Liebe Kellner, bitte seid nicht immer so fürsorglich!

Warum taucht die Frage „Darf’s noch was sein?“ immer kurz vor der Pointe eines Witzes auf?

Waren Sie mit dem Service zufrieden? In der Regel nötigt die Höflichkeit zu einem Ja. Ähnlich, wie man auf die Frage „Wie geht’s?“ grundsätzlich immer „gut“ sagt, auch wenn man gerade emotional am Zerfließen ist. Das Ja im Restaurant hat aber auch einen ganz praktischen Grund – denn ein Nein würde ein Defizit aufzeigen. Der Effekt wäre, dass sich der Kellner beim nächsten Mal noch mehr bemühen würde. Und genau das muss ja wirklich nicht sein. Ein bisschen weniger wäre manchmal schön. Dass etwa die Frage, ob alles in Ordnung ist, immer genau dann kommt, wenn der Mund gerade voll ist. „Mbapf!“ Oder lieber doch einfach nicken? Die spontane Fürsorge ist auch wunderbar dazu geeignet, einen spannenden Moment abzuwürgen. Wenn der Ober kurz vor der Pointe eines Witzes plötzlich dasteht und fragt, ob es noch etwas sein darf. Operation jokus interruptus erledigt, vielen Dank.

Gut, manchmal auch selbst schuld. Wer vor dem Bestellen seine Seele ausbreitet, muss damit rechnen, dass irgendwann jemand kommt. Aber einen Hund, der bereits im Fressnapf hängt, zieht man ja auch nicht just dann zum Spazieren an die Luft. Und während des Elfmeterschießens im EM-Finale beginnt man ja auch nicht mit dem Staubsaugen. Außer natürlich, dahinter verbirgt sich ein gezielter Angriff. Aber Leute, die glauben, dass Kellner durch ihre fürsorgliche Aufmerksamkeit (oder aufmerksame Fürsorglichkeit?) den Gästen die Unterhaltung vermiesen, damit sie schneller mit dem Essen fertig sind und Platz für die nächsten Gäste da ist, erkennen auch in Kondensstreifen von Flugzeugen eine strategisch geplante Wettermanipulation.

Abgesehen davon, bei manchen Dialogen sollte man sich sowieso vorher überlegen, ob ein Restaurant wirklich der geeignete Ort dafür ist. „Schatz, willst du mich heiraten?“ „Darf’s noch was zu trinken sein?“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.04.2016)

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Das Grmpfgl-Dilemma beim Warten auf die Straßenbahn

Wenn man zu Fuß gleich schnell wäre wie mit dem Warten auf öffentliche Verkehrsmittel.

Der lautmalerische Hmpf-Moment ist jener, bei dem die Anzeige verrät, dass die nächste U-Bahn in genau der Hälfte der Zeit bis zur übernächsten kommt. (Vielleicht hat man sogar noch die roten Lichter im Tunnel verschwinden sehen.) Damit lässt sich kombinieren, dass man die vorige Garnitur gerade verpasst hat. Der etwas weniger aggressive, dafür umso bitterere Wrgstf-Moment wiederum ist jener, in dem der nächste Wagen erst in ferner Zeit eintreffen wird, der übernächste jedoch schon kurz danach. Steigt man in diesem Fall, dem meist eine Störung vorangegangen ist, gleich in den nächsten ein, droht ein Hhhh-Moment (lautmalerisch holt man tief Luft, bevor sich die Türen schließen), in dem man zumindest die Gewissheit hat, in der komprimierten Menschenmenge nicht umfallen zu können.

Bitter ist aber auch das Grmpfgl-Dilemma (in Comics würde sich unter dieser Sprechblase ein Kopf mit traurigem bis ratlosem Blick finden). Das tritt dann ein, wenn die Zeit, die man für eine Strecke zu Fuß brauchte, genauso lang wie die Summe aus Wartezeit und reiner Fahrzeit ist. Das bedeutet also, entweder sehr lang herumzustehen und dann die drei oder vier Stationen bis zum Ziel zu fahren oder die gesamte Strecke zu Fuß zu gehen und kurz vor dem Ende vom öffentlichen Verkehrsmittel überholt zu werden. Was an einem schönen Frühlingstag ja auch seinen Reiz haben kann, nur kommt der Grmpfgl-Moment allzu häufig, wenn es regnet oder windet. In der Regel ist die Strecke nur so kurz, dass ein Taxi inklusive Anruf und Wartezeit genauso lang zum Ziel brauchen würde. Vielleicht gibt es in der Mathematik ja sogar einen eigenen Begriff dafür, wenn sämtliche Optionen am Ende zum gleichen Ergebnis führen, so wie es gerade das Navi am Handy anzeigt. Notiz an mich selbst: Bei Gelegenheit nach „Grmpfgl-Koeffizient“ und „Nobelpreis“ googeln.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.04.2016)

Wollen Sie den Coffee to go? Nein, to drink

Viele nervende Phrasen sind eine Berufskrankheit. Flapsige Antworten nerven aber genauso.

