Dinge, an denen man merkt, dass man erwachsen ist

Wenn man im Radio jedes Lied auf Anhieb erkennt und dann merkt, dass gerade ein Oldiesender läuft.

Wenn das eigene Handy läutet und die junge Kollegin sagt, dass sie die falsche Nummer gewählt hat, ist das nicht schlimm. Wenn sie dann allerdings ergänzt, dass sie eigentlich gerade ihren Großvater anrufen wollte, dann ist es wohl an der Zeit, sich Gedanken zu machen. Darüber, zum Beispiel, dass man im Radio beinahe jedes Lied an den ersten Takten erkennt – und plötzlich merkt, dass das ein Oldiesender ist, der da gerade eingestellt ist. Und dass man sogar bei den Backstreet Boys, die man damals ganz furchtbar fand, plötzlich mitsingen könnte – oder es tatsächlich macht. Weil es etwas Vertrautes ist. Und ähnlich jederzeit abrufbar wie die Titelmelodie von „Am Dam Des“ auf FS1 – und dann dieser verständnislose Blick auf der Gegenseite, was das nun wieder sein soll. Also die Sendung. Und FS1 eigentlich auch. Diese malle press, diese malle Pumperness, am dam des, möchte man ihr am liebsten entgegenschleudern. Aber vermutlich würde sie danach gleich wieder ihren Großvater anrufen wollen.

Dass man mittlerweile erwachsen geworden ist, merkt man aber auch an Dingen abseits von Kindheitserinnerungen und Popkultur. Bevor man auf Urlaub fährt, muss man doppelt so viel arbeiten. Und danach auch. Man hat eine Lebensversicherung abgeschlossen. Man geht öfter vor Mitternacht ins Bett – und das auch noch gerne. Wacht aber zwischendurch immer wieder auf, weil man Sorgen hat. Die Rollenverteilung, dass man von den Eltern etwas erklärt bekommt, hat sich gedreht – vor allem bei der Technik. Und man ist sich bewusst, dass man jetzt in der Generation steckt, die gerade Verantwortung trägt. Ganz schön wehmütig, oder? Gut, dann halt noch einen Alterskalauer zum Abschluss: Nein, meine Haut ist nicht schlaff geworden. Das sind alternative Falten. Und jetzt entschuldigen Sie mich bitte, die junge Kollegin ruft gerade an. . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.08.2017)

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So, zum Abschluss noch der geheime Code der Kellner

Beim Besuch in einem Restaurant werden Sie ein Wort zumindest ein Mal von jedem Kellner hören.

Clickbaiting ist ein Begriff aus dem Internet. Dahinter steckt das Phänomen, dass man Menschen auf einer Website mit großspurigen Ankündigungen („. . . Sie werden nie glauben, was dann passiert ist . . .“) dazu bringt, auf einen Artikel zu klicken, um damit höhere Zugriffszahlen zu erreichen, die wiederum mehr Werbeeinnahmen bringen. Mit dieser Praxis hat all das nichts zu tun, denn das Geheimnis ist ja schon im Titel der Kolumne enthalten. Aber wenn Sie schon mit dem Lesen begonnen haben, herzlich willkommen! Heute geht es um das Wort „so“. Das kann etwa synonym zu „falls“ verwendet werden, so man sich gewählt ausdrücken möchte. Es kann eine Wirkung verstärken – wenn man etwa so hungrig ist, dass man gleich mehrere o an das s anhängen möchte. Oder aber es dient einfach dazu, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen. Im Alltag können Sie das beobachten, wenn Sie in einem Gastronomiebetrieb genau darauf achten, was die Kellner sagen – Sie werden nie glauben, was das sein wird!

„So“, sagen sie nämlich. Wenn sie mit der Speisekarte auftauchen. Wenn sie mit dem Teller Suppe vor dem Tisch stehen. Und bevor sie den Block aus der Tasche ziehen, um darauf die Rechnung zu kritzeln. Sie können das gern bei Ihrem nächsten Lokalbesuch durchspielen und mir dann Ihre Erfahrungen mailen. Bis jetzt hat die Hypothese jedenfalls immer gehalten. Außerhalb der Gastronomie wird gelegentlich auch ein wenig damit variiert. Etwa mit einem „soda“, das gleichzeitig auch einen anfeuernden Effekt hat. Gehen wir es wieder an! Oder getarnt als „also“, das vor allem bei Referaten als Versuch einer distinguierten Form des „äh“ eingesetzt wird. So viel dazu, was übrigens ein guter Einwurf ist, wenn man nicht mehr weiterweiß. Aber das haben Sie vermutlich ohnehin vermutet. Und es ist klar, was Sie jetzt darauf antworten werden. Sowieso!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.08.2017)

Irgendwann ist nur ein längeres Wort für nie

Wie heißt es so schön: Wer „Wie heißt es so schön“ sagt, kann damit fast jeden Unsinn verkaufen.

