George Clooney und Kate Moss trinken meinen Kakao

Traumdeutung mag ihre Berechtigung haben. Vermutlich lassen sich aus Träumen tatsächlich heimliche Wünsche oder Bedürfnisse herauslesen, die man sich im Wachzustand nie eingestehen würde. Und gelegentlich kann man tatsächlich ein Erlebnis, eine Angst oder eine schlechte Schlafposition dem Erträumten zuordnen. Doch manch nächtliches Drehbuch hinterlässt den Aufgewachten am Ende in einem Zustand völliger Konfusion.

Zuletzt etwa bei folgender Situation: Ich nehme in der U-Bahn Platz – und erblicke mir gegenüber Kate Moss und George Clooney. Nicht, dass die beiden in meinem Leben irgendeine Bedeutung hätten, aber herzlich willkommen in meinem Traum! Die beiden begrüßen mich wie einen alten Bekannten, und dann, dann hebt George Clooney mit spitzen Fingern eine Espressotasse in die Höhe. (Gut, wie ich auf diese Idee komme, hat eine gewisse Logik.) Ich dagegen registriere in diesem Moment, dass ich eine bereits geöffnete Packung Kakao in der Hand halte. (Auch das lässt sich aus der Realität ableiten.) Doch was dann geschieht, verwirrt mich dann doch. Denn bereitwillig tausche ich mein Göttergetränk gegen Clooneys schwarze  Koffeein bombe und beobachte, wie das Model und der Kaffeeschnüffler sich über mein Lieblingsgetränk hermachen. Spätestens an diesem Punkt stoße ich an meine assoziativen Grenzen. Versteckt sich in meinem Unterbewusstsein eine libidinöse Zuneigung zu ehemaligen Topmodels? Oder trage ich Verlustängste in Hinblick auf grau melierte Schauspieler in mir?

Letztlich würde ich mir trotz allem wünschen, dass dieser Traum Realität wird. Schließlich ist man außerhalb der Traumwelt nicht nur Passagier seiner Gedanken, sondern kann das Geschehen aktiv steuern. Die Konsequenz wäre dann ein böser Blick, ein Anspannen der Muskel um mein Getränk und der Satz: „Sicher nicht, Clooney, kauf dir deinen eigenen Kakao!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.11.2011)

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Das Zwerchfell, die Liebe und die Unterhose

Gegen kaum eine andere Plage gibt es ein derart großes Arsenal an Ratschlägen wie beim Schluckauf. Kaum tritt die reflektorische Kontraktion des Zwerchfells mit Unterbrechung durch plötzlichen Stimmlippenverschluss auf, kann man sich unterschiedlicher Tipps in der Anzahl aller umgebenden Personen sicher sein. Gleichzeitig ist allen Bekämpfungsmaßnahmen gemein, dass sich die Wirksamkeit indirekt proportional zur Auffälligkeit verhält. Das simple und dezente Anhalten der Luft zeigt etwa in der Regel keinerlei Wirkung. Umgekehrt ist es hocheffizient, wenn ein Begleiter dem Hicksenden die Finger in die Ohren steckt, ein zweiter dessen Nase verschließt und ein dritter dem armen Schlucker so lange aus einem Glas Wasser zuführt, bis er keine Luft mehr bekommt. Ähnlich effektiv soll Luftanhalten im Kopfstand wirken. Auch langem und innigem Küssen wird eine helfende Wirkung zugeschrieben – wenn auch in diesem Moment wohl keine allzu romantisierende.

Und doch gibt es sie, die hochwirksamen kleinen und unauffälligen Tricks. So wie damals, als ein alter Bekannter bei einem Freund und dessen Mutter zu Gast war. Im Lauf des Abends wurde zunehmend dem Wein zugesprochen, mit der Konsequenz, dass die 72-jährige Dame plötzlich zu hicksen begann. Peinlich berührt ob des Zwechfellaufstandes suchte sie ihr Heil zunächst in dezentem Aussetzen des Atmens, scheiterte damit aber ebenso wie mit kleinen Schlucken Wasser und dem Einrollen der Zunge. Schließlich setzte der alte Bekannte einen ernsten Blick auf, nahm die Dame an der Hand und fragte sie mit süßlichem Unterton: „Edith, welche Farbe hat deine Unterhose?“

Was soll man sagen, es hat funktioniert. Schade nur, dass der Überraschungsmoment mit der Unterwäsche nur ein einziges Mal funktioniert. Beim nächsten Mal wird er wohl die Dosis steigern müssen. Und Edith einen Heiratsantrag machen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.11.2011)

