Geht’s uns allen gut, geht’s uns allen gut!

Die Österreicher sind ein konjunktivistisches Volk. Zumindest ist die Möglichkeitsform so etwas wie die österreichische Form der Wirklichkeit. Ablesen lässt sich dies im Sprachgebrauch, wenn der Konjunktiv an Stellen auftaucht, an denen er absolut nichts verloren hat. „Ich wäre dann da“ verliert seinen Sinn, wenn sich die diesen Satz artikulierende Person tatsächlich bereits am besprochenen Ort befindet. „Ich hätte etwas . . .“ ist bei Menschen, die tatsächlich etwas haben, völlig fehl am Platz. Und „Es wäre wegen . . .“ versucht auch nur, eine Aufforderung in sprachliche Zuckerwatte zu verpacken. Vom „Hättiwari“ wollen wir gar nicht erst anfangen. Auf der anderen Seite fehlt der kategorische Konjunktiv gelegentlich genau dort, wo man ihn bräuchte. Wenn etwa in Zeiten der Krise postuliert wird, dass es uns gut geht, solange es der Wirtschaft gut geht, insinuiert das in der österreichischen Logik ja, dass derzeit ohnehin alles in Ordnung ist. Oder klänge ein „Ginge es der Wirtschaft gut, ginge es allen gut“ zu sehr nach einem negativen Befund oder gar nach einer Selffulfilling Prophecy? Abgesehen davon sind Sprüche wie dieser aber nichts als pure Mutmaßung, wer immer ihn auch auf sich anwendet, sei das nun die britische Königin – „Goes it the queen good, goes it us all good“ (sorry, musste sein) – oder eben die in einen einzelnen Begriff gesteckte Gesamtheit aller Einrichtungen und Handlungen, die der planvollen Deckung des menschlichen Bedarfs dienen. Auf die Spitze getrieben könnte man vermutlich sogar aus dem Wohlbefinden afrikanischer Rhinozerosse – nicht Rhinozerösser, übrigens – einen wohltuenden Effekt für den österreichischen Normalverbraucher ableiten. Letztlich gibt es nur eine derartige Gleichung, die nie in Gefahr geriete, falsifiziert zu werden: „Geht’s uns allen gut, geht’s uns allen gut!“ Punkt. Wobei, in Österreich würde man das wohl auch im Konjunktiv sagen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.06.2012)

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Walking in a Winter Wonderland

Vielleicht treiben Sie gerade auf einer Luftmatratze über die Alte Donau, vielleicht sitzen Sie mit einem Glas eiskalter Limonade auf dem Balkon oder packen gerade den Korb für ein Picknick im Augarten. Es sind Momente, in denen man sich wohlfühlt, Momente des Genusses, die man am liebsten bis in die Ewigkeit ausdehnen würde. Doch es ist eine trügerische Ruhe, es ist die Ruhe vor dem Sturm. Denn schon am Donnerstag steht die Sonne genau über dem Wendekreis. Soll heißen, ab dann werden die Tage wieder kürzer. Für unzählige Menschen ist das das Zeichen, um in die Mid-Year-Crisis zu verfallen. Denn plötzlich ist absehbar, dass vielleicht gar nicht mehr so viele Tage kommen werden, an denen man abends nur mit T-Shirt im Freien sitzen kann. (Es gibt ja Menschen, die behaupten, dass es in Ostösterreich im ganzen Jahr nur maximal zehn solcher Tage gibt, aber das nur nebenbei.) Natürlich, der eine oder andere Badetag wird sich schon noch ausgehen, ein paar schöne Momente werden schon noch drinsein. Doch im Grunde ist man sich bewusst, dass es bergab geht. Dass der Herbst kommt. Schon bald werden die Heurigen wieder Sturm ausschenken. Es wird auch nicht mehr lange dauern, bis die ersten Maronibrater ihre Holzhütten und Öfen wieder aus dem Lager holen. Und ehe man sichs versieht, strecken den unbedarften Einkäufern im Supermarkt schon Lebkuchen und Weihnachtskekse ihre winterliche Fratze entgegen.

