Wenn dich die Technik wie einen Trottel aussehen lässt

Der bösartige Rauhaardackel in der U-Bahn-Tür ist schuld. Also schauen Sie nicht so vorwurfsvoll.

Die Technik ist ein Hund, heißt es. Dabei sind Hunde alles andere als bösartig. Und schadenfroh schon gar nicht. Welches Tier tarnt sich also hinterlistig in der Gestalt eines harmlos schauenden Rauhaardackels, wenn man in der U-Bahn den Türöffnungsknopf gedrückt hat? Denn da steht man im Waggon, sieht, dass das Licht auf dem Taster schon leuchtet. Man hat alles richtig gemacht (Brav!). Und doch schauen Leute draußen ungeduldig durch das Türfenster. Schauen dir ins Gesicht. Schauen außen auf den Türtaster. Und man selbst steht drinnen. Weiß, dass man nichts falsch gemacht hat. Doch der schlafende Hund wurde noch nicht geweckt. Die Zeitverzögerung, bis der elektrische Impuls die Tür zur Bewegung antreibt, scheint sich auf eine halbe Minute auszudehnen. Bis irgendwann draußen einer aus der Runde der Ungeduldigen auf den Türöffner drückt. Genau eine Millisekunde später gehen die Seitenteile auseinander. Du Hund! Der Drücker außen fühlt sich als Held. Der Rest der Meute schaut einem beim Aussteigen mit diesem „zu blöd zum Türöffnen“-Blick nach. Und während man innerlich ein bisschen vor die Hunde geht, grinst der bösartige Rauhaardackel im Türöffnungsmechanismus vor sich hin.

Es ist der gleiche Hund, der auch im Laptop sitzt und dreiundzwanzig Mal verhindert, dass man mit der richtigen Eingabe zum richtigen Ergebnis kommt. Und der erst dann, wenn man jemanden von der IT geholt hat, unauffällig die Pfote vom Störtaster nimmt. Man zeigt dem Computermenschen, wie etwas nicht klappt. Drückt hundertprozentig genau das gleiche wie bei den vorigen Fehlversuchen. Nur, dass es diesmal klappt. Der IT-Mensch verdeckt sein „dummer User“ hinter einem freundlichen Lächeln. Und der Hund schlägt vor Freude einen Salto. Es reicht. Der Laptop kommt jetzt ins Tierheim. Gleich neben die U-Bahn-Tür.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.07.2017)

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Leute, die in jeder Station den Waggon wechseln

Man muss nicht jedes Phänomen der Großstadt verstehen. Die Phänomene tun es oft selbst nicht.

Als gelernter Großstädter ist man ja einiges gewohnt. Dass in der U-Bahn gelegentlich Menschen verkehren, deren Verhalten, sagen wir, interessant ist, zum Beispiel. Und nein, jetzt folgt kein Lamento über die soziale Unintelligenz der Passagiere, die sich auf dem Bahnsteig direkt vor der Tür positionieren, damit ja niemand an ihnen vorbei aussteigen kann. Auch die Nach-dem-Aussteigen-Stehenbleiber-und-in-die-Luft-Schauer sollen nicht im Mittelpunkt stehen (wobei, im Mittelpunkt wären sie wenigstens vom Eingangsbereich weg . . .). Diesmal geht es um den Waggonhopper. Und wieder nein, das sind nicht diese russischen Freizeitakrobaten, die auf den Dächern fahrender Züge ihren Schabernack treiben. Sondern Menschen, die im Lauf der U-Bahn-Fahrt mehrmals den Waggon wechseln.

