Geistig fit nach Weihnachten

Nicht nur der Körper schreit nach den Weihnachtsfeiertagen nach Bewegung, um die Folgeerscheinungen von frittiertem Karpfen und Lebkuchen wieder abzuschütteln. Auch der Geist muss sich aus der von „Last Christmas“ & Co. aufgezwungenen mentalen Duldungsstarre langsam wieder aufrappeln. Beginnen wir also mit einer kleinen Übung: Wie viele Wörter in der deutschen Sprache enden auf -nf? Vier dürften Ihnen schon nach kurzer Überlegung einfallen: Senf, Genf, Hanf und fünf. Apropos fünf, es gibt noch ein fünftes: Ein kleiner Bach in der Nähe des Ortes Elm im Kanton Glarus (Schweiz) hört auf den Namen Sernf. Das war es auch schon.

Allerdings, wird jetzt mancher Leser einwerfen, wie sieht es denn aus mit Tafelsenf, Industriehanf und Konsorten? Geschenkt! Wenn Sie mit derartigen zusammengesetzten Wörtern die Ganglien wieder entweihnachten können, soll das so sein. Ebenso jene, die mir mit Späßchen à la einhundertfünf kommen. Aber seien Sie sich im Klaren, dass wir dann auch Gennf berücksichtigen müssen, das in Walter Moers „Die 13 1/2 Leben des Käpt’n Blaubär“ für ein von Zeitschnecken ausgeschiedenes Faulgas steht. Sollten Sie in Grimms Wörterbuch sanf als nachlässige Aussprache von sanft entdecken, lachen wir gemeinsam ein bisschen darüber, so wie über zunf, das im Mittelhochdeutschen Handwörterbuch von Matthias Lexer als Variante von Zunft belegt ist. Und haben Sie den Duden-Band „Richtiges und gutes Deutsch“ aus dem Jahr 1997 im Regal stehen, finden Sie auch noch Ganf als Nebenform von Ganeff (Ganove) aus dem Rotwelschen. Spätestens dann bemerken Sie, wie der Geist den Fluch des rotnäsigen Rentiers abgeschüttelt hat. Und jetzt gehen Sie gefälligst eine Runde joggen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.12.2009)

Advertisements

Der erste Stuhlgang auf dem Mond

Das deutsche Wort mit den meisten Konsonanten in Folge heißt „Angstschweiß“. Diese flüssige Absonderung der Furcht macht aber wohl nur einen kleinen Teil der rund 14.000 Liter Schweiß aus, die ein Mensch durchschnittlich in seinem Leben produziert. Interessant, nicht? Und nur zwei Beispiele von Dingen, die man nicht unbedingt wissen muss. Jene Dinge haben sich übrigens im Windschatten von Listen, Kategorisierungen und Sammelsurien (vor allem dank der Lifestylezeitschrift „Neon“) in den vergangenen Jahren zu einer beliebten journalistischen Stilform entwickelt.

Da erfährt man etwa, dass Oliver Cromwell erst zwei Jahre nach seinem Tod erhängt und geköpft wurde. Dass Thomas Edison, Erfinder der Glühbirne, Angst im Dunklen hatte. Und dass der Orgasmus eines Schweins 30 Minuten dauert. Spannend, oder?

Und doch bergen gerade Meldungen wie diese enormen Sprengstoff. Denn dass Neil Armstrong der erste Mensch auf dem Mond war, gut und schön. Doch seinem Kollegen Buzz Aldrin war es vergönnt, als erster Mensch auf dem Trabanten seinen Stuhlgang zu verrichten. Außerdem lernen wir auf diese Weise, dass Winston Churchill auf einem Damenklo das Licht der Welt erblickt hat. Apropos, da wir gerade bei der Toilette sind – da gibt es auch Dinge, die man nicht nur nicht wissen muss, sondern die man gar nicht erst wissen will. Wenn etwa auf der Tür einer  öffentlichen Herrenbedürfnisanstalt der Hinweis prangt, dass das Pissoir „nur zum Urinieren“ geeignet ist – und die einleitenden Worte „aus gegebenem Anlass“ davor stehen. Beim Gedanken an besagten Vorfall würde man am liebsten stundenlang seinen Kopf gegen die Wand donnern. Pro Stunde verbraucht man dabei übrigens etwa 150 Kalorien.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.12.2009)