Ein lächerlicher Gedanke? Mitnichten! Aber wiegen Sie sich ruhig weiter in Sicherheit, treiben Sie nur weiter auf Ihrer Luftmatratze, trinken Sie einen Schluck eiskalter Limonade oder packen Sie Ihren Picknickkorb. Aber wenn die Blätter zu Boden fallen, ein Schneesturm über die Stadt hinwegfegt und Sie bibbernd vor Kälte „Walking in a Winter Wonderland“ vor sich hinflüstern, dann sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.06.2012)

Zu Gast im Eissalon zum griesgrämigen Luciano

Luciano bimmelt mit seiner Glocke, wenn er mit seinem Eiswagen in die Straße einbiegt. Die Kinder lassen ihre Spielsachen fallen und laufen zum Eisverkäufer, der gerade den Fensterladen seines Gelatomobils öffnet. Und am Ende stehen auf der Straße der begrünten Vorstadtsiedlung Dutzende lachende Kinder, die an ihrem Eis schlecken – während Luciano mit einem freundlichen Augenzwinkern wieder seinen Wagen besteigt und ihn in Richtung Sonnenuntergang lenkt. Vielleicht laufen ein paar Kinder auch noch winkend hinterher. Das ist sie, die romantisch-idealisierte Vorstellung eines Eisverkäufers.

Die Realität hat damit nicht wahnsinnig viel zu tun. Schon gar nicht, wenn man an einem sonnigen Tag den bekannten Eissalon am Wiener Lugeck frequentiert. Dort muss zunächst durch eine Traube von Menschen, die ihr Eis unbedingt genau im Türbereich verspeisen müssen, der Zugang zur Theke erkämpft werden. Um dort einem griesgrämigen Luciano, Pietro oder Adriano gegenüberzutreten, dessen Mimik zwischen Sylvester Stallone und hungrigem Rottweiler oszilliert. „Prego“, erschallt der genervte Kampfruf aus dem Chor der Gelato-Mafiosi, wobei der Tonfall an ein militärisches Kommando zum sofortigen Rückzug erinnert. Und wehe, man nennt nicht auf Anhieb stakkatoartig die drei gewünschten Sorten – denn dann schaufelt der Caporale einfach eine beliebige Eissorte seiner Wahl auf die Waffel.

Kritik, dass man eigentlich kein Malagaeis bestellt hat, wird im schlechteren Fall überhört. Im besseren Fall klatscht die Eiskugel mit einem etwas zu offensichtlichen Seufzen zurück in die Kühltruhe. Die Eistüte wandert über die Theke, die Münze verschwindet in der Kassa. Und während man noch nach einem dieser hygienisch in einer Schüssel gelagerten Plastiklöffel fingert, hört man Luciano schon wieder genervt „Prego“ schreien. „Grazie“ hat er noch nie gesagt…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.06.2012)

Das Gebäck zum Frühstück kostet extra

Eigentlich hätte man nur die Karte genau lesen müssen. Da steht ja eh eindeutig, dass das Wiener Frühstück aus einer Portion Butter, einem Glas Marmelade (oder Honig), einem weichen Bio-Freilandei und einem Heißgetränk à la Tee, Kaffee oder heißer Schokolade besteht, das Ganze um genau sieben Euro. Dann hätte man sich nicht wundern müssen, dass die Rechnung plötzlich einen Betrag von 9,40 Euro aufweist. Logisch, eigentlich – und doch ein kleiner Kulturschock im Traditionscafé auf dem Karlsplatz: Das Gebäck zum Frühstück kostet extra.

Der Aufschrei der Konsumentenschützer wäre nun eine Reaktion – dass nämlich die Speisekarten von Wiener Kaffeehäusern ähnliche Fallstricke enthalten wie Verträge mit Mobilfunkanbietern. Der würde allerdings verhallen, schließlich steht es ja nicht einmal kleingedruckt in den AGB der Frühstückskarte versteckt, sondern ist gut sichtbar: Ein Stück handgemachtes Gebäck kostet 1,20 Euro. Punkt. Dass sich der unbedarfte Kaffeehausbesucher unter einem Wiener Frühstück ein Gesamtpackage vorstellt, in dem bereits ein, zwei Semmeln enthalten sind? Nun, das ist wohl einfach eine romantische Vorstellung, die sich mittlerweile überlebt haben dürfte. Wir sind ja in einem Wiener Kaffeehaus und nicht beim Running Sushi!

Eine mögliche zweite Reaktion auf das Gebäckdilemma mag etwas Radikales haben, aber sie ist um einiges eleganter – und wird mit Sicherheit für Aufsehen sorgen: Man nippt am Kaffee, löffelt das weiche Ei aus der Schale, leckt das Marmeladeglas aus und lässt schließlich als Höhepunkt den Würfel Butter langsam auf der Zunge zergehen. Wenn der Kellner, der am Ende den unberührten Gebäckskorb abserviert, einen verdutzten Blick aufsetzt, dann soll das nun wirklich nicht unser Problem sein. Dass zu einem Wiener Frühstück auch Gebäck gehört, ist schließlich eine romantische Vorstellung, die sich mittlerweile überlebt hat.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.06.2012)