Das tägliche Scheitern am sozialen Intelligenztest

Bei freier Sitzplatzwahl an Bord eines Billigfliegers ist es aus darwinistischer Sicht nachvollziehbar, dass man möglichst schnell an Bord kommen will. Um bestimmte Plätze entsteht dabei ein regelrechter Kampf, als wären sie der letzte Laib Brot von einem Lebensmittelhilfstransport – mit dem kleinen Unterschied, dass es für die Beförderung eines Passagiers von A nach B an sich völlig irrelevant ist, in welcher Reihe er sitzt und ob er von dort aus dem Fenster schauen kann. Aber gut, der Wettbewerb um die ersten paar Reihen sei den Kämpfern gegönnt.

Ein paar dieser wackeren Streiter finden diesen Kampf so spannend, dass sie ihn auch zelebrieren, wenn auf einem Flug die Plätze längst vergeben sind. Und konterkarieren so die Bemühungen der Fluglinie, den Einstieg zügig und effizient zu gestalten. Dass etwa erst jene Menschen aufgerufen werden, die weit hinten sitzen, hat einen Sinn: Sie versperren Nachkommenden nicht den Weg, wenn sie ihr Handgepäck im Fach verstauen. Sehr wohl machen das die Übereifrigen von ganz vorn – ihnen darf der gesamte nachfolgende Tross zusehen, wie sie am Gang das iPad aus dem Trolley fingern, das Sakko zusammenlegen und verstauen, ehe sie sich gemütlich in den Sitz fallen lassen – und damit das Nadelöhr im vorderen Flugzeugbereich für das Volk wieder freigeben. Genau jene Menschen sind es meist, die lauthals darüber klagen, dass der Flieger schon wieder nicht pünktlich abgehoben hat – und sie so lange am Boden ausharren mussten.

Dieses Scheitern an der sozialen Intelligenz kann man auch jenen Zeitgenossen konstatieren, die sich genau vor der Tür der eingefahrenen U-Bahn postieren, oder auch den notorischen Linksstehern auf Rolltreppen. Was sie nicht verstehen, ist, dass ihr egozentrierter Zugang das Leben für alle schwieriger macht. Oft auch inklusive für sich selbst. Schade, dass soziale Intelligenz nicht an der Schule unterrichtet wird.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 27.02.2012)

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Das Original ist die Version, die man zuerst gehört hat

Als Whitney Houstons Tod publik wurde, fiel Unzähligen plötzlich ein, wie sehr sie die „letzte Diva“ immer schon bewundert haben. Was daran stört ist zum einen, dass der Titel „letzte Diva“ unter anderem auch schon beim Tod von Liz Taylor und Hildegard Knef aus der Schublade gezogen wurde. Und zum anderen, dass der übliche De-mortuis-nil-nisi-bene-Reflex eingesetzt und für ein Houston-Feuerwerk in den Charts und eine Verkaufssteigerung ihrer CDs um rund 6000 Prozent gesorgt hat. (Dass gleich danach ihre Lieder auf iTunes teurer wurden, sei natürlich nur ein Versehen gewesen, wie man bei der Plattenfirma später betonte…) Und zu „I Will Always Love You“ vom „Bodyguard“-Soundtrack aus dem Jahr 1992 als Requiem wurde in unzähligen Wohnzimmern ein wohlig-schauerliches Hochamt zelebriert.

Wirklich interessant an diesem Lied ist aber vor allem, dass das Original gar nicht von Whitney Houston stammt. Bereits 1973 sang es Dolly Parton. Allein, das kümmert niemanden. Denn das Original ist immer die Version, die man zuerst gehört hat – und die US-Country-Charts von 1974 sind doch schon eine ganze Weile her. Auch „Nothing Compares 2 U“ ist in Sinead O’Connors Version bekannter als das Original von Prince, „Me and Bobby McGee“ bringt man mit Janis Joplin in Verbindung, nicht mit Kris Kristofferson. Und Peter Maffays „Über sieben Brücken musst du gehn“ stammt eigentlich von der DDR-Band Karat.

