Es war mir eine Lehre, Sie kennenzulernen

Wie man bei gesellschaftlichen Ereignissen uninteressanten Gesprächspartnern entkommt.

Dumm, wenn man gerade von der Toilette kommt. Dann fällt sie nämlich recht lange weg, die Gelegenheit, sich bei einem gesellschaftlichen Anlass eines unangenehmen Gesprächspartners zu entledigen. Es sei denn, natürlich, man legt es darauf an, dem Gegenüber deutlich zu signalisieren, dass man von allen sieben Milliarden Menschen auf der Welt am allerwenigsten mit ihm reden möchte. Eine derartige Offenheit ist dem österreichischen Wesen aber weitgehend fremd, man sagt niemandem ins Gesicht, was man von ihm hält, versteckt sich lieber hinter höflichen Floskeln – mon dieu, ich komme gerade drauf, dass mein Goldfisch seine Medikamente heute noch nicht bekommen hat! Oder eben die Toilettennummer, die gekonnt überspielt, dass die Smalltalktube bis zum Letzten ausgequetscht ist und jetzt nichts Relevantes mehr kommen wird.

Umgekehrt kann eine ernst gemeinte Klopause des Gegenübers aber auch eine Versicherung der eigenen Attraktivität – zumindest der kommunikativen – bedeuten. Wenn nämlich die Person nach dem Gang nicht auffällig nach anderen Einstiegspunkten für einen Gesprächspartner heischt. Sondern zielstrebig zurückkehrt – und vielleicht sogar noch an den zuvor abgebrochenen Dialog anschließt. Toilettentest bestanden, yeah!

Im umgekehrten Fall kann es aber auch umgekehrt sein. Dass ein langweiliger Gesprächsabschnittsgefährte sich auf die Toilette zurückzieht, dann aber wie ein Hund mit Stöckchen im Maul und treuherzigem Blick zurückgehechelt kommt. Da kann man sich ja auch nicht mit „Leben Sie wohl, es war mir eine Lehre, Sie kennenzulernen“ aus der Affäre ziehen. Also muss man eine Zeit lang durchhalten. Irgendein Blabla von sich geben. Ein bisschen Zeit vergehen lassen – ehe man sich wieder auf die Flucht in die Nasszelle machen kann. Ui, jetzt muss ich aber schon wirklich dringend…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.06.2015)

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Der Trainingsanzug am Ende der Hundeleine

Wie kann es sein, dass plötzlich Menschen in Jogginganzügen durch Wien Neubau gehen?

Ich jammere nicht, ich stelle nur wehleidig fest. Dass nämlich ein Relikt aus einem früheren Leben plötzlich wieder in der Gegenwart aufschlägt. Und nein, es sind nicht die in eine Serviette eingewickelten Frankfurter, damit man sich nicht die Finger an der heißen Wurst verbrennt. Auch nicht das Ketchup, das in den Achtzigern vor dem Toasten in den Schinken-Käste-Toast gesteckt wurde, um sich danach so richtig schöne Brandblasen auf der Zunge zu holen. Nein, viel schlimmer – der Trainingsanzug ist wieder da. Gut, vielleicht war er ja eh nie wirklich weg, was weiß man schon als modische Nullnummer. Aber dass er des Morgens mitten im Herzen von Wien Neubau plötzlich herumspaziert, verdient zumindest eine Erwähnung. Wobei, so viel Stil muss sein, er tritt fast ausschließlich in Kombination mit einem Hund an der Leine auf. In sattem Neongrün – der Anzug, nicht der Hund – bildet er eine Aura der gewollten Stillosigkeit rund um einen schläfrigen Vollbartträger. Auch ein Leopardenmuster wurde schon beim Streifen durch die morgendliche Neustiftgasse erspäht. Ein Hauch von Simmering durchweht neuerdings Bobostan. Wozu ist man eigentlich damals umgezogen?

