Scheußliche Geschenke

Schenken heißt, einem anderen das geben, was man selber behalten möchte. Dieser grundsätzlich gut gemeinte Ratschlag von Selma Lagerlöf hat nur einen Schönheitsfehler: Oft sind die Geschmäcker von Schenker und Beschenktem nicht wirklich kompatibel. Resultate sind karierte Strickpullis, Tränen und beleidigte Verwandtschaft. Nun haben Sie diesen Teil ja schon hinter sich gebracht, Tipps zur richtigen Bewältigung kommen also zu spät. Doch bleibt noch die Möglichkeit, zumindest beim Umtausch eine glücklichere Hand zu beweisen. Haben Sie zum Beispiel schon einen Kalender für 2007? Der „Wiener Abreißkalender“ (Bibliothek der Provinz, ISBN 978-3-85252-77961) empfiehlt sich für jene, die wissen möchten, was denn früher stand, wo heute Paläste aus Glas und Beton in den Himmel ragen. Altes und neues Stadtbild werden auf einem Kalenderblatt gegenübergestellt, der Betrachter kann entscheiden, ob klassisch oder modern besser wirkt.

Praktisch ist auch der „Survival Kalender 2007“ (Heye, ISBN 978-3831826728), der als Begleiter durch das Jahr und extreme Gefahrensituationen dient. Neben Fragen wie „Wie man es überlebt, neben jemandem aufzuwachen, dessen Namen man vergessen hat“ oder „Wie man Silvester überlebt, wenn man niemanden zum Küssen hat“ („Küssen Sie ein Haustier!“) findet sich auch der ultimative Tipp, den man spätestens nächstes Jahr zu Weihnachten wieder brauchen kann: „Wie man auf ein scheußliches Geschenk angemessen reagiert“.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.12.2006)

Advertisements

Die Verdauung der Engel

Was ist das für eine Kugel unter dem Engel?

Was ist das für eine Kugel unter dem Engel?

Irgendjemand in Linz muss Humor haben. Nicht anders ist zu erklären, warum sich ein Weihnachtsengel auf der Landstraße ganz entspannt eines leuchtenden Kügelchens entledigt. Könnte natürlich ein Zufall sein. Oder einfach Unvermögen. So wie auch meine selbst fabrizierte Weihnachtsbäckerei eher in die Hose ging: Die finnischen Weihnachtssterne mit Pflaumenmarmelade haben frappante Ähnlichkeiten mit einem Mutterkreuz und die Most-Kekse und Vanillekipferl nach Rezepten aus „Prato. Die gute alte Küche“ (Pichler Verlag) entpuppen sich als hart wie Krupp-Stahl. Dass die Weihnachtskekse damit unfreiwillige Boten einer ideologischen Neuausrichtung von Weihnachten hin zum Julfest sein könnten, will ich mir dann aber lieber doch nicht nachsagen lassen.

Genauso wenig lasse ich mir nachsagen, dass ich etwas gegen Weihnachten habe – jetzt, wo schließlich jeder darüber raunzt. Nein, nein, das ist schon in Ordnung, dass jeder zweite Vorgarten beleuchtet ist wie die Landebahn fürs Christkind. Das ist schon ok, dass ich in der voll besetzten U-Bahn an einem Fichtenzweig knabbern darf. Und dass irgendwo zwischen Tür und Angel lautstark die Besinnlichkeit beschworen wird, können auch nur Zyniker falsch verstehen.

Also, genießen Sie die letzten Tage vor dem Fest, etwa bei der „Supernacht der Weihnachtsstars“ im Rabenhof (3, Rabeng. 3) mit Maurer, Votava, Haipl & Co. Denn hier wird das Weihnachtsfest äußerst originell mit Bud Spencer und Terence Hill verknüpft. Ja, auch irgendjemand in Wien dürfte Humor haben.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.12.2006)

Rettet den Filterkaffee

Es gab einmal eine Zeit, da war die Kaffeezubereitung noch ein bewusster Akt. Wasser in den Tank, Filter in die Maschine, Kaffee in den Filter, Wasser heiß machen und über den Kaffee rinnen lassen. Das gibt es heute kaum mehr. Nein, längst haben die Maschinen das Kommando übernommen. Der Kaffee kommt bei den hochgezüchteten Espresso-Leviathanen auf Knopfdruck, aus dem feinsinnigen Ritual (vergleichbar mit dem Befüllen einer Wasserpfeife) ist ein technisierter Akt der Gewohnheit (vergleichbar mit dem Rauchen einer Zigarette) geworden. Und zu allem Überfluss terrorisieren uns diese Espressoautomaten auch noch mit Befehlen, was wir zu tun haben – untermalt von piepsenden Warnungen (oder warnenden Piepsen).

„Wasser nachfüllen“ piepst es da, danach „Kaffee nachfüllen“ und „Entkalken“ pfeift es hinterher. Der genervte Nutzer sehnt in solchen Momenten nur noch die Befehlskette „Maschine hochheben – Fenster öffnen – Espressomaschine winke winke“ herbei. Auf diese Art ein Problem elegant beseitigt, kann man sich dann ja der Entspannung hingeben. Etwa bei der Führung „Vom Hawelka zum Demel“ (Tourismusinformation Albertinaplatz, 1010 Wien, 14 Uhr) oder bei der Ausstellung „Kapuziner, Einspänner, Schalerl Gold. Zur Geschichte der Wiener Kaffeehäuser“ im Stadt- und Landesarchiv (Guglg. 4, 1110 Wien). Und am Abend widmen wir uns gemütlich der thermischen Extraktion und Filtration gemahlener Kaffeebohnen – ganz ohne Fiepsen. Rettet den Filterkaffee!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.12.2006)

Ich lass dir den Kochtopf. . .

Frauenfeindlichkeit scheint in einigen Musikstilen ja fast systemimmanent zu sein. Man denke an Gangsta Rap, wo kaum geschürzte Damen zwischen Autos herumtollen, während ein Rapper sein testosterongetränktes Frauenbild in die Welt hinausposaunt. Oder wir erinnern uns an „Pleasure Slave“ von Manowar, die bei ihren Konzerten gerne Damen aus dem Publikum auf die Bühne holen, um ihnen ihre Wertschätzung zu erweisen – nachdem sie vor der grölenden Meute ihre Brüste entblößt haben. Aber, liebe Sittenwächter, es gibt auch auf den ersten Blick weniger verdächtige Künstler, die bei so mancher Frau die Grausbirnen wachsen lassen – wenn auch die Ausbeutung etwas anders aussieht.

Denken wir zum Beispiel an Peter Alexander: „Ich lass dir den Kochtopf, lass du mir mein Bier“ ist ein Paradebeispiel für ein Frauenbild, das heute maximal zum Schmunzeln verleitet. Aber zugegeben, das mag in den Siebziger Jahren noch opportun gewesen sein. Oder wir nehmen uns einmal Horst Chmela zur Brust. „Mama bring a Bier, sonst kriegst die gelbe Kartn“ heißt eines seiner Lieder, bei dem die Schenkel nur so geklopft werden. Über die Texte der „Hinichen“, die heute im Planet Music (20, Adalbert Stifter Str. 73; 20 Uhr) auftreten, wollen wir erst gar keine Worte verlieren. Da bietet sich eher ein Besuch im Institut für Wissenschaft und Kunst (9, Bergg. 17; 18.30 Uhr) an, wo es heute um „Geschlechterritualisierung in Spielfilmen mit Wissenschaftsthemen“ geht. Obwohl, so sexy klingt das dann auch wieder nicht. . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.12.2006)