Auf den Finger spucken und damit das Gesicht abwischen

Mögen Sie es auch so gern, wenn Dinge passieren, die Sie eigentlich gar nicht so gern mögen?

Mögen Sie es auch so gern, wenn jemand mit Ihnen am Tisch sitzt, irgendwann den Zeigefinger hebt und wortlos auf den Salzstreuer zeigt? Das „Darf ich bitte das Salz haben?“ in seiner unsympathischsten Ausprägung. Mögen Sie es auch so gern, wenn jemand „Darf ich kosten?“ fragt – und im gleichen Moment schon mit der Gabel auf Ihrem Teller herumfuhrwerkt? Mögen Sie es umgekehrt auch so gern, wenn Ihnen jemand anbietet, etwas von seinem Essen zu probieren – das aber nicht nur verbal macht, sondern indem er Ihnen die Gabel direkt vor das Gesicht hält? Mögen Sie es auch so gern, wenn jemand mit den Worten „Darf ich eh das letzte haben?“ das einzige verbliebene Kuchenstück vom Teller nimmt? Mögen Sie es auch so gern, wenn jemand beim Essen aus seinem Hemdsärmel ein Taschentuch nimmt, sich schnäuzt und es dann wieder zurück in den Ärmel steckt? (Abgesehen davon, mögen Sie es auch so gern, dass Sie in der Schule noch schneuzen gelernt haben, es seit 1996 aber nicht mehr so schreiben dürfen?) Mögen Sie es auch so gern, wenn der Sitznachbar die Nudelsuppe zu einem guten Teil in seinem Vollbart ablegt? Mögen Sie es auch so gern, wenn er beim Schlürfen der Nudeln auch noch Suppe auf Ihren Platz spritzen lässt? Mögen Sie es auch so gern, wenn jemand mit der Gabel auf dem leeren Teller herumkratzt? Mögen Sie es auch so gern, wenn Ihr Gegenüber sich den Finger ableckt – oder gar auf ihn spuckt –, um Ihnen damit einen Fleck aus dem Gesicht zu wischen? Mögen Sie es auch so gern, wenn diese Person dann „Jetzt sei nicht so empfindlich“ sagt, wenn man ihr mitteilt, dass man auf fremden Sabber im Gesicht gar nicht so steht?

Und noch etwas: Mögen Sie es auch so gern, wenn jemand pseudorhetorische Fragen stellt, die mit „Mögen Sie es auch so gern“ beginnen?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.08.2016)

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Das unbefriedigendste Geräusch der Welt

Die Ketchupflasche, der Strohhalm und der Schuh, der wie ein kaputter Reifen umherschlapft.

Es sind die großen Probleme in der Welt, die einen irgendwann resigniert mit den Schultern den Hampelmann machen lassen. Aber es ist immer ausreichend Zorn vorhanden, um sich über kleine Dinge aufzuregen. Über die Zahnpastatube, die zwei Drittel ihres Inhalts dann preisgibt, wenn man über Wochen nur in mühseliger Kleinstarbeit noch die letzten Reste herausdrücken will. Über die Rechnung beim Bäcker, die 2,54 Euro ausmacht – und man genau 2,53 Euro in der Tasche hat, deswegen mit einem Zehner bezahlen muss und das Wechselgeld in Cent gestückelt bekommt („Ich hab’s leider nur in Münzen . . .“). Oder über Geräusche. Den tropfenden Wasserhahn, das Scheren mit der Gabel über einen Porzellanteller oder die Rückkopplung des zu laut aufgedrehten Mikrofons beim Feuerwehrfest.