„Wer Jogginghosen anzieht, hat die Kontrolle über sein Leben verloren“, sagte Karl Lagerfeld einmal. Gut, als jemand, dessen Kleidungsstil von Kollegen mit „ausgewaschene Ruderleiberln“ beschrieben wird, darf man da nicht mit Glashäusern werfen. Aber ist es eine kalkulierte ironische Normverletzung? Ein sportlich-proletarisches Zitat in einer viel zu aufgeräumten Seifenblasenwelt? Was dagegenspricht – um sieben Uhr morgens ist hier kaum jemand auf der Straße. Und ein modisches Statement kann nur ein modisches Statement sein, wenn es auch jemand zu Gesicht bekommt. Naja, vielleicht war es ja auch gar kein Trainingsanzug, sondern nur ein Pyjama. Macht das Ganze ja gleich viel besser.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.06.2015)

Per Beckmesser sind wir noch lang nicht

Bittere Erkenntnis: Mit dem Aufzeigen von Fehlern bringt man es nicht zum romantischen Helden.

Man hat es ja wirklich nicht leicht, wenn einem Sprache wichtig ist. So oft, wie „dass“ und „das“ mittlerweile vertauscht, „in dem“ und „indem“ total verkehrt eingesetzt und Kommata völlig willkürlich gesetzt werden, ließe sich aus den aufsteigenden Grausbirnen ein Jahresvorrat an Most keltern (auch wenn etymologisch in Wirklichkeit die als „Krusebeere“ bezeichnete Stachelbeere dahinterstecken dürfte). Allein, niemand mag Klugscheißer. Und so hält man sich mit allzu offensiver Kritik zurück, lässt vor allem in der gesprochenen Sprache das – wirklich unangenehme – Ausbessern sein („Erdoğan wird in Wirklichkeit Erdoan ausgesprochen! Hui wui, schau, wie ich mich auskenne!“). Im schlechtesten Fall schluckt man derartige Lapsus (tatsächlich lautet der Plural nicht Lapsi, wie der Lateiner vermuten könnte – Achtung, U-Deklination –, und schon gar nicht Lapsusse) einfach hinunter. Im besten Fall hat man die Möglichkeit, seinen Frust an anderer Stelle komprimiert abzulassen. In einer Kolumne, vielleicht.

Doch auch da ist man vor Vorwürfen nicht gefeit. Und ehe man es sich versieht, ist man plötzlich zur Figur aus einer Wagner-Oper geworden. Nun, wenn es wenigstens Siegfried wäre. Oder Tannhäuser. Dann hätte man zumindest ein bisschen Spaß. Aber nein, da steht man plötzlich als Sixtus Beckmesser da. Als pedantischer, rechthaberischer und engstirniger Besserwisser, der nichts anderes tut, als sich an kleinen Lapsus (genau, stimmt so) abzuarbeiten, während er vor lauter Kleinigkeiten das große Ganze komplett aus den Augen verliert. Was ja zum Gesamtbild passt, dass man sich in all seiner Beckmesserei nie beckmesserisch vorkommt. Aber wenn man sich erst einmal damit infisziert hat, kommt man nicht mehr davon los. (Für den Fehler im vorigen Satz dürfen Sie mich jetzt übrigens gern korrigieren. Steckt ja auch ein kleiner Beckmesser in Ihnen, hm?)

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 15.06.2015)

Ladakh: Den Göttern näher

Beim Wandern im Hochland von Ladakh entdeckt man neben nackten Bergen und feinem Buttertee auch etwas, das im Alltag oft viel zu kurz kommt: die eigene Langsamkeit.

Yulchung

Yulchung

„Langsam, langsam!“ Es sind nur wenige Worte, die Thinles auf Deutsch kann. Doch das eine Wort, das verwendet der Bergführer immer wieder. Ruhig und gemächlich setzt er es ein, während die Gruppe auf einen Pass zusteuert. „Langsam!“ Es mag damit zu tun haben, dass Geschwindigkeit hier oben sekundär ist. Oder sogar völlig unwichtig. Weil man es im indischen Himalaja nicht notwendig hat? Vielleicht. Oder auch, weil es für die Gruppe von Wanderern, die Thinles durch Ladakh begleitet, manchmal gar nicht anders geht. Immerhin befindet man sich hier auf einer Höhe, in der die Luft schon langsam dünn zu werden beginnt.

