Leute, die Leute fotografieren, die Leute fotografieren

Um Urlaubsfotos zu machen, die noch nicht jeder gemacht hat, ist die Metaebene schon zu wenig.
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Eigentlich könnte man es sich ja sparen. Fotos von Sehenswürdigkeiten zu machen, nämlich, die aus genau derselben Ansicht fotografiert auch schon in so ziemlich allen Fotoalben oder Flickr-Ordnern im Netz herumstehen. Und erst recht jene Bilder, auf denen sich eine Person in eine besonders originelle Position in Kombination mit der Sehenswürdigkeit wirft. Sie wissen schon, Leute, die sich bei den Pyramiden von Gizeh so vor die Sphinx stellen, als würden sie sie küssen. Leute, die den Eiffelturm zwischen Zeigefinger und Daumen wirken lassen, als hätten sie ihn als Modell in der Hand. Und ganz besonders Leute, die sich vor dem schiefen Turm von Pisa zum Affen machen, damit es auf dem Foto so aussieht, als würden sie das Gebäude stützen. Immerhin, dort hat sich mittlerweile die Metaebene dazugesellt. Das sind dann Leute, die Leute fotografieren, die Leute fotografieren, die gerade einen auf Turmstütze machen. Hier beginnt das Dilemma. Denn mittlerweile gibt es schon fast so viele Fotos, die den toskanischen Fotowahnsinn zeigen, dass das auch nicht mehr so besonders originell ist. Und die Metaebene plus, nämlich Leute zu fotografieren, die Leute fotografieren, die Leute fotografieren, die Leute fotografieren, die vor dem schiefen Turm Turnübungen machen, ist für ein simples Urlaubsfoto schon ein bisschen sehr ums Eck gedacht. Es gab da sogar einmal eine Erfindung – die Camera Restricta, die über die Geodaten und einen Abgleich mit sozialen Netzwerken feststellt, ob ein Foto aus einer bestimmten Perspektive nicht schon Tausende Male gemacht wurde. Und wenn doch, das Auslösen verweigert. Hat sich nur offenbar noch nicht durchgesetzt.

Das Schlimmste an der ganzen Problematik sind übrigens Leute, die sich die Zeit nehmen, sich über die Urlaubsfotos anderer Leute aufzuregen. In diesem Sinn – können Sie bitte schnell ein Selfie von mir machen?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 31.10.2016)

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Nach dem Grusel-Clown kommt der Killer-Kasperl

Vom Hass-Harlekin bis zu Sex-Senioren – manche Wortkreationen sollte man lieber sein lassen.

Manche Komposita sollte man unverzüglich zum Kompostieren ablegen, auf dass sie wieder in ihre Einzelteile zerlegt Grundlage für Neues werden können. Der Grusel-Clown, zum Beispiel, sollte möglichst rasch wieder zu Worthumus verrotten. Nicht, weil von Coulrophobie, also der krankhaften Angst vor Clowns, Geplagte meinen, dass sich dahinter ohnehin ein Pleonasmus verberge. Sondern weil es schlicht eine sprachliche Unart ist, derartige Begriffe zu kreieren. Was mit dem Wut-Bürger noch irgendwie nachvollziehbar war, verliert im weiteren gewissenlosen Zusammenstoppeln von Worten zu möglichst griffigen Begriffen für die Schlagzeile langsam jegliche Rechtfertigung. Welche kompliziert konstruierten Komposita werden wohl als nächste hinter der Ecke lauern? Der Killer-Kasperl? Der Hass-Harlekin? Oder wird uns womöglich bald ein hinterhältiger Tinnitus-Tintifax in den Ohren liegen? Das stößt dem Kolumnen-Kocina jedenfalls säuerlich auf.