Es soll Menschen geben, die das Geräusch von Flipflops mögen, wenn sie beim Gehen monoton auf die Fußsohle klatschen. In den Ohren anderer ist es ein widerliches Schlapf, als würde ein platter Reifen bei jeder Umdrehung auf den Asphalt aufklatschen. Getoppt wird das vom Geräusch, das eine Ketchupflasche macht, sobald man sie zwei Mal verwendet hat. Ab dann nämlich kommt zu zwei Dritteln vor allem Luft aus der Flasche. Überholt die zähflüssig herabfließende Paradeisflüssigkeit und drückt dabei auf die Lufthupe. Luft ist auch die Hauptdarstellerin beim unbefriedigendsten Geräusch der Welt: Nehmen wir die Versuchsanordnung volles Glas mit Limonade, Strohhalm und einen Menschen, der die Flüssigkeit heraussaugt. Am Ende saugt man am letzten rettenden Strohhalm, um noch etwas Flüssigkeit nach oben zu ziehen, doch es ist nur noch Luft übrig. Und ein Geräusch à la „Brftftftft“. In diesem Moment bleibt dann nur mehr die Resignation. Lass es gut sein, es ist vorbei. Insofern ist das also doch eines der wirklich großen Probleme der Welt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.08.2016)

Endlich ein guter Anlass für Panikmache

Wenn es einen guten Anlass gibt, werden dann Boulevardblätter per Hubschrauber abgeworfen?

„Die österreichischen Sicherheitsbehörden sehen aktuell keinen Anlass für Panikmache“, ließ das Innenministerium vergangene Woche verlauten. Das ist einerseits beruhigend, weil es das wohlige Zurücklehnen in der Hollywoodschaukel (gibt es die heute überhaupt noch?) erlaubt. Andererseits aber auch extrem beunruhigend, denn wenn es aktuell keinen Anlass gibt, bedeutet das im Umkehrschluss, dass es ja wohl irgendwann einen Anlass für Panikmache geben muss. Wann mag wohl der Zeitpunkt sein, zu dem aus dem Ministerium die Anweisung kommt, sofort Panikmache einzuleiten? Werden dann Sirenen darauf hinweisen? Oder Boulevardblätter mit reißerischen Schlagzeilen per Hubschrauber über dem Land abgeworfen? Wir werden alle sterben! Pack die Badehose ein, die Sintflut ist da!

Wenn wir schon bei den Floskeln in der Berichterstattung rund um den Sicherheitsapparat sind – die Redewendung, dass die Ermittlungen „auf Hochtouren“ laufen, ist nur eine Chiffre dafür, dass es in einem Fall gerade nichts Neues zu berichten gibt. Und wenn das Phrasenschwein besonders laut quiekt, dann haben wohl irgendwo gerade wieder die „Handschellen geklickt“. Jemanden einfach festzunehmen reicht offenbar nicht. Wobei, verwendet die Polizei in solchen Fällen nicht mittlerweile Kabelbinder statt Handschellen? Wie das dann wohl klingen würde? „Und dann rastete der Kabelbinder ein.“ Fairerweise muss man anmerken, dass manche Phrase vor allem aus amerikanischen Filmen kommt – „Bitte treten Sie zurück, es gibt nichts zu sehen“, zum Beispiel. Aber auch „Sie haben das Recht zu schweigen“ oder „Alles, was Sie ab jetzt sagen, kann gegen Sie verwendet werden“. In diesem Sinne, nur keine Panik. Und sollten noch Fragen offen sein, dann einfach das Schweigen hinnehmen. Denn ein Teil dieser Antworten würde die Bevölkerung verunsichern.

(Print-Ausgabe, 08.08.2016)

Die Kunst, Nein zu sagen

Aus Angst davor, andere zu enttäuschen, sagt man allzu oft Ja, ohne dass man es will. Die Autorin Sarah Knight rät dazu, in solchen Situationen einfach „Scheiß darauf“ zu sagen.

„Sorry seems to be the hardest word“, sang Elton John. Mag sein, doch es ist nur die halbe Wahrheit. Kommt doch die Entschuldigung in der Regel erst, nachdem etwas passiert ist. Es gibt schon vorher ein Wort, das vielen Menschen unglaublich schwerfällt. Um bei Elton John zu bleiben und ohne Rücksicht auf das Versmaß, wäre dann „Nein“ das Wort, mit dem wir uns so unglaublich schwertun. Nicht damit, einer Aussage zu widersprechen, das geht recht gut. Auch nicht, jemanden im Sinn von „lass das“ zum Beenden einer Handlung aufzufordern. Und erst recht nicht damit, seine emotionale Befindlichkeit auszudrücken („Nein, das kann nicht wahr sein!“). Sondern damit, einer Bitte oder Aufforderung zu widersprechen.

