Vor dem Alzerl ist nach dem Alzerl, aber nur um ein Alzerl

Wer ein Äutzerl in den Mund nimmt, weiß meist gar nicht, wo es vorher schon überall gesteckt hat.

Die Alz ist der Abfluss des Chiemsees. Sie mündet nach 63 km bei der Alzspitze, etwa 2,5 km nordwestlich von Marktl, in den Inn. Sollte dieses bayerische Fließgewässer einmal nur wenig Wasser führen, könnte man doch das Diminutiv auspacken und ein Alzerl daraus machen. Ha, das Wort kennt man als Ostösterreicher! Allein, diese Assoziation ist ein etymologischer Trugschluss. Zurück zum Start. Denn vor dem Ratespiel ist nach dem Ratespiel. Das ist übrigens auch so eine Redewendung, die man eigentlich bleiben lassen könnte – in die eine wie in die andere Richtung. Nach dem Klo ist vor dem Klo, oder so. Bevor man diese abgegriffene Phrase auspackt, sollte man vielleicht ein Alzerl länger über eine Alternative nachdenken. Oh, da war es schon wieder. Also gut, woher kommt das Wort? Nun, in Wien sagt man ja eigentlich Äutzerl, also wäre der erste Schritt, sich einen Autz vorzustellen, den man dann verkleinern kann. Allein, der steht seit geraumer Zeit mit grimmigem Blick vor der Tür und weigert sich, in die Denkstube zu kommen. „Es gibt mich gar nicht“, jammert er. Und auch Eitz und Eutz schütteln bedauernd den Kopf – die bildet man sich nämlich auch nur ein.

Also landet man am Ende doch wieder beim Alz. Der hat es sich gerade auf einem Schuhleisten bequem gemacht und beginnt, mit italienischem Akzent zu sprechen. Er heiße eigentlich Alzo, erzählt er, und sei ein Stück Leder, das den Schuh ausfüllt. Als sprachlicher Einwanderer habe er es im Deutschen zum Alz gebracht, einer Lederauflage auf den Schuhleisten. Und da er so klein sei, habe man eben das Alzerl aus ihm gemacht. O dio mio! Zwar verwende ihn jeder, klagt er, doch will er einmal einen Tisch reservieren, steht auf dem Kärtchen dann immer „Äultzerl“, „Eitzerl“ oder ähnlicher Unfug. Apropos Unfug, diese Geschichte stimmt wirklich. Na ja, zumindest steckt ein Alzerl Wahrheit drin . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.10.2017)

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Wenn etwas einen Nasenrammel kostet

Noch etwas Geld flüssig zu haben ist nicht bei jeder Zahlungseinheit ein schöner Gedanke.

Alle reden über Bitcoin. Aber können Sie auf Anhieb sagen, wie viel Bitcoin ein Viertelkilo Butter kostet? Wenn es nach Angebot und Nachfrage geht, vermutlich mehr als in den frühen 1980er-Jahren, als die landwirtschaftliche Überproduktion Begriffe wie Butterberg und Milchsee hervorbrachte. Nur dass es damals halt noch keine Kryptowährung gab. Dafür kannte man andere Währungseinheiten, die im digitalen Zeitalter aber offenbar an Attraktivität eingebüßt haben. Den Nasenrammel, zum Beispiel. Dieser Dialektbegriff für getrocknetes Nasensekret war vor der Einführung des Euro noch ein beliebtes Zahlungsmittel. Und stabil war er auch noch, immerhin kostete – Inflation hin oder her – über Jahrzehnte hinweg alles immer nur einen Nasenrammel. Zwei Nasenrammel fünfzig oder dergleichen tauchten im Gespräch mit dem Verkaufspersonal nie als Preisauskunft auf. Dafür bekam man aber auch nie Wechselgeld. Detail am Rande: Interessanterweise verliert der Gedanke, Geld flüssig zu haben, bei dieser Zahlungseinheit massiv an Attraktivität. Da können Sie noch so viel Rotz und Wasser heulen. Und – Spoiler, einmal wird es noch grauslich – die alte indianische Weisheit, dass man Geld nicht essen kann, bewahrheitet sich hier auch nicht. Wenn Sie mir nicht glauben, googlen Sie doch einmal den Begriff Mukophagie.

Vermutlich leitet sich von diesem Zahlungsmittel für besonders preiswerte Dinge ja auch der Spruch ab, dass man einen guten Riecher für Geld hat. Oder auch, dass Geld nicht stinkt. Verständlich, dass man da beim Nasenbohren gelegentlich in eine regelrechte Goldgräberstimmung verfällt. Aber, um dieses Missverständnis gleich zu beseitigen: „Ich habe die Nase voll“ bedeutet mitnichten, dass man reich ist. Falls Ihnen das jemand erzählt haben sollte, hat er sie vermutlich einfach nur an der Nase herumgeführt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.10.2017)

Die Walking Dead von Simmering und Kapfenberg

Warum wird immer wieder ein Fußballspiel zur Beschreibung aktueller Ereignisse ausgegraben?

Unsterblichkeit kann mit der Zeit ein bisschen langweilig werden. Besonders, wenn es um unsterbliche Redewendungen geht. Sie wissen schon, wer das erste Mal Herz auf Schmerz gereimt hat, war ein Genie. Spätestens, wenn die Wortkombination allerdings auf Zierpölster gestickt oder als geflügeltes Wort in Schlagertexten auftaucht, sind wir bei den sprachlichen Walking Dead angelangt. Ein solcher Zombie schleicht auch regelmäßig zwischen dem Südosten Wiens und dem Gerichtsbezirk Bruck an der Mur herum – und sabbert jedesmal glücklich, wenn irgendwo jemand eine besonders harte Auseinandersetzung mit dem Fußballmatch Simmering gegen Kapfenberg („Das nenn‘ ich Brutalität!“) beschreibt. Dieses Spiel der Staatsliga A vom 27. Oktober 1956, das Helmut Qualtinger in seiner Rolle als Travnicek in den Rang des geflügelten Worts erheben sollte, gehört zur Grundausstattung des österreichischen Zitatenschatzes – etwa in einer Liga mit „Es war sehr schön, es hat mich sehr gefreut“. Kann man schon verwenden, nur ist es halt ein bisschen dings.

Nicht ganz so historisch, aber mittlerweile auch schon auf dem Weg in das sprachliche Reich der lebenden Toten, ist das erstaunte „Kannst du nicht erfinden“, um eine skurrile Auflösung eines wahnwitzigen Sachverhalts zu kommentieren. Immerhin, das vor einigen Jahren so aktive „Wie geil ist das denn?“ hat sich offenbar seiner Sterblichkeit besonnen und verhält sich ruhig. So wie auch „das größte Comeback seit Lazarus“. Sehr präsent im Wahlkampf war zuletzt dagegen „House of Cards für Arme“. Da war (liebe Zitatenjäger, stimmt das?) wohl Christian Kern schon 2016 rund um die Ablöse Werner Faymanns als Kanzler der kreative Wortschöpfer. Ob sich das auch so lange halten wird wie die Brutalität der Simmeringer und Kapfenberger Fußballer? Nun, die Botschaft hör ich wohl, allein mir fehlt der Glaube.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.10.2017)