Die intellektuelle Niederkunft

Wer hätte gedacht, dass es gerade hier passieren würde? Gerade in der Hurriya-Bar in Kairo, in der Dutzende Ägypter (nur Männer natürlich) bei einem Stella-Bier sitzen, die Luft vom Rauch unzähliger Filterzigaretten zu Indoorsmog entreinigt, da ging mir der Knopf auf. Es war gerade ein paar Tage her, seit der Arabischkurs begonnen hatte, beim Anblick der Schriftzeichen rauchte mein Kopf ähnlich stark wie die blauen L&M meines Tischnachbarn. Da fiel mein Blick auf eine Getränkekarte an der Wand. Und siehe da, die Zeichen formierten sich vor mir: Kef – Alev – Kef – Alev – Wouw (Letzteres wird tatsächlich wie ein Ausruf der Bewunderung ausgesprochen) – ich hatte gerade ohne Hilfe mein erstes Wort in Arabisch gelesen. Und dann noch so ein schönes: Kakao!

Nun muss man wissen, dass die Gäste der grindig-liebenswerten Hurriya-Bar nie im Leben ihr Stella gegen einen Kakao tauschen würden, doch allein die Tatsache, dass er hier auf einer Karte steht, erfüllt mein Herz mit Freude. Ein kleiner Gruß aus der Heimat, vom täglichen Tiroler Trinkkakao bei meinem Lieblingsbäcker.

Nie würde ich auf die Idee kommen, wie viele Exil österreicher nach Wiener Hochquellwasser oder Schwarzbrot zu lechzen. Aber Kakao, auch wenn es ihn ohnehin fast überall zu kaufen gibt, der weckt dann doch ein bisschen Heimatgefühle. Umso schöner, wenn dieses Göttergetränk die intellektuelle Niederkunft meiner rudimentären Arabischkenntnisse markiert – und sei es in einem charmant-schäbigen Bierlokal. Im Grunde hätte diese sprachliche Initialzündung nicht besser sein können. Es sei denn, natürlich . . . also gut, sobald ich herausgefunden habe, wie man Almdudler auf Arabisch schreibt, melde ich mich wieder.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.09.2009)

Advertisements

Onomatopoesie aus der Nase

Gerade auf Reisen stürzen scheinbare Selbstverständlichkeiten gern in sich zusammen. Dass zum Beispiel der Laut des Niesens nicht in  aller Welt dem entspricht, was wir hierzulande als Grundkonstante menschlicher Kommunikation verstehen. „Hatschi“ wird etwa in der islamischen Welt vordergründig als eine Person verstanden, die bereits den „Hadsch“ – die Pilgerreise nach Mekka – hinter sich hat. An Erkältung, Heuschnupfen und Co. denkt da niemand. Und auch anderswo krähen nicht nur die Hähne anders („coco roco“ in Frankreich, zum Beispiel), sondern wird auch das Niesgeräusch onomatopoetisch völlig unterschiedlich gedeutet.

Man denke an „atishoo“, wie wir es im Englischunterricht aus „Ann & Pat 1“ gelernt haben. Das übrigens ähnlich klingt wie das „etciu“ im Italienischen oder das finnische „atsiuh“. Auch das französische „atchoum“ lässt sich da noch ein bisschen heraushören. Etwas mehr Fantasie braucht man schon, um dahinterzukommen, dass ein japanischer Samurai mit „haku shon“ exakt das Gleiche ausdrückt wie ein türkischer Gemüseverkäufer, der ein „hapsu“ in die Welt prustet.

Bei den Antworten liegt man mit „Gesundheit“ (italienisch „salute“, französisch „salut“) vermutlich nie ganz falsch. Würde man allerdings das englische „bless you“ auf Deutsch umlegen, wären wir bei etwas pathetischen Wünschen à la „Gott segne dich“ – ein Spruch, der in unseren Breiten gelegentlich eher verschnupft aufgenommen wird. Immerhin, das ist allemal liebevoller als ein „Zerreißen soll’s dich“, wie es ein Kärntner Kollege immer wieder gern anbringt. Meine Antwort darauf ist wiederum klar: „Und das größte Stück soll dich treffen!“ Nur, wie erkläre ich das jetzt wieder einem Franzosen?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.09.2009)

Ihr wisst gar nichts über mich!

