Die geheimen Codes an der Supermarktwursttheke

Strippende Semmeln sieht man selten, und doch werden sie immer wieder als nackt bezeichnet.

Zwei mal fünf, zwei mal acht, einmal die Raute. Wird man mit diesen Worten in einem Fast-Food-Lokal am Gürtel begrüßt, hat die Körpersprache die entscheidende Frage längst gestellt. Und die Person hinter der Theke am zappeligen Betreten und dem verzweifelten Blick auf Anhieb erkannt, dass man nur die Kundentoilette benutzen möchte. Die Begrüßungsformel ist in diesem Fall der geheime Code für das Zahlenschloss auf der Klotür, aber das haben Sie vermutlich ohnehin schon erkannt.

Derartige Schnitzeljagden à la Dan Brown durchziehen unseren Alltag. Und bieten auch reichlich Platz für Missverständnisse. An der Supermarktwursttheke, zum Beispiel. Da bestellt man für die Kollegen im Büro drei Schinkensemmeln und sagt dann gedankenverloren „und drei extra“. Während die Verkäuferin schon beginnt, drei Semmeln aufzuschneiden und nach der Extrawurst zu greifen, kommt der Aufschrei. Nein, separat! Der geheime Code könnte bedeuten, drei weitere Schinkensemmeln in ein eigenes Sackerl, drei Extrawurstsemmeln oder drei nackte Semmeln – wobei nackt eigentlich der falsche Begriff ist, die anderen sind ja auch nicht angezogen, sondern gefüllt.

Bei anderen Produkten kommt nackt ohnehin weniger häufig vor – gut, das Schälen einer Orange hat mit einem Striptease auch nur bedingt etwas zu tun. Abgesehen davon würde man auch befremdlich angeschaut, würde man eine Banane schälen, die Schale zurücklegen und nur die Frucht auf das Kassenband legen. (Wo sollte man auch auf einer nackten Banane das Preisschild anbringen?) Immerhin, ein Code ist im Supermarkt so verbreitet, dass ihn wirklich niemand mehr missverstehen kann. Wäre auch unangenehm, wenn man plötzlich den gesamten Inhalt der Wursttheke eingepackt bekäme – nur, weil man auf die Frage „Darf es noch etwas sein?“ mit „Danke, alles“ geantwortet hat.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 26.02.2018)

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Na gut, meinetwegen entschuldige ich mich halt

Sollte ich mit meiner Kolumne jemandem zu nahe getreten sein, ist er vermutlich im Weg gestanden.

Gebt’s euch die Hand und seid’s wieder gut! Es war die Scham, die Eltern als Vermittler gebraucht zu haben, um einen Streit zu beenden. Der gesenkte Blick auf beiden Seiten war das äußere Zeichen, dass das eigentliche Problem vielleicht ohnehin schon gelöst war. Dass es aber noch nicht dazu gereicht hat, dass einer so etwas wie eine Entschuldigung gemurmelt hat. Vielleicht auch das nur mit einer elterlichen Motivation: Sag, dass es dir leid tut! Geht das? Lässt sich ehrliches Bedauern mittels eines Imperativs tatsächlich auslösen? Und tut es wirklich leid oder ist es nur die Gelöbnisformel, mit der man wieder in Ruhe gelassen wird?

Es tut mir leid, aber „es tut mir leid“ wird heute vor allem verwendet, um einer harschen Kritik eine freundliche Relativierung voranzustellen. Es tut mir leid, aber du bist ein Trottel, so auf die Art. Entschuldigung, aber das ist Blödsinn, mag jetzt jemand einwerfen. Und damit genau denselben Mechanismus bedienen. Die demütige Bitte um Vergebung ist zum Stilmittel geworden, die gelegentlich sogar noch einen verbal ausgestreckten Mittelfinger mit sich transportiert. Na gut, dann entschuldige ich mich halt, ihr Nervensägen. Und dann mache ich weiter wie bisher. Natürlich, einen Fehler einzugestehen ist nicht einfach – nicht umsonst wird die Schuld immer wieder dem Fehlerteufel untergeschoben, einem rhetorischen Fabelwesen. Aber es gibt auch noch die Entschuldigung, die deswegen nicht ehrlich wirkt, weil sie relativiert wird. Sollte ich mit meiner Aussage jemanden verletzt haben, entschuldige ich mich dafür, zum Beispiel. Darin steckt nämlich, dass man die Aufregung gar nicht versteht, aber vorsorglich sorry sagt, um die Meute zu beruhigen. Hm, so ernst hätte die Kolumne eigentlich gar nicht werden sollen . . . Aber gut, sollte ich Ihnen damit zu nahe getreten sein, sind Sie vermutlich einfach im Weg gestanden.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.02.2018)

Der Grund, warum früher wirklich alles besser war

Die Komplexität der Welt lässt sich leider nicht in einem knackigen Einzeiler zusammenfassen.

