Murphys Gesetz

Was schiefgehen kann, geht auch schief. Doch gilt Murphys Gesetz für unseren Alltag tatsächlich? Selbstverständlich, solange man nur fest genug daran glaubt. Sonst nicht.

Es kann nicht jeder so privilegiert sein wie jene Freundin, die sechs Monate lang in Armenien gearbeitet hat: „PO Box 1, Jerewan“ als Postadresse legt schon nahe, dass das Anstellen am Postamt nicht allzu lange dauert. In Wien muss man dagegen mit einigen Schlangen rechnen, um zum Schalterbeamten zu gelangen. Und genau hier setzt Murphys Gesetz an – die eigene Schlange ist immer die langsamste. Sie muss nicht die längste sein, aber unter Garantie braucht der Kunde vor mir dreimal so lang wie alle anderen zusammen. Bei der Abendkassa im Kino, beim Anstellen in der Kantine und im Supermarkt – das Bild ist überall gleich.

Ein Selbstversuch beim Nahversorger bringt allerdings die erschreckende Erkenntnis: Murphys Gesetz gilt doch nicht. Zumindest nicht, wenn man es gerade nicht eilig hat. Schnell und flüssig geht es an der Nachbarschlange vorbei. Oder der gute Murphy ist einfach ein scheues Reh, das sich versteckt, sobald es merkt, dass es beobachtet wird. Ist schon recht. Also fahren wir schwerere Geschütze auf. Denn dass beim Warten auf die U-Bahn immer zuerst die kommt, die man gerade nicht braucht, wird ja wohl funktionieren. Doch natürlich: Es ist der Zug Richtung Ottakring, der als Erster auftaucht. Bis vor ein paar Wochen hätte Murphy ja noch recht gehabt, doch nach meinem Umzug ist das die richtige Richtung. Ob die Wiener Linien einen Deal mit Murphy abgeschlossen haben?

(c) Clemens Fabry (Die Presse)

Interessant: Die Seite mit der Wurst ist oben...

Also gut, versuchen wir es eben auf die harte Tour und machen den ultimativen Murphy-Test: Fällt ein Brot tatsächlich immer mit der Butterseite nach unten auf den Boden? Also, Brot gestrichen und rauf mit der Scheibe auf die Tischkante. Tatsächlich, der erste Wurf endet mit einer Butterspur auf dem Teppich. Auch beim zweiten Wurf schlägt das Gebäck mit der beschmierten Seite auf dem Boden auf. Presto! Doch dann setzt die Wahrscheinlichkeitsrechnung ein, und die nächsten Versuche enden mit einem überraschenden Ergebnis: Butter oben. Es folgen ausgedehnte Versuchsreihen – andere Fallhöhe, Handhaltung, Fallenlassen nach Anrempeln. Das Ergebnis: Einmal schafft das Brot eine ganze Umdrehung, einmal klatscht es nach einer halben mit der Butterseite auf. Beim Doppelblindversuch mit Wurstbelag dasselbe Ergebnis: 50:50. Murphy, warum hast du mich verlassen?

Und doch wirkt die Erkenntnis aus den Versuchen nur auf den ersten Blick enttäuschend. Denn im Grunde hat Murphys Gesetz ja doch zugeschlagen: Sobald man zu beweisen versucht, dass es existiert, geht es schief. Also, glauben wir weiter daran, dass alles, was schiefgehen kann, auch schiefgehen wird. Dann wird es schon klappen.


(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.03.2009)

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