Wie heißt es so schön: Das Wort „nun“ ist im Grunde nur der Buchstabe n, der einen Purzelbaum schlägt. Und was lernen wir daraus? Vor allem, dass man jedem Unsinn eine Aura des Wahrhaftigen umhängen kann, indem man ihn zu einem Aphorismus verklärt. (Sie wissen schon, das ist so ein Satz, der rhetorisch kunstreich zum allgemeinen Sinnspruch gemacht wird, den man dann auf T-Shirts drucken kann.) Das geht zum Beispiel, indem man ein „Konfuzius sagt“ voranstellt. Oder eben, indem man etwas schön heiß macht. Denn wie heißt es so schön: Das Leben ist der peinliche Moment zwischen Geburt und Tod. Sie verstehen den Mechanismus? Auf diese Weise könnte man Unbedarften vielleicht sogar erklären, dass Giuseppe Verdis Oper „Aida“ in ihrer ursprünglichen Fassung „Oida“ hieß und in Ottakring spielte, ehe sie italienisiert und die Handlung nach Ägypten verlegt wurde.

Immerhin, hinter manchem derart geschaffenen Aphorismus steckt auch ein bisschen Wahrheit. Wie heißt es etwa so schön: Irgendwann ist nur ein längeres Wort für nie. Das ist ein spannender Ansatz, den wir irgendwann einmal gemeinsam besprechen sollten. Und auch technische Fragen lassen sich damit versinnvollen (Und sagen Sie jetzt nicht, dass es dieses Verb gar nicht gibt! Bedarf dafür gibt es nämlich auf jeden Fall.) Wie heißt es zum Beispiel so schön: Ich habe den Festnetzanschluss nur noch, damit ich mein Handy anrufen kann, wenn ich es wieder einmal nicht finde. Ein anderer Begriff für derartige Zitate ist übrigens jenes vom geflügelten Wort. Und nein, ein Vogel erfüllt zwar beide Voraussetzungen – er ist ein Wort und hat Flügel –, aber die Voraussetzungen für einen Aphorismus fehlen ihm dann doch. War das jetzt halbwegs verständlich? Falls nicht, hier noch einmal zur Verdeutlichung der Grenzen des heißen Schönen: Wie heißt es so schön: Vogel.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.08.2017)

Wenn der Ohrwurm mit auf den Berg kriecht

Warum nistet sich am Ende einer Bergtour plötzlich Ludwig Hirsch in den Ganglien ein?

Ohrwürmer gelten nicht als gute Bergsteiger. Und doch haben auch sie manchmal Sehnsucht nach einem Gipfel. Also setzen sie sich zu Beginn des Aufstiegs in den Kopf und verhalten sich zunächst ruhig. Der „Im Frühtau zu Berge wir geh’n, fallera“-Wurm meldet sich nicht, noch ist das Gehirn zu sehr mit Euphorie beschäftigt, noch hat das Arbeitsgedächtnis keine Kapazitäten frei, in denen der Wurm Musik machen kann. Doch dann kommt die erste Pause – ein paar Kekse gehen die Runde. „Was wär, gäb‘ ich einen Oreo einem Vampir in einer Gruselshow?“ Die nächste halbe Stunde setzt sich dieser unsägliche Werbejingle im Kopf fest. Und ja, auch Lieder, die man nicht mag, können zum Ohrwurm werden. Genauso wie Songs, die man seit mehr als 150 Jahren nicht mehr gehört hat. Warum sonst sollte „Sempre sempre sempre sempre tu“ von Al Bano & Romina Power die nächste halbe Stunde das Kommando übernehmen. Bei hoher Konzentration verschwinden sie wieder. Wenn am Klettersteig jeder Griff sitzen muss, hocken die Würmer ruhig im Hinterkopf. Klar, bei einem Absturz würden auch sie runterpurzeln. Doch kaum kommt die nächste Wanderphase, sind sie wieder da. Das kämpferische „Cliffs of Gallipoli“ von Sabaton bei einem steileren Anstieg, „Ohne dich“ von Rammstein (das Video dazu zeigt ja eine Bergbesteigung). Und wenn Euphorie und Erschöpfung auf Gleichstand sind, singt der Peter-Alexander-Ohrwurm „Ich zähle täglich meine Sorgen“. Am Ende zeigt sich Müdigkeit bei den Ohrwürmern. Spätestens, wenn Ludwig Hirschs „I lieg am Ruckn“ durch den Kopf jagt, muss man sich fragen, ob die armen Tiere bergtauglich sind. Selber schuld, ihr Würmer, ihr hättet ja nicht mitkommen müssen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.08.2017)