Als Kurt Waldheim eine Frage nicht verstanden hat

Der häufigste redaktionelle Eingriff in ein Zeitungsinterview hat fünf Buchstaben, steht in Klammer und findet sich immer, wenn der Redakteur eine ironische Aussage des Gesprächspartners nicht einfach so stehen lassen kann. „Ich werde sofort zurücktreten“ (lacht) – bei derartigen Ansagen macht dieser kleine Einschub durchaus einen Unterschied.

Manche Gesprächssituationen lassen sich allerdings auch nicht durch eine in Klammer gesetzte Erklärung retten. So wie damals, als eine kleine Gruppe von Studenten der Politikwissenschaft im Rahmen eines Seminars über österreichische Außenminister ein Interview mit Kurt Waldheim führen durfte. Es war Mitte der Neunzigerjahre – jene Zeit, in der Josef Hader mit dem Programm „Privat“ durch die Lande tourte. Mit einem Gag, der sich durch das gesamte Programm zog: Ständig wollte der Teufel den armen Hader dazu bringen, „wer?“ zu fragen. Denn dann, so das Spiel, das Luzifer mit Hader spielte, würde er rufen „da Stoascheißer Koarl“. Und Haders Seele wäre auf ewig sein. Kein Wunder, dass man damals auch im alltäglichen Leben begierig darauf wartete, bis jemand „wer?“ fragte, damit man ihn „schießen“ konnte. Da musste man gar nicht mehr nachdenken. Der „Stoascheißer Koarl“ war längst zum Reflex geworden.

Was am Ende passiert ist, liegt auf der Hand. Da saßen also drei Studenten im Büro des Mannes, der von 1966 bis 1968 Außenminister, von 1972 bis 1981 Generalsekretär der Vereinten Nationen und von 1986 bis 1992 Bundespräsident Österreichs war. Und irgendwann stellte ein Kollege die Frage: „Wie war das damals mit den Terroranschlägen in Südtirol?“ Waldheim, damals schon an die 80 Jahre alt, verstand ihn nicht auf Anhieb. Und fragte nach: „Wer?“

Das Interview wurde übrigens nie abgedruckt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.06.2011)

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Der Polterabend als Geschäftsmodell

Tradition kommt vom lateinischen „traditio“ (Übergabe, Überlieferung) und bezeichnet die Weitergabe von Handlungsmustern, Vorstellungen und gelegentlich auch das Weitergegebene selbst – also etwa Bräuche, Sitten oder Konventionen. Manche Tradition hat in unserem Kulturkreis schon länger Tradition, andere werden erst durch die Inszenierung als Tradition zur Tradition gemacht. Zur ersten Kategorie zählt etwa das Weihnachtsfest, zur zweiten etwa der irische St. Patricks Day oder das aus dem amerikanischen Raum entlehnte Halloween. All diesen Traditionen ist wiederum gemein, dass es nicht lange dauert, bis Industrie und Handel das mehr oder weniger traditionelle Treiben als Geschäftsmodell entdecken.

Der Polterabend, andernorts auch Junggesellenabschied genannt, ist da keine Ausnahme. Von T-Shirts mit geschmackvollen Sprüchen à la „3, 2, 1 . . . Lebenslang“ oder „Time to Say Goodbye“ bis zu speziellen Polterpaketen im Stripclub reicht die Palette, dazu kommen Kollateralprodukte wie Handschellen oder süßlich-klebrige Alkoholika in kleinen Fläschchen, mit denen die Wirtschaft in absentia mitpoltert.

Ja, es schneiden viele mit, wenn ein Bräutigam durch die Innenstadt geschickt wird, um möglichst erniedrigende Dinge zu tun – etwa Zeitungen oder getragene Unterwäsche an unschuldige Passanten zu verkaufen. Wobei, so mancher Bepolterte läuft dabei zu einer nie da gewesenen Form auf und entpuppt sich plötzlich als großartiger Verkäufer, der älteren Damen oder jungen Pärchen mit begeistertem Lächeln fünf Euro für ein altes Kinderfoto aus der Tasche zieht. Und am Ende mit dem Erlös aus dem Verkauf von wertlosem Tand der halben Runde den Abend finanziert. Auch ein Geschäftsmodell. Gibt es eigentlich schon professionelle Polterer, die davon leben können?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.06.2011)

Triste Pasta in der Panne

Zugegeben, es ist nicht mehr rasend innovativ, sich über Fehler auf Speisekarten zu amüsieren. Andererseits sind es oft die ältesten Witze mit den längsten Bärten, die immer noch funktionieren – wer etwa bei „Die unabsichtliche Entführung der Frau Elfriede Ott“ laut loslachte, als Angelika Niedetzky gegen einen Laternenpfahl rannte, weiß, was gemeint ist. Und natürlich ist es unfair, sich über migrationsbedingte Lücken in den Sprachkenntnissen kulinarischer Fremdversorger lustig zu machen. Aber wenn der Grieche ums Eck auf der Tafel vor dem Lokal die lateinische Schrift ein wenig zu ungenau trifft und man nicht so recht weiß, welche Spezialität sich hinter „Speib mit Reis“ versteckt, dann hat das schon wieder etwas. Glaubhaft überliefert wurde auch der „Kartoffelkretin“. Fast schon zu gut, um real zu sein, ist hingegen die „Erdbeerpole“.

Jenseits des Pruhaha fühlt man sich aber erst, wenn der Verschreiber eine Situation offensichtlich und treffend beschreibt. Wenn etwa der Reis der Paella trocken, die Fische darauf roh, die Paprikaschoten dafür verbrannt sind. Dann wirkt die Erklärung „Pannengericht“ in der Karte fast schon sympathisch.

Und schließlich war da auch noch diese Pizzeria in der Steiermark, die unter dem Namen „Tres di Pasta“ (nein, da ist noch kein Fehler!) drei verschiedene Nudelsorten mit drei Saucen im Angebot hatte. Die Rigatoni waren hart, die Fusilli zerkocht, die Spaghetti eingetrocknet. Und die drei Saucen verschwammen auf dem Teller zu einem weitgehend geschmacksneutralen Brei. Ein Mahl jedenfalls, bei dem man auf das „Hat’s geschmeckt“ nicht vornehm schweigen kann. Eventuelle böse Worte blieben dann aber doch aus – dank der Selbsterkenntnis des Wirtes. Auf der Rechnung stand boniert: „Triste Pasta“.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.06.2011)