Es beginnt schon bei der Landung. Wenn die Maschine sich zwischen den gewaltigen Gipfeln des Himalaja langsam einpendelt und sich in das Tal zwängt, in dem der Flughafen von Leh liegt. Langsam soll man es angehen, hat es vorher geheißen. In Zeitlupe soll man sich bewegen. Und ja, beim Aussteigen aus dem Flugzeug ist da dieser Hauch von Ehrfurcht. Auf 3500 Meter Seehöhe stünde man in Österreich 157 Meter unter dem Gipfel des Großvenedigers. Hier kommt es dagegen ganz plötzlich, aus der klimatisierten Flugzeugkabine stolpert man ins Freie. Schnuppert vorsichtig, wie sich die Höhenluft atmen lässt. Registriert überrascht, dass das Atmen gut funktioniert, macht zwei, drei schnelle Schritte zum Empfangsgebäude – und spürt plötzlich, dass der Tipp mit der Zeitlupe vielleicht doch nicht so schlecht war.

Schon bei kleineren Anstrengungen bleibt die Luft weg, wird der Atem schneller, beginnt das Herz aufgeregt zu pumpen. Also gut, dann lieber doch langsam, langsam. Es ist noch gar nicht so lange her, als Ladakh touristisch noch weitgehend unbekannt war. Im äußersten Norden Indiens gelegen, im Westen flankiert von Pakistan, im Osten vom chinesischen Tibet, war das ehemalige Königreich weitgehend abgeschnitten von der Außenwelt. Erst in den 1970er-Jahren wurde die Region für den Tourismus geöffnet. Zunächst nur mühsam über die Militärstraße von Srinagar zu erreichen, wird Ladakh mittlerweile ganzjährig angeflogen. Heute ist der Tourismus die wichtigste Einnahmequelle der Region, rund 100.000 ausländische Gäste werden jedes Jahr gezählt – wobei die Saison wetterbedingt äußerst kurz ist. Zwischen Juni und August herrscht hier Hochbetrieb. In dieser Zeit wächst auch die Bevölkerung von Leh, die sonst bei etwa 15.000 Einwohnern liegt, auf zumindest das Doppelte an. Bauarbeiter aus Indien und Nepal, Händler aus Kaschmir, tibetische Souvenirverkäufer, so wie auch viele Ladakhis aus den Dörfern – sie alle kommen, um am Tourismus mitzuverdienen.

Dazwischen spazieren Kühe. Dementsprechend wirkt es im Zentrum der Hauptstadt dann auch nicht allzu ruhig und beschaulich. Autos und Mopeds zwängen sich durch die Fort Road, eine der wichtigsten Straßen der Stadt, vorbei an Geschäften, Restaurants, Internetcafés und Reise­büros. Dazwischen spazieren Kühe. Und Touristen. An ihrem Tempo lässt sich erkennen, wie lange sie schon hier sein müssen. Wer beschwingt durch die engen Gassen der Altstadt marschiert, hat wohl schon einige Tage in der Höhenluft verbracht. Die frisch angereisten Gäste gehen es noch langsam an – bleiben beim Bergaufgehen immer wieder stehen, um zu verschnaufen. Und richten den Blick immer wieder auf die umliegenden Berge. Und auf den markanten Königspalast, der als von fast überall sichtbares Wahrzeichen die Stadt überragt. Hier hinauf führt denn auch einer der ersten längeren Spaziergänge. „Langsam, langsam“, natürlich, geht es durch das Gewirr der Altstadtgassen, vorbei an der Moschee, an Bäckereien, in denen indisches Fladenbrot gebacken wird. Und schließlich über steinerne Treppen bis zum Eingang des 400 Jahre alten Palasts.

