Wenn man dem Passfoto ähnelt

Wenn man beginnt, seinem Passfoto ähnlich zu sehen, sollte man in den Urlaub fahren“, sagte Ephraim Kishon. Gute Idee, eigentlich. In der Schulzeit gab es ja noch eine klare Einteilung, wann der Urlaub zu beginnen hatte, nämlich anschließend an die Zeugnisverteilung. Im Arbeitsleben fällt diese euphorisch gefeierte oder eher deprimierende – je nach Leistung – Initialzündung für den Ferienbeginn weg. Und so braucht es eben andere Indikatoren, um zu rechtfertigen, dass man die Kollegen einfach für ein paar Tage oder Wochen im Stich lässt.

Wenn etwa der gemeinschaftliche Kühlschrank im Büro schon riecht wie der Tintenfisch, der damals in Kroatien an den Strand gespült wurde und langsam dahinrottete. Wenn Sie freiwillig in Erwägung ziehen, zu „Singen im Garten“ im Liebhartstaler Bockkeller (19 Uhr) zu gehen. Oder wenn ständig die Frage „Where is my Mind?“ – wie die gleichnamige DJ Line im 7stern (21 Uhr) – vor Ihrem geistigen Auge abläuft. Dann ist es soweit, dann sind Sie urlaubsreif. Nur, wie sagt man es den Kollegen? Nun, Sie können ihnen ja einfach zu verstehen geben, dass auch sie einmal die Chance bekommen sollten, so viel zu arbeiten, wie Sie es sonst tun. Oder Sie argumentieren, dass das von Ihnen gewählte Urlaubsland ohnehin keinerlei Erholungswert bietet und es den Mitarbeitern im klimatisierten Büro viel besser geht. Oder Sie zeigen deutlich auf, wie sehr Sie schon am Sand sind – einfach das Passfoto groß kopieren und über den Arbeitsplatz hängen. Wie auch immer, schöne Ferien.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.06.2007)

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Hier fängt die Geschichte an

Als Gregor Samsa eines Morgens aus unruhigen Träumen erwachte, fand er sich in seinem Bett zu einem ungeheuren Ungeziefer verwandelt. Kann eine Geschichte noch besser beginnen als Franz Kafkas „Die Verwandlung“? Nun, einige Unverbesserliche werden jetzt sicherlich aufschreien und mit einem anderen Satz aufwarten. Ist ja auch legitim. Und eine verbindliche Hitparade der besten Anfänge in der Literatur gibt es ja noch nicht. Einen ersten Schritt in diese Richtung haben allerdings die „Initiative Deutsche Sprache“ und die deutsche „Stiftung Lesen“ unternommen. Unter www.der-schoenste-erste-satz.de können bis 21. September Vorschläge eingereicht werden – Begründung natürlich inklusive.

Vielleicht finden sich ja auch einige dieser Sätze unter den Einsendungen:

  •  „Hier fängt die Geschichte an.‘ (Walter Moers: Die Stadt der träumenden Bücher)
  • „Das Leben könnte so schön sein.“ (Florian Illies, Anleitung zum Unschuldigsein)
  • „Über dem Herd ist eine kleine Lampe angebracht, damit man das Essen besser sieht.“ (Helge Schneider: Zieh Dich aus Du alte Hippe)
  • „Ich hab immer alles hingeschmissen.“ (T.C. Boyle: Grün ist die Hoffnung) – zugegeben, eine Übersetzung.

Und falls Sie dieser Tage Ihren Urlaub antreten, dürfte sich vor allem der erste Satz aus Goethes „Die Leiden des jungen Werthers“ anbieten, der in diesem Fall allerdings fast schon an ein versöhnliches Ende erinnert: „Wie froh bin ich, dass ich weg bin.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.06.2007)

Kampf den „nur ganz kurz“-Sagern

Dass die Summe der einzelnen Teile mitunter völlig anders aussieht, als das der Einzelfall vermuten lässt, mag für einige Zeitgenossen überraschend sein. Oder das eigene Tun wird ohne Rücksicht auf die Konsequenzen einfach als Akt egoistischer Selbstbehauptung ohne Rücksicht auf Verluste durchgezogen. Zu abstrakt? Nun, sehen wir uns einen Einzelfall an: Bittet ein Kollege, sich einer Sache anzunehmen – „nur ganz kurz“ natürlich -, mag das aus seiner Sicht tatsächlich eine Kleinigkeit sein. Dass sein Gegenüber aber schon mehrere Kleinigkeiten abarbeitet, die für sich betrachtet „nur ganz kurz“ dauern, in Summe aber eine ganze Arbeitskraft beschäftigen und von Größerem abhalten, wird nicht registriert. Es ist fast so, als würde man Neil Shicoff während der Vorstellung von Werther (Staatsoper, 19.30 Uhr) bitten, mal eben einen kleinen Essay über die Staatsoperndirektion zu schreiben – auf der Bühne, natürlich.

