„Im Sinne von“ ist das Äh der Eloquenten

Einfach zum Nachdenken – so manche unsinnige Redewendung sollte man sich echt abgewöhnen.

Selbstbeobachtung ist eine harte Disziplin. Schließlich könnte man dabei an sich Dinge bemerken, über die man bei anderen lästert. Man kennt das, wenn man Aufnahmen der eigenen Stimme hört – und bemerkt, wie sehr man stammelt, Sätze nicht zu Ende spricht oder alle paar Sekunden „äh“ einbaut. Diese rhetorischen Denkpausen kommen auch in den besten Kreisen vor – nur dass das Äh dann zum Sozusagen gebläht wird. Oder sich im Sinne von „im Sinne von“ entlädt. Auf eine gewisse Art und Weise dient auch „auf eine gewisse Art und Weise“ nur dazu, den Redeschwall in die Länge zu ziehen, damit das hinter der Stimme herhechelnde Sprachzentrum im Gehirn quasi nicht komplett den Anschluss verliert – wobei das hier eingesetzte Quasi auch keinerlei tieferen Zweck erfüllt. Im Allgemeinen ist es eigentlich durchaus üblich, sich auf diese Art und Weise (ab jetzt können Sie weiterlesen, bis hier hat der Satz keinerlei Bedeutung gehabt) durch Konversationen zu hanteln. Ich sag’s ja nur.

Im Grunde genommen sollte man sich auch die Verwendung von allen Redewendungen genau überlegen, in denen es um Denken bzw. Nachdenken geht. Nur so zum Nachdenken, wenn jemand „nur so zum Nachdenken“ auf sozialen Netzwerken schreibt und danach irgendeinen esoterischen Unsinn postet, sollte man das als Einladung verstehen, erst recht nicht auch nur einen einzigen Gedanken daran zu verschwenden. Nur so ein Gedanke – was aber auch nicht viel besser ist. Aber ist zumindest meine Meinung – natürlich, sonst hätte ich es ja nicht gesagt; also, nur zur Info –, wer sich selbst beobachtet und es auch noch ernst nimmt, wird auf unglaublich viele Beispiele stoßen, die man sich abgewöhnen könnte. Und ja, auch bei mir selbst habe ich solche Phrasen im Sinne von „im Sinne von“ entdeckt. Ich sag‘ das jetzt so, wie es ist.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 24.08.2015)

Advertisements

Leute, die am Ende des Satzes „weißt du“ sagen

Hinter mancher rhetorischer Bestätigungsfrage verbirgt sich ein wenig Prahlerei.

Sie kennen das sicher von Frank Stronach, nicht? Dass er nämlich gerne genau dieses Frageanhängsel am Ende eines Satzes einsetzt. Vor allem die Briten (nein, Stronach ist keiner, der Satz hat auch gar nichts mehr mit ihm zu tun) haben es bei derartigen rhetorischen Bestätigungsfragen zu einer regelrechten Perfektion gebracht, ist es nicht? Doch hierzulande muss man gar nicht neidvoll über den Kanal blicken, denn solche Rückversicherungen kennt man hier auch zur Genüge. Da gibt es das wunderbare „gell“ oder das vor allem im Westen Österreichs gebräuchliche „oder“, während man im Norden Deutschlands gerne ein „ne“ oder „wa“ als Versicherungsfrage anhängt, gelegentlich auch ein „stimmt’s“.

Nicht ganz in diese Kategorie fällt das vielgestaltige „weißt du“, das je nach Sprachraum zwischen „weeste“ und „waaßt“ pendelt. Denn während ein simples „nicht“ oder „oder“ dem Gesprächspartner kein Defizit unterstellt, wirkt das „weißt du“ allzu oft ein wenig schulmeisterlich, gell? (Per Sie hätte da jetzt eigentlich „göllns“ stehen müssen, bitte um Vergebung für die indirekte amikale Duzung!) Denn das „weißt du“ impliziert, dass man selbst das Wissen hat, das man dem kleinen Dummerchen gegenüber jetzt unter die Nase reibt. In rhetorischer Sicht entspricht die Redewendung also etwa dem paternalistischen Tätscheln des Hinterkopfes, stimmt’s? In die gleiche Kategorie passt auch das „verstehst du“, bei dem das Ungleichgewicht des Wissens von oben herab in eine rhetorische Frage gepackt wird. All das oft unbewusst, aber für den Gesprächspartner doch immer wieder ein wenig unangenehm, verstehen Sie?

Es könnte übrigens ein nettes Spielchen sein, auf derartige Floskeln tatsächlich zu antworten. Natürlich verstehe ich das, ich bin ja kein Trottel. Aber vermutlich macht man sich damit eher keine Freunde, oder?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.08.2015)

Sag jetzt nicht, dass das „Sag jetzt nicht“-Sager sagen

Welche Bedeutungen sich hinter der Aufforderung verbergen können, jetzt etwas nicht zu sagen.