Militärisches Sechs-Buchstaben-Wort

Über manche Dinge kann man erst nach einer gewissen Zeit sprechen – wenn man nachts nicht mehr schweißgebadet aufwacht. 15 Jahre sind mittlerweile vergangen – darum kann ich jetzt meine Zeit beim Bundesheer ein wenig Revue passieren lassen. Da war etwa jener Vizeleutnant (der einzige Dienstgrad mit Bauch, übrigens) im Kranken revier, der sich immer wieder für (extra bezahlte) Nachtdienste einteilte, um dort an seiner Modelleisenbahn zu basteln. Oder jener Wachtmeister, der seine Befehle derart nuschelte, dass ein Kamerad nach mehrmaligem Nachfragen die legendären Worte sprach: „Ich würd’s ja gerne machen – aber ich verstehe Sie nicht!“ Legendär auch der Offizier vom Tag, der mit roter Nase zum Morgenappell torkelte und den Chargen „Flagge einholen“ zubrüllte. (Zur Erklärung: Eingeholt wird die Fahne des Abends. Die Chargen mussten also den Befehl verweigern und hissten die Flagge.)

Erinnerungswert hat auch der militärische Jargon. „Militärisches Wort mit sechs Buchstaben“, war des Öfteren mit süffisantem Unterton zu hören – in Zivilsprache übersetzt hieß das „schade“. Nicht voll einsatzfähige Kameraden wurden von den Ausbildnern als „Innengichtler“ bezeichnet, Rekruten ohne Namensschild auf der Uniform als „Wehrmann Plüsch“. Denkwürdig auch die Frage des Korporals: „Schreibt man Gruppe mit einem oder zwei p“? Noch denkwürdiger die Antwort eines Wehrmanns: „Kommt darauf an, wie viele Leute in der Gruppe sind.“ Aber genug hingehaut auf die unteren Dienstgrade – bei der Angelobung auf dem Rathausplatz sprach der damalige Wiener Militärkommandant die Worte: „Danke allen, die diese Verlobung möglich gemacht haben!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.12.2009)

Der Mezzanin auf dem Menuett

Menschen, die Homosäkularität noch immer für eine Krankheit halten, muss man Ravioli bieten.

In jüngster Zeit wird gern gegen Menuette gewettert. Mich stört es ja weniger, wenn der Mezzanin von dort oben nach Billa ruft. Aber anderen scheint da eine gewaltige Maus über den Eber gelaufen zu sein. Ganze Menstruationszüge versammeln sich, um den Bau von Mischehen zu verhindern. Die Polizei muss dann das Gebiet hermeneutisch abriegeln und aufpassen, dass es zu keinem Eclair kommt. Wenn ich das schon sehe, beginnen meine Hybriden zu jucken. Das sind doch genau jene Menschen, die Homosäkularität immer noch für eine Krankheit halten. Solchen Typen muss man einfach die Zehen zeigen und ihren Sprüchen Ravioli bieten. Auch, wenn man nichts von Region hält – ich selbst gehöre ja keiner Konfektion an.

Ja, ein bisschen Zivilcollage wäre wünschenswert. Die würde auch den Schweizern nicht schaden, die jetzt ein bisschen in die Bretagne geraten sind. Ehrlich gesagt halte ich ihre jüngste Entscheidung für ein ziemliches Amokszeugnis. Da sind die Hetzgladiolen wohl ein bisschen aus dem Rudel gelaufen. Aber gut, fürs Erste ist diese Kuh einmal abgefahren. Sollen sie doch selber schauen, wie sie sich jetzt aus der Atmosphäre ziehen. Dabei werden sie ihre Sünden noch abbürsten. Gehen Sie da mit mir kondom?

Würden wir so eine Abstimmung in Österreich machen, wäre aber sicher auch Streit gratiniert. Der blaue Hanswurst in allen Gassen fasst ja Militante auch nicht unbedingt mit Klischeehandschuhen an. Aber sein Aliment, dass Gefahr im Vollzug sei, ist ja wirklich völlig am Harn herbeigezogen. Da würde man am liebsten im Erdbeben versinken. Aber Schwamm beiseite, eines können Sie sich ganz sicher sein – ich werde dieses Thema nicht so schnell ad aorta legen. Ganz genua!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.12.2009)