Bevor Sie zu rätseln beginnen: In der Regel haben Stationen zwei Ausgänge – einen vorn, einen hinten. Steigt man daheim hinten ein, muss aber am Ende vorn aussteigen, kann ein Weiterhanteln sinnvoll sein. (Wenn man gerade noch rechtzeitig hineinspringen konnte – sonst hätte man ja schon in der Heimstation die paar Schritte auf dem Bahnsteig machen können.) So jedenfalls entsteht das Phänomen des Hoppers, der jede Station einen Waggon weiter nach vorn geht. Was besonders interessant ist, wenn er dort einen Kollegen trifft, freundlich grüßt, Small Talk führt – und dann zur nächsten Etappe aussteigt. Am Ende steigt man aus und sieht den Kollegen in derselben Station drei Waggons weiter vorn aussteigen. Das ist Effizienz. Vielleicht hätte man ihm aber auch sagen können, dass er in einem V-Wagen gefahren ist. Sie wissen schon, das sind die Nachfolger der Silberpfeile, die auch schon seit 2002 in Wien unterwegs sind. In denen kann man übrigens von vorn bis hinten in einem durchgehen. Aber gut, als gelernter Großstädter ist man ja einiges gewohnt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.10.2016)

Dinge, die es 2014 lieber nicht mehr geben sollte

Es gibt das Klischee der tumben Schönheitskönigin und der Frage, was sie sich denn am sehnlichsten wünscht. „Den Weltfrieden“ lautet dann laut Hollywood-Drehbuch die Antwort. Dass ein solcher Wunsch ein wenig hoch gegriffen ist, lässt sich mit ein wenig Lebenserfahrung recht schnell erahnen. Also bleiben wir lieber auf dem Boden und wünschen uns ein paar Dinge für das kommende Jahr, die etwas leichter zu erfüllen sind.

Beginnen wir damit, dass die Bäckereiketten darauf verzichten, für jedes kleine Weckerl eine Rechnung auszustellen. Liebe Ankers, Ströcks und sonstige: Wer morgens auf dem Weg zur U-Bahn sein Frühstücksweckerl samt Kakao besorgt, wird diesen Einkauf nicht unbedingt in der persönlichen Buchhaltung vermerken, der papierene Beleg wandert also in 99,9 Prozent der Fälle ungelesen in den Papierkorb. Wie wäre es also mit einem Opt-in-Verfahren, wonach Rechnungen nur gedruckt werden, wenn der Kunde explizit nach einer verlangt?

Wünschen wir uns weiters, dass die Wiener Linien damit aufhören, auf den elektronischen Anzeigetafeln ihre Kunden zu verarschen. Es ist schon klar, dass es sich bei der Prognose, in wie vielen Minuten die Straßenbahn oder der Bus kommt, eben um eine Prognose handelt. Und dass der Fahrplan „dank“ Technik, Wetter, Falschparker manchmal durcheinandergewirbelt werden kann. Doch bei einer langen Verzögerung auf die Anzeigetafeln „Fahrplanaushang bitte beachten“ zu schreiben, ist gleichbedeutend mit „Schmecks“. Warum soll der papierene Aushang bei gestörtem Fahrbetrieb besser Bescheid wissen als die automatisierte Anzeige?

Und schließlich noch ein kleiner Wunsch auf sprachlicher Ebene, dass nämlich das Durchkoppeln mit Bindestrichen nicht so verächtlich betrachtet wird. Eine Miss-Wahl ist doch viel verständlicher als eine Misswahl, oder? Bei Zweiterer könnte es sich ja auch um eine schlechte Wahl handeln. Und genau die wollen wir schließlich vermeiden. Dafür lassen wir auch bei der Miss-Ernte mit uns reden. Schönen Jahreswechsel!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.12.2013)

Körperkontakt und Türen als Feinde in Wiens U-Bahn

Die Idee des Fahrgastverdichters hat im öffentlichen Verkehr Wiens noch nicht Einzug gehalten. Das wundert nicht, schließlich steht Körperkontakt auf der Liste der Höllenqualen in Wien ganz weit oben – und Mitarbeiter, die zur Stoßzeit Menschen in die Waggons drücken, um den für Fahrgäste zur Verfügung stehenden Raum möglichst effektiv zu nutzen, würden mit dieser Verdichtung Körper aneinanderdrücken, deren Anziehungskraft ohne fremde Hilfe eine eher negative wäre. Der Bahnhof Shinjuku in Tokio, wo in der Rushhour weiß behandschuhte Kräfte die Züge mit Fahrgästen volldrücken, scheint also eher kein Vorbild für Wien zu sein. Auch die Moskauer Mentalität passt nicht so recht zur Vorstellung, die man in Wien von gedeihlichem Zusammenleben im öffentlichen Raum hat.

