Die Geisterradler in der Neustiftgasse

Mit Topografie lässt sich nicht alles erklären. Aber zumindest das eine oder andere Phänomen lässt sich auf die Erdoberfläche mit all ihren Höhen, Tiefen und Unregelmäßigkeiten zurückführen. Jenes etwa, dass Autofahrern zwischen Volkstheater und Kirchengasse immer wieder geisterfahrende Radfahrer mitten auf der Straße begegnen. Natürlich, man könnte auch einfach zum gern vorgebrachten Totschlagargument greifen, dass Radfahrer generell rücksichtslose Rowdys sind, die ohne Rücksicht auf Verluste durch die Stadt pflügen, um dort möglichst viel verbrannte Erde unter dem glühenden Gummiabrieb zu hinterlassen. Doch gelegentlich lohnt es sich, die Vorurteilsmaschinerie kurz auszuschalten und nach einer Erklärung zu suchen.

Und diese findet sich eben genau darin, dass die Neustiftgasse in einem Tal liegt. Und man sich als Radfahrer mühsam in die Burggasse oder Lerchenfelder Straße hochstrampeln müsste, um stadteinwärts zum Ring zu gelangen, wo es dann schön flach dahingeht. Allein, die Neustiftgasse ist bekanntlich eine Einbahn stadtauswärts. Und so riskiert der durchschnittliche Radfahrer eher, 200 Meter gegen die Einbahn zu fahren, als sich auf einem steilen Bergaufstück zu verausgaben.

Nun ist aber den meisten Radfahrern durchaus bewusst, dass ein frontales Aufeinandertreffen mit einem Personenkraftfahrzeug unangenehm sein kann. Folglich haben sie eine alternative Streckenführung entdeckt, wo das Risiko deutlich geringer ausfällt: den Gehsteig. Was dazu führt, dass so mancher Fußgänger auf dem zeitweise etwas engen Trottoir hinter sich einen Schatten zu spüren vermeint. Und tatsächlich, sobald man einen Schritt zur Seite macht, wird aus dem Schatten ein Radler, der fröhlich gen Innenstadt strampelt.

Ein sehr regional begrenztes Phänomen, zugegeben. Und doch eines, das die Verkehrsplanung zum Suchen einer Lösung anregen könnte. Wobei, die Neos – die ja auch in der Neustiftgasse beheimatet sind – haben da sicher schon ein Patentrezept: Einfach die Flügel heben!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.01.2014)

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Wie die Waschmaschine die Konzentration sabotiert

Konzentration ist jener Zustand, der nach langem Warten darauf genau dann einsetzt, wenn die Waschmaschine fertig ist. All die Mühsal, sich in die richtige Stimmung zu versetzen, um endlich mit der Arbeit zu beginnen, ist in diesem Moment umsonst. Schließlich muss man sich vom Schreibtisch erheben und die Wäsche aus der Trommel holen. Im nächsten Moment feststellen, dass auf dem Wäscheständer noch die Wäsche vom vorherigen Waschgang hängt. Und sich in den folgenden Minuten über weitere Exponate in der umfangreichen Einzelsockensammlung freuen.

Sind T-Shirts und Unterhosen zusammengelegt, die feuchten Wäschestücke zum Trocknen aufgehängt, ist der Platz vor dem Computer wieder eingenommen und sind die Gedanken gerade dabei, sich wieder zusammenzurotten, meldet sich in der Regel das Mobiltelefon zu Wort. „Du hast 75 Prozent deines Datenvolumens erreicht“, informiert der Betreiber. Ja, vielen Dank, vor lauter Vorfreude auf diese Nachricht konnte man ja ohnehin schon nächtelang nicht mehr schlafen.

Ähnlich mag es auch den Polizisten in Gmunden gehen – sie werden seit mehr als zwei Wochen nächtens hunderte Male von Notrufen, bei denen sich am anderen Ende niemand meldet, aus der Konzentration gerissen. Und die wohl von einem Handy ohne Sim-Karte getätigt werden, das deswegen auch nicht geortet werden kann.

Um die Konzentration ob all der Störungen wieder in Lauf zu bringen, hilft übrigens das Versinken in meditative Kontemplation. Beim Warten auf den Bus im nasskühlen Nebel, zum Beispiel. Den Kopf tief in der Kapuze verborgen, die Hände unter die wärmende Jacke gesteckt, kann es dann durchaus passieren, dass einer jener berühmten Augenblicke der Erleuchtung kommt. Und man einen Eintrag in sein persönliches Buch der gesammelten Weisheiten machen kann. So à la: Konfuzius sagt, während du seit 15 Minuten auf den 10A wartest, ist er in die Gegenrichtung schon dreimal gekommen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.01.2014)

Das iPhone, der Islam und die Penisvergrößerung

Wer sind eigentlich diese armen Leichtgläubigen, die tatsächlich glauben, dass der ehemalige Assistent von Muammar al-Gaddafi mit ihnen das Vermögen des libyschen Exdiktators teilen will? Und man nur im Vorhinein ein paar tausend Euro überweisen muss, um den Transfer des Geldes auf das eigene Konto zu veranlassen. Jedenfalls niemand, den man kennt. Denkt man. Und findet plötzlich auf den Facebook-Seiten genau dieser Personen, die über Spam-Mails abfällig lachen, sehr aufgeregte Postings. „iPhone und NSA“. „Offensichtlicher geht es kaum“, ist dort zu lesen, dazu ein Link zu einem Video, in dem ein sehr ernst schauender iPhone-Nutzer demonstriert, dass der Sprachassistent Siri bei der Frage nach „Christentum“ oder „Buddhismus“ zu Wikipedia verlinkt. Sucht man jedoch nach „Islam“, bittet das Handy, seine Ortungsdienste zu aktivieren. Der messerscharfe Schluss: Die NSA will sich einschalten.

Natürlich. Sobald ein Internetuser als Suchbegriff die zweitgrößte Religion der Welt eingibt, läuten in Fort Meade, Maryland, die Alarmglocken. Sofort wird der Standort der Anfrage erhoben – und wahrscheinlich wird auch gleich eine Drohne auf den Weg geschickt.

Dass die Wahrheit viel unspannender klingt, ist die Krux jeglicher Verschwörungstheorie. Denn Apples Sprachassistent Siri bittet auch, den Ortungsdienst einzuschalten, wenn man nach „Kirche“ sucht. Und listet dann die christlichen Gotteshäuser in der Umgebung auf. Bei der Suche nach „Islam“ macht er das Gleiche – nur sucht er dann eben nach Moscheen. Ein Programmierfehler, ein unglücklicher noch dazu. Aber eben nicht mehr.

Das soll die User allerdings bitte schön nicht davon abhalten, weiter über die große Weltverschwörung zu debattieren. Und die Glaubwürdigkeit ihrer Wortmeldungen durch Ausrufe wie „Unglaublich!!!!!“ und „Aufgedeckt!!!!“ zu untermauern. Aber genug davon, jetzt noch schnell die Bestellung zur Penisvergrößerung abschicken.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.01.2014)