Zugegeben, Leute, die ständig „zugegeben“ sagen, überstrapazieren gelegentlich die Nerven ihrer Zuhörer. Übrigens ähnlich wie Leute, die ständig „Leute, die“ als Stilmittel einsetzen, um eine bestimmte Menschengruppe der einen oder anderen Schrulligkeit zu zeihen. In vielen Fällen ist das eine Berufskrankheit. Leute, die „To go?“ fragen, zum Beispiel, machen das ja nicht aus purer Freude, sondern weil sie damit eine Information vom Kunden einholen müssen. Das Gegenstück dazu wäre übrigens der Coffee to stay, was aber gern mit „zum hier Trinken“ eingedeutscht wird. Es ist aber nicht angebracht, dem Barista eine Flapsigkeit entgegenzuschleudern. „Coffee to go?“ „No, to drink!“ Die arme Kaffeezubereitungskraft führt bestimmt schon eine Stricherlliste (die im Duden übrigens unter „Strichliste“ läuft – aber sagt das wirklich jemand so?) mit den häufigsten vermeintlichen Scherzantworten. Ähnlich wie die Spendenkeiler auf der Mariahilfer Straße. „Guten Tag, mögen Sie Tiere?“ „Ja, am liebsten gegrillt!“ Ja, es ist ein gegenseitiges Nerven, an das man sich im Lauf der Jahre schon ein bisschen gewöhnt hat.

An manche Dinge wiederum wird man sich nie so richtig gewöhnen. Etwa an den langen Augenblick, den man braucht, um zu erkennen, ob es ein Fenster oder ein Spiegel ist. Sie kennen das, man schaut in einem alten Lokal mit viel Holz und Nischen verbissen auf eine Glasfläche, sucht darin prüfend nach Details aus dem Raum. Und irgendwann bewegt man sich ungelenk ein wenig hin und her, sodass man sich jetzt eigentlich im Spiegelbild sehen müsste. Und erkennt am Ende dann doch nur einen Gast im Nebenzimmer, der hinter der Glasscheibe genau den Blick aufsetzt, den Leute aufsetzen, die sich gerade beobachtet fühlen. Zugegeben, ein unangenehmer Moment. In diesem Fall also den Kaffee lieber zum Mitnehmen, bitte.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.04.2016)

Leute, die auf Fotos den Daumen nach oben strecken

Wer sich beobachtet fühlt, wirft sich in Pose – und zerstört damit jedes ausdrucksstarke Bild.

Kandierte Äpfel sind ein Etikettenschwindel. Da freut man sich auf etwas Süßes, und nach dem Reinbeißen bekommt man nur Obst. Dass diese Vitaminmimikry nicht so recht in die gerade erst angebrochene Jahreszeit passt, ist korrekt. Aber wenn schon kurz nach dem meteorologischen Frühlingsbeginn der erste Sommertag in die Kalender eingetragen werden darf, sei diese kleine saisonale Blendung verziehen. Zur Erklärung: ein Sommertag ist im meteorologisch-klimatologischen Sprachgebrauch dann, wenn die Tageshöchsttemperatur 25 Grad Celsius erreicht oder überschreitet. Früher hätte es das nicht gegeben, möchte man da empört ausrufen, also zumindest nicht schon so kurz nach dem Ende des Winters. Aber der ist ja auch nicht mehr, was er einmal . . . so, genug lamentiert, Sommermodus an.

Und damit hin zu all den Fotos von lächelnden Menschen, die genau während eines Sprungs abgelichtet werden bzw. während etwa 37 Sprungversuchen, bis das Handy tatsächlich genau in dem Moment auslöst, in dem beide Beine möglichst viel Abstand vom Boden haben, alles sehr kompliziert. Es ist aber auch einfach nicht einfach, jemanden in einer unverfänglichen Pose einzufangen. Kaum freut man sich, dass man einen Menschen in einer gedankenverlorenen oder beschäftigten Haltung vor der Kamera hat, registriert der, dass er gleich fotografiert werden wird – und hebt den Daumen, macht ein Victory oder begibt sich in sonst eine unnatürliche Körperhaltung. So hat man statt eines ausdrucksstarken Bildes, das man dem Lonely Planet verkaufen könnte, einen grinsenden Thumbs-up-Körper auf dem Speicherchip. Vermutlich haben Menschen einen eigenen Sinn dafür, dass sie beobachtet werden. Und einen Instinkt, der sie dazu bringt, sich dann zum Affen zu machen. Ein bisschen wie ein kandierter Apfel. Obwohl, nein, der hat damit eigentlich gar nichts zu tun.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.04.2016)