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Staubtrockene Luft. Von hier oben schweift der Blick über Leh. Grün wirkt die Stadt, voller Sträucher und Bäume, vorwiegend Pappeln, zwischen den Häusern. Und das inmitten einer Region, die staubtrocken ist. In dieser Region des Himalaja fällt nur wenig Niederschlag, weil die Monsunwolken sich ihrer lebensspendenen Ladung schon über den Bergketten im Süden entledigen. Es dominieren Braun- und Rottöne im Gestein. Nur einige Täler der Hochgebirgswüste, in denen es genug Schmelzwasser von den Himalaja-Gletschern gibt, blitzen als grüne Oasen hervor. Und wie in einer Wüste üblich neigen auch die Temperaturen zu Extremen. Da kann es trotz der großen Höhe im Sommer durchaus 35 Grad haben, die sich allerdings wegen der trockenen Luft nicht so heiß anfühlen – auch der Wind sorgt für Abkühlung. Ist die Sonne untergegangen, wird es recht schnell kühl – und ohne Pullover oder Jacke ziemlich ungemütlich.

Langsam, langsam – aber irgendwann endet die Zeit der ersten Eingewöhnung. Der Weg vom Zimmer zur Hotelrezeption geht dann schon ohne Keuchen. Und nachts ist auch Durchschlafen trotz der dünneren Luft kein Problem mehr. Zum eigentlichen Ziel, dem Wandern in den Bergen, ist es noch ein Stück hin. Doch die Dosis der Anstrengung wird nach und nach gesteigert. Etwa mit dem morgendlichen Aufstieg ins Kloster von Thiksey, etwa 20 Kilometer von Leh entfernt. Gegen sechs Uhr morgens beginnt hier die Puja, die Morgen­meditation der Mönche. Es sind Momente wie diese, die vor allem jene Menschen ansprechen, die die buddhistische Spiritualität erleben wollen. Wenn Dutzende Mönche in ihren roten Kutten auf den dicken Teppichen des Klosterraums ihre Verse rezitieren, während einige der Novizen noch darum kämpfen, überhaupt wach zu bleiben. Mit mühsam geöffneten Augen verteilen die Buben zwischendurch Buttertee aus riesigen Aluminiumkannen und Tsampa, geröstete Gerste – nicht nur an die Mönche, auch die Gäste dürfen am morgendlichen Mahl teilhaben.

Kloster Thikse, Morgenpuja

Kloster Thikse, Morgenpuja

Eine, manchmal sogar zwei Stunden dauert die Puja. Als Tourist lehnt man sich am besten zurück, lässt sich von der Monotonie der Gesänge mitreißen und beobachtet das Zeremoniell. Dass sich nicht alle Besucher daran halten, gehört auch dazu. Meist sind es Gruppen chinesischer Busreisender, die mit großem Getöse mitten in die Meditation platzen, sich alles andere als dezent unter die Mönche mischen und sie mit ihren Objektiven ins Visier nehmen. Die Mönche selbst versuchen, ruhig zu bleiben und sich in ihrem Gebet nicht stören zu lassen. Und üblicherweise endet der Spuk auch schon nach einigen Minuten – wenn die Gruppe genügend Aufnahmen gemacht hat und sich zum nächsten touristischen Hotspot aufmacht. Dabei lohnt es sich durchaus, sich das Kloster näher anzusehen. Unter anderem wegen einer besonders schön gearbeiteten Buddha-Statue, die sich in einem Seitentempel auf zwei Stockwerke erstreckt. Wegen der grandiosen Aussicht über das Industal. Und nicht zuletzt wegen der Klosteranlage selbst. Mächtig thront das Hauptgebäude auf einem Hügel, davor finden sich unzählige Mönchswohnungen und Chörten – die lokalen Varianten buddhistischer Stupas. Zweifellos eines der lohnenswertesten Fotomotive der Region.

