Das Dilemma mit dem Grün hinter den Ohren

Grünschnäbel sind ja eigentlich eher gelb, aber wie kommt die Farbe dann an andere Körperstellen?

Gibt es ein Wort für den Moment, in dem man nach dem Bezahlen an der Kassa beim Einräumen bemerkt, dass die leeren Pfandflaschen noch immer im Rucksack herumliegen? Im Augenblick der Pfandflaschenrückgabenvergessensverfluchung jedenfalls ist man kurz sprachlos und stellt resigniert fest, dass man trotz einiger Jahrzehnte Erfahrung beim Einkaufen immer noch ein Grünschnabel ist. Apropos, fragt man sich dann, woher kommt eigentlich dieser Begriff (Grünschnabel, nicht Einkaufen)? Nun, der kommt wenig überraschend aus der Biologie und leitet sich von der eigentlich eher gelblich als grünen Haut ab, die junge Vögel am Schnabelansatz haben – die ist uns doch allen schon aufgefallen, oder? Wie auch immer, der Gelb- oder Grünschnabel als Bezeichnung für einen unerfahrenen jungen Menschen hat bei Menschen ja seine anatomischen Schwächen. Schon eher passend wäre die Wendung, dass man noch grün hinter den Ohren ist.

Als begeisterter Ornithologe weiß man naturgemäß nicht, ob Kleinkinder grüne Stellen hinter den Ohren haben. Aber man kann sich herleiten, dass Grün auf das althochdeutsche gruoni zurückgeht, das mit dem Verb gruoen (wachsen, sprießen) zusammengehört. Das wiederum lässt sich mit Begriffen wie unreif (kennen wir ja vom Obst) oder unerfahren zusammenspannen. Gleichzeitig kann man hinter den Ohren aber auch feucht sein – das dürfte daher kommen, dass Kinder nach der Geburt noch ein wenig Fruchtwasser an zum Abtrocknen weniger gut zugänglichen Stellen haben.

Um sich seines Alters zu vergewissern, kratzt man sich also kurz am Ohr, spürt die Trockenheit und muss sich eingestehen, dass wohl eher nicht der jugendliche Leichtsinn für das Pfandflaschendilemma verantwortlich war. Schade, eigentlich. Denn dann wäre die Option „wenn ich einmal groß bin . . .“ noch offen geblieben.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 15.01.2018)

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Trifft ein Madrilene einen Ibizenker

Fernsehen bildet – unter anderem lernt man die Namen der Einwohner anderer Städte und Länder.

Man muss sich nicht für Fußball interessieren. Weiterbilden kann man sich trotzdem damit. Gerät man etwa in die Verlegenheit, in die Fernsehübertragung eines Spiels des spanischen Rekordmeisters zu geraten, lernt man von den Kommentatoren, dass die Einwohner von Madrid Madrilenen heißen. (So wie man einst von Heinz Prüller, die Jüngeren kennen ihn nicht mehr, nicht nur jedes Jahr aufs Neue erfuhr, wie Alberto Ascari 1955 von der Schikane, die deswegen so rutschig ist, weil dort die Fischer ihre Netze immer über die Straße ziehen, ins Meer rutschte und von Froschmännern geborgen wurde, sondern auch en passant, dass die Einwohner von Monaco Monegassen genannt werden.) Angeblich, heißt es, hat ja auch Barcelona ein ganz gutes Team. Doch Barcelonier, Barcelonaer oder Barcelonese als Bezeichnung für die Einwohner der katalanischen Stadt hört man bei Übertragungen selten. So wie auch Ibizenker keine Rolle für Fußballmoderatoren spielen – schade eigentlich, dass Ibiza kein Fußballteam in einer halbwegs würdigen Liga hat. (Wobei Ibi Zenker auch eine Figur aus einem Wiener Krimi sein könnte – „Ja, ja, die Zenker Ibi war früher oft hier im Café, Herr Kommissar! Ist leicht was mit ihr passiert?“)

