Kampf dem Diminutiv

Ich kann es nicht mehr hören. Warum muss man in Wien immer auf ein Weinderl gehen? Wieso wird ständig vom Semmerl gesprochen? Und weshalb verlangt es äußerlich ganz normal wirkende Menschen plötzlich nach einem Papperl? In einigen Fällen mag es ja gerechtfertigt sein, zum Diminutiv, der Verniedlichungsform, zu greifen – etwa dann, wenn der große Bruder sich längst aus dem aktiven Sprachschatz verabschiedet hat. (Oder wissen Sie etwa, was eine Flinse sein soll? Und auch beim Stamperl bestehe ich nicht auf den Stamper.) In den meisten Fällen jedoch gibt man sich mit der übermäßigen Verwendung der Verkleinerungsform den Anschein der Infantili- oder Senilität. Ganz ehrlich, wie ernst kann man jemanden nehmen, der mit Freunderl auf ein, zwei Vierterl und ein Schweinsbraterl geht? Würden Sie diesem Mann ein Gebrauchtwagerl abkaufen?

Tun Sie mir einen Gefallen, versuchen Sie bei Ihrer Abendplanung Veranstaltungen mit der unseligen Endung -erl zu meiden. Zum Glück kommen die meisten Organisatoren gar nicht erst auf die Idee, im Schlosstheater Schönbrunn (19 Uhr) Das Zauberflöterl aufzuführen. Auch die Lange Nacht der Kircherl (www.langenachtderkirchen.at) bleibt uns gottlob erspart. Aber Vorsicht, es gibt Veranstaltungen, die nur auf den ersten Blick harmlos erscheinen: Bei Ein Gruss aus Wien – Wienerlied & Schlager im Waldmüllerzentrum (10, Haseng. 38) muss wohl mit erhöhter vom Weinderl geschwängerten Diminutiv-Glückseligkeit gerechnet werden. Da schaudert’s mich ein bisserl.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.06.2006)

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