Babylonische Kussverwirrung

Treffen in einer größeren Runde sind anstrengend. Die Begrüßung, nämlich. Da ist die eine Freundin, die man schon seit immer mit einem Kuss auf den Mund begrüßt. Da ist die andere, mit der einmal links, einmal rechts an der Wange ein Begrüßungsbussi angedeutet wird – ob dabei nur die Backen aneinandergerieben werden oder mit dem Mund ein Schmatzgeräusch erzeugt wird, muss dabei natürlich auch noch bedacht werden. Bei der nächsten findet das Backenreiberitual dreimal – links-rechts-links – statt („In Bosnien macht man das so!“), die übernächste möchte wieder nur mit zwei angedeuteten Wangenkontakten begrüßt werden, dafür mit der rechten Seite zuerst, so wie daheim in Südtirol. Gut, die eine, die zwar die Wange hinhält – „aber immer nur eine, zweimal ist so unverbindlich!“ – ist diesmal nicht dabei. Dafür die eine aus Deutschland, wo man einander nur die rechte Hand über die Schulter legt und Köpfe und Oberkörper ein wenig zusammensteckt, ohne dabei die Lippen zu schürzen oder die Wangen in allzu intensiven Kontakt kommen zu lassen.

Die babylonische Grußverwirrung geht aber auch noch bei der Frage weiter, was die Hände bei der ritualisierten Begrüßungszeremonie machen. Gibt man einander beim Wangenkuss die Hand, legt man sie dabei auf die Schulter, um die Hüfte – oder lässt sie einfach teilnahmslos zu Boden hängen? Was soll die linke Hand inzwischen tun? Und dann bleibt noch die Frage: Wie möchten all jene begrüßt werden, mit denen ein Aneinanderreiben der Köpfe (noch) nicht angemessen wäre? Die Hand geben? Wenn ja, fest zudrücken oder nur andeuten? Soll man dabei auch noch eine Schüttelbewegung vollziehen? Und reicht in manchen Fällen nicht einfach nur ein angedeutetes Winken? Ein kurzes Nicken? Oder einfach ein Lächeln? Es wird langsam Zeit für eine EU-Norm, scheint es. In diesem Sinne, küss die Hand!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.01.2013)

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Heute feiern wir den „World Unwanted Body Touch Day“

Kevin Zaborney hatte eine Idee. Da die Menschen im Jänner jahreszeitenbedingt auf einem emotionalen Tiefpunkt waren, rief der amerikanische Pfarrer im Jahr 1986 den „National Hug Day“ ins Leben. Und wie so viele artifizielle Feiertage landete der Spaß irgendwann auch in Europa und geistert seither – von der Öffentlichkeit weitgehend unbemerkt – als „Weltknuddeltag“ durch die Medien. „Knuddeln“– schon allein das Wort reicht aus, um jegliches Wohlgefühl im Keim ersticken zu lassen. Soll dieser Tag hierzulande auch nur annähernd eine Chance auf Akzeptanz haben, müsste es schon „kuscheln“ heißen.

Aber es scheitert nicht nur an der Wortwahl – denn Umarmen ist schließlich mit Körperkontakt verbunden. Und der ist im öffentlichen Raum maximal eine unangenehme Nebenerscheinung. Schon allein in der U-Bahn vom Oberarm am Nebensitz gestreift zu werden schafft Beklemmung. Der Mittelsitz auf einer Dreierbank im Flugzeug wird zur Doppeloberarmhölle. Und auf einem Stehplatz im 13A hat man ohnehin täglich seinen „World Unwanted Body Touch Day“. Da braucht es nicht am 21.Jänner noch einen Feiertag, an dem man das auch noch absichtlich macht!

„Kuscheln kann helfen, Stress abzubauen, Angst und Furcht zu verringern“, lässt das Zentrum für Hirnforschung der Medizinischen Universität Wien per Aussendung zum „National Hug Day“ wissen. Es habe dämpfende Wirkung auf den Blutdruck, fördere das Wohlbefinden und die Gedächtnisleistung. Aber, schränken die Experten auch ein, das gelte nur bei Personen, mit denen es ein gegenseitiges Vertrauensverhältnis gibt. Sonst werde der Körperkontakt als emotionale Belastung empfunden, als Stress. Gut, dafür hätte es kein Medizinstudium gebraucht. Aber die Conclusio ist eindeutig: Dieser seltsame Brauch aus Amerika wird sich bei uns sicher nie durchsetzen. Genauso wenig wie dieses Halloween…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.01.2013)

Uninformierte Uniformierte

Das Ende der Heerlichkeit ist nahe. Am Sonntag wird sich entschieden haben, ob die Präsensdiener in Zukunft der Vergangenheit angehören. Bis dahin bleibt noch ein wenig Zeit, um all die bisher uninformierten Uniformierten und Ununiformierten von den heeren Zielen der jeweiligen Parteien zu überzeugen. Brauchen wir weiter Grundwehrdiener vieler Herren oder dürfen die Offizierpflanzen künftig nur mehr an professionell ausgebildete und bezahlte Soldaten appellieren, zum Appell zu erscheinen? An wem sollen sich junge Rekruten ein Flaggenparadebeispiel nehmen? Wer wird künftig darüber lachen, wenn Zugsführer verbal entgleisen? Wird sich der Brauch halten, nach Dienstschluss noch auf einen Sprung in den Brigadiergarten zu gehen? Sollte es einen Heerespersonalabbau geben, muss dann hohen Offizieren eine Generalimente gezahlt werden? Und wie würde der Daraboss das seinen Untergebenen mitteilen? Fragen über Fragen, die uns noch ein paar Tage beschäftigen werden. So wie auch die jahreszeitenbedingte Frage, wie denn das mit einem Berufsheer wäre – würde dann der eine oder andere Wetterdienst (oder so manches Medium) bei Schneefall immer noch General Winter ausrücken lassen?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 16.01.2013)