Seit ich bei Amazon eine „Hannah Montana“-DVD als Geburtstagsgeschenk für meine Nichte bestellt habe, ist es vorbei mit der Ruhe. Denn sobald ich wieder auf die Seite gehe, werde ich mit brandheißen News zu den Cheetah Girls, Miley Cyrus und dem besonders unseligen „High School Musical 3“ empfangen. Mit meiner Bestellung wurde ich wohl von einem bösartigen Algorithmus als 11-jähriges Mädchen identifiziert – und werde dementsprechend mit altersadäquaten Kaufhinweisen versorgt.

Vermutlich hat mich mein Supermarkt angesichts meines Einkaufsverhaltens – natürlich mit der Kundenbonusvorteilscard – längst auch in ein Raster gepresst und weiß genau Bescheid, wie ich lebe und wofür ich mich so interessiere. Was mich wieder auf die Idee bringt, den Algorithmus einmal ein wenig auf eine falsche Fährte zu locken.

Hätte doch was, einige Monate hindurch täglich eine Portion Keta-Kaviar, eine Portion Gänseleber, ein Fläschchen Dom Pérignon und langstielige Rosen über den Scanner jagen zu lassen – und von einem Tag auf den anderen den Einkauf auf eine Dose Ravioli in Tomatensauce und eine Dose Ottakringer zurückzufahren. Irgendwo in der Zentrale schrillt dann eine Alarmglocke – und kurz darauf ruft ein besorgter Manager des Kundenclubs an, ob mit mir auch wirklich alles in Ordnung ist. Oder ob meine Superbonusvorteilsmitgliedskarte womöglich gestohlen worden sein könnte. Ich würde mich in diesem Moment zurücklehnen, deutlich hörbar einen Schluck aus der Bierdose machen und dem Kundenbetreuer entgegenschleudern: „Ihr wisst absolut nichts über mich!“

Dann würde ich auflegen und am CD-Player das aktuelle Album von Miley Cyrus weiterlaufen lassen. So schlecht ist das nämlich gar nicht . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.09.2009)

Mein Körper geht mir auf den Geist

Es gibt Tage, an denen einem der Körper so richtig auf den Geist geht. Wenn beim Aufstehen der Rücken schmerzt, nach dem Duschen immer ein paar Haare in der Wanne herumliegen müssen oder man einen Sessel braucht, um ein Buch von ganz oben aus dem Regal zu holen. Oder wenn nach einem Sportunfall der Arm mit einem Gips ruhiggestellt wird – zugegeben, ein Armbruch ist noch lange kein Beinbruch, aber so manche alltägliche Verrichtung entwickelt sich damit zu einem Zauberkunststück à la Houdini. Ähnlich unangenehm ist jener Augenblick im Kino, in dem die  Erkenntnis massiven Druck macht, dass man den halben Liter Cola nicht gleich zu  Beginn der Vorstellung hätte austrinken sollen.

In Momenten wie diesen ziehe ich mich immer tief in Gedanken zurück und sinniere darüber, wie man es wohl nennt, wenn man sieht, dass ein Bus kommt, und man vor ihm herläuft, um rechtzeitig die Station zu erreichen. Läuft man dem Bus da nach? Ist es sinnvoll, für Frieden zu kämpfen oder nach Ruhe zu schreien? Ist ein Waschbär waschbar? Und wie kann man sich eigentlich die Konsistenz von Flüssigwaschpulver vorstellen?

Fragen über Fragen, die sich so stellen, wenn man sich von der Körperlichkeit löst und sich völlig auf die Ratio reduziert. Kein Hunger mehr, kein Japsen nach Luft beim Joggen auf die Gloriette, keine wunden Fingerkuppen nach dem Gitarrespielen . . . Das hätte schon seinen Reiz, oder? Fragt sich nur, wie ich in meiner gänzlich entkörperten Existenz all diese bewegenden Gedanken zu Papier bringen könnte. Aber da werde ich mir schon noch etwas einfallen lassen, denn eines ist klar: Ich kann mir eine Welt ohne Fantasie nicht vorstellen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.09.2009)