Leute, die am Ende eines Satzes drei Punkte machen

Auslassungspunkte am Satzende häufen sich. Und es ist fraglich, ob man das gut finden soll . . .

Machen wir einen Punkt. Wenn man sich selbst dabei ertappt, dass man am Ende eines Satzes gern drei Punkte macht, bleibt schließlich einiges offen. Dass man nämlich davor zurückschreckt, etwas auszusprechen – oder eher auszuschreiben. Und mit den drei Punkten am Ende rettet man sich darüber hinweg – denn dadurch bleibt offen, wie etwas gemeint ist. Sie sind nicht so absolut wie der Punkt. Nicht so aggressiv wie ein Rufzeichen. Nein, die drei Punkte sind wie das Hochziehen der Schultern mit dem Du-weißt-schon-Blick und dem Verdrehen der Augen nach oben. Wie ein tja, das übrigens auch aus drei Zeichen besteht und das alles und nichts sagt. Es ist jedenfalls ein ruhiger Gegenentwurf zum derzeit so gefragten aufgeregten Aneinanderreihen von Rufzeichen, als klemmte gerade eine Taste. Wenig verwunderlich, dass die drei Punkte auch Auslassungspunkte genannt werden. Um schlimme Wörter nicht in den verschriftlichten Mund nehmen zu müssen („Scher dich zum . . .“), um ein langes Zitat mittendrin zu verkürzen („Land der Berge [. . .] Österreich“) oder um in einer Aufzählung nicht alles aufzählen zu müssen, also anstelle von usw, etc. pp., . . . Und schließlich eben auch noch dieses gewollte Offenlassen, das mit zuckenden Schultern die Leser dazu bringt, sich selbst ein paar Gedanken dazu zu machen.

Bei inflationärer Verwendung der drei Punkte am Ende bleibt in jedem Fall ein schaler Nachgeschmack . . . Und genau den sollte man vermeiden. Es böte sich also an, Satzenden wieder etwas bestimmter werden zu lassen. Vielleicht mit einem Doppelpunkt, nach dem nichts kommt . . . Der wäre allerdings ähnlich gemein wie ein Teaser für das WM-Finale mit anschließendem Stromausfall. Er weckt Erwartungen und endet im Nichts. Reichlich unbefriedigend, das . . . Aber damit müssen Sie jetzt leben:

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.02.2016)

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Gib jemandem langsames Internet und dann warte

Durch nichts erfährt man mehr über den Charakter eines Menschen als bei quälend langsamem WLAN.

Wenn Sie etwas über den Charakter eines Menschen erfahren wollen, geben Sie ihm eine langsame Internetverbindung. Hätte es zu Zeiten von Konfuzius schon Internet gegeben, hätte man vor diesen weisen Satz auch ein „Konfuzius sagt“ stellen können, so viel Wahrheit steckt darin. Erschwerend können Sie noch eine zusätzliche Aufgabe damit verknüpfen, etwa einen Flug zu buchen. Wenn Sie dann lang genug am Fluss sitzen, sehen Sie irgendwann die Leiche Ihres Feindes vorbeischwimmen, um mit einem weiteren chinesischen Sprichwort fortzufahren. Gut, es muss nicht unbedingt ein Feind sein, und den Tod will man auch niemandem wünschen, aber im übertragenen Sinn kann man mit einer solchen Aufgabenstellung jemanden in den Wahnsinn treiben, ohne dass man sich selbst dabei wahnsinnig anstrengen muss.