Dass mit derartigen Methoden gearbeitet wird, hat natürlich einen Grund. Eine Schlagzeile besteht nun einmal aus recht großen, dafür recht wenigen Buchstaben. Da bleibt nicht viel Raum zum Erklären. Diesen antizipierten Notstand bekämpft man dann eben mit Vereinfachungen à la Kirchen-Killer für einen Terroristen, der in einem Gotteshaus einen Anschlag verübt. Doch spätestens bei der Kopftuch-Kindergärtnerin sollte man fragen, ob das nicht langsam zu weit geht. Sonst landet man rund um einen Medizinerstreik beim Alarm-Arzt, macht einen aufgeregten Kommunalpolitiker zum Stampf-Stadtrat oder titelt bei einem Artikel über Zärtlichkeit im Alter mit Sex-Senioren. Kreateuren derartiger kompositorischer Kraftausdrücke wünschte man am liebsten einen Kuschel-Kaktus auf den Bürosessel. Wird der kaputt, ist auf dem Kreativ-Kompost sicher noch ein Platz frei. Gleich neben den Resten vom Grusel-Clown, bitte.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.10.2016)

Leute, die in jeder Station den Waggon wechseln

Man muss nicht jedes Phänomen der Großstadt verstehen. Die Phänomene tun es oft selbst nicht.

Als gelernter Großstädter ist man ja einiges gewohnt. Dass in der U-Bahn gelegentlich Menschen verkehren, deren Verhalten, sagen wir, interessant ist, zum Beispiel. Und nein, jetzt folgt kein Lamento über die soziale Unintelligenz der Passagiere, die sich auf dem Bahnsteig direkt vor der Tür positionieren, damit ja niemand an ihnen vorbei aussteigen kann. Auch die Nach-dem-Aussteigen-Stehenbleiber-und-in-die-Luft-Schauer sollen nicht im Mittelpunkt stehen (wobei, im Mittelpunkt wären sie wenigstens vom Eingangsbereich weg . . .). Diesmal geht es um den Waggonhopper. Und wieder nein, das sind nicht diese russischen Freizeitakrobaten, die auf den Dächern fahrender Züge ihren Schabernack treiben. Sondern Menschen, die im Lauf der U-Bahn-Fahrt mehrmals den Waggon wechseln.

Bevor Sie zu rätseln beginnen: In der Regel haben Stationen zwei Ausgänge – einen vorn, einen hinten. Steigt man daheim hinten ein, muss aber am Ende vorn aussteigen, kann ein Weiterhanteln sinnvoll sein. (Wenn man gerade noch rechtzeitig hineinspringen konnte – sonst hätte man ja schon in der Heimstation die paar Schritte auf dem Bahnsteig machen können.) So jedenfalls entsteht das Phänomen des Hoppers, der jede Station einen Waggon weiter nach vorn geht. Was besonders interessant ist, wenn er dort einen Kollegen trifft, freundlich grüßt, Small Talk führt – und dann zur nächsten Etappe aussteigt. Am Ende steigt man aus und sieht den Kollegen in derselben Station drei Waggons weiter vorn aussteigen. Das ist Effizienz. Vielleicht hätte man ihm aber auch sagen können, dass er in einem V-Wagen gefahren ist. Sie wissen schon, das sind die Nachfolger der Silberpfeile, die auch schon seit 2002 in Wien unterwegs sind. In denen kann man übrigens von vorn bis hinten in einem durchgehen. Aber gut, als gelernter Großstädter ist man ja einiges gewohnt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.10.2016)

Werden tote Bäume in Särgen begraben?

Im Übrigen sollte man gegen die Phrase „rechtliche Schritte prüfen“ rechtliche Schritte prüfen.

