Kampf den leeren Hüllen in der „After Eight“-Packung

Ein Fehler, den alle begehen, wird irgendwann als Regel anerkannt. Das Phänomen, das wir vor allem aus der Sprache kennen, ist auch im Alltag ein ständiger Begleiter. Nun müssen wir darob zwar nicht in das reaktionäre Muster verfallen, jeglichen Wandel als Niedergang zu betrachten, doch gelegentlich sollten wir zumindest ein wenig kritisch reflektieren, welche Fehler wir vermeiden können – auf dass sie nicht zur Regel werden.

All jenen, die eine Packung „After Eight“ auf ihrem Couchtisch stehen haben, sei etwa ins Stammbuch geschrieben: Steckt die leeren Hüllen nicht wieder in die Packung! Nichts ist entwürdigender, als zwischen hunderten schwarzen Papiertäschchen nach den letzten verbliebenen Schokolade-Minz-Tafeln zu fingern. Genauso verabscheuungswürdig ist es, Christbaumbehang auszupacken und die leere Folie am Baum hängen zu lassen. Seien Sie Ihren Kindern ein Vorbild und lassen Sie das bleiben!

Ein weiterer klassischer Fehler, der dieser Tage wieder von Millionen Menschen begangen wird, hat sogar einen eigenen Namen: der Neujahrsvorsatz. Warum sollte ein charakterschwacher Mensch gerade mit Stichtag 1. Jänner sein Leben nachhaltig ändern, wenn er es schon das ganze Jahr nicht zusammengebracht hat? Wer nicht mit dem Rauchen aufhören will, sollte sich gar nicht erst einreden, dass er es im neuen Jahr machen wird. Nur in den seltensten Fällen ist das Knallen der Sektkorken die Initialzündung für den Start in ein neues Leben. Darum lassen wir diese ritualisierte Selbstverleugnung doch einfach bleiben und versuchen gar nicht, mit dem Jahreswechsel zum Spitzensportler zu werden. Lehnen Sie sich zurück, genießen Sie das Leben, nehmen Sie sich ein „After Eight“ – und dann werfen Sie die leere Hülle gefälligst in den Mistkübel.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.12.2010)

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Das ist der Weg, wie das Keks zerbröselt

Die Geschichte des Kekses ist eine Geschichte voller Missverständnisse. Zunächst einmal jenes, dass es sich bei ihm sowohl um ein Männchen als auch um ein Sächchen (sagt man so zu geschlechtsneutralen Dingen?) handeln kann. So ist er in Deutschland der Keks, während es in Österreich das Keks heißt. Abgesehen davon versteht man in den beiden Ländern völlig unterschiedliche Dinge darunter – im Norden ist damit das zackige, mürbe Gebäckstück à la Butterkeks gemeint, während hierzulande jegliche Form von Gebäck darunter verstanden wird. Vanillekipferln & Co. bezeichnet der Germane hingegen als Plätzchen, was sich aus dem Diminutiv des aus dem Lateinischen stammenden placenta (Kuchen) ableitet.

Am Keks offenbart sich aber auch eine weitere österreichische Eigenheit, nämlich die überproportionale Verwendung des Buchstaben x in der gesprochenen Sprache. Was beim Kex ja wenig Konsequenzen hat, bei Wörtern mit einer ch-s-Kombination jedoch zu Missverständnissen führen kann. So kann es durchaus passieren, dass die Zahl sechs in der Aussprache wie der Begriff für geschlechtliche Handlungen klingt. Ein Klassiker, der unter Schenkelklopfern schon einige Beliebtheit erreicht hat. Klassisch ist auch die lachse (haha) Aussprache des beliebten Speisefisches oder die Verwechslung von Deutschlands Wildtier des Jahres 2010 (ja, das gibt es wirklich) mit dem ebenso deutschen Aktienindex DAX. (Das Wildtier 2011 ist übrigens der Luchs, was wieder lustige Verwechslungen mit der Beleuchtungsstärke garantiert.)