Spätestens dann, wenn der Proband schon so ärgerlich ist, dass er am liebsten IN VERSALIEN SPRECHEN würde, sollte der Versuchsaufbau aber beendet werden. Dann hatte man ja schon seinen Spaß beim Beobachten. Wie die Augen sich weiten, die gerade noch lockere Hand sich immer mehr zusammenballt. Und der Mensch am Computer von Minute zu Minute auf der nach unten offenen Frustskala weiter hinabklettert. Viel lässt sich dabei herausfinden. Ob die Person ein Sanguiniker ist, der trotz allem locker bleibt. Ein Phlegmatiker, der irgendwann die Aufgabe zur Seite legt. Ein Melancholiker, der den Kopf traurig auf seine Hände stützt. Oder ein Choleriker, der die Tasten des Rechners am Ende wie ein Schlagzeug bearbeitet. Und abgesehen davon findet man auch etwas über sich selbst heraus: Wer sich am Unglück anderer weidet, wird irgendwann auch eine schlechte Internetverbindung haben. Hätte Konfuzius sicher gesagt – wenn sein WLAN damals nicht auch so verdammt langsam gewesen wäre.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.02.2016)

Schreiben wir das schöne Wetter in die Verfassung

Die Meteorologen sollen mit eisernem Besen den Himmel wieder lückenlos aufklären.

Es ist schon so oft darüber geschrieben worden, dass Menschen gern über das Wetter jammern, dass man das wirklich nicht noch einmal aufwärmen muss (das Thema, nicht das Wetter). Noch dazu, wo es ja eine ganz einfache Möglichkeit gäbe, schlechtes Wetter einfach abzuschaffen. Man müsste es nur in die Verfassung schreiben, vielleicht eingeleitet mit den Worten „Liebes Christkind“. Und schon würde das Wetter an den Grenzen der Republik innehalten, sich der Verwaltungsübertretung besinnen, die es mit einem Grenzübertritt begehen würde, und das mitgebrachte Adriatief ganz einfach über Slowenien abladen, ehe es sich mit sonnigem Lächeln ins Land wagt. Parallel dazu müsste man natürlich noch die Strafen für schlechtes Wetter erhöhen, falls es sich doch einmal überlegen sollte, mit dunklen Wolken und Schneeregen im Gepäck einreisen zu wollen. Die Aussicht auf eine hohe Geldstrafe oder gar ein paar Wochen Dunkelhaft wird jeden eisigen Nordostwind zweimal überlegen lassen, ob er sich drübertraut.

Allerdings wenden Kritiker ein, dass man das schlechte Wetter nicht auf nationaler Ebene lösen wird können. Hier müsse schon dort angesetzt werden, wo das Wetter entsteht. Ein Islandtief also schon abfangen, ehe es sich in Bewegung setzt. Dafür Anreize setzen, dass das Azorenhoch öfter vorbeischaut. Wetter braucht Kontrolle, das könnte auch das Versprechen sein, mit dem sich ein Wahlkampf erfolgreich bestreiten ließe. Es muss endlich einmal gearbeitet werden, müsste man den Meteorologen dann entgegenschmettern, die sich in ihrer Rolle als Verkünder so gut gefallen, aber nie über ihren Schatten springen und tatsächlich eingreifen. Die Menschen haben ein Recht auf schönes Wetter. Mit eisernem Besen sollten all die Wetterfritzen die schwarzen Wolken vom Himmel fegen, bis er lückenlos aufgeklärt ist. Das wird man ja wohl noch sagen dürfen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 15.02.2016)

Bitte halten Sie zum Zahlen einen Sack Münzen bereit

Wenn das Team Kartenzahlung von einem Fahrkartenautomaten schachmatt gesetzt wird.

Liebes Team Bargeld, ein bisschen nostalgisches Festhalten an alten Gewohnheiten ist ja in Ordnung. Etwa daran, an der Kassa im Supermarkt eine Minute lang nach den passenden Cent-Münzen zu kramen – und umgekehrt die Augen zu verdrehen, wenn jemand vor einem mit Karte zahlen will. Auch das Sparschwein daheim, in das alle paar Tage einige hundert Kupfermünzen wandern, ist ein unverzichtbares Kleinod der heimischen Wohnungsarchitektur. Im Oktober kann man sich auch den Sonntagsanzug überziehen und das Porzellantier zum Weltspartag wieder feierlich äußerln führen. Es gilt die freie Wahl, und das ist auch gut so.