Heute darf man das ja nicht mehr sagen. Aber was mit diesem Satz beginnt, endet meist nicht gut. Ebenso wenig übrigens wie mit der Feststellung, dass früher alles besser war. Die ist nämlich, sagen wir, ein wenig undifferenziert. Und in ihrer Absolutheit vermutlich nur bedingt geeignet, die Komplexität der Welt in einem knackigen Einzeiler zusammenzufassen. Gut, früher, als alles noch besser war, hätte man diesen Satz vielleicht noch stehen lassen und mit zustimmendem Nicken quittieren können. Doch heute darf man das ja gar nicht mehr sagen. Schade, eigentlich.

Denn natürlich war früher alles besser. Damals war man – ganz abseits statistischer Kennzahlen dieser Zeit – nämlich noch jünger, war womöglich in der besten Phase seines Lebens. Am aufsteigenden Karriereast, gesundheitlich besser beisammen oder vielleicht gerade frisch verliebt. Klar, dass man irgendwann damit beginnt, wehmütig zurückzublicken auf die Zeiten des problemlosen frühen Aufstehens nach einer langen Partynacht, auf jugendlichen Leichtsinn und volles Haupthaar. Als die Frage noch war, was wird man alles noch erleben und nicht, was hat man eigentlich alles verpasst? Aber kann das persönliche Erleben, dass man es als jüngerer Mensch vielleicht leichter oder unbeschwerter hatte, auf den Rest der Welt umgelegt werden? Und wird das persönliche Gefühl besser, indem man missmutig alte Zeiten heraufbeschwört? Außer dass man irgendwann als alter Grantler dasteht, wird sich nicht viel ändern. Maximal, dass diejenigen mit den neugierig geöffneten Augen dann vielleicht noch weniger Zeit mit einem verbringen möchten, weil die Lobpreisungen der Vergangenheit und das Schwarzmalen der Gegenwart ihnen auf die Nerven gehen. Man darf das heute ja gar nicht mehr sagen, aber so sind die Zeiten nun einmal. Früher hätte es das nicht gegeben.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.02.2018)

Wie mich Produktdesign zu einer Frau machte

Männer mögen es angeblich, sich beim Chipsessen die Finger abzulecken. Wenn das Konfuzius wüsste.

Konfuzius sagt: „Wenn du das, was du gerade im Rucksack suchst, nicht eingepackt hast, wirst du es nicht finden, und wenn du noch so lang darin herumwühlst.“ Wie ein chinesischer Philosoph zur Zeit der Östlichen Zhou-Dynastie dieses Chaos zwischen Duschgel, einem Buch, einem Magazin, zwei Packungen Chips und viel zerknülltem Papier in einer Umhängetasche gedanklich vorwegnehmen konnte, ist eine gute Frage. Und noch interessanter ist, dass das Klischee der Tasche als Schwarzes Loch, in dem gerade das, was man sucht, im Ereignishorizont verschwindet, an sich auf Frauen gemünzt ist – Handtasche, groß, viel Zeug drin, Sie wissen schon. Lauscht man den Worten von Indra Nooyi, wird es in dieser Hinsicht sogar noch interessanter: „Frauen lieben es, Chips in ihren Handtaschen herumzutragen“, sagte die Geschäftsführerin von Pepsi Ende Jänner in einem Interview mit dem Podcast Freakonomics Radio. Aha. Deshalb plane der Konzern übrigens, Chips künftig in kleineren Packungen anzubieten, damit man sie überallhin mitnehmen kann.

Doch meine Frauwerdung ist damit noch nicht abgeschlossen. Denn laut Nooyi lecken junge Männer beim Chipsessen ihre Finger ab und leeren die letzten Brösel aus der Packung in ihren Mund. Frauen hingegen würden das nicht tun. So wie sie auch nicht gern in der Öffentlichkeit laut knabbern. Darum arbeite Pepsi an Low Crunch Chips für Frauen, die weniger Lärm beim Kauen machen und bei denen nicht so viel an den Fingern kleben bleibt. Als jemand, der Chips am liebsten mit Messer und Gabel essen würde, um die Finger nicht mit Bröseln zu panieren, finde ich den Vorschlag gar nicht schlecht. Und der Kaulärm des Sitznachbarn im Kino ist auch mir ein Dorn im Ohr. Nur muss man deswegen eine Frau sein? Nun, das ist vermutlich wieder so ein Geschlechterklischee. Sagt zumindest Konfuzius.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.02.2018)