Es macht schon Spaß, sich von geografischen Namen abgeleitete Einwohnernamen anzuschauen, die nicht etwa einfach nur durch ein angehängtes -er gebildet werden (es heißt Österreicher, nicht Ösi oder Ötzi). Wenn man auch nicht immer den Grund weiß, warum ein Einwohner von Bergamo Bergamaske genannt wird. Warum der Irländer ein Ire, der Ise hingegen ein Isländer ist. Weshalb man die Bewohner von Halle in Westfalen Haller nennt, die Einwohner von Halle an der Saale dagegen Hallenser. Und warum die Einwohner von Neapel so wie Schnitten heißen – und wer jetzt „Was, die heißen Manner?“ fragt, bekommt die Gelbe Karte!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.01.2018)

Rübezahl, Rasputin und der Wurzelsepp rasieren sich

Wie man Winnetou, den Wurzelsepp und den russischen Zarenhof in einen Text pressen kann.

Kaum eine Geschichte hat so einen langen Bart wie die von Rübezahl. Nur warum heißt der Berggeist im Riesengebirge eigentlich so? Nun, der deutsche Philologe Johann Karl August Musäus machte 1783 die Version populär, wonach der Schrat eine Königstochter in sein Reich entführt und mit ihr eine eheliche Koalition eingehen will. Damit sie sich nicht zu sehr nach ihrem Zuhause sehnt, bietet er ihr zum Trost Zauberrüben an, die jede Gestalt annehmen können. Die Frau verspricht ihm schließlich ihre Hand, wenn er die Zahl aller Rüben auf dem Feld nennen kann. Und während er beim Kassasturz ein wenig durcheinander kommt, setzt sie sich mit einem Pferd, das sie aus einer Rübe gezaubert hat, zu ihrem eigentlichen Prinzen ab. So geriet Rübezahl zum Spottnamen, der aber heute sehr oberflächlich vor allem mit einem Bart assoziiert wird.

Damit sitzt er in einem Boot mit Figuren wie Rasputin oder dem Wurzelsepp, bei denen auch der Bart als erste Assoziation auftaucht. Grigori Jefimowitsch Rasputin, der russische Wanderprediger galt als Wunderheiler, der es bis zum Berater der russischen Zarenfamilie brachte. Der Wurzelsepp wiederum ist eine aus Holz geschnitzte Figur, die in der Regel auch Bart trägt. Weniger bekannt ist, dass es auch einen Roman von Karl May (genau, der Erfinder von Winnetou) namens „Der Wurzelsepp“ gibt. Darin heißt die Figur eigentlich Joseph Brendel, ist ein bayerischer Geheimpolizist, der in den Bergen diverses Wurzelwerk sammelt und so zu seinem Namen kommt. Und was hat das mit dem sprichwörtlichen langen Bart zu tun? Nun, in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts geriet der Vollbart aus der Mode – und weil ihn nur noch alte Männer trugen, stand der Begriff für etwas Altes, Rückständiges. Wenn Ihnen jetzt eine spöttische Bemerkung zu Hipstern einfallen sollte – lassen Sie es, die hat auch schon einen ziemlich langen Bart.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.12.2017)

„Guten Morgen“ lustvoll absichtlich missverstehen

Spätestens, wenn der grüßende Kollege vom Quadratklafter erschlagen ist, hat man gewonnen.

„Was meint ihr damit? Wünscht ihr mir einen guten Morgen, oder meint ihr, dass dies ein guter Morgen ist, gleichviel, ob ich es wünsche oder nicht. Meint ihr, dass euch der Morgen gut bekommt oder dass dies ein Morgen ist, an dem man gut sein muss?“ Natürlich kann man sich an Gandalfs Antwort in J. R. R. Tolkiens „Der kleine Hobbit“ ein Beispiel nehmen und den Kollegen, der beim Betreten des Büros einen guten Morgen gewünscht hat, ein wenig aus der Fassung bringen. Oder man missversteht ihn absichtlich noch ein wenig mehr und nimmt den Morgen nicht als Tageszeit, sondern als altes Flächenmaß. Das war, doziert man dann, bis etwa 1900 in Deutschland gebräuchlich – als Fläche, die ein Ochsengespann an einem Vormittag pflügen kann. Das konnte regional ziemlich unterschiedlich viel sein, ehe sich im 20. Jahrhundert der metrisierte Morgen von 25 Ar durchsetzte. Harr, das kennen wir – genau, ein Ar entspricht einem a, also 100 m2. (Und 100 a sind ein Hektar, also bei einem Ausmaß von 68 mal 105 Metern etwa 1,4006 Fußballfelder.) Sind Sie noch da?

