Da Hallo ist schon gestorben, liegt neben dem Heast

Der Verblichene steht in einem Regal mit gefüllten Paprika, aber das kennt heute kaum mehr jemand.

Einander mit dem Namen eines Toten zu begrüßen hat schon etwas Unheimliches. Es sei denn, er wäre wieder auferstanden. Was er offenbar auch ist, der Hallo, schließlich begegnet man ihm mehrmals täglich. An der Kassa im Supermarkt, beim Annehmen eines Telefongesprächs oder beim Betreten eines Geschäfts, in dem gerade kein Verkäufer zu sehen ist („Hallo? Ist da jemand?“). Dabei haben wir doch seinerzeit gelernt: „Da Hallo ist schon gestorben.“ So hieß es damals zumindest, meist aus den Mündern der Großelterngeneration, verbunden mit dem Hinweis, dass der Verblichene auf dem Friedhof neben dem Heast zur Ruhe gebettet wurde. Und auch dem He gehe es schon ganz schlecht.

Nun, vom größten Comeback seit Lazarus zu sprechen wäre dennoch vermessen. Denn abgesehen von der großelterlichen Zurechtweisung war der Hallo ja nie weg. Auch darf man den alten Spruch nicht als beinharten Abwehrkampf gegen die Verluderung der deutschen Sprache begreifen, sondern als klassischen Griff ins Schenkelklopferrepertoire. Ähnlich wie auch die Antwort auf die Frage der Kinder, was es zu essen gibt – „g’füllte Nauscherl und ‚backene Trutschkerln“, nämlich. Mit Ersterem wurden im alten Wien gefüllte Paprika bezeichnet, die gebackenen Trutscherln – es gibt auch die Variante Tritscherln – lassen sich dagegen nicht ganz so leicht ableiten, hat vielleicht jemand einen Vorschlag? Gemeint war mit dieser großelterlichen Phrase aber ohnehin ein kopftätschelndes „Frag nicht, Kind, gegessen wird, was auf den Tisch kommt“.

Die wiederkehrenden Sprüche waren aber nicht nur ein Vorrecht der Älteren. Auch die Kinder entdeckten ihre Durchschlagskraft in der Konversation. Wenn die Großmutter etwa mit einem „Grüß Gott schön“ die Wohnung betrat und man freudestrahlend und kichernd brüllte: „Danke, ich werde es ihm ausrichten.“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 25.01.2016)

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Auch stilles Wasser macht beim Einschenken Lärm

Über klassische Einwegkommunikation in einsamen Stunden.

Allzu gesprächig ist Wasser ja an sich schon nicht. In einsamen Stunden einen Dialog mit einem gefüllten Glas zu beginnen, endet dann doch in klassischer Einwegkommunikation. Hätte man sich halt vorher überlegen müssen, ehe man zum stillen Wasser gegriffen hat. Wobei auch das gesprächige Wasser nur bedingt als Partner sozialer Interaktion dient. Viel mehr als ein beständiges leises Blubbern bekommt man auch aus einer Flasche mit Kohlensäure nicht heraus. Und selbst sie lässt sich rasch wieder zum Schweigen bringen, indem einfach der Schraubverschluss wieder zugedreht wird. Auch das nicht stille Wasser kann also bedenkenlos auf den Nachttisch gestellt werden, ohne dass man Angst haben muss, durch einen plötzlichen Redeschwall von ihm geweckt zu werden. Viel zu erzählen hätte es ja wahrscheinlich, hat es ja je nach Herkunft schon einiges gesehen, ist durch Wolken geflogen, womöglich halb erfroren auf einem Berg gelandet und hat sich dann zum Aufwärmen wieder nach unten verzogen. Doch vermutlich dauert es einige Zeit, all das Erlebte zu verarbeiten, um es auch anderen weitergeben zu können. Doch noch bevor das passiert, ist es auch schon getrunken. Tja.

Überhaupt sollte man sich nicht täuschen lassen. Denn auch stilles Wasser kann laut sein. Es blubbert sogar ganz gewaltig beim Einschenken, wenn man es nur schnell genug macht. Dann ist es allerdings wieder still. Und müsste dem Sprichwort zufolge dann auch tief sein, aber in einem Viertelliterglas ist das doch eine ziemlich gewagte Behauptung. Und jeder weitere Versuch, die Flüssigkeit zum Reden zu bringen, ist ein Schlag ins Wasser. Wobei, eine Möglichkeit gibt es schon noch, indem man es heiß macht – hallo Baby, soll ich dir meinen Wasserkocher zeigen? Doch selbst dann ist nicht viel mehr drin als sinnloses Geblubber, von einem Gespräch ist keine Rede. Naja, es kocht halt auch nur mit Wasser.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.01.2016)

Männer, die ihr Sakko über die Schultern hängen

Das majestätische Gefühl eines Umhangs stellt sich nicht ein, wenn die Ärmel hilflos herumbaumeln.