Andreas Gabalier rettet die Welt

Der Volksmusiker wird Analyst für ein Skirennen. Ein Modell, das im ORF Schule machen sollte.

Andreas Goldberger beim Kokommentieren zuzuhören ist eine Freude. „Ich freu mich schon auf…“ steht am Beginn eines jeden zweiten Satzes, gefolgt von einem Ereignis, dessen Goldberger in offensichtlich freudiger Erwartung harrt. Sei es nun eine Sportveranstaltung, bei der er als Testimonial arbeitet, sei es sein nächster Sprung von der Schanze mit der Helmkamera, oder sei es einfach nur der nächste Österreicher im Starterfeld. Abgeschlossen wird die Ode an die Freude mit einem „Das wird sicher super!“.

Für den Damenslalom in Flachau hat der ORF nun einen weiteren Experten aus dem Hut gezaubert, der als Ko-Kommentator dem Publikum erklären wird, wessen es auf dem Schirm gerade gewärtig wird: Neovolksmusiker Andreas Gabalier feiert seine Premiere als TV-Analyst. Ein bisschen dürfte der Sänger dabei schon von Goldberger gelernt haben: „Ich freue mich schon sehr darauf“, verkündet der laut Eigenangaben „begeisterte Skifan“. Und damit er dem Publikum einen Mehrwert bietet, wird er sich auch akribisch auf das Event vorbereiten. „Ich werde mir die Startaufstellung anschauen, damit ich über alles informiert bin und dann auch mitreden kann.“ Na, freut sich der sportbegeisterte Fernseher, dann wird das sicher super.

Man erinnert sich an Sternstunden der Sportübertragung, als etwa einst bei einer Fußballgroßveranstaltung Serge Falck ein Spiel der belgischen Mannschaft im Studio analysieren durfte – warum nicht, wurde der Schauspieler schließlich in Belgien geboren. Aber warum immer nur im Sport? Quereinsteigende Analysten ließen sich auch in anderen Sendungen unterbringen. Karel Gott könnte ja in der „Orientierung“ über den Zölibat philosophieren. Also ich freu mich schon drauf. Das wird sicher super.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.01.2013)

Bitte seien Sie achtsam, der Spalt wird zur Popkultur!

Gibt es eigentlich eine Statistik, wie oft Benutzer der U-Bahn in den Spalt zwischen Bahnsteig und U-Bahn-Tür tappen? Und wenn ja, lässt sich seit Einführung der neuen Ansagen mit neuer Stimme in den Wiener U-Bahnen ein signifikanter Rückgang dieser Zwischenfälle feststellen? Schließlich wird seit Anfang Dezember regelmäßig auf diese einen Zwischenraum bildende, schmale, längliche Öffnung und die von ihr ausgehende Gefahr hingewiesen.

Aber abgesehen davon, dass die Botschaft aus den Lautsprechern das Leben in der Stadt wohl nur bedingt sicherer macht, muss man den Wiener Linien dennoch gratulieren. Denn für die Ermahnung zur Aufmerksamkeit das Wort „achtsam“ zu verwenden, lässt das sprachinteressierte Herz höherschlagen. Wie viel banaler hätte man es ausdrücken können – „Seien Sie vorsichtig!“, „Passen Sie auf!“, „Achtung, Türspalt“. Nein, man hat „Bitte seien Sie achtsam!“ aus dem Sprachlabor des vernachlässigten passiven Wortschatzes Wiens gekramt. Und damit eine Formel geschaffen, die zum Teil der Popkultur werden könnte.

Ähnlich wie beim Londoner Gegenstück „Mind the gap“ wird es wohl nicht mehr lange dauern, bis der Spruch auf T-Shirts, Aschenbechern und ähnlichem touristischem Tand zu lesen sein wird. Ähnlich wie die „Unschuldsvermutung“ wird der Sager zum medialen Dauerbrenner, der bei jeder passenden oder unpassenden Gelegenheit angebracht wird. (Bei einer Analyse des Wirtschaftswachstums etwa in Form von: „Bitte seien Sie achtsam, aus Spargründen wurde das Licht am Ende des Tunnels ausgeschaltet!“) Und vermutlich arbeitet DJ Ötzi sogar schon an einer skihüttenkompatiblen Variante des Spruchs, die beim Abfahrtswochenende in Kitzbühel live präsentiert wird. „Bitte seien Sie achtsam! Uh! Ah!“, oder so. Und das alles nur wegen dieses kleinen Spalts… Wie war das noch mal mit der Statistik?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.01.2013)