Als Franz Kafka eine U-Bahn-Station plante

Jemand musste Josef K. verleumdet haben, denn ohne dass er etwas Böses getan hätte, wurde er eines Morgens in die U-Bahn-Station Volkstheater gestellt. Genau, das ist jene Station, die Franz Kafka erdacht haben könnte, wäre er nicht Autor gewesen, sondern Architekt. Denn der dreigeschoßige, unterirdische Kreuzungsbahnhof wirkt mit seinem weitverzweigten Gewirr unübersichtlicher Räume wie aus dem „Prozess“ oder „Schloss“ entlehnt. Da sind die unzähligen Ein- und Ausgänge, die quer über die Ränder von erstem und siebentem Bezirk verstreut worden sind – und vor jedem davon steht zumindest ein Unglücklicher, der sich bei der Station Volkstheater verabredet hat und sich nun versetzt wähnt, während dessen Verabredung an einem der anderen Eingänge das gleiche Schicksal erleidet.

Welchen Eingang in das Kellergewölbe man auch wählt, um hinabzugelangen – es ist immer der falsche. „Da die Seitenbahnsteige der U2-Station Volkstheater nur ein Geschoß unter dem Straßenniveau liegen, ist die Entscheidung, in welcher Fahrtrichtung man mit der Linie U2 fahren will, bereits an der Oberfläche zu treffen“, warnen die Wiener Linien bereits in bestem Bürokratendeutsch. Doch damit nicht genug – wer von der Burggasse aus zur U2 Richtung Aspernstraße will, wird erst bergab gejagt, nur um gleich wieder bergauf fahren zu müssen. Besonders bedrohlich wirkt dieses Labyrinth undurchsichtiger Verhältnisse dann, wenn eine der Rolltreppen nicht in Betrieb ist – was häufig vorkommt – und die Fahrgäste über dunkle Treppenhäuser, vorbei an verwaisten Schaukästen, ihren Weg zu den Bahnsteigen finden müssen.

Das vergebliche Streben ist ein Hauptmotiv in Kafkas Arbeiten, das Scheitern an einer unzugänglichen höheren Macht durchzieht sein Œuvre. Hier kann man es täglich erleben. Schade, dass sein Romanfragment „Das Volkstheater“ heute als verschollen gilt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 26.11.2012)

Advertisements

Hier fängt die Geschichte an

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Kann eine Geschichte noch besser beginnen als Franz Kafkas „Die Verwandlung“? Nun, einige Unverbesserliche werden jetzt sicherlich aufschreien und mit einem anderen Satz aufwarten. Ist ja auch legitim. Und eine verbindliche Hitparade der besten Anfänge in der Literatur gibt es ja noch nicht. Einen ersten Schritt in diese Richtung haben allerdings die „Initiative Deutsche Sprache“ und die deutsche „Stiftung Lesen“ unternommen. Unter www.der-schoenste-erste-satz.de können bis 21. September Vorschläge eingereicht werden – Begründung natürlich inklusive.

Vielleicht finden sich ja auch einige dieser Sätze unter den Einsendungen:

  •  „Hier fängt die Geschichte an.‘ (Walter Moers: Die Stadt der träumenden Bücher)
  • „Das Leben könnte so schön sein.“ (Florian Illies, Anleitung zum Unschuldigsein)
  • „Über dem Herd ist eine kleine Lampe angebracht, damit man das Essen besser sieht.“ (Helge Schneider: Zieh Dich aus Du alte Hippe)
  • „Ich hab immer alles hingeschmissen.“ (T.C. Boyle: Grün ist die Hoffnung) – zugegeben, eine Übersetzung.

Und falls Sie dieser Tage Ihren Urlaub antreten, dürfte sich vor allem der erste Satz aus Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ anbieten, der in diesem Fall allerdings fast schon an ein versöhnliches Ende erinnert: „Wie froh bin ich, dass ich weg bin.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.06.2007)