Du bist nur Plan B

Wenn man sich fühlt, als hätte man ein Schild mit „Preisreduziertes Mängelexemplar“ auf der Stirn.

Gebeten werden, eine spannende Aufgabe zu übernehmen, ist etwas Schmeichelhaftes. Zumindest so lang, bis man dahinterkommt, wer schon vorher darum gebeten wurde und abgesagt hat. Oder noch besser – dass man für den Fall gefragt wird, dass der eigentliche Favorit nicht können sollte. Und das auch noch ganz offen ausgesprochen wird. „Du bist nur Plan B“ geht runter wie Honig, der nach mehreren Monaten im Vorratsschrank bereits zu einem festen Klumpen kristallisiert ist. Die zweite Wahl. Die Notlösung. So etwas wie die permanente Urlaubsvertretung. Da mag die zweite Geige noch so wichtig für das klangliche Gesamtbild des Orchesters sein, mag ein von der Ersatzbank eingewechselter Spieler noch ein Match umdrehen – die ins Gesicht gesagte Einstufung in die zweite Liga ist ein mentaler Druck auf den Kellerknopf im Aufzug. Blinkt da über meinem Kopf vielleicht „Abverkauf“? Oder hat jemand „Preisreduziertes Mängelexemplar“ auf mein Hirn gestempelt? „Ware abgelaufen, aber in Ordnung“, irgendwie muss man das Zeug ja loswerden, bevor es schlecht wird. Willkommen in der Wühlkiste, in der gierige Hände nach Exemplaren suchen, denen man die B-Ware am wenigsten ansieht. Immerhin, zumindest spielt man nun in der „Zu gut zum Wegwerfen“-Liga mit. Hat man ja schon als Kind davon geträumt. Diskont, Baby! Verramscht! Ausschussware! Minus 50 Prozent! Ja, da fühlt man sich richtig wertgeschätzt. Genau so, als wäre man gerade bei einem Gruppenfoto aus dem Bild gebeten worden. All das würde man dem „Falls der andere nicht kann“-Sager am liebsten ins Gesicht schleudern. Das habe man doch nicht notwendig, im hintersten Regal des Ein-Euro-Shops darauf zu warten, dass jemand mit mitleidigem Blick ein Erbarmen hat. Auch ein Restposten hat schließlich seinen Stolz. Basta!

Beim Wein versteckt sich hinter dem Begriff Reserve übrigens ein Prädikat, das einen besonders hohen Qualitätsanspruch verspricht… Okay, ich mache es.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.04.2015)

Advertisements

Die Weilerskannisierung der deutschen Sprache

Leute, die Texte mit „Weil er es kann“ beenden, beenden Texte auch mit „Weil er es kann“.

Wer sich dazu hinreißen lässt, „Im Notfall kann ich“ zu sagen, hat einen Fehler gemacht. Denn der Notfall tritt in diesem Moment ganz automatisch ein. Da kann der Sprecher in einem noch so leidenden Ton die Unwahrscheinlichkeit beschwören, dass es zum Äußersten kommt und hoffen, dass sich vielleicht doch wohl irgendjemand anderer finden lassen wird, der etwa einen ungeliebten Dienst übernimmt. Die vorher kollektiv den Blick auf die Fußspitzen gerichteten Kollegen werden augenblicklich erleichtert wieder aufsehen. Und das fragende Gegenüber wird, noch ehe das „ch“ fertig ausgesprochen ist, die Suche nach einem Dummen als beendet betrachten. Warum? Weil er es kann.

Apropos, das ist nämlich auch so eine Sache – dass in Texten elendslang über einen Menschen schwadroniert wird, der gerade etwas besonders Originelles geleistet hat, um die am Ende lässig eingeworfene Frage, warum er das wohl gemacht hat, mit einem lässigen „Weil er es kann“ zu beantworten. Vermutlich ist die so entstandene Weilerskannisierung der deutschen Sprache ja nur ein zeitlich begrenztes Phänomen, und doch könnte es bald so abgelutscht sein wie der Running Gag, wie man auf einer Party einen Veganer erkennt – gar nicht, nämlich, er wird es ohnehin jedem erzählen. Ähnlich konsequent sind übrigens auch jene Menschen, die bei jeder sich bietenden Gelegenheit erzählen müssen, dass sie daheim keinen Fernseher haben. (Nein, ich habe wirklich keinen. Warum nicht? Weil ich es kann.)

Keinen Fernseher zu haben schafft nämlich unendlich viele Freiräume, seine Zeit mit anderen Dingen zu verschwenden. Zum Beispiel mit einer Runde des beliebten Gesellschaftsspiels Modalverbenbingo – das wird man ja wohl noch wollen mögen, nicht wahr? Um wieder zum Einstieg zurückzukommen – im Notfall will ich. Warum? Weil ich es muss.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.04.2015)

Selbstaufdieschulterklopfer und Nachherrechthaber

Das schulmeisternde „Ich hab’s dir ja gesagt“ ist der Prototyp für ein argumentatives Pfauenrad.

Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt. Aber der Vorherrechthaber von gestern ist gern auch der Nachherrechthaber von morgen. Der praktische Wert des nachträglichen Selbstaufdieschulterklopfens hält sich allerdings in Grenzen. Ein „Ich hab’s dir ja gesagt“ ist lediglich ein argumentatives Pfauenrad, das Fehler weder wiedergutmacht, noch eine konstruktive Lösung für die Zukunft präsentiert. Vielmehr fühlt man sich an den kleinen Schweizer erinnert, der in der Werbung für ein Hustenzuckerl ständig ins Bild kriecht und penetrant „Wer hat’s erfunden?“ schulmeistert. Besonders gern mag man den Nachherrechthaber übrigens dann, wenn er als Vorherrechthaber auch ein Vorherschweiger war. Ihn erkennt man am „Ich habe es ja schon lang gewusst“, dem man so gern ein „Warum hast du es dann nicht gesagt?“ entgegenschmettern würde. „Du hast ja nicht gefragt.“ Ja, eh. Vielen Dank. (Fairerweise muss man sagen, dass das „Hättest du nur auf mich gehört!“, das auf ein früheres „Du wirst schon noch sehen, was du davon hast“ folgt, auch nicht viel angenehmer ist. Sie werden das schon noch sehen!)

Ähnlich viel Sympathien erwarb man sich übrigens einst in Kindergarten und Schule durch drei berühmte Worte der enttäuschten Drohung: „Das sag ich!“ Dem Kindergartenpersonal, den Eltern oder einer nicht näher bestimmten Autoritätsperson, darum ging es gar nicht. Allein schon das langgezogene a im Sagen reichte als sublime Drohung der Denunziation. (Gelegentlich wurde sie dann auch mit einem weiteren langen a im „Frau Lehraarin“ tatsächlich umgesetzt.) Interessant übrigens, dass das lange a auch im späteren zutiefst österreichischen „ich zeig sie aan“ herauszuhören ist. Ein bisschen Kindergarten steckt offenbar noch in allen von uns. Ich habe das übrigens schon immer gewusst. Und sagen Sie jetzt nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.04.2015)