Hier braucht es erst gar keinen externen Mitarbeiter, der Menschen in schon übervolle Waggons drängt – darum kümmern sich die Fahrgäste selbst, die keinesfalls warten wollen, bis innerhalb von eineinhalb bis drei Minuten die nächste Garnitur einläuft. Auch beim Eingang in ein Stationsgebäude ist diese auf das eigene Ich gerichtete Geradlinigkeit deutlich stärker ausgeprägt als in Wien. Wer etwa erwartet, dass der Vordermann in der Station Partisanskaja darauf achtet, was mit der hölzernen Schwingtür passiert, sobald er sie passiert hat, muss damit rechnen, dass er sie gleich auf der Nase kleben hat.

Nutzer der Wiener Vorortelinie können von gänzlich anderen Erfahrungen erzählen. In der Station Ottakring wird etwa brav die Tür aufgehalten, bis der Nachkommende seine Hand daraufgelegt hat. Innerlich murrend zwar ob der Verzögerung, aber doch. So viel Höflichkeit muss sein. Apropos – gerade an den alten Otto-Wagner-Stationen wie Gersthof, Hernals oder eben Ottakring merkt man schön, dass sie dereinst nicht für so viele Menschen geplant wurden, wie jetzt zur Stoßzeit durch die engen Türen in das Stiegenhaus strömen. Hoffentlich kommt hier nur niemand auf die Idee, Fahrgastverdichter auf die Stiegen zu stellen!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.11.2013)

U-Bahn-Marathon und andere seltsame Hobbys

Tätigkeiten, die jemand freiwillig und regelmäßig betreibt und die dem eigenen Lustgewinn oder der Entspannung dienen, nennt man Hobby. Das Fahren mit der U-Bahn erfüllt in der Regel nur eines dieser vier Kriterien – in der Regel macht man es regelmäßig. Gut, bei der Freiwilligkeit kann man streiten, aber wirklich l’art pour l’art seine Runden durch die Stadt zu drehen, ist zumindest ein wenig spleenig. Und Lustgewinn und Entspannung – so gut manche Kampagne der Wiener Linien das auch zu suggerieren versucht, in einer Therme geht es doch etwas entspannter zu als in der U6.

Es mutet also seltsam an, dass sich jemand in die U-Bahn setzt, einfach nur um des U-Bahn-Fahrens willen. Und doch gibt es diese Menschen. Vergangenen Dienstag etwa fuhr der Motorjournalist Andreas W. Dick alle Stationen des Wiener U-Bahn-Netzes ab. Das sind 104 Stationen auf fünf Linien. Er benötigte dafür 4:54 Stunden. Weltrekord. Wobei nach oben sogar noch Luft wäre – denn wie er danach erzählte, hatte man in der U3-Endstation Ottakring den Gegenzug Richtung Simmering ganz knapp verpasst. Sein „Das muss uns so schnell einer nachmachen“ könnte also bald erfüllt sein. So sich jemand findet, der das nachmachen möchte …

Man kann sich der U-Bahn aber auch auf einer theoretischeren Ebene widmen. Horst Prillinger, Experte für Technik und Verkehr an der Wiener Universitätsbibliothek, hat das gemacht. Auf seiner Website www.aardvark.at/metro hat er unter anderem Namen aller Wiener U-Bahn-Stationen recht frei ins Englische übersetzt. Da klingt die „Slaughterhouse Street“ gleich noch ein wenig morbider, wirkt der „Earth Mountain“ noch bodenständiger und lässt „Seven Sheperds“ schottische Gefühle aufkommen. „Grumbling Square“ für den Keplerplatz ist sowieso großartig. Und im Jahr 2017 kann man demnach mit der U1 bis zum „Upper Empty Spa“ fahren. In der Therme wäre man dann, vielleicht wird es also doch was mit der Entspannung. Wobei, in die Therme gehen als Hobby ist dann auch wieder fad.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.10.2013)

Leute, die der U-Bahn in Superzeitlupe nachlaufen

Vielleicht ist es Bosheit. Jener Moment nämlich, in dem man wünschte, eine „Universum“-Dokumentation drehen zu können. Dass man sich, ausgerüstet mit der neuesten Technik, auf die Lauer legen und beobachten könnte. Irgendwo auf dem Mittelstreifen des U3-Bahnsteigs in der Station Volkstheater würde man dann seine Highspeed-Kamera positionieren, die 1200 Frames pro Sekunde aufnehmen kann. Und das Objektiv auf all jene Menschen richten, die von der Rolltreppe kommend den kurzen Gang entlangzulaufen beginnen, um noch die U-Bahn zu erwischen, die gerade ihre Türen geöffnet hat.

