Bittezweitekassaschreier und andere Großstadtvögel

Die Artenvielfalt im Biotop Großstadt ist beinahe so groß wie jene der Fauna im Dschungel. Dementsprechend ergiebig sind humanornithologische Missionen, bei denen die schrägsten Großstadtvögel quasi von selbst vor die Linse laufen. Häufig lässt sich etwa die Spezies der Bittezweitekassaschreier beobachten – vorausgesetzt, dass nicht gerade ein Anderengstenstelleimsupermarktstehenbleiber die Sicht in den Kassenbereich versperrt. Besonders groß ist der urbanbiologische Artenreichtum indes in den öffentlichen Verkehrsmitteln – man muss sich nicht einmal besonders anstrengen, um etwa den charakteristischen Gesang des Klingeltonausprobierers zu hören. Auch der Überdeneigenenwitzamlautestenlacher ist hier heimisch, so wie auch der Ichhabinderkronenzeitunggelesensager. Einige Arten in dieser natürlichen Umgebung sind sogar – was nicht jedem gefällt – sehr zutraulich. Der Inderubahnnebeneinensetzerobwohlauchgegenübereinplatzfreiwäre, zum Beispiel, scheint sogar aktiv nach Körperkontakt zu suchen.

Weniger harmonisch verläuft dagegen das Zusammenleben in freier Wildbahn. Im evolutionären Verdrängungswettbewerb lassen sich etwa der Aufdemradweggeher und der Aufdemgehsteigradler trefflich beobachten. Und besonders in Acht nehmen sollte man sich vor dem Hastdueinbisschenkleingeldzumtelefonierenfrager – der kann sehr hartnäckig werden. In Fällen wie diesen tarnt man sich am besten als Aufdenbodenschauenundvorbeigeher, um einer Konfrontation zu entgehen. Später empfiehlt sich ein kurzer Blick in eine Schenke – dort kann man so originellen Exemplaren wie den Lassdieluftausdemglasbierbestellern begegnen. Oder auch den besonders lustigen Saucetrarasager beim Knabbern an gebackenen Champignons beobachten. Ja, es gäbe noch viel zu erzählen – schade nur, dass dieser Text von einem Wennesamspannendstenwirdzuerzählenaufhörer stammt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.09.2012)

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