Der Kapitalismus, 7 Haare und ich

Oft kommt die intellektuelle Niederkunft in Momenten, wo man sie am allerwenigsten erwartet. Dann etwa, wenn man an einem strahlend schönen Nachmittag die Siebensterngasse entlang geht und plötzlich die Frage auftaucht: Warum können die Gäste der Schnösel-Bar Shultz schon ihren Cocktail im Schanigarten schlürfen, während die Besucher des Siebenstern – das offizielle Lokal der Kommunistischen Partei – bei einem Murauer ihre revolutionären Ideen noch im Inneren wälzen müssen. „Ganz einfach“, beginnt da die trockene Erklärung, „im Shultz herrscht Marktwirtschaft.“ Also, sobald der Bedarf da ist, wird versucht, ihn durch Angebot zu befriedigen. Im Siebenstern hingegen dürfte noch die Planwirtschaft regieren – vermutlich gibt es einen Fünfjahresplan, wann die Schanigärten ihren Betrieb aufnehmen dürfen.

Mit obigem Beispiel lässt sich Kapitalismus recht gut erklären. Ähnlich anschaulich können Kinder das Prinzip vielleicht noch beim Tausch von Panini-Bildern erfahren. Angebot und Nachfrage regeln den Wert – zumindest im Paniniversum kann dann sogar ein Thomas Prager (in Wirklichkeit gar nicht fürs Team nominiert) einen höheren Tauschwert haben als der portugiesische Superstar Cristiano Ronaldo. Toll, diese Marktwirtschaft, oder?

Aber auch andere abstrakte Dinge lassen sich mit nur wenigen Sätzen zufriedenstellend erklären – nehmen wir etwa den Begriff „relativ“ – und das, ohne sich in der Abhängigkeit bestimmter Eigenschaften von Bezugssystemen zu verlieren. Versuchen Sie es einmal damit: Sieben Haare auf dem Kopf sind relativ wenig. Sieben Haare in der Suppe sind relativ viel. Klingt plausibel, oder? Aber verlangen Sie jetzt bitte nicht, dass sich auf diese Weise auch die Relativitätstheorie erklären lässt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.04.2008)

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Mazzes mit Bradlfett in der Liliputbahn

Im Zuge der Turbulenzen um die Führung der ÖBB ging zuletzt eine richtungsweisende, strategische Entscheidung der Österreichischen Bundesbahnen medial völlig unter: Die ÖBB-Vorteilscard gilt ab sofort auch auf der Liliputbahn im Prater. Ja, im Ernst. Immerhin bleibt man damit ja zumindest beim Kerngeschäft. Und auch, wenn es viele ungläubige Blicke gab, als die Aktion bekannt wurde, ist sie trotz aller Skurrilität nicht so abwegig, dass man sie für einen Scherz halten müsste.

Misstrauisch müsste man hingegen werden, wenn ein findiger Weinbauer plötzlich muslimischen Messwein in sein Sortiment aufnehmen würde. Und sollten Sie beim Einkauf für das Pessach-Fest irgendwo auf „Mazzes mit Bradlfett“ stoßen, darf Ihnen das ruhig nicht koscher vorkommen. Man muss ja nicht jeden Blödsinn glauben.

Mittlerweile ist es auch schwierig geworden, technisch weniger versierte Menschen zu finden, denen man erklären kann, wie Bilder auf eine Website kommen: „Steck das Foto in ein Kuvert, Adresse: An das Internet. Und wirf den Brief in den Postkasten.“ Noch vor fünf Jahren erntete ich dafür zumindest noch ein erstauntes „Echt?“ Versuchen Sie das heute einmal. . .

Da muss man schon andere Kaliber auffahren. Wenn etwa auf dem Burgtheater ein Transparent prangt, auf dem zu lesen ist: „Ich will in deinem Herzen leben, in deinem Schoß sterben, in deinen Augen begraben werden“ – und als Quelle dafür William Shakespeares „Zwölfte Nacht“ angeführt wird. Dumm, dass das Zitat aus „Viel Lärm um Nichts“ stammt. Vermutlich wollten die Verantwortlichen einfach austesten, wie sattelfest die Theaterbesucher sind. Als Gewinn für jene, denen es aufgefallen ist, könnte man ja einen Preis stiften. Wie wäre es etwa mit einer ÖBB-Vorteilscard?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.04.2008)