Zum Feindbild werden auch jene Kunden in einem, sagen wir, Baumarkt, die sich mit der Bitte um Auskunft „nur ganz kurz“ an den Berater wenden, mit dem man nach langem Warten endlich gerade den ersten Satz wechseln wollte – und der daraufhin für eine weitere gefühlte halbe Stunde im Dickicht der Regale verschwindet. Sehen wir es ein, Aussagen wie „nur ganz kurz“ oder „ist eh schnell erledigt“ sind rhetorische Quälgeister, die nur einem Zweck dienen, nämlich sich selbst die Legitimation zum Vordrängen zu erteilen. Ein Ausweg, diese unangenehmen Zeitgenossen abzustellen ist: Einfach „Nein“ sagen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.06.2007)

Die Kunst des Zähneputzens

In nahezu allen Lebensbereichen werden Menschen bestimmten Typen zugeordnet. Nehmen wir etwa das Temperament, bei dem zwischen Choleriker, Sanguiniker, Melancholiker und Phlegmatiker unterschieden wird. Andere Bereiche entziehen sich einer Kategorisierung recht konsequent. Richtig, wir sprechen vom Zähneputzen. Oder haben Sie schon von unterschiedlichen Zähneputztypen gehört? Schade eigentlich, denn bei dieser (hoffentlich) täglichen Beschäftigung mit dem Körper lässt sich auch einiges über Menschen erfahren. Nehmen wir den virtuosen Putzer – er geht beim Zähneputzen spazieren, erledigt Hausarbeit, füttert die Katzen und plaudert mit dem Gegenüber. Ganz anders der unbeholfene Zähneputzer, der sich mit weit nach vorne gebeugtem Oberkörper an die Waschmuschel presst, während Stalaktiten mit Mentholgeschmack aus den Mundwinkeln tropfen. Allein an diesen beiden Typen lässt sich ablesen, ob eine Person multitask-fähig ist.

Sondertypen wie den verspielten, den pedantischen oder auch den singenden Putzer lassen wir einmal beiseite. Und auch die tierische Kunst des Zähneputzens (www.myvideo.de/watch/89) nehmen wir jetzt nicht ganz so wichtig. Wenden wir uns lieber der Frage zu, ob man beim Blick in den geöffneten Mund auf den Typus des Zähneputzens schließen kann, ob etwa Johan Botha (als Otello in der Staatsoper, 19 Uhr) Zahnseide verwendet – Operngucker nicht vergessen! Denn eines ist klar: Das Wichtigste ist, dass alle gesunde Zähne haben.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.06.2007)

Wo auch Bobos Kinder sein dürfen

Irgendwann kommt bei jedem Menschen der Tag, an dem es gesellschaftlich nicht mehr akzeptabel ist, sich dem Spieltrieb hinzugeben. Natürlich, schon im Kindesalter erntete man entsetzte Blicke und – je nach pädagogischem Konzept – auch Ohrfeigen, wenn man etwa den Erstkommunionsanzug auf seine Outdoor-Qualität im Gatsch prüfte. Doch immerhin befand man sich damals wenigstens in der guten Gesellschaft Gleichaltriger. Und damit ist es einfach irgendwann vorbei – oder tollen Sie mit Arbeitskollegen noch ab und zu am Spielplatz herum?

Um diesen Konflikt zwischen „ich würde gerne“ und „das tut man nicht“ zu entschärfen, hat die Freizeitindustrie Spielplätze für Erwachsene geschaffen, die jenen der Kindheit ziemlich ähnlich sind. So können berufliche Anzugträger im Vermögensberaterplanschbecken am Donaukanal (www.badeschiff.at) herumpritscheln – statt „Winnie Puh“ klebt eben das Logo einer Bank am Becken. Und nach der Strandbar-Mania der vergangenen Jahre wurde heuer auch der Heumarkt zur überdimensionalen Bobo-Sandkiste (www.sandinthecity.at) umgewandelt, in der man mit Gleichaltrigen die Zehen in den Sand stecken kann.

Und dann gibt es noch den Baggerpark (www.kids-on-stage.at) in Simmering, in dem man mit echten Baumaschinen den Boden umgraben kann. Zugegeben, diese Einrichtung ist eigentlich für Kinder, doch es sind vor allem Väter, die begeistert Erdhaufen ausheben. Fast so wie früher, nur ohne böse Blicke – und Ohrfeigen, je nach pädagogischem Konzept.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.06.2007)