Als Pendant zum Morgen, wenn auch für einen ganzen Arbeitstag, galt einst das Tagewerk. Also die Fläche, die die berühmten Ochsen von Sonnenauf- bis -untergang bewältigten. Unter anderem in Österreich verwendete man, zumindest in den flachen Teilen, stattdessen das Joch. Das lag, je nach Region und Bodenbeschaffenheit, zwischen 33 und 58 Ar – das österreichische Joch wurde schließlich mit circa 57,55 Ar festgelegt. Das entspricht – bingo! – 1600 Quadratklaftern. Ein Quadratklafter kommt so auf 3,5979 Quadratmeter. Und der Arbeitskollege, der sich eben noch am Beginn eines normalen Bürotags wähnte, setzte mittlerweile einen Blick auf, als wäre er gerade gegen ein Klafter Brennholz gerannt. Tja, wird ein guter Tag heute. Man hätte aber natürlich einfach auch „Guten Morgen“ sagen können.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.12.2017)

Würden Sie mich bitte heftig deonymisieren

Charles Cunningham Boycott war kein guter Mensch, darum lebt er in unserer Sprache weiter.

Man muss einiges richtig gemacht haben, wenn der eigene Name irgendwann zu einem eigenständigen Begriff wird. Oder einiges falsch. Charles Cunningham Boycott, zum Beispiel, gehört in die zweite Kategorie. Als 1880 eingesetzter Gutsverwalter in der irischen Grafschaft Mayo verhielt er sich gegenüber den Pächtern derart bösartig, dass niemand mehr für ihn arbeiten wollte. Die irische Landliga ächtete ihn und billigte den Landarbeitern schließlich offiziell zu, dass sie keine Geschäfte mehr mit dem Menschenschinder machen müssen, bis Charles schließlich auswandern musste. Am Ende bekam diese Art des Widerstands seinen Namen – und der Boykott wurde zum geflügelten Wort, das heute gar nicht mehr groß erklärt werden muss. Auch Johann Balhorn der Jüngere gehört eher zur Sorte der negativen Deonymisierung (Deonyme sind Anteile eines Wortschatzes, die durch Ableitung von Eigennamen entstanden sind). Der Lübecker Buchdrucker brachte 1586 eine überarbeitete Ausgabe des Lübschen Rechts heraus, in der mehr Fehler enthalten waren als vorher. Diese Edition Balhorniana wurde schließlich als Beispiel für Verschlimmbesserungen zum heute noch gebräuchlichen Verb verballhornen.

Weniger bekannt ist eine scherzhafte Redewendung englischsprachiger Besucher von Arabischkursen, die einen Begriff im Wörterbuch nachschlagen. Eines der Standardwerke dafür stammt vom deutschen Arabisten Hans Wehr – das dazu passende Verb lautet dann hanswehrifying. Das war jetzt für Feinspitze, oder? Wer allerdings dahinter den französischen Couturier Jean Baptiste Feinspitz vermutet, muss enttäuscht werden. Der ist nur eine Erfindung dieses Montagskolumnisten, der immer mit Sprache herumdilettiert. Falls er Sie gerade verkocinat hat, nehmen Sie es ihm bitte nicht übel. Einen Boykott kann er nämlich wirklich nicht brauchen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.12.2017)

Das Internet bekommt einen Sendeschluss zu Mitternacht

Was wäre, wenn das Netz nach den Regeln des Analogfernsehens der 1980er ablaufen würde.