Ungut wird es erst, wenn das Team Kartenzahlung schachmatt gesetzt wird. Wenn man etwa an einer Haltestelle in Köln ein Ticket kaufen möchte. Da gibt es zwar einen Schlitz für Kartenzahlung, doch weder Kreditkarte noch EC-Karte (das ist die, bei der Österreicher sagen, sie zahlen mit Bankomat) werden akzeptiert. Nur eine sogenannte Geldkarte – die man als Besucher in Deutschland natürlich nicht hat. Auch gefiel es dem Verkehrsbetrieb, auf einen Schlitz für Geldscheine zu verzichten. Und so müssen die 8,50 Euro für ein Tagesticket eben in Münzen herangekarrt werden. Was zu einem weiteren nostalgischen Verhalten führt – im nächsten Geschäft eine Kleinigkeit kaufen, die man nicht braucht, mit einem großen Schein zahlen und bitten, dass man das Wechselgeld in Münzen bekommt. Mit einem Schokoriegel und einem scheppernden Sack geht es dann wieder zum Automaten, liebes Team Bargeld. „Das ist eben so“, sagt der Kontrolleur in der U-Bahn.

Der Fairness halber – es gibt offenbar eine Möglichkeit, sich per Handy online zu registrieren, um ein Ticket zu kaufen, wie man Tage später feststellt. Aber gestehen Sie bitte auch dem Team Kartenzahlung ein bisschen nostalgisches Festhalten an alten Gewohnheiten zu.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.02.2016)

Mal dir Punkte auf die Zehen und spiel damit Domino

Kann man Langeweile messen? Und wie fad muss einem sein, darüber überhaupt nachzudenken?

Wie fad muss einem sein, kam unlängst als Reaktion auf eine Kolumne. Eine Frage, die einen natürlich beschäftigt. Denn wie genau misst man eigentlich Langeweile? Im Koordinatensystem mit Zeit auf der einen und produktiver Untätigkeit auf der anderen Achse? Lässt sich daraus ein Faditätskoeeffizient berechnen, mit dem man eine klar definierte Auskunft zu der einleitend geäußerten Frage geben kann? („In diesem Fall war mir übrigens 8,73 fad auf der nach oben offenen Schwunglosigkeits-Skala!“) Oder ist Fadesse royale nicht eher in Form einer Möbiusschleife angelegt, in der man seine Gedanken einfach mal ziellos herumstreifen lässt? Nur Vorsicht, da treffen dann Langeweile und Muße aufeinander, die zwar wesensverwandt, jedoch gesellschaftlich doch unterschiedlich konnotiert sind. Außerdem wird die Frage, um welchen Zustand es sich gerade handelt, je nach Innen- oder Außensicht unterschiedlich ausfallen. Aber ja, natürlich gibt es dieses Empfinden von Leere beim Verstreichen der Zeit.

Im Kindesalter mündet das dann in die Aussage „mir ist fad“ (das a sehr lang gedehnt). Das erzwungene oder mangels Ideen zustandekommende Nichtstun, in dem noch dazu die Motivation nicht groß genug ist, aktiv etwas an diesem Zustand zu ändern, wird missmutig in die Welt hinausposaunt. Eine beliebte großelterliche Antwort darauf, um wieder im Kindheitsarchiv zu graben, war dann: „Mal dir Punkte auf die Zehen und spiel damit Domino!“ Damit konnte das Gehirn gelegentlich soweit angeworfen werden („aber das geht ja gar nicht . . .“), dass es das Gefühl der Langeweile wieder in einem Bereich weiter hinten ablegte. Nur leider lässt sich das nicht beliebig oft reproduzieren. Was ja eine Motivation sein kann, sich ähnlich hilfreiche Meldungen zur Vertreibung von Langeweile einfallen zu lassen. Aber zugegeben, da muss einem schon sehr fad sein.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 01.02.2016)