Von Namenszeilen und Danksagungen

Journalisten gelten gelegentlich als etwas selbstverliebte Geschöpfe. Dass darin ein Körnchen Wahrheit stecken könnte, lässt sich im redaktionellen Alltag daran beobachten, dass bei einem neuen Artikel häufig als Allererstes die Namenszeile eingetippt wird. Erst danach folgen kleine Beiläufigkeiten wie Titel, Vorspann und Fließtext. Nun muss man das aber nicht zwangsläufig als Akt des gelebten Narzissmus betrachten, es gäbe ja auch noch die Erklärung, dass man am besten mit dem Einfachsten anfängt. Und den eigenen Namen hat man im Normalfall relativ schnell in die Tasten geklopft, auch ist dafür im Regelfall keine ausgedehnte Recherche notwendig.

Im wissenschaftlichen Betrieb gibt es ein ähnliches Verhalten. Mit dem Unterschied, dass es nicht um die Nennung des Namens geht, sondern um die Danksagung. Auch die ist um einiges schneller erledigt als das mühsame Erstellen einer Forschungsfrage, das Aufstellen von Hypothesen oder empirische Arbeit. Natürlich, eine gewisse Konzentration ist trotz allem nötig, schließlich darf keine relevante Person vergessen werden – aber im Reigen von Eltern, Partnern, Freunden, Betreuern und Mithelfern ist die Recherche weitgehend überschaubar.

Allerdings sollte man darauf achten, dass Danksagungen nicht inflationär auftreten. Schließlich ist eine Proseminararbeit eher nicht das Lebenswerk, das man unter Tränen jemandem widmen muss. Bei Diplomarbeiten, Dissertationen oder ähnlich aufwendigen Werken sei der kleine Akt des Dankes aber ausdrücklich erlaubt – egal, ob man ihn am Ende des Arbeitsprozesses durchführt oder das Schreiben mit der entsprechenden Seite beginnt. Aus der Danksagung lässt sich aber möglicherweise auch einiges über die persönliche Einschätzung der Relevanz seines Werks durch den Autor herauslesen. Etwa dann, wenn sie nur aus zwei Wörtern besteht: „Für Hugo“.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.11.2011)

Nur der Gierschlund isst den Anstandsbissen auf

In manchen Regionen der Welt gilt es als schicklich, nicht den gesamten Tellerinhalt aufzuessen. Damit signalisiert man dem Gastgeber, dass man ausreichend gesättigt wurde und bringt ihn nicht in die Verlegenheit, zu wenig angeboten zu haben. In Österreich ist dieser sogenannte Anstandsbissen nicht sehr verbreitet. Hierzulande reagieren Gastgeber eher beleidigt, wenn der Teller nicht blitzblank sauber geschleckt wurde: „Was ist los, hat es dir nicht geschmeckt?“ Dementsprechend konditioniert arten Ausflüge in All-you-can-eat-Restaurants zu Orgien der Maßlosigkeit aus. Man will ja den Koch nicht beleidigen, indem man irgendetwas stehen lässt. Allerdings, so viel darf man verraten, die Küche gewinnt immer.

Running-Sushi-Restaurants in Österreich sind allerdings nicht unbedingt typisch für ihr Herkunftsland. Denn in Japan wird am kulinarischen Fließband häufig pro gegessener Portion gerechnet, jeder Teller kostet extra. Was den angenehmen Effekt hat, dass man sorgfältiger wählt und nicht so viel wie möglich in sich hineinstopft. Und doch gibt es in Japan Gaststätten, die eine À-la-carte-Abrechnung per Pauschale anbieten. Dort ist aber ein Sicherungsmechanismus eingebaut, der der (österreichischen) Mentalität à la „wenn ich schon bezahlt habe, esse ich auch viel“ einen Riegel vorschiebt. So kann man etwa aus einer überaus abwechslungsreichen Karte alle möglichen Sorten von Fisch mit und ohne Reis bestellen – allerdings nur bis zu 20 Stück davon. Erst wenn man die verdrückt hat, ist eine weitere Bestellung möglich. Und, besonders perfid – jedes nicht gegessene Stück, das in die Küche zurückwandert, bezahlt man nachher extra.

In Tokio siegte seinerzeit die Gier – am Ende landeten ein paar Portionen unauffällig unter dem Tisch. Und das Drücken im Bauch weckte die Erkenntnis, dass an der Sache mit dem Anstandsbissen vielleicht doch etwas dran gewesen wäre.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.11.2011)