Das Nein in einer solchen Situation trägt auch immer ein potenzielles Enttäuschen des Gegenübers in sich. Den Beigeschmack des Widerwillens, der Faulheit. Empfindungen, die negativ aufgefasst werden können. Gerade bei scheinbaren Kleinigkeiten fällt es besonders schwer, Nein zu sagen. Was ist denn schon so schwer daran, das kann doch maximal zehn Minuten dauern, worum man da gebeten wurde? Ja, eh. Nur summieren sich die vielen Zehn-Minuten-Jas schnell auf ein paar Stunden. Es bleibt am Ende das Gefühl, dass man vielleicht doch ein paar Mal Nein hätte sagen sollen.

Sarah Knight bietet dafür eine simple Lösung an: darauf scheißen. Es ist eine freie deutsche Übersetzung des Slogans, den die amerikanische Autorin zum Motto ihres Antiratgebers gemacht hat: „Fuck it“. Vielleicht nicht ganz konsequent, weil der Titel der deutschsprachigen Version mit „Not Sorry“ dann doch ein wenig sanfter ausfällt – vermutlich hat ein deutschsprachiger Lektor ja einfach Nein gesagt. Abseits des Covers ist im Buch allerdings recht häufig zu lesen, worauf man alles scheißen sollte. Etwa auf alles, was nur Frust bringt. Nur dann, wenn etwas Lust bringt, so ihre These, sollte man Ja sagen.

Es sind Handlungsanleitungen, wie sie in einem klassischen Ratgeberbuch eben zu finden sind. Mit direkter Anrede, vielen Imperativen und gelegentlichen Versalienorgien. Inhaltlich dreht es sich darum, sich darauf zu besinnen, was man tun will. Nicht mehr nur Dinge zu tun, die man tun muss. Und dabei mehr auf sich selbst zu achten, und nicht auf die anderen. So wie man auch im Flugzeug zuerst die eigene Sauerstoffmaske anlegen soll, bevor man anderen hilft, wie sie es in einem Vergleich beschreibt. Dazu gehört eben auch, nicht zu allem Ja zu sagen.

Ja zu den falschen Dingen

Von einem Ja-Budget spricht Knight. Dass man nur eine begrenzte Anzahl an Jas zur Verfügung hat – sagt man zu den falschen Dingen Ja, ist der Vorrat schnell aufgebraucht. So weit, so einleuchtend. Nur braucht es dann eben eine Priorisierung, zu welchen Dingen man überhaupt Ja sagen will – und zu welchen nicht. Die Gefahr, damit womöglich andere Menschen zu enttäuschen – und das ist ja oft die Triebfeder des Jasagens –, ist damit ja noch immer da. Auch hier greift die Autorin zu ihrer (zumindest im Deutschen) anal-exkrementellen Lebensweisheit. Scham und Schuldgefühle, was die Menschen über einen denken, hätten ja nichts damit zu tun, dass es falsch ist, was man tut.

Immerhin schränkt sie aber auch ein, dass es nicht sinnvoll ist, ihr Konzept eins zu eins in eine Reaktion auf eine Frage oder Bitte umzusetzen. Ehrlichkeit und Höflichkeit seien hier besonders wichtig. Indem man etwa keine Ausreden sucht, warum man nicht zum Karaokeabend mit den Firmenkollegen gehen möchte. Sondern einfach feststellt, dass man nicht viel mit Singabenden anfangen kann. Was die Höflichkeit angeht: Man sollte die Verachtung für eine solche Abendgestaltung in diesem Moment nicht allzu offenkundig machen. „Sei kein Arschloch“ ist auch ein wichtiges Element der „Not Sorry“-Methode. Vergraulen will man damit ja auch niemanden.

