In drei Monaten werden die Tage schon wieder kürzer

Es sind unruhige Zeiten, so wie immer. Versuchen Sie doch einmal, das Gegenteil zu behaupten.

In unruhigen Zeiten wie diesen ist oft die Rede davon, dass wir in unruhigen Zeiten leben. Das war auch schon in den unruhigen Zeiten so, die wir heute in der Erinnerung als ruhig betrachten. Im Kalten Krieg gab es aber auch noch keine Klimaerwärmung. Da wäre es nur kurzfristig sehr heiß geworden und danach wieder sehr kalt, wenn wir uns an den atomaren Winter erinnern, der damals in diesen ruhigen Zeiten dafür gesorgt hat, dass man ein bisschen unruhig wird. Unruhig sollte man auch werden, weil es jetzt langsam wieder bergab geht. In nur drei Monaten werden die Tage schon wieder kürzer. Die Vorrunde der Fußball-EM wird noch nicht zu Ende sein, wenn die Sonne sich wieder in Richtung Südhalbkugel bewegt und die Phase der Dunkelheit einleitet. Immerhin wird Österreich dann schon ein neues Staatsoberhaupt haben, das dem Volk in diesen unruhigen Zeiten Mut zusprechen wird. Und das nahtlos überleitet von der Eishockey-Weltmeisterschaft, die im Mai (ja, wirklich!) stattfindet, zum Start der Wintersaison, in der im Supermarkt wieder Lebkuchen zu haben ist, also etwa Anfang Juli. Sich über Lebkuchen im Sommer zu beschweren ist allerdings total 2005.

Überlegen wir uns also lieber, wann zuletzt jemand gesagt hat, dass es ruhige Zeiten sind, in denen wir leben. Damals, in den unruhigen Zeiten vielleicht, die uns im Nachhinein so schön ruhig vorkommen? Das wäre ja, als würde ein Fußballtrainer vor dem Spiel gegen einen Jausengegner nicht „Es wird ein schwieriges Spiel“ sagen. In der Schule gab es übrigens immer welche, die vor der Schularbeit gejammert haben, dass sie Angst haben, weil sie „überhaupt nichts gelernt“ haben, um nicht als Streber dazustehen. Das waren dann die, die die Einser bekommen haben. Und noch etwas: „In Zeiten wie diesen“ kann man immer sagen. Das „unruhig“ schwingt dann schon ganz von allein mit.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.03.2016)

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Die Rache der Wiederkäuer an ihren Verspeisern

Das Karma taucht oft an ungewohnten Orten auf, etwa in den Zwischenräumen Ihrer Zähne.

Karma ist ein Hund. Eine Quittung, welcher eigenen Untat man zu verdanken hat, dass etwas danebengegangen ist, wird in der Regel nicht ausgestellt. Bei geringfügigen Vergehen ließe sich noch argumentieren, dass sie von der schiedsgebenden göttlichen Instanz sofort geahndet werden, wie es im Volksmund per schadenfrohem Bonmot weitertradiert wird. In anderen Fällen wiederum schlägt es zu einer Zeit zu, in der längst jeder Gedanke an die vergangene Schandtat dahin ist. Und in einem Zusammenhang, der sich auch nicht mehr erschließen lässt, wenn man nicht mit Räucherkerzen und Gläserrücken einen herbeibeschwört.

Umso schöner ist es, wenn es eine logisch herleitbare Erklärung gibt, die beim Sündenfall auch sofort eintritt. Rinder, zum Beispiel, piesacken ihre Verspeiser damit, dass sie sich an deren Zähnen festkrallen, in den Zwischenräumen ihr Lager aufschlagen, um hier noch einmal ein klein wenig Rache zu üben. Kleine Guerillatrupps aus Fleischfasern nötigen dann dem Karmageschädigten ein entwürdigendes Verhalten auf. Wenn er dann versucht, mit Zunge und Kieferyoga den Eindringling aus den Zwischenräumen zu pulen, und damit selbst wie ein Wiederkäuer wirkt. Es ist die solipsistische Version des freundlichen „Sie haben da etwas zwischen den Zähnen“ des Tischgegenübers. Nur, dass die Person am anderen Ende nichts sieht, schließlich sind Backenzähne in der Regel am Anlächeln zwischen zwei Gängen nicht beteiligt. Dafür gibt es Zungenakrobatik, einen nervösen Blick und je nach Örtlichkeit vielleicht irgendwann den Griff zum Zahnstocher. Irgendwann hat das Rind von dem entwürdigenden Spaß aber genug, strebt in eine höhere Daseinsstufe und lässt die Fasern los.

Aber glauben Sie nicht, dass das Rindvieh das einzige Lebewesen ist, das per Karma zurückschlägt. Auch Spinat kann in dieser Hinsicht ein richtiger Hund sein.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.03.2016)

Leute, die „Weit haben wir’s gebracht“ sagen

Wie weit ist weit von vorher entfernt, wo liegt das genau, und wer ist überhaupt mit wir gemeint?

„Weit haben wir’s gebracht.“ Da stellen Leute diverse Bilder, Filme oder Artikel auf ein soziales Medium ihrer Wahl und kommentieren es mit einem lapidaren „Weit haben wir’s gebracht!“ Ein Satz, der Zivilisationskritik sein soll, aber doch nur ein Rückgriff ist auf eine verklärte Vergangenheit, vergleichbar mit dem „Früher war alles besser“ oder dem „Damals hätt’s das nicht gegeben“. Es ist das zu Worten gewordene Klopfen mit dem Besenstiel an die Decke, weil von oben Schritte zu hören sind. Ein Verhalten, das sich mittlerweile aufgehört hat, oder? Vielleicht, weil moderne Haushaltstechnik die unsachgemäße Nutzung des Geräts hintanhält – versuchen Sie einmal, einen Staubsauger so hoch zu heben, dass man damit auf den Plafond klopfen kann. Wobei die Jugend heute vermutlich nicht einmal mehr weiß, was ein Plafond ist. Weit haben wir’s gebracht.

Vermutlich hat es auch gar keinen Sinn mehr, heutzutage von einem Fauteuil zu sprechen. Ausgesprochen wurde das gepolsterte Sitzmöbel mit Armlehnen früher zwar auch nur bedingt richtig, doch man wusste zumindest noch, was man sich unter dem Fotell vorzustellen hatte. Aber heutzutage, mon dieu! Da fragt man sich schon, wie weit man es gebracht hat und wie weit weit eigentlich ist. Denn die Distanz ist auf der sprachlichen Möbiusschleife nur bedingt korrekt zu messen, schließlich ist nicht klar, ob die Entfernung zwischen dem „Weit“, wo wir es gerade hingebracht haben, und dem, wo wir vorher waren (nah?), so einfach in Zentimetern angegeben werden kann. Und wer weiß, vielleicht wurde man dabei sogar schon vom Weit-Gebrachten überrundet. Wenigstens über das verbindende „Wir“ herrscht keine Diskussion – das Weit-zu-etwas-Gebrachte war eine gemeinschaftliche Leistung von uns allen. Es sei denn natürlich, das „Wir“ ist in Wirklichkeit ein pikiertes „Ihr“. Ist das womöglich so? Wo kommen wir denn da hin?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.03.2016)