Mit Kettensägen gegen Duftbäume

Am liebsten würde man zum Holzfäller werden. Denn das Waldsterben, das schon die echten Bäume kaum bis gar nicht tangierte, scheint auch an diesen lächerlichen Duftbäumen in Autos keinerlei Interesse zu haben. Seien wir ehrlich, selbst der authentische Schweiß eines heftig transpirierenden Beifahrers hat mehr Stil als ein hilflos am Rückspiegel baumelnder Tannenbaum. Noch dazu, wenn die Tanne womöglich rosa ist und nach Erdbeere, Kirsche oder Kokosnuss riecht. Hallo, geht’s noch? Besonders dramatisch wird es dann, wenn derartig ausgerüstete olfaktorische Kostverächter gleich mehrere solcher Geruchsschleudern ihre Ausdünstungen verströmen lassen – in verschiedenen Sorten und bei offenem Fenster. Dann wünscht man sich eine Geruchskettensäge, die unter der Nase des verblüfften Autofahrers nur mehr düftelndes Kleinholz hinterlässt.

Empfehlenswert für einen solchen Fall wäre es, eine Dose des „US Government Standard Bathroom Malodor“ einsatzbereit bei sich zu tragen. Bei diesem Gebräu handelt es sich um jene Substanz, die gerne als amtlicher Härtetest für kommerzielle Frischluftsprays bezeichnet wird. Offiziell werden mit der 2001 im Monell Chemical Senses Center in Philadelphia entwickelten Substanz Deodorants und Raumsprays getestet. Inoffiziell weiß man aber, dass das Gebräu gut in die Entwicklung einer nichttödlichen Stinkwaffe der US-Regierung passt. An einer solchen wird schon lange gearbeitet. Während des Zweiten Weltkriegs wurde etwa unter dem Namen „Who, me?“ ein Gestankscocktail getestet, der aber bald wieder verschwand. Denn allzu oft nebelten sich die Angreifer mit der sensibel zu behandelnden Substanz selbst ein. Für das Militär war das stinkende Etwas also unbrauchbar. Vermutlich hat man es deshalb in Baumform gepresst.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.05.2011)

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Der diskrete Charme des Toilettenpapiers

Es ist kein großes Geheimnis, dass der Preis eines Produkts mit der Menge der Abnahme sinkt. Soll heißen – je größer die Packung, desto geringer der Preis pro Stück, Liter oder was auch immer sich darin befindet. Nun wissen wir aber, dass die Größe der Verpackung nicht ausschließlich ökonomische Aspekte hat. Deutlich wird das etwa am Beispiel jener Menschen, die beim Kauf ihres Toilettenpapiers auf den Preisvorteil einer Großpackung verzichten – weil es ihnen unangenehm ist, der ganzen Welt mittels einer unter den Arm geklemmten und in Plastik verschweißten Batterie dreilagigen Papiers ihre Körperlichkeit eingestehen zu müssen.

Ob sich hinter dieser Scham das Erbe von Adam und Eva verbirgt, wie das Immanuel Kant vermutete? Denn ihm zufolge lag die Strafe dafür, dass sie verbotenerweise den Apfel vom Baum der Erkenntnis aßen, nicht nur in der Vertreibung aus dem Paradies, sondern auch darin, dass sie fortan verdauen mussten. Quasi als tägliche Erinnerung an den Sündenfall.

Wie auch immer. Literarisch findet sich die Diskrepanz zwischen dem idealisierten Bild eines Menschen und seiner Leiblichkeit unter anderem in Jonathan Swifts Gedicht „The Lady’s Dressing Room“. Darin durchsucht ein gewisser Strephon den Umkleideraum seiner angebeteten Celia. Und stößt dabei auf Schweißflecken auf einem Hemd, Haare in den Zinken eines Kamms, Ohrenschmalz im Handtuch – und schließlich auch auf ihren Leibstuhl. Was ihn zur schmerzhaften Erkenntnis führt, dass selbst das von ihm gottgleich verehrte Wesen auch nur ein Mensch ist. Und so wie jeder Mensch gelegentlich auf den Topf gehen muss. Verständlich also, wenn man nur eine Viererpackung Toilettenpapier kauft. Die kann man besser in der Einkaufstasche verstecken.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.05.2011)

Dinge, über die man noch nie nachgedacht hat

In Momenten träger Uninspiriertheit bietet sich ein Blick in die unendlichen Tiefen des Internets an. Neben kleinen Filmchen von Menschen, die ihren Kopf um 180 Grad drehen können (sehr spooky, bitte diesen Anglizismus zu verzeihen) und alten Plattencovern von Heino (nicht minder spooky) stößt man dort auch diverse Dinge, über die man bisher noch nie nachgedacht hat. Und das sogar in Listenform. Spätestens an diesem Punkt weicht das ziellose Umhersurfen einer fortlaufenden intellektuellen Niederkunft angesichts all der fast schon niederschmetternden Wahrheiten. Etwa der, dass jeder Mensch zumindest für einen winzigen Moment der jüngste Mensch der Welt war. Dass John Lennon, dessen Band mehr CDs verkauft hat als jede andere Gruppe der Welt, niemals auch nur die leiseste Ahnung hatte, was eine CD überhaupt ist. Und dass in etwa 30 Jahren die Menschen 2000er-Partys feiern werden, so wie man es heute zu Musik aus den 70er- oder 80er-Jahren macht.