Ich taufe dich auf Waterloo

Immer wieder stößt man auf Menschen, die sich gerade Gedanken über Namen machen müssen. Wenn Nachwuchs ansteht, zum Beispiel. Dann kann man es sich leicht machen und das Kind einfach so wie einen Elternteil nennen. Ab der dritten Namensgebung dieser Art bietet sich an, ans Ende auch noch eine Zahl zu stellen (Statt Erich II reicht bei mir also noch ein „jun.“) Gerne greift man aber auch auf Namen zurück, die in Film, Funk und Fernsehen aufgeschnappt werden – man denke an „die fabelhafte Welt der Amélie“ von Jean-Pierre Jeunet, die ab 2003 als Vorbild für hunderte neugeborene Mädchen herhielt. Vermutlich werden – Dancing Stars sei Dank – in den Statistiken der Geburtenjahrgänge 2008 und 2009 auch einige Dorians mehr auftauchen. Bei Waterloo bin ich mir nicht ganz sicher, aber wer weiß.

Abgesehen vom Nachwuchs gibt es aber noch eine weitere Gelegenheit, bei der Namenssuche kreativ zu werden: Will man als Künstler durchstarten, soll ein Pseudonym sehr hilfreich sein. Da wird dann aus einem Hansi Last etwa der international besser klingende James oder aus einem Hansi Kreuzmayr eben ein Waterloo. Ein richtig gutes Pseudonym zu finden, ist allerdings schon eine gewisse Kunst. Immerhin soll es gut klingen und womöglich auch noch positive Assoziationen wecken. Interessant eigentlich, dass Waterloo oft auch als Synonym für eine totale Niederlage verwendet wird, aber lassen wir das. Für potenzielle Pornodarsteller ging im Internet seinerzeit übrigens ein eigener Namensgenerator um. So sollte sich aus dem Namen des ersten Haustieres und der Straße, in der man wohnt, ein Name ergeben, der als Pseudonym etwas hergibt. So simpel, so genial. Falls Sie also einmal einen Film entdecken sollten, in dem Borsti Krause die Hauptrolle spielt, denken Sie an mich.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.04.2008)

Die heimliche Rache für Bingo

„Dorian Steidl ist Dancing Star“, stand in der SMS, die am Samstagabend meine Aufmerksamkeit vom wirklich sehenswerten Konzert der „Boss Martians“ im B72 ablenkte. Nachsatz, „ist dir wurscht, weiß ich eh.“ Bingo! Aber ganz abgesehen davon, ein bisschen muss die Kür des ORF-Moderators eine Genugtuung für all jene gewesen sein, die er ansonsten allsamstäglich medial erniedrigt, indem er sie in neongrelle und viel zu große T-Shirts steckt, auf Kommando applaudieren und – gar nicht „Dancing Star“-like – auf den Boden stampfen lässt.

Danke, lieber ORF, müssen sich all die geknechteten Seelen gedacht haben, die schon einmal trampelnd im „Bingo“-Studio gesessen sind. Danke, dass der 1,98 Meter große Moderator eine Partnerin bekommen hat, die mindestens zwei Köpfe kleiner ist als er. Danke, dass auch er einmal möglichst unvorteilhaft über den Bildschirm hoppeln muss. Es gibt doch noch Gerechtigkeit.

Das Spiel medialer Selbstdegradierung wird Steidl nun noch ein wenig weiterführen müssen – Lebensbeichte bei eingespielten Frühstücksgeräuschen im Sonntagsradio inklusive. Vermutlich wird er bei der nächsten „Bingo“-Ausgabe dennoch so nichtssagend unverbindlich in die Kameras lächeln, als wäre nichts passiert. Kein Wunder, denn dann hat das buntgewandete Publikum wieder die applaudierend-devote Rolle angenommen, darf der Moderator wieder die Keule der öffentlichen Erniedrigung schwingen.

Es ist ein ständiges Geben und Nehmen, das allerdings noch einiges an Reiz gewinnen würde, könnte das Publikum bei der nächsten Staffel schon im Vorhinein abstimmen – pardon, voten -, an wem heimlich Rache geübt werden sollte. Ja, da würden mir schon einige Kandidaten einfallen. Und nein, ich stehe dafür nicht zur Verfügung.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.04.2008)