Nein zu sagen, meint Knight, kann man üben. Für den Anfang einmal zu Dingen, die man nicht braucht, oder für die man sich nicht interessiert. Die kann man schließlich nicht enttäuschen. Als nächsten Schritt schlägt die Autorin die Arbeit vor – etwa, indem man Meetings, die nichts bringen, einfach auslässt. Ist ein Fernbleiben nicht möglich, rät sie dazu, sich zumindest keine Notizen zu machen. „Haben Sie jemals die Notizen, die Sie sich während eines Meetings gemacht haben, hinterher noch einmal angeschaut?“

Ähnliche Tipps verteilt sie schließlich auch noch in den Bereichen Freunde, Bekannte, Fremde und am Ende in der eigenen Familie. Da sei es am schwierigsten, weil man sich gegenüber Verwandten doch auch pflichtschuldig fühlt. Mancher Familienfeier, meint man, kann man einfach nicht entkommen. Aber auch hier rät Knight dazu, das Pflichtgefühl nicht zu wichtig zu nehmen, nur, weil diese Menschen dieselbe DNA haben.

Natürlich, die Gefahr ist da, dass man mit dieser Attitüde gelegentlich als zickig, vielleicht gar als soziopathisch gesehen wird. Ob ein Team, etwa im Beruf, dann auch funktioniert, wenn alle darauf scheißen, darauf liefert Knight keine Antwort. Vermutlich klappt das nur, solang es genügend andere gibt, die dann auch die unangenehmen Aufgaben übernehmen, zu denen die Nein-Sager keine Lust haben. Jene, die es nicht schaffen, Nein zu sagen. Wäre spannend, wie lang ein System hält, wenn sie dann auch alle „Scheiß darauf“ sagen.

 

Buchtipp

„Not Sorry. Vergeuden Sie Ihr Leben nicht mit Leuten und Dingen, auf die Sie keine Lust haben.“
Sarah Knight, Ullstein Extra, 15,50 Euro.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.08.2016)

Leute, die sagen, dass sie sprachlos sind

Wer sagt, dass er nichts zu sagen hat, bedient das Paradoxon vom schweigenden Sprechen.

Zu den Dingen, die einen so richtig sprachlos machen, gehören auch Leute, die sagen, dass sie sprachlos sind. Schweigend ins Gespräch vertieft, quasi. Wäre es nicht authentischer, in einem solchen Moment tatsächlich nichts zu sagen? Mit offenem Mund dazustehen, die Situation auf sich wirken zu lassen? Und nicht einfach aus dem Glauben heraus, etwas sagen zu müssen, nur zu sagen, dass man nichts zu sagen hat? Und selbst, wenn man glaubt, etwas zu sagen zu haben, heißt das nicht, dass es etwas Sinnvolles sein muss. „Dann siehst du einmal, wie es ist, wenn . . .“ ist eine dieser Phrasen. Es ist nicht viel mehr, als jemandem eine schlechte Erfahrung zu wünschen oder sich an einer bereits erlebten zu weiden. Es ist die erwachsene Version des kindlichen „Nichts getroffen, Schnaps gesoffen, eh oh eh!“. Aus dem Alter sollten wir eigentlich schon draußen sein, oder?

Gerhard Bronners „Ich weiß zwar nicht, wo ich hinwill, aber dafür bin ich schneller dort“ (ja, das ist nicht das Original im Wienerischen, sondern eine Abwandlung auf Hochdeutsch, aber man soll das ja auch jenseits des österreichischen Tellerrands verstehen) scheint heutzutage auch das Sprachliche erreicht zu haben. Apropos „heutzutage scheint“ – das heißt nicht, dass früher alles besser war. Das ist nämlich genauso unsinnig. Ja, damals im Mutterleib war es noch schön warm und behaglich. Aber wollen wir wirklich dorthin zurück? Immerhin, einen Vorteil hätte das: Der Druck wäre weg, zu jedem Thema etwas sagen zu müssen. Ob man nun eine Ahnung davon hat oder nicht. Hauptsache meinungsstark, irgendetwas wird schon stimmen daran. Und wenn nicht, macht es eigentlich auch nichts. Hört eh keiner so genau zu, weil jeder damit beschäftigt ist, selbst etwas zu sagen. Und sei es nur, dass man eigentlich gerade gar nichts zu sagen hat. Gibt es eigentlich auch das Wort schreiblos?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 01.08.2016)