Schnee gibt es ja heute kaum mehr. Früher war das noch anders, da grieselte (was für ein schönes Wort) es nachts noch in den Fernsehern. Vom Digitalfernsehen kennt man dieses Bildrauschen ja gar nicht mehr, das angezeigt wird, wenn das Gerät kein Signal empfängt. „Kein Signal“ liest man heute ganz unaufgeregt und kann sich nicht mehr irgendwo im Schneesturm wähnen. Abgesehen davon, dass es ohnehin immer irgendein Signal gibt. Irgendeine Wiederholung von irgendetwas wird es schon spielen. Und im Zweifel bleibt ja noch das Internet. Wobei, stellen wir uns einmal vor, das Netz würde nach den gleichen Regeln ablaufen wie früher das analoge Fernsehen . . .

Da müssten die Kleinen nach dem Besuch von betthupferl.com um 18 Uhr weg vom Computer – maximal noch durch einen Türspalt erspähen, wo die Eltern herumsurfen. Um 19.30 Uhr würde die „Zeit im Bild“ auf alle österreichischen Websites durchgeschaltet. Kurz vor Mitternacht sollte man sämtliche Mails geschrieben und die letzten Bestellungen im Onlineshop aufgegeben haben – denn Punkt 24 Uhr würde statt der Google-Startseite eine rot-weiß-rote Fahne vor blauem Himmel über den Bildschirm wehen. Und im Hintergrund würde die Bundeshymne ablaufen. Danach würde der Schnee einsetzen. Das Rauschen. Und verständnislos würde die Generation, die das österreichische Fernsehen vor 1995 gerade einmal aus Erzählungen („Opa, erzähl uns von früher!“) kennt, auf ihre Laptops und Handydisplays starren. Erst am nächsten Tag gegen 6 Uhr morgens, wenn die Nachrichtenseiten langsam wieder hochgefahren werden, statt des Schnees plötzlich ein Testbild auftaucht, könnte man das Bild vom nächtlichen Wachliegen auf Instagram stellen. Tja. Wer jetzt in ein glückseliges „Früher war alles besser“ verfällt, möge mir bitte ein E-Mail schicken. Oder besser eine Postkarte.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.11.2017)

Würden Sie mich bitte freundlich beschimpfen

Was die Toilettenlüftung und eine Nougatschlucht mit dem Pilzlexikon zu tun haben könnten.

Woher, fragt der Kollege, kommt eigentlich das Wort derrisch. Andere hätten auf diese Frage vermutlich „wie bitte?“ oder „was?“ gefragt und sich über das Gelingen eines abgelutschten Fließbandscherzes gefreut, doch man kann diese Situation auch anders lösen. Im Duden, doziert man dann, findet man das Wort in der Schreibweise törisch, wo es als bayerische und österreichische Mundart für taub oder gehörlos verwendet wird. Entstanden ist das aus dem mittelhochdeutschen tœrisch, was in der Art eines Toren oder auch töricht bedeutet. Wie kam es zu dieser Gleichsetzung? Nicht hören zu können endete für Kinder einst immer wieder damit, dass sie sich selbst überlassen wurden und auch keinen Unterricht bekamen. Konnte ein Kind sich mit Erwachsenen nicht verständigen, wurde es dann eben sein Leben lang als töricht angesehen. So, Mission erfolgreich ausgeführt, lieber Kollege.

„Du musst aufpassen, dass du nicht zum Klugscheißer wirst“, schimpfte ein Freund kürzlich, „wenn du jetzt einen auf allwissende Müllhalde machst.“ Stimmt. Apropos schimpfen, das hieß im Mittelhochdeutschen skimpfen und stand für Scherz treiben oder verspotten, und das klingt eigentlich gar nicht so böse. Tatsächlich hat so manches Schimpfwort eine humorige Note. Der Schaszutzler, zum Beispiel – falls Sie aber beabsichtigen, jemandem dieses Wort an den Kopf zu werfen, bedenken Sie, dass es sich um ein ostösterreichisches Synonym für Toilettenlüftung handelt, für Personen also gar nicht so passend ist. So wie auch die Nougatschlucht, wie die Gesäßspalte im Wienerischen genannt wird. Bleiben noch Eierbär, Zwetschkenkrampus oder weitere unzählige Einträge im Schimpfwörterbuch. Falls Ihnen aber die bösartigen Begriffe einmal ausgehen sollten, hilft ein Blick ins Pilzlexikon – versuchen Sie es zum Beispiel mit „Du fransiger Wulstling!“.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.11.2017)