Der Kebabstanddesigner bei Humboldt

Der New Yorker Times Square hat auf den ersten Blick nicht allzu viel mit dem Lerchenfelder Gürtel in Wien gemeinsam. Und doch, wer sich spätabends zur U6-Station Josefstädter Straße verirrt, kann sich ein bisschen wie im Little Big Apple fühlen. Zugegeben, imposante Wolkenkratzer gibt es hier nicht, dafür zwei unmittelbar nebeneinander stehende Kebabstände. Diese Twin Towers der schnellen Kulinarik wiederum sind mit derart viel blinkenden und leuchtenden Schildern und Tafeln behängt, dass im Umspannwerk Michelbeuern regelmäßig die Sicherungen aus ihren Fassungen springen müssen. Ähnlich viel Strom wie die Leuchtreklame am Times Square dürften sie jedenfalls verbrauchen. Vermutlich würde man diese beiden Stände sogar von der Internationalen Raumstation in 350 Kilometer Höhe als leuchtende Punkte ausmachen können.

Shine on, you crazy Reizüberflutung, möchte man da sagen. Und diesen Sinneseindruck im persönlichen visuellen Lexikon als Antipode zum Begriff „dezent“ einordnen. Der Informationsgehalt der an allen Seiten der Stände permanent blinkenden Tafeln erschöpft sich allerdings in durchaus banalen Begriffen – „Kebab“ liest man auf der einen, „Spezial Kebab“ auf einer anderen, und das absolut synchron auf beiden Ständen. Auch das Essensangebot deckt sich zu nahezu 100 Prozent: Neben Kebab und Falafel gibt es auch noch Asia-Nudeln und Wurst. Nicht ganz synchron ist nur die musikalische Untermalung, die den Besucher in einem Potpourri aus Bastard-Pop und Dancefloor zur Verzweiflung treibt. Und während man ein wenig reizüberflutet an seinem Ottakringer nippt, wünscht man sich den Standbetreiber in einen Werbespot, in dem er mit glücklichem Lächeln verkündet: „Ich mach jetzt den Kebabstanddesigner bei Humboldt!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 18.04.2011)

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Den größten Menschen der Welt vor den Augen

Lustig, dass er den gleichen Geschmack hat wie ich. Ob Heavy Metal im Gasometer, ob finnische Polka in der Szene Wien, ob Glattauer im Akademietheater oder Wagner in Bayreuth – er ist immer dabei. Lustig auch, dass er immer ein bisschen anders aussieht. Das eine Mal blond gelockt, das andere Mal schwarzhaarig mit Hut, ein Mal ein Teenager, ein anderes Mal ein älterer Herr. Doch ist es immer dieselbe Person. Und, auch das eine interessante Übereinstimmung, er sitzt oder steht regelmäßig genau vor mir – er, der größte Mensch der Welt.

Nun kann man das natürlich positiv sehen. Wie oft hat man schon die Chance, einen Menschen vor Augen zu haben, der eigentlich als wandelnder Superlativ von Talkshow zu Talkshow gereicht werden müsste. Andererseits, auf die Dauer ist es dann doch nicht so spannend, statt der Musiker auf der Bühne nur den Rücken oder das Haupthaar eines anatomischen Rekordhalters zu betrachten. Noch dazu, wenn der Gigant sich nicht mit seiner Opulenz zufrieden gibt, sondern auch noch durch Pendelbewegungen dafür sorgt, dass der Zuseher hinter ihm (der, wie man den ersten Sätzen entnehmen kann, immer ich bin) ja nicht zu sehr durch einen freien Blick auf Musiker oder Schauspieler von seinem breiten Rücken – oder bei Sitzplätzen durch sein imposantes Haupt – abgelenkt wird.

In Ordnung, Freund der Blasmusik, ich kann dir nicht entkommen. Allerdings, diese kleine Gemeinheit sei mir gestattet, ich kann dir zumindest dein Leben ein bisschen schwer machen. In den nächsten Tagen gehe ich in den Prater. Dann wirst du natürlich wieder genau vor mir sitzen. Aber ich werde darüber lachen – wenn deine Nackenmuskeln sich unter wildem Fluchen verkrampfen, weil du deinen Kopf ganz tief einziehen musst. Also, bis bald in der Liliputbahn . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 11.04.2011)

Spült die Mobilbox in den telekommunikativen Orkus!

Die Mobilbox ist das unnötigste Stiefkind der mobilen Kommunikation. Besonders dann, wenn sie nur deswegen in Betrieb genommen werden muss, weil man nicht schnell genug abgehoben hat. Dann sieht sich der Anrufer genötigt, auf dem virtuellen Tonband die Nachricht zu hinterlassen, dass er gerade versucht hat, mit dem Angerufenen in einen Akt unmittelbarer Kommunikation zu treten. Was insofern für die Würste ist, da man ja die Nummer ohnehin im Speicher der entgangenen Anrufe findet. Wie auch immer, sofort nach Registrieren des entgangenen Anrufs wählt man also die Nummer des Anrufers – nur um sogleich ebenfalls in dessen Mobilbox zu landen.

Im besten Fall behirnt man spätestens an dieser Stelle, dass der Teufelskreislauf ehestmöglich durchbrochen werden sollte, da man sich sonst in einer Zeitschleife mittelbarer Kommunikation einreiht und die nächsten Minuten nur noch damit verbringt, sich gegenseitig auf die Mobilbox zu sprechen, um einander mitzuteilen, dass man sich nicht erreicht hat und der andere jetzt bitte zurückrufen soll. Erschwert wird die Odyssee auch noch dadurch, dass das Abhören einer Mobilbox vom Grad der Zeitverschwendung in etwa damit vergleichbar ist, auf einer Schnellstraße einer Weinbergschnecke den Vorrang geben zu müssen. Denn ehe man der Botschaft des Anrufers lauschen kann, muss man sich erst von einer sonoren Computerstimme jede einzelne Stelle der Nummer des Anrufers vorlesen lassen. Inklusive Uhrzeit. Spannend wäre dann nur noch, wenn die Stimme danach auch gleichzeitig die Summe der kumulierten Lebenszeit nachliefern könnte, die man mit dem Abhören von Mobilboxen schon in den telekommunikativen Orkus gespült hat. Gut, so viel zu meinem persönlichen Ansagetext. Bitte sprechen Sie jetzt nach dem Signalton . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 04.04.2011)