Es ist ein Wahnsinn . . . So kann es nicht weitergehen

Für manche Sätze erntet man immer Kopfnicken, ohne sich wirklich etwas überlegen zu müssen.

So kann es wirklich nicht weitergehen. Dass man nämlich sein gesamtes argumentatives Unterfutter nur aus Phrasen zusammenstückelt, die doch nichts anders sind als zu scheinbaren Aphorismen aneinandergereihte Laute des Lamentierens. Es reicht, möchte man am liebsten ausrufen, würde man damit nicht nur noch weiter in den Chor der Beschwerer einstimmen, deren einzige Denkleistung aus dem lautstarken Beklagen des derzeitigen Zustands besteht. Da muss sich etwas ändern. Und schon wieder setzt der Kopf zum gewohnten Nicken an. Ja, so gut kann es gar nicht sein, dass das Rückenmark nicht sofort den Impuls aussendet, dass es schlecht sein und sich natürlich etwas ändern muss. Da wird man sich etwas überlegen müssen. Natürlich nicht, ohne vorher inhaltsscheinschwanger zu betonen, dass man sich den Sachverhalt ganz genau anschauen wird.

Die korrekte Antwort auf jede derartige Hiobsbotschaft lautet übrigens: „Es ist ein Wahnsinn.“ Wobei diese Worte ohnehin Allgemeingültigkeit haben, so wie ein „tja“ in jedem Gespräch als rhetorische Allzweckwaffe eingesetzt werden kann. Ob Zustimmung, Ablehnung, Verwunderung, Begeisterung oder auch einfach nur um dem Gegenüber zu signalisieren, dass man noch da ist – es ist ein Wahnsinn, in wie vielen Situationen es passt, etwas einen Wahnsinn sein zu lassen. Was dann auch schnell wieder zur Einsicht führt, dass es so nicht weitergehen kann, sich etwas ändern muss, man es sich aber vorher noch ganz genau anschauen wird. Einfach dahingesagt und eigentlich unwiderlegbar, so wie die weinselig angeheiterte Feststellung unter Freunden, dass man so jung nicht mehr zusammenkommen werde. Natürlich nicht, würde man am liebsten ausrufen, wenn die Begründung nicht auch schon im Restmüll des Floskelwahnsinns vor sich hin blubbern würde, wir werden ja alle nicht jünger. Es ist ein Wahnsinn.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.10.2015)

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Man sieht nur mit den Augen gut

Antoine de Saint-Exupéry hat geirrt: Mit dem Herzen kann man nicht sehen. Riechen auch nicht.

Ein wenig verwundert hat er dann schon geschaut, der Kardiologe, als ich bei ihm einen Sehtest machen wollte. Antoine de Saint-Exupéry hat im „Kleinen Prinzen“ also geirrt, wie ich erfahren musste. Man sieht nur mit den Augen gut, das Herz ist dazu nicht geeignet. Ja, fein, wieder was gelernt. Ganz ähnlich verhält es sich übrigens auch mit den Ohren – sie sind geradezu dafür geschaffen, um Musik zu hören. Möglich, dass sie von dort auch den Weg ins Herz findet. Ab und zu allerdings biegt sie auf die Nerven ab, auf denen sie dann einen Spaziergang absolviert. Das kennen Sie sicher, dass es Nummern gibt, die man nicht aushält. „Papa was a Rolling Stone“ von den Temptations, zum Beispiel, wirkt bei mir wie der zu Noten gewordene Ausschaltimpuls. Oder „Mambo No. 5“ von Lou Bega. Den kann ich einfach nicht riechen, um ein weiteres Organ ins Spiel zu bringen. Interessant übrigens, dass die Nase im Wiener Wahlkampf kaum thematisiert wurde. Dabei spielt doch gerade das Riechorgan eine unglaublich große Rolle bei Gefühlen, heißt es. Und seien wir uns ehrlich, die Basis für die Position des Kreuzes auf dem Wahlzettel wird weniger im Kopf als im Bauch gelegt. Auch interessant, dass für den Sitz von Gefühlen gleich zwei Körperteile in Anspruch genommen werden, die eigentlich gar nichts miteinander zu tun haben. Man riecht nur mit dem Bauch gut, das Wesentliche ist für die Nase unriechbar.

Apropos Nase. Dass die laufen kann, während Füße riechen können, ist auch so ein anatomischer Sonderfall à la Saint Exupéry. Eine Geschmacklosigkeit, der man am liebsten die Zunge zeigen würde. Wobei Geschmacklosigkeit eigentlich das falsche Wort ist – denn wenn etwas nach nichts schmeckt, ist das ja eher kein Problem. Schlimmer wäre, etwas hätte einen schlechten Geschmack. Habe ich aber nicht. Und jetzt drehen Sie bitte den „Mambo No. 5“ wieder ab. Bitte, danke.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.10.2015)

Leute, die beim Reden auf die Uhr schauen

Der Moment, in dem sich das Narrenkastl in Form eines Zifferblatts deutlich zu erkennen gibt.

Wie lang dauert es eigentlich, die Uhrzeit von einer Armbanduhr abzulesen? Bitte nicht falsch verstehen, als Nichtuhrenträger interessiert einen diese Frage wirklich. Vor allem dann, wenn man jemandem gegenübersteht, der während eines Dialogs eine halbe Minute lang mit abgewinkeltem Arm die Uhrzeiger zu hypnotisieren scheint. Das Gespräch geht in dieser Zeit des verhinderten Augenkontakts ganz normal weiter. Und man sieht regelrecht, wie der Uhrenbetrachter in seinem Gehirn eine gigantische Kalenderwand aufbaut, in die er all seine Gedanken zur Planung der nächsten Stunden einträgt. Shine on you crazy Augenkontakt, wozu jemanden anschauen. Den gleichen Effekt gibt es übrigens auch, wenn jemand mit einem Blatt Papier in der Hand vor einem steht – und während des Gesprächs mit den Augen ein Loch in den Zettel zu starren scheint. In Fällen wie diesen lässt sich im Papier – oder auf dem Zifferblatt – das Narrenkastl fast schon direkt greifen.

Bitte auch das nicht falsch verstehen, es ist gut, wenn Menschen beim Sprechen nicht ständig direkt in die Augen des Gegenübers starren. Wenn sie in die Luft schauen, während sie etwas visualisieren. Nach unten, wenn sie über Gefühle nachdenken. Oder auf den Mund des Gegenübers, wenn ein Stück Blattspinat genau auf dem Schneidezahn klebt. Es ist geradezu angsteinflößend, wenn ein Mensch den Blick nicht von den Augen des anderen lösen kann. Wie ein Reh im Fernlicht steht man dann da und wagt sich nicht mehr zu bewegen – nur dass weder auf Abblendlicht umgeschaltet und abgebremst wird, noch der Krach des Zusammenpralls folgt. Ziemlich angespannte Situation, das. Im Zweifel also bitte ruhig auf die Uhr schauen, auch gern länger, wenn ein Gespräch mit mir ansteht. Ich nutze die Zeit ebenfalls zielführend – mir könnte zum Beispiel einfallen, worüber ich einmal eine Kolumne schreiben könnte.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.10.2015)