien beraten“ – gelegentlich garniert mit „und zu einem guten Ergebnis kommen“. Was übersetzt so viel bedeutet wie: „Ihr Anruf ist umsonst, da werden Sie wohl keinen Artikel machen können.“ Aber diese Abfuhr wird zumindest in höflich verbindlichem Ton vorgetragen. Man will die Medienmenschen ja nicht vergrämen. „Entschuldigung, ich hätte gern noch eine Frage“, stammelt man dann. Doch da wurde man bereits aufwiedergesehen und mit dem nahenden Redaktionsschluss allein gelassen. Na gut, wenigstens hat man wieder Zeit, einem anständigen Beruf nachzugehen. Also los, gehen wir!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.04.2013)