Sagen Sie jetzt nicht, dass ich immer nur über Phrasen schreibe. Aber die Kombination aus „Sag jetzt nicht, dass…“ und einem darauffolgenden „aber“ ist einfach zu schön, um nicht darüber zu schreiben. Sagen die „Sag jetzt nicht“-Sager doch gerade erst mit ihrem „Sag jetzt nicht“-Sager, was das Gegenüber sonst vielleicht nicht einmal gedacht hätte. Ein „Sag jetzt nicht, dass ich verfressen bin, aber ich habe Hunger“ kurz nach dem Essen ist in Wirklichkeit ein charmant verklausuliertes Eingeständnis: „Ich bin verfressen.“ Entzieht man dem „Sag jetzt nicht“ das „aber“, wird aus der Phrase ein ungläubiges Hinterfragen. „Sag jetzt nicht, dass das wirklich wahr ist“, verbunden mit schreckhaft geweiteten Augen, kennzeichnet den Punkt, an dem der „Sag jetzt nicht“-Sager realisiert, dass es wirklich wahr ist. Nimmt man dem „Sag jetzt nicht“ das „jetzt“ weg, lässt sich daraus eine Versicherung des eigenen Weitblicks zimmern – ein „Sag nicht, ich hätte dich nicht gewarnt“ ist die erwachsene Variante des elterlichen „Du wirst schon sehen, was du davon hast“. Sagen Sie jetzt nicht, dass Sie das nicht auch nervig finden! Letzterer Satz wiederum ist ein hübsches Beispiel dafür, dass zwei Mal minus auch sprachlich ein Plus ergibt – und der Satz in Wirklichkeit ein imperatives Haschen nach Bestätigung ist: „Sag, dass du das nervig findest!“

Und dann gibt es auch noch die melodramatische Variante, die nur im Film vorkommt. Wenn die Hauptdarstellerin dem verdutzt schauenden Mann gerade ihre Liebe gesteht – und ihm danach sanft den Zeigefinger auf den Mund legt. „Sag jetzt nichts!“ Was wiederum das Klischee bedient, dass Männer in Gefühlsdingen nicht die richtigen Worte finden. Schließlich verbirgt sich dahinter die Aufforderung: „Sag jetzt nichts Falsches!“ Und sagen Sie jetzt nicht, dass Ihnen das nicht auch schon aufgefallen ist!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 01.06.2015)

Nicht schlecht staunte Winnetou abschließend

Wer kennt das nicht? Das Gefühl nämlich, dass Zeitungsartikel, die mit „wer kennt das nicht?“ beginnen, gern mit „bleibt abzuwarten“ enden. Soll heißen, dass im journalistischen Vorratsschrank gelegentlich auf Konfektionsware zurückgegriffen wird, die schon seit Jahrzehnten in Regalen vor sich hin angestaubt werden. Zu glauben, dass Leser das ohnehin nicht bemerken, wäre ein Trugschluss, schließlich gibt es bereits ganze Websites, die sich dem Einsatz sprachlicher Dutzendware widmen. Die lieblose Phrase „Nicht schlecht staunte“ zu Beginn eines Artikels feiert Tag für Tag „das größte Comeback seit Lazarus“ – um eine weitere dieser Phrasen zu bemühen. Als selbstkritischer Journalist (ja, auch mea culpa) muss man sich fragen, ob man nicht auch selbst ab und zu dem Immermehrismus anheimfällt, indem man Phänomene, die sich einer exakten Quantifizierung verweigern, eben mit „immer mehr“ beziffert.

Wenn wir schon beim Stil sind – gelegentlich wird das schöne Verb „sagen“ durch, sagen wir, eher unpassende Formulierungen ersetzt. „Es zieht“, schloss der Kapitän das Fenster. „Der arme Hund“, packte er das Häufchen in ein Plastiksackerl. Und um ein wenig scheinbare Authentizität ins Spiel zu bringen, wird das Sagen auch gern mit einer Tätigkeit verbunden, die nicht zwangsläufig etwas damit zu tun haben muss. „Ich habe Hunger“, sagte er und nahm einen tiefen Zug von seiner Zigarette. Ja, eh. Und irgendwann landen wir dann womöglich bei „Hugh“, sprach Winnetou, schnitt sich ein Loch in den Bauch und verschwand darin.