Etwa drei bis vier Tage nach der Ankunft sollte der Körper sich schließlich so weit an die Bedingungen in der großen Höhe gewöhnt haben, dass es mit dem eigentlichen Abenteuer Ladakh losgehen kann. Der Großteil der Besucher kommt schließlich hierher, um in den Bergen zu wandern. An diesem Punkt kommt auch wieder „langsam, langsam“ ins Spiel. Wenn Bergführer Thinles selbst wie eine Gams über die Steine zum 4600 Meter hohen Gyamsa La hochspringt – doch die westlichen Besucher mahnt, den Pass locker anzugehen. Für die Einheimischen gehört der Weg über die Berge zum Alltag. Viele können gar nicht anders, weil manche Dörfer anders nicht zu erreichen sind. Für Touristen ist dieses Tempo in der Regel nicht machbar. Was aber nicht besonders stört. Man hat es ja nicht eilig. Eine fünfstündige Wanderung auf den Berg entschleunigt ungemein. Doch bleibt die Euphorie dabei nicht auf der Strecke. Jeder bezwungene Pass wird gefeiert. Vor den Gebetsfahnen, die, vergleichbar den europäischen Gipfelkreuzen, an den höchsten Stellen angebracht sind, werden Fotos vom Gipfelsieg gemacht. Und irgendjemand aus der Gruppe stimmt immer den Ruf des Triumphs an: „Ki ki so so lha gyalo!“ Mögen die Götter siegen! Trekkingtouren gibt es in allen möglichen Variationen. Von Tagesausflügen aus Leh bis zum legendären Zanskar Trek, der Querung des Himalaja-Hauptkamms, die rund 17 Tage in Anspruch nimmt. Und auch noch einige Varianten dazwischen. Wobei es vor allem dort besonders spannend wird, wo es tatsächlich keine andere Möglichkeit gibt, als einen Ort zu Fuß zu erreichen. Das Dorf Lingshed etwa liegt auf rund 4000 Metern Seehöhe in einem Talkessel, der nur über einen etwa fünfstündigen Marsch erreicht werden kann. Rund 1000 Menschen wohnen hier in 80 Häusern und Höfen, leben vom Anbau von Gerste und Erbsen und halten Yaks und Ziegen. Das kulturelle Zentrum des Dorfes ist das Kloster Lingshed, in dem etwa 60 Mönche leben. Segnungen der Zivilisation wie Strom oder fließendes Wasser gibt es hier nicht, für größere Besorgungen ist jedenfalls ein längerer Fußmarsch nötig.

Christian Hlade, Gründer von Weltweitwandern

Christian Hlade, Gründer von Weltweitwandern

Meditative Begleitmusik. Zwar ist seit Längerem eine Straße nach Lingshed in Bau, doch endet sie noch an einem steilen Hang nahe des Passes Kiupa La in 4450 Metern Höhe. Von hier aus geht es nur noch zu Fuß weiter. Es ist fraglich, ob und wann dieses technisch schwierige Stück von hier über das Dorf Skiumpata nach Lingshed überhaupt fertiggestellt werden kann. Straßen sind allerdings zweischneidige Schwerter: Für die Dorfbewohner ist der Anschluss an die nächstgrößeren Ortschaften eine Erleichterung. Für den Wandertourismus, der für einen großen Teil der Einnahmen in Ladakh sorgt, geht ein Teil des Flairs verloren, den ein so abgeschnittener Ort hat.

Gerade das Fehlen jeglicher touristischer Infrastruktur macht den Reiz von Trekkingtouren aus: übernachten im Zelt unter dem klaren Sternenhimmel; in der Früh von einer vorbeiziehenden Schafherde geweckt werden; sich im eiskalten Wasser eines Gebirgsbaches waschen oder die verschwitzte Kleidung ausspülen; und nicht zuletzt auch die Möglichkeit, ganz für sich allein zu bleiben. Die ersten Tage wandert die Gruppe meist noch gemeinsam im Rudel, aufgeteilt höchstens durch die unterschiedliche Fitness. Während die sportliche Gruppe schon oben auf dem Pass (tibetisch: La) wartet, steigt eine mittlere erst den Kamm hinauf, während die Nachzügler noch mit der Ebene kämpfen. Doch nach einigen Tagen ist das Bedürfnis nach Unterhaltung nicht mehr allzu groß. Das Alleingehen wird attraktiver und das regelmäßige Klicken der Wanderstöcke auf dem Boden zur meditativen Begleitmusik. Auf den steilen Bergaufstücken gibt das Atemgeräusch den Rhythmus vor. Dabei wird der Kopf mehr und mehr frei. So mancher Gedanke, der sonst keine Chance hätte, wagt sich plötzlich aus den Ganglien hervor. Unterbrochen wird das meditative Versinken nur noch durch die eine oder andere Pause. Oder durch ein fröhliches „Julee“, das einem entgegengerufen wird. Von Einheimischen, die eine Schafherde die Wiese hinauftreiben. Aber auch von anderen Wanderern, denen man hier im indischen Himalaja begegnet. Julee, das ist der Gruß in Ladakh. Der lebensfrohe Ruf in einer lebensfeindlichen Umgebung, mit der sich die Menschen arrangiert haben.