Vermutlich haben Sie sich auch noch nie damit beschäftigt, was passiert, wenn Sie auf Ihrem Taschenrechner die Zahl „707“ eingeben – denn drehen Sie das Gerät danach um, erscheint „LOL“ (für die Nicht-Internetgeneration zur Erklärung: Dieses Akronym steht für „Laughing Out Loud“ und steht in der virtuellen Welt für lautes Loslachen.). Addieren Sie zu diesem „LOL“ ein weiteres, lautet das Ergebnis „hihi“ (1414. Verstanden?). Nerdige Taschenrechnerscherze dieser Art gibt es übrigens zuhauf. So steht etwa 7353 für „Esel“, 38317 für „Liebe“, 3773817 für „Libelle“, und wer 31607018 eintippt, kann auf dem Display verkehrt herum „Biologie“ lesen. Spannend, nicht?

Übrigens, wenn Sie in der Google-Bildersuche „241543903“ eingeben, finden Sie Fotos von Menschen, die ihren Kopf in Kühlschränke stecken.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 16.05.2011)

Beim Telefonsex eingeschlafen

Es soll da diesen geheimnisumwitterten Club geben, der kein Mitgliederverzeichnis führt. Kein Wunder, hat er doch nicht einmal einen Vorstand, geschweige denn verbriefte Statuten oder einen Versammlungsort. Und so es wirklich Mitglieder gibt, wissen sie wohl nichts voneinander. Ihnen allen gemein ist lediglich die Erfahrung, schon einmal an Bord eines in Betrieb befindlichen Luftfahrzeugs Sex gehabt zu haben. Und das idealerweise in einer Flughöhe über einer nautischen Meile, also 1852 Meter. Der Initiationsritus des „Mile High Club“, so der treffende Name, dürfte allerdings ebenso romantisch überhöht sein wie die Vorstellung von Liebesspielen am Sandstrand – die in realiter vor allem eines sind, nämlich unbequem. Und dank knirschenden Sands am gesamten Körper alles andere als romantisch.

Dennoch ist die Versuchung groß, die Frage nach einer Mitgliedschaft im „Mile High Club“ kokett nicht zu beantworten – und damit ein bisschen sprachloses Bewunderungspotenzial auf sich zu lenken. Ganz im Gegensatz zu ähnlichen Clubs, deren Mitgliedschaft eine weitaus geringere soziale Anerkennung mit sich brächte. Ein Klassiker wäre etwa der „Sleepy Phone Club“. Das ist der lockere Zusammenschluss all jener, die schon einmal während eines Telefongesprächs eingeschlafen sind – und dem Gegenüber durch leises Schnarchen den Sieg der Müdigkeit über den Dialog kundgetan haben. Was, so hört man, am nächsten Morgen zur Mitgliedschaft im „Guilty Conscience Club“ führt – diese Mitgliedschaft lässt sich durch die verzweifelte Frage „Was ist gestern nacht passiert?“ initiieren, die Mitgliedern des „Happy Hangover Clubs“ durchaus bekannt sein dürfte. Bleibt nur die Hoffnung, dass der „Sleepy Phoner“ auf der anderen Seite nicht eine kostenpflichtige Mehrwertnummer hatte . . .

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.05.2011)

Das Feuer unterm Hintern zündet keinen Griller an

So ist das also mit der grenzenlosen Freiheit im europäischen Binnen markt. Man kann ohne Grenzkontrolle in andere Länder fahren, dort womöglich auch noch in der eigenen Währung bezahlen und so ziemlich alles wieder zurück mit nach Hause nehmen. Tolle Idee. Nur das mit dem Anschreiben der Produkte in Sprachen, die auch Binnenwanderer verstehen, das könnte noch verbessert werden. Meinte zumindest jener Bekannte, der sich ins Auto setzte, um in Bratislava ein paar Zutaten fürs Grillen einzukaufen.

Ist ja auch kein Problem, schließlich sind Bau- und Supermärkte fast überall in der Welt nach einem ähnlichen Schema aufgebaut. Ein Holzkohlengrill ist schnell gefunden, so wie auch die Holzkohle im handlichen Fünf-Kilo-Sack und Zubehör à la Grillzange. Fehlt nur noch der Grillanzünder. Allein, wie heißt diese leicht brennbare Flüssigkeit, die über den Grill geleert dem Zündholz die nötige Kraft gibt, die Holzkohle zu entzünden – auf Slowakisch? Nun, jener Bekannte durchstöberte Regal für Regal, fündig wurde er nicht. Fragen wollte er allerdings auch wieder nicht, sei es aus männlichem Stolz, sei es aus dem Unbehagen, mangels slowakischen Idioms mit Händen und Füßen kommunizieren zu müssen. Schließlich zog er vor, in die Heimat zu fahren und das letzte Utensil in einem heimischen Baumarkt zu erstehen – als er an der Kassa einer Dose gewärtig wurde. Gelbrote Flamme auf schwarzem Grund, das war, was er gesucht hatte. Und allem Slowakisch zum Trotz – der Name des Produkts war absolut selbsterklärend: „Burn!“

Dass das Feuer am Grill nicht und nicht angehen wollte, erscheint im Nachhinein betrachtet eigentlich ganz logisch. Aber wenigstens pädagogisch war die Aktion trotz allem ein Erfolg. Der Bekannte weiß jetzt zumindest, was Energy Drink auf Slowakisch heißt.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.05.2011)