In extremer Zeitlupe ließe sich dann beobachten, wie der Blick eines Menschen plötzlich starr wird, wie aus dem gemütlichen Stehen auf der Rolltreppe plötzlich in den Beschleunigungsmodus gewechselt wird. Wie er ein Bein vor das andere setzt, erst im schnellen Trab, dann im Galopp mit beiden Beinen in der Höhe. Wie in einem Computerspiel weicht der Laufende all den Entgegenkommenden aus, die aus der U-Bahn ausgestiegen sind und Richtung Ausgang strömen. „Bitte steigen Sie nicht mehr ein“, dröhnt es aus dem Lautsprecher. Noch gibt der Laufende nicht auf, hastet an der Rolltreppe vorbei, nur noch wenige Meter fehlen. Die Türen schließen. In diesem Moment zoomt die Kamera genau auf das Gesicht, fängt die rollenden Augen ein, den enttäuschten Blick. Vielleicht auch noch die flache Hand, die auf den bereits losfahrenden Zug schlägt. Ja, vielleicht ist es Bosheit, all die armen Läufer wie die Protagonisten einer Naturdokumentation zu betrachten. Und ja, vielleicht ist genau das der Grund, warum die Motivation, der U-Bahn nachzulaufen, ziemlich niedrig ist – vielleicht hatte ja auch schon jemand anderer die Idee mit der Highspeed-Kamera.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.07.2013)

Als Franz Kafka eine U-Bahn-Station plante

Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens in die U-Bahn-Station Volkstheater gestellt. Genau, das ist jene Station, die Franz Kafka erdacht haben könnte, wäre er nicht Autor gewesen, sondern Architekt. Denn der dreigeschoßige, unterirdische Kreuzungsbahnhof wirkt mit seinem weitverzweigten Gewirr unübersichtlicher Räume wie aus dem „Prozess“ oder „Schloss“ entlehnt. Da sind die unzähligen Ein- und Ausgänge, die quer über die Ränder von erstem und siebentem Bezirk verstreut worden sind – und vor jedem davon steht zumindest ein Unglücklicher, der sich bei der Station Volkstheater verabredet hat und sich nun versetzt wähnt, während dessen Verabredung an einem der anderen Eingänge das gleiche Schicksal erleidet.

Welchen Eingang in das Kellergewölbe man auch wählt, um hinabzugelangen – es ist immer der falsche. „Da die Seitenbahnsteige der U2-Station Volkstheater nur ein Geschoß unter dem Straßenniveau liegen, ist die Entscheidung, in welcher Fahrtrichtung man mit der Linie U2 fahren will, bereits an der Oberfläche zu treffen“, warnen die Wiener Linien bereits in bestem Bürokratendeutsch. Doch damit nicht genug – wer von der Burggasse aus zur U2 Richtung Aspernstraße will, wird erst bergab gejagt, nur um gleich wieder bergauf fahren zu müssen. Besonders bedrohlich wirkt dieses Labyrinth undurchsichtiger Verhältnisse dann, wenn eine der Rolltreppen nicht in Betrieb ist – was häufig vorkommt – und die Fahrgäste über dunkle Treppenhäuser, vorbei an verwaisten Schaukästen, ihren Weg zu den Bahnsteigen finden müssen.

Das vergebliche Streben ist ein Hauptmotiv in Kafkas Arbeiten, das Scheitern an einer unzugänglichen höheren Macht durchzieht sein Œuvre. Hier kann man es täglich erleben. Schade, dass sein Romanfragment „Das Volkstheater“ heute als verschollen gilt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 26.11.2012)