Vergiss dein Handy, vergiss den Griff danach. „Langsam, langsam“ ist Thinles wieder zu hören. Er steht schon wieder weit oben am Hang, auf den sich ein Schotterweg in Serpentinen hinaufmäandert. Ja, langsam. Wahrscheinlich könnte man, da man jetzt schon an die Höhe gewöhnt ist, schneller gehen. Aber wozu? Es gibt keinen Grund zur Eile. Hier ist man weit weg vom Alltag, in Schluchten und zwischen Bergen sind die Gedanken überall, nur nicht daheim. Und selbst wenn man wollte, die Verbindung nach Hause wird nicht klappen. In Ladakh funktionieren lediglich einige wenige registrierte Handys. Internet gibt es nur vereinzelt in größeren Orten.

Christian Hlade und Thinless Stanzin

Christian Hlade und Thinles Stanzin

Der routinierte Griff zum Mobiltelefon kommt von Tag zu Tag seltener. Bis das Gehirn irgendwann begriffen hat, dass es nichts bringen wird. So bleiben die Hände auf den Wanderstöcken, während die Füße über die steinige Anhöhe auf den nächsten Pass zumarschieren. Oben wird Thinles gratulieren. Er wird gemeinsam mit der Gruppe für die Fotos posieren, mit einer Chörte im Hintergrund, um die lange Seile mit Gebetsfahnen gespannt sind.

„Ki ki so so lha gyalo!“ Mögen die Götter siegen. In diesem Moment fühlt man sich ihnen jedenfalls ein bisschen näher.


Info

Ladakh ist eine Region im indischen Bundesstaat Jammu und Kaschmir. Mit etwa 270.000 Einwohnern auf etwa 90.000 Quadratkilometern ist das Land äußerst dünn besiedelt. Allerdings täuscht diese Zahl, sind doch nur etwa 0,4 Prozent der Fläche in der Himalaja-Region tatsächlich bewohnbar. Wirtschaftliches und kulturelles Zentrum sowie wichtigster Verkehrsknotenpunkt ist die Hauptstadt Leh, die in 3500 Metern Höhe liegt. Erreichbar ist Leh am komfortabelsten per Flug von Neu Delhi.

Organisierte Wanderungen bietet neben anderen Reiseveranstaltern das Grazer Unternehmen Weltweitwandern in verschiedenen Längen und Schwierigkeitsgraden an – vom 18-tägigen Kultur & Wandern ohne Zeltnächte bis zum 29-tägigen großen Zanskar-Trek. Infos: www.weltweitwandern.at/ladakh

Beste Reisezeit: Juni bis September.

Compliance-Hinweis: Die Reise des Autors wurde von Weltweitwandern finanziert.
(“Die Presse”, Schaufenster-Ausgabe, 10.06.2015)

Leute, die beim Gehen ein Buch lesen

Real book statt Facebook – die wandelnden Handyzombies erfahren eine Gegenbewegung.

Beim Gehen geradeaus zu schauen ist ja ohnehin schon exotisch. In der Regel ist der Blick auf ein Display irgendwo zwischen Augen- und Beckenhöhe gerichtet. Nur gelegentlich scannen die Augen hektisch die Umgebung, um etwa dem plötzlichen Angriff eines Halteverbotsschilds auszuweichen oder in der Mariahilfer Straße nicht von einer Todeskante in den Höllenschlund zu stürzen. Cineasten fühlen sich beim Schritttempo und der wankenden Zielsicherheit der Mobiltelefonwanderer ein wenig an George A. Romeros „Night of the Living Dead“ erinnert. Und jetzt stellen Sie sich einmal vor, Ihnen kommt irgendwo in der Neustiftgasse einer dieser Handyzombies entgegen: gebeugter Oberkörper, gesenkter Blick und die rechte Hand im rechten Winkel nach vorn gestreckt. Plötzlich hebt er die linke Hand – doch er macht keine Wischbewegung. Sondern blättert eine Seite in einem Buch um – Sie wissen schon, das ist dieses analoge Tablet, auf dem immer nur ein Roman Platz hat und für das man kein WLAN braucht.