„I would do anything for love (but I won’t do that)“, sang Meat Loaf. Aber halten wir uns nicht mit dem schwülstigen ersten Teil auf, sondern lenken unsere Aufmerksamkeit gleich auf die Worte in der Klammer. Diese sollten nämlich viel öfter beachtet werden. Nein, das mache ich einfach nicht. Unmoralische Angebote annehmen, zum Beispiel. Oder sich zum Gaudium anderer zum Trottel machen. Es braucht manchmal Mut, Nein zu sagen. Und natürlich ist es hilfreich, ein Gerüst an Grundwerten aufgebaut zu haben, auf dessen Basis man ein Nein guten Gewissens stellen kann. Womit wir bei einem weiteren wichtigen Begriff landen, nämlich der Haltung. Sie leidet nämlich gewaltig, wenn Männer ihr Sakko über die Schultern hängen. Und nein, damit ist nicht die politisch inszenierte Form von Dynamik gemeint, wenn jemand den Zeigefinger in die Schlaufe steckt und das Jackett auf einer Seite des Rückens herabsinken lässt. Gemeint ist jene Körperhaltung, bei der das Sakko über beiden Schultern hängt, die Arme jedoch nicht in den Ärmeln stecken, sondern vorn herauslugen. „I won’t do that (at least I shouldn’t)“, könnte das dazugehörige Lied auf dem neuen Meat-Loaf-Album heißen. (Meat Loaf kennt man heute schon noch, oder?)

Zugegeben, im Winter taucht diese modische Extravaganz nur selten auf. Aber der nächste Sommer kommt bestimmt, und dann soll kein Mann sagen, dass er nicht gewarnt wurde. Davor, dass die Proportionen dann nicht passen, die losen Ärmel hilflos herumbaumeln und sich das majestätische Gefühl eines Umhangs bei sämtlichen Beobachtern nicht und nicht einstellen will. Doch damit genug der Stilkunde aus dem Munde eines modischen Blindgängers, der schon selbst seine „I won’t do that“-Momente gehabt haben sollte. Aber wer noch nie ein Meat-Loaf-T-Shirt über einem hellblauen Sweater getragen hat, der werfe den ersten Stein . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.01.2016)

Die Hände hinter dem Rücken verschränken

Der Kampf gegen eine Körperhaltung, die vor allem älteren Männern zugeschrieben wird.

Peinlich berührt. Hat man sich wirklich gerade selbst dabei ertappt, wie man beim Gehen die Hände hinter dem Rücken verschränkt hat? Ganz genau, das ist jene Körperhaltung, die vor allem älteren Männern zugeschrieben wird. Die tritt, so sagt man, zum selben Zeitpunkt ein, zu dem man hellbraune Mäntel zu tragen beginnt. Und einen Hut, den man freundlich lupft, wenn man auf der Straße jemandem begegnet. Kurzum, es ist eine Verhaltensweise, für die man sich bis zu einem bestimmten Alter zu jung fühlt. Wie kommt es überhaupt dazu? Vielleicht, weil dadurch die Wirbelsäule entlastet wird, man nicht so nach vorn gebückt steht? Oder weil man die Hände aus welchen Gründen auch immer nicht in die Hosentaschen stecken möchte, sie aber nicht einfach herunterbaumeln sollen? Hat man ja früher gelernt, dass Hände im Hosensack (sagt das heute eigentlich noch jemand?) unfein sind, so wie das Lümmeln mit den Ellbogen auf dem Tisch. Ups, und schon wieder hat man gedankenverloren die Arme hinter dem Rücken.

Ein bisschen schummeln geht natürlich. An der roten Ampel, zum Beispiel. Da wird dann gleichzeitig der Rücken durchgestreckt, die Beine stehen etwas weiter als schulterbreit, und der Blick wandert starr geradeaus, bis man wirkt wie ein Soldat aus einem amerikanischen B-Movie. Doch sobald die grünen Ampelmännchen aufleuchten, fliegt der Betrug auf, wirkt die Körperhaltung nicht wie bei Jean-Claude Van Damme in den 1980ern, sondern wie bei einem durchschnittlich unsportlichen Menschen in seinen 80ern. Gerade, dass im Hintergrund nicht STS dreistimmig zu „Großvater“ ansetzen.

In diversen Körpersprache-Ratgebern ist auch die Rede davon, dass die Hände hinter dem Rücken zeigen, dass man etwas zu verbergen hat. Gute Idee, eigentlich. Nur wie verbirgt man damit, dass man gelegentlich unbewusst die Hände hinter dem Rücken verschränkt?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.01.2016)