Dumm ist nur, wenn jene wenigen Sprachpuristen, die die ch-s-Kombination korrekt aussprechen, gedankenlos einen Schritt zu weit gehen. Denn mit Sachsofonisten und Bochsern sollte man keine Fachsen machen. Von Kechsen gar nicht zu reden.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.12.2010)

Wenn ich dich ärgern will, halte ich dir die Tür auf

Nichts ist schöner, als hinter einem freundlich lächelnden Gesicht eine Gemeinheit zu verstecken. Jemanden anzuschreien oder ihm Beschimpfungen an den Kopf zu werfen, das hat absolut keinen Stil. Und im Streit die Hand zu heben, das ist sowieso tabu. Es gibt doch viel spannendere Methoden, Menschen zu erniedrigen – bei denen man von demjenigen auch noch Dank erwarten darf. Am besten funktioniert das, wenn Sie jemandem, der gerade noch ein bisschen zu weit entfernt ist, die Tür aufhalten. Denn der Betreffende gerät angesichts dieser freundlichen Geste in Zugzwang – schließlich will man ja den höflichen Türöffner nicht allzu lange warten lassen – und muss sein gemächliches Tempo erhöhen. Im besten Fall setzt die Person sogar zum kurzen Sprint an. Genau jener Moment, in dem die ungewollte sportliche Betätigung einsetzt, der Körper sich ein wenig nach vorne neigt und die Beine ungelenk in den Trab übergehen, ist die ultimative Erniedrigung. Chapeau!

Was aber macht man im umgekehrten Fall, wenn man schon den scheinbaren Kavalier grinsend in der geöffneten Tür stehen sieht? Dann sollte man nur ja nicht in den Reflex verfallen, den Schritt zu beschleunigen. Dazu gehört eine gewisse Überwindung, das stimmt, doch im besten Fall marschiert man einfach seelenruhig und gemächlich auf die Türe zu. Feinspitze garnieren das Defilee mit einem freundlichen Zuruf à la „Aber nein, lass nur!“ Denn steht derjenige erst einmal in der Tür, kann er gar nicht anders, als dort zu verharren. Wenn Sie ganz gemein sein wollen – und ein paar Münzen eingesteckt haben -, können Sie ihm als Gipfel der Perfidität im Vorbeigehen auch noch eine 50-Cent-Münze zuschnippen. Er wird dann vermutlich freundlich lächeln. Und Sie können sich ausrechnen, wie er es meint . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.12.2010)

Ich liebe dich (von meinem iPhone gesendet)

Ja, sehr geehrte Damen und Herren, es lässt sich abstellen. Einstellungen – Mail, Kontakte – Signatur. Und dann einfach löschen. Allein, es macht niemand. Und so erfreuen wir uns tagtäglich an allerlei hübschen E-Mails, unter deren eigentlichem Inhalt wir in der Signatur lesen können, dass die Nachricht von einem iPhone in den digitalen Äther geschickt wurde. Klar, wenn man schon ein solches Mobiltelefon hat, möchte man die Welt daran auch Anteil nehmen lassen. Was allerdings mitunter skurrile Blüten treibt. Oder würden Sie sich freuen, wenn auf Ihrem Display folgendes Geständnis zu lesen ist: „Ich liebe dich (von meinem iPhone gesendet)“. Das ist in etwa so charmant, als würde man nach einem Candlelight-Dinner getrennte Rechnungen verlangen, oder?

So wie es aussieht, dürfte in Apples Smartphone ein gewaltiger Wurm stecken – dass nämlich für das Gerät keine Understatement-App verfügbar ist. Dagegen scheint es an einer Applikation für Ausreden nicht zu mangeln. Die Signatur sei eine Entschuldigung für Tippfehler, die auf dem kleinen Display ja viel häufiger passieren als mit einer Computertastatur. Ja, eh. Andere wiederum meinen, sie wüssten gar nicht, wo man die Signatur abstellen kann – mit dem Herunterladen diverser Spielchen aus dem Apple-Shop haben sie dagegen keine Probleme. Wenigstens ehrlich wirken jene iPhone-Nutzer, die mit großen Augen fragen: „Wie, das kann man auch abschalten?“ Was allerdings auch ein schlechtes Licht auf die Produzenten wirft, denen man immerhin zutraut, diese Werbeeinschaltung tatsächlich jedem Nutzer aufzuzwingen. Als würde das Waschmittel auf dem Pullover seinen Werbeclaim hinterlassen, um den Vergleich mit der analogen Welt zu bemühen. Aber gut, solange Apple kein iWaschmittel herstellt . . . (auf meinem Computer geschrieben).

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.12.2010)