Und jedes Mal diese Überraschung, wenn die Coladose aus dem Automaten beim Öffnen überschäumt. Dabei hat man doch ohnehin vorher ein paar Mal mit dem Zeigefinger auf den Deckel geklopft, damit es diesmal nicht schon wieder passiert. Vermutlich sollte man rechtliche Schritte gegen die Dosenhersteller prüfen. Oder gegen die Automatenaufsteller. Oder am besten gleich gegen alle. Apropos, diese Phrase wurde in den vergangenen Wochen so häufig aus dem sprachlichen Baukasten genommen, dass man bei Runtastic schon das Programmieren einer eigenen SchrittzählerApp für Juristen prüft. Kann also bitte endlich jemand rechtliche Schritte gegen die Verwendung von „rechtliche Schritte prüfen“ prüfen! Oder beim rechtlichen Schreiten, wenn man es schon unbedingt prüfen muss, zumindest weniger aufstampfen. Dann gibt es auch weniger Erschütterungen, die Kohlensäure will nicht so vehement aus der Dose und man spart sich das würdelose Aufsaugen des Colaschaums vom Dosenrand.

Nicht viel besser ist es übrigens, wenn man sich rechtliche Schritte vorbehält. Das heißt ja in Wirklichkeit auch nur, dass man prüft, ob man sie prüft. Und eine Prüfungssituation ist unangenehm. Nicht auszudenken, wenn da plötzlich eine Frage kommt, auf die man nicht vorbereitet ist und bei der man dementsprechend nicht auf eine plötzliche Prüfungseinsicht hoffen kann. Etwa, ob tote Bäume in Särgen begraben werden. Und wenn ja, woraus die gemacht sind. Ob man sich entschuldigen muss, wenn jemand schlecht von einem geträumt hat. Oder ob der Bus wirklich schneller kommt, wenn möglichst viele Leute ihren Kopf nach vorn strecken und schauen, ob er bald kommt. Kommt er übrigens nicht, kommt man mit dem Prüfen rechtlicher Schritte auch keinen Schritt weiter. Aber das geht jetzt eigentlich schon einen Schritt zu weit.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.10.2016)

Warum landen Meteoriten eigentlich immer in Kratern?

Fragen, die leider viel zu selten gestellt werden – vermutlich werden sie vom System unterdrückt.

Ist Ihnen schon einmal aufgefallen, wie sehr sich die Natur an unsere Maßeinheiten hält? Es kann doch kein Zufall sein, dass Wasser genau bei null Grad friert und bei 100 Grad kocht! Dass ein Tag genau 24 Stunden lang dauert, trifft sich auch perfekt – nicht vorzustellen, was wir mit unseren Uhren anfangen würden, sollte es nicht so sein. Und was für ein Glück muss Jesus gehabt haben, dass er genau zu Weihnachten auf die Welt gekommen ist – und das auch noch im Jahr 0. Das kann doch alles kein Zufall sein. Genauso sollten wir uns einmal darüber Gedanken machen, warum Meteoriten eigentlich immer in Kratern landen. Da muss eine gröbere Verschwörung im Gange sein. Und wie soll man sich im Übrigen vorstellen, dass eine Frau 1,46 Kinder bekommen soll, wie das in den Medien immer wieder zu lesen ist. Kann man das 0,46-Kind wenigstens mit einem zweiten zu einem ganzen zusammensetzen? Aber ganz abgesehen davon – haben Zebras eigentlich weiße oder schwarze Streifen? Warum wird man nicht geblendet, wenn man sich ein Foto der Sonne anschaut? Oder macht man sich dabei auch die Augen kaputt und bemerkt es nur nicht?

Unangenehm ist es auch, wenn man einen Eiswürfel verschluckt hat – und man wartet und wartet, nur kommt er einfach nicht wieder heraus. Was soll man in so einer Situation nur tun? Dürfen Vegetarier Fruchtfleisch essen? Ist Unfruchtbarkeit erblich? Bekommt man eigentlich Geld zurück, wenn man in einem Taxi sitzt, das rückwärts fährt? Müsste eine Schwangerschaft bei Zwillingen statt neun nicht 18 Monate dauern? Warum ist das Wort einsilbig dreisilbig? Was passiert, wenn man sich zwei Mal halb tot gelacht hat? Und nicht zuletzt sollten wir uns auch eine medienkritische Frage stellen: Warum passiert auf der Welt immer genau so viel, wie in die Zeitung passt?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.10.2016)