Wirkliches Konfliktpotenzial birgt das erst im generationenübergreifenden Dialog. Der Ältere schüttelt über eine neue Version eines 80er-Klassikers verständnislos den Kopf, der Jüngere fasst den Vorwurf des Älteren, dass das nur eine Coverversion ist und das Original ja sowieso viel besser war, bestenfalls als lästige Klugscheißerei vergangener Zeiten auf. Ist ja schon gut, denkt man dann. Jeder lebt schließlich in seiner eigenen Welt. Aber meine ist wenigstens die richtige.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.02.2012)

Hallo, Baby, soll ich dir mein Weltkulturerbe zeigen?

„Ich finde, alte Damen, die im Kaffeehaus ihre Pelzhauben nicht abnehmen, um sich die Frisuren nicht zu zerstören, sollten zum Unesco-Weltkulturerbe ernannt werden.“ Mit diesem Satz leitete kürzlich ein alter Freund, der für eine scharfe Beobachtungsgabe seiner Umgebung bekannt ist, ein assoziatives Feuerwerk potenzieller Erben unserer Kultur ein. Schnell fielen etwa die lila getönten Haare, die sich immer wieder unter den Pelzhauben verbergen – hinter diesem Phänomen verbergen sich übrigens angeblich „Silberfestiger“, die den Haaren den Gelbstich nehmen sollen und bei zu exzessivem Gebrauch eben für einen violetten Effekt sorgen. Aber auch Körperhaltungen sollten als kulturelles Erbe festgeschrieben werden können – dass etwa besagte Dame mit spitzen Fingern eine Kaffeetasse hält. Heutzutage kann man ja seinen Coffee-to-go-Kübel sogar mit einer grobschlächtigen Pranke leicht umfassen.

Dass jemand mit zugekniffenem Auge, leicht vorgebeugt und hoch konzentriert durch den Sucher eines Fotoapparats schaut, das gibt es im iPhone-Zeitalter, in dem man den Arm mit dem Display einen halben Meter von sich streckt, ebenfalls kaum noch. Also auch gleich auf die Liste damit. Genauso wie – die Jüngeren kannten es nicht mehr – das reflexhafte Drücken das Zahlknopfs in öffentlichen Telefonzellen, sobald die Verbindung steht. Wobei, vermutlich gibt es das auf dem iPhone ohnehin schon als App…

Und schließlich sollte man auch noch die Durchsagen in Einkaufszentren und Supermärkten schützen, die an Deutlichkeit nichts offen lassen: „Frau Maierhofer, bitte 13!“ Wunderbar und schützenswert, oder? Übrigens – ein Code dürfte tatsächlich Allgemeingültigkeit haben: „Auf 17 gehen“ gilt als humoristische Umschreibung des Gangs zur Toilette. Details dazu ersparen wir uns jetzt lieber – auch, wenn die Frage naheliegt, ob ein großes Geschäft vielleicht 18 wäre…

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.02.2012)

Vom Supermarkt in den vegetarischen Gnadenhof

Es gibt zwei verschiedene Zugänge, im Supermarkt Gemüse einzukaufen. Da wäre der eine, das knackigste, frischeste und hübscheste Stück aus dem Regal zu fingern, quasi das Supermodel unter den Gemüsen. Und dann gibt es die etwas weniger oberflächliche Variante, nicht nach dem Hochglanz polierter Schale zu stieren – schließlich will man mit der Frucht nur kochen und keinen Schönheitswettbewerb gewinnen. Häufig bleibt ja ohnehin nur die zweite Variante übrig, wenn einer aus der ersten Kategorie bereits alle verfügbaren Früchte in seinem vegetarischen Beauty Contest auf ihre Festigkeit