„Erzähl mir was!“ „Sicher nicht“

Wenn sich in zwischenmenschlichen Beziehungen ein Gefühl der Bequemlichkeit breit macht, ist Alarm angesagt. Dann nämlich, wenn Kommunikation von einer Seite nur mehr als Berieselung verlangt wird. „Erzähl mir was!“, ist so eine Phrase, die einer Fernbedienung gleich verwendet wird. Und der kommunikative Gegenpol hat gefälligst die Rolle des Fernsehers zu übernehmen, der sogleich das Unterhaltungsprogramm startet. Diese Form unidirektionaler Einwegkommunikation signalisiert vor allem eines: Desinteresse. Im Kindesalter mag es ja noch legitim sein, voller Begeisterung wahllos im Erfahrungsschatz Älterer zu wühlen, doch unter Erwachsenen sollte doch ein gewisses Mindestmaß an Empathie vorausgesetzt werden können. Was ist so schwer daran, durch eine präzisere Fragestellung zu signalisieren, dass man an bestimmten Aspekten oder Neuigkeiten interessiert ist? Selbst unverbindliche Phrasen wie „Was macht die Arbeit?“ haben mehr Niveau als diese absolute Beliebigkeit.

Hohle Phrasen wie diese, aber auch klassische Dialogbausteine für Weihnachten, Krankheit und Wetter hat Michael Hufnagl in seinem Buch „Die sagenhafte Wortlawine“ (Pichler-Verlag) versammelt. Daneben präsentiert er auch misslungene Versuche sprachlicher Originalität – zum Bleistift – und stellt auch die Meister der Unverbindlichkeit an den Pranger: Politiker und ihre Phrasen, mit denen sie unangenehmen Fragen ausweichen wollen. Aber darauf kommen wir später noch zu sprechen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 26.03.2007)

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Wo sind die süßen kleinen Tauben?

Die städtische Taube hat ein Imageproblem. Dass sie mit Ausscheidungen die Stadt wie mit Zuckerguss dekoriert – aus dem Flakturm im Augarten wurde kürzlich eine vier Meter hohe Schicht entfernt – kann die schlechte Reputation des Vogels allerdings nicht restlos erklären. Schließlich markieren Hunde ja auch ihr Revier mit kleinen Tretminen, die auf arglose Passanten warten. Doch der Hass schlägt nicht den Tieren entgegen sondern ihren Besitzern. Nein, das Problem liegt um einiges tiefer: Hunde sind süß, Tauben nicht. Noch präziser: Kleine Hunde sind süß. Kleine Tauben vermutlich auch. Aber: Wo sind die süßen kleinen Tauben?

Jeder PR-Berater würde den 200.000 bis 300.000 Problemvögeln raten, ihren Nachwuchs in der Öffentlichkeit präsent zu machen. Wer kann etwas gegen Hunde sagen, wenn eine Welpe mit großen Augen hilflos in die Welt blickt? Und die pelzigen Küken von Hühnern sorgen ebenfalls für verzückte Blicke – und kindliche Tränen beim Besuch von Kentucky Fried Chicken (Neueröffnung Filiale Mariahilferstr. 119, morgen Mittwoch). Ein anderer Vogel kämpft nicht mit derlei schwachen Beliebtheitswerten: der Storch. Er wird, was Nachwuchs angeht, ja eher in einem positiven Zusammenhang gesehen. Dass es sich bei Störchen und Kindern um eine kuriose Kausalbeziehung handeln könnte, wird übrigens heute in der VHS Landstraße (3, Hainburger Str. 29; 19.30) diskutiert – beim Vortrag „Populäre Irrtümer“. Apropos, stimmt es wirklich, dass Wiener die Tauben im Park vergiften?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.03.2007)

Wo Männer noch Frauen sein dürfen

Vor einigen Tagen durften hier die Urväter des Heavy Metal Manowar stolz ihre pralle Männlichkeit spielen lassen. Nun gebietet die journalistische Ausgewogenheit, auch die andere Seite zu Wort kommen zu lassen. Die ist nämlich erstens um keinen Deut schlechter und zweitens auch noch im Trend: In jüngster Zeit schießen bunte, lebensbejahende und unglaublich melodische Bands nur so aus dem Boden, die noch etwas eint – sie sind schwul.

Nun ist sexuelle Ausrichtung ja absolut kein Kriterium, um über die Qualität künstlerischer Darbietungen urteilen zu können. Doch gerade die positive Energie aus dieser Richtung sollte einmal lobend vermerkt werden. Immerhin haben die Scissor Sisters mit „I don’t feel like dancing“ eine Hymne geschaffen, zu der auch Heteros auf der Tanzfläche kess mit dem Hintern wackeln. Nicht umsonst treten die Glamrocker The Ark mit der Gute-Laune-Attacke „The worrying kind“ für Schweden beim Song Contest an. Gute Laune versprüht auch Austrofred heute und morgen im Chelsea (21.30) – zumindest sein Vorbild Freddie Mercury war eine schwule Gallionsfigur.

Noch nicht ganz einig ist man sich beim Newcomer des Jahres – Mika. In Schwulenmagazinen wird noch spekuliert, ob der britische Sänger nun straight oder gay ist. Musikalisch passen sein Debutalbum und vor allem die Single „Grace Kelly“ aber perfekt ins Bild: Großartige Melodien und bunter Pop voller Zitate, freudenspendend wie Sonnenlicht. Hören Sie sich das an – ob Sie nun schwul sind oder nicht.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.03.2007)

Die schlechtesten Witze Österreichs

Kennen Sie das Gefühl, dass in einer Situation plötzlich ein unglaublich schlechter Witz in der Luft liegt? Jeder hat ihn im Kopf, aber keiner wagt ihn auszusprechen – so schlecht ist er. Und doch findet sich in jeder Runde verlässlich eine Person, die diesem im Raum schwebenden Leider-nicht-Scherz zur Geburt verhilft – schenkelklopfendes Bruhaha meets betretenes Schweigen. Im Fachjargon nennt man derartige Restwitze auch Kalauer. Sie wissen schon, so etwas à la: „Ist noch angerührter Gips da?“ „Ja, aber der ist beleidigt.“ Oder noch härter: „Ein Friedhofsgärtner geht bei seinem Job über Leichen.“

Nun ist es schon schlimm, dass irgendwelche Kings of Kalauer ihre humoristischen Almosen freudesprühend in die Welt posaunen. Doch es geht noch schlimmer, nämlich gleich ein ganzes Buch darüber zu schreiben. „Martha Pfahl am Marterpfahl“ heißt das betreffende Werk, in dem Harald Havas all jene (vermeintlichen) Pointenfeuerwerke präsentiert, die sich im Lauf der Jahre in den Scherzfabriken des Internets angesammelt haben. Zu finden sind darin auch Spielchen mit Namen, die wir schon aus zahllosen Simpsons-Folgen kennen, etwa „mein Name ist Vier, Dina Vier“. Aber auch pseudoenglische Redewendungen wie „Ain’t joule dig and see!“ (Entschuldigen Sie!) erregen beim Leser vor allem eines – introvertiertes Kopfschütteln. Tut weh, oder? Andererseits, irgendwie ist es dann doch ganz lustig, sich durch derart schlechte Witze zu blättern – etwa, wenn sie es sich gerade am Baguette-Boden bequem gemacht haben. . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.03.2007)