Die Erdbeere als Killerphrase

Es gibt zahlreiche Möglichkeiten, ein Gespräch abzuwürgen. Erzählt etwa jemand voller Begeisterung über eine Begebenheit, an der man weder beteiligt war noch Interesse dafür aufbringt, lässt sich mit „Ja, da hätte man dabei sein müssen“ sehr schnell ein kommunikativer Nullpunkt erreichen. Diese Variante entbehrt dennoch nicht einer gewissen Eleganz, denn man vermittelt dem Gegenüber, dass man seinen Ausführungen zumindest im Ansatz gelauscht hat. Anders bei der Holzhammervariante. Schüttet Ihnen jemand gerade sein Herz aus, warten Sie auf einen emotionalen Höhepunkt – und genau dann wechseln Sie das Thema: „Magst du eine Erdbeere?“ Knickt der Gesprächspartner mit offenem Mund ein wenig ein, haben Sie das Ziel erreicht.

In Fachkreisen wird in diesem Zusammenhang gerne von Killerphrasen gesprochen. Die kann man übrigens lernen. Versuchen Sie es einfach beim Vortrag von Adolf Holl zum Thema „Mystik statt Politik: Eine Trendumkehr?“ im Otto Mauer-Zentrum (9. Währinger Str. 1-4; 19 Uhr). Stehen Sie mittendrin kopfschüttelnd auf und sagen deutlich hörbar: „Das weiß man doch schon alles!“ Oder fallen Sie nach seinem Konzert im Birdland (3, Am Stadtpark 1; 20 Uhr) Joe Zawinul beim Small Talk ins Wort: „Ich finde ja Jazz ganz furchtbar.“ Man darf sich allerdings nicht wundern, wenn dieses Verhalten bei Ihren Mitmenschen nicht immer nur für Freude sorgt. Man kann sich da auch leicht in etwas hineinreden. . . Ach übrigens, wollen Sie eine Erdbeere?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.03.2006)

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Das Sitzen auf Nadeln genießen

Genießer sind selten geworden. In einer Zeit, in der Schnelligkeit, Leistung und Effizienz die wichtigsten Werte sind, bleibt kaum noch Zeit, sich entspannt einer Speise oder einem Getränk zu widmen. Die wenigen verbliebenen Exemplare lassen sich allerdings in ihrer genüsslichen Gelassenheit absolut nicht aus der Ruhe bringen. Gut und schön, nur das macht den Umgang mit dieser Spezies für uns gestresste Normalbürger nicht gerade einfach. Denn während man selbst auf Nadeln sitzt, endlich das Lokal verlassen zu können, schabt der Genießer unbeeindruckt Nanometer für Nanometer Scheibchen von seinem Eismarillenknödel ab. Und nach einem zweistündigen Gelage erntet man für ein schüchternes „Gehen wir endlich?“ nur ein genervtes „Darf ich bitte einmal in Ruhe frühstücken!“.

Sollten Sie also mit einem Genießer unterwegs sein, planen Sie ruhig ein bisschen mehr Zeit ein, etwa beim Ostermarkt am Franz-Jonas-Platz. Bis 20 Uhr kann er hier an Osterpinzen knabbern – Sie können ja inzwischen etwas anderes unternehmen. Am Abend können Sie den Genießer ein wenig in die Irre führen: Im Orpheum (22, Steigenteschg. 94b; 20 Uhr) ist das Ethno-Quartett Dobrek Bistro zu Gast – Ätsch, nichts zum Essen. Oder Sie schauen ins Café Schlemmer (18. Währinger Str. 159), wo eine Briefmarken-Tauschbörse stattfindet. Das könnte halbwegs schnell über die Bühne gehen. Vorausgesetzt natürlich, Ihr Genießer kommt nicht auf die Idee, die geschmacklichen Vorzüge der Markengummierung ausgiebig zu testen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.03.2006)

Ja! Nein! Weiß nicht! Hab‘ Angst!

Man glaubt gar nicht, was man auf einmal für wichtige Dinge zu tun hat. Da dreht man eine Viertelstunde lang seine Runden durch die Wohnung, öffnet und schließt Schubladen, hebt ein einsames Bällchen Lurch aus einer Ecke und rückt die Figuren am Schachbrett zurecht, ehe man sich endlich dazu durchringt, eine Entscheidung zu fällen. Ist die erst einmal getroffen, sind die Sorgen ohnehin vorbei. Oder: Sie gehen erst richtig los. Und das ist es auch, warum der Mensch dazu neigt, Richtungsentscheidungen auf die lange Bank zu schieben.

Nun, ob Sie Freund oder Freundin stehen lassen, den Job wechseln oder nach Finnland auswandern sollen, dabei kann ich Ihnen auch nicht weiterhelfen. Aber ich kann Ihnen immerhin die Suche nach der passenden Abendgestaltung erleichtern: Gib dir dein Leben zurück fordert Pepi Hopf im Theater am Alsergrund (9, Löblichg. 5-7; 19.30 Uhr). Wie, werden Sie sich jetzt fragen. Nun, vielleicht ein bisschen weniger arbeiten und dafür den Kochkurs für Berufstätige besuchen (essen:z, 5, Högelmüllerg. 2a/14; 17.30 Uhr). Oder Sie bleiben doch noch ein, zwei Stunden länger im Büro und landen dann bei Endstation Karriere – Sind Ehemann und Erfolg vereinbar? (Vortrag in der Roten Bar im Volkstheater, 22.30 Uhr).

Na, hat Ihnen das bei der Entscheidungsfindung geholfen? Egal, zögern Sie auf jeden Fall nicht allzu lange herum, wie Sie Ihren Abend gestalten werden. Wird schon das Richtige rauskommen. Und – eine Fehlentscheidung auf Anhieb spart immerhin Zeit.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.03.2006)

Ich verachte Jugendliche

Eine Jugendsünde ist es, seine Jugend zu verpassen. Oder anders gesagt: Jemand, für den sich seine Eltern niemals zumindest ein bisschen geniert haben, hat etwas falsch gemacht. Wenigstens verständnisloses Kopfschütteln sollte man das eine oder andere Mal für seine Musik, sein Outfit oder andere Arten der Rebellion geerntet haben. Das kann heute jenen gelingen, die zu Knorkator in die Arena (3, Baumgasse 80; 20 Uhr) schauen. Die deutschen Nonsense-Rocker haben sich auch schon selbst mit dem Thema Jugend auseinander gesetzt, unter anderem mit dem Lied „Ich verachte Jugendliche“ oder der DVD „Zu alt“. Womit wir auch schon beim nächsten Tipp wären. Der Jugend gehört ja bekanntlich die Zukunft – aber eben erst die Zukunft:

Die Gegenwart hat zumindest noch Platz für Udo Jürgens, der heute Abend eine Zusatzvorstellung in der Wiener Stadthalle (15, Vogelweidpl. 14, 19.30 Uhr) gibt. Was uns geradezu zwangsläufig zur Frage führt: Kann man Schmerz messen? Antworten darauf erhoffen wir uns von einem gleichnamigen Vortrag in der Volkshochschule Simmering (11, Drischützg. 1; 18 Uhr). Ja ja, die Überleitung hätte besser sein können. Aber egal, am Ende bleibt die Erkenntnis: Revolution ist relativ (So auch das neue Programm von Alexander Kropsch im Theater am Alsergrund. 9, Löblichg. 5-7; 19.30 Uhr). Und all jenen Eltern und Älteren, die angesichts der heutigen Jugend kopfschüttelnd schon das Ende der Welt herannahen sehen, sei eines gesagt: Die Lage war noch nie so ernst wie immer.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.03.2006)