Nicht zu vergessen das „so“, das so gern zum Verbersatz mutiert. Allein, man kann nicht etwas soen. Macht aber nichts, man gewöhnt sich an alles. So auch an die klassischen Schlusspointen in Pressaussendungen vornehmlich politischer Parteien. „Bla bla bla“, so XY abschließend, ist ein Klassiker. Oder, wenn gleich zwei Menschen zitiert werden, „so beide unisono“. Tja, wer kennt das nicht? Doch ob sich das jemals ändern wird, bleibt abzuwarten, so ich abschließend.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 12.01.2015)

Diese Weihnachtskolumne ist zu 27,3 Prozent erfunden

Aus Mangel an eigenen Kindern lassen sich rührende Erlebnisse rund um Weihnachten halt nicht so leicht erzählen. So auf die Art, wie der Zehnjährige dem Papa verständnisvoll ins Ohr flüstert: „Du, ich weiß eh schon seit ein paar Jahren, dass es das Christkind gar nicht gibt. Aber ich wollte dich nicht enttäuschen, darum hab ich mitgespielt.“ Also muss der persönliche Erfahrungsschatz eben mit Kuriosa aus externen Quellen aufgepimpt werden. Etwa mit Umfragen aus der Markt- und Meinungsforschung, die uns dabei helfen, das Phänomen Weihnachten besser zu verstehen. Hier erfährt man unter anderem, dass 71,7 Prozent der Österreicher schon mindestens einmal ein falsches Geschenk bekommen haben, sich das 67,8 Prozent jedoch nicht anmerken ließen – hat ja nie jemand behauptet, dass Weihnachten das Fest der Aufrichtigkeit ist. 68 Prozent streiten rund um das Fest der Liebe (das macht 50 Cent fürs Phrasenschwein) mit der Familie oder dem Partner. Zu 35 Prozent ist das Aufräumen und Putzen daran schuld, gefolgt vom Organisieren familiärer Veranstaltungen mit 27 Prozent. Letztere gehören für 72 Prozent zur Weihnachtszeit dazu – nach mageren 65 Prozent im Vorjahr ein deutlicher Anstieg. 46 Prozent backen ihre Weihnachtskekse selbst – und im Dezember legen die Anmeldungen in Fitnesscentern um etwa 20 Prozent zu. (Ja, alle diese Umfrageergebnisse gibt es wirklich!)

Immerhin, hier kann man – auch ganz ohne Kinder– aus eigner Erfahrung etwas beisteuern. 16,9 Prozent treffen bei „Stille Nacht“ auf Anhieb den richtigen Ton. 34,5 Prozent der Bonbonnieren, die unter dem Christbaum liegen, sind weitergeschenkte Firmengeschenke, auf 18,2 Prozent klebt sogar noch die Glückwunschkarte mit bestem Dank für die gute Zusammenarbeit. 57,3 Prozent der Österreicher glauben immer noch, dass Peter Rapp „Licht ins Dunkel“ moderiert. 67,2 Prozent können sich noch an weiße Weihnachten erinnern. Und etwa 77,8 Prozent der besten Geschenkideen hat man in der Woche nach Weihnachten.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.12.2014)

Eine nicht ausschließlich begünstigende Änderung

Was heute nicht richtig ist, kann morgen schon ganz falsch sein. Was häufig mit dem Versuch einer Rechtfertigung endet, die ihr Heil im Satanismus findet – einem kindlich-comicartigen, zugegeben. Aber warum fällt es eigentlich so schwer, einen Fehler zuzugeben? Warum wird, statt das eigene Versagen einfach einzugestehen, ständig die metaphysische Gestalt des Fehlerteufels aus dem Schattenreich heraufbemüht. Oje, hat er sich also wieder eingeschlichen, der kleine Racker – vielleicht auch noch mit einem Diminutivchen auf harmlos getrimmt, das kleine Fehlerteuferl! Jö, schau wie lieb es da steht in seinem Rauchwolkerl…

Möge das Teuferl, wenn es schon zum Kaschieren des eigenen Unvermögens aus seinen feurigen Träumen gerissen wurde, gleich auch an anderer Stelle aufräumen. Etwa bei jenen, die in ihren Schriften jemanden „etwas zum Besten geben“ lassen. Bei denen, die davon berichten, dass bei einer Veranstaltung jemand „das Tanzbein schwingt“. Und auch bei jenen, die von „Prominenz aus Politik, Wirtschaft und Kultur“ schwadronieren, die „Alt und Jung“ oder gar „exotische Schönheiten“ vor den „heimischen Köstlichkeiten am Buffet“ auftreten lassen. Und auch bei all den anderen, die das Phrasenschwein so lange von der Leine lassen, dass es beim Wälzen im sprachlichen Unrat derart viele nichtssagende Allgemeinplätze um sich schleudert, dass es damit all die Kommunikationskonsumenten mit verbalem Schmutz bewirft.

Möge der Fehlerteufel gleich auch all jene mit dem Dreizack piksen, die für Internetprovider, Mobilfunkbetreiber oder wen auch immer Briefe an Kunden verschicken, die in unverbindlichstem Beamtendeutsch damit beginnen, dass in Bälde „eine nicht ausschließlich begünstigende Änderung der Allgemeinen Geschäftsbedingungen“ in Kraft trete. Was nichts anderes ist als der kleine Bruder des Fehlerteuferls, der hinter seinem Rücken eine Preiserhöhung zu verbergen sucht. Jö, schau, wie lieb es da steht in seinem Rauchwolkerl…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.03.2014)