Jedenfalls navigiert dieser lesende Analogzombie mit schlafwandlerischer Sicherheit durch den Slalomparcours aus Menschen, Hundekot und Verkehrsschildern – ganz genau, die Wege entstehen im Gehen, und die Stadt gehört dir. Vermutlich ist das ja wieder so ein Retro-Hipster-Ding, eine Gegenbewegung zum digitalen Mainstream, die schon bald zum kleinen Massenphänomen erhoben wird. Das dann natürlich auf andere Fortbewegungsarten ausgeweitet wird – warum nicht auch einmal ein Lesemarathon? Und schon malt man sich aus, was als Nächstes kommen könnte. Der tragbare Vinylplattenspieler für die Post-iPod-Generation vielleicht? Ein Festnetztelefon mit Kabelrolle für unterwegs? Dann kommt das Urban Stolpering über die vielen Telefonkabel – und irgendwann schauen wir beim Gehen vielleicht auch wieder, wohin wir gehen. Geht schon!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.06.2015)

Sag jetzt nicht, dass das „Sag jetzt nicht“-Sager sagen

Welche Bedeutungen sich hinter der Aufforderung verbergen können, jetzt etwas nicht zu sagen.

Sagen Sie jetzt nicht, dass ich immer nur über Phrasen schreibe. Aber die Kombination aus „Sag jetzt nicht, dass…“ und einem darauffolgenden „aber“ ist einfach zu schön, um nicht darüber zu schreiben. Sagen die „Sag jetzt nicht“-Sager doch gerade erst mit ihrem „Sag jetzt nicht“-Sager, was das Gegenüber sonst vielleicht nicht einmal gedacht hätte. Ein „Sag jetzt nicht, dass ich verfressen bin, aber ich habe Hunger“ kurz nach dem Essen ist in Wirklichkeit ein charmant verklausuliertes Eingeständnis: „Ich bin verfressen.“ Entzieht man dem „Sag jetzt nicht“ das „aber“, wird aus der Phrase ein ungläubiges Hinterfragen. „Sag jetzt nicht, dass das wirklich wahr ist“, verbunden mit schreckhaft geweiteten Augen, kennzeichnet den Punkt, an dem der „Sag jetzt nicht“-Sager realisiert, dass es wirklich wahr ist. Nimmt man dem „Sag jetzt nicht“ das „jetzt“ weg, lässt sich daraus eine Versicherung des eigenen Weitblicks zimmern – ein „Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt“ ist die erwachsene Variante des elterlichen „Du wirst schon sehen, was du davon hast“. Sagen Sie jetzt nicht, dass Sie das nicht auch nervig finden! Letzterer Satz wiederum ist ein hübsches Beispiel dafür, dass zwei Mal minus auch sprachlich ein Plus ergibt – und der Satz in Wirklichkeit ein imperatives Haschen nach Bestätigung ist: „Sag, dass du das nervig findest!“

Und dann gibt es auch noch die melodramatische Variante, die nur im Film vorkommt. Wenn die Hauptdarstellerin dem verdutzt schauenden Mann gerade ihre Liebe gesteht – und ihm danach sanft den Zeigefinger auf den Mund legt. „Sag jetzt nichts!“ Was wiederum das Klischee bedient, dass Männer in Gefühlsdingen nicht die richtigen Worte finden. Schließlich verbirgt sich dahinter die Aufforderung: „Sag jetzt nichts Falsches!“ Und sagen Sie jetzt nicht, dass Ihnen das nicht auch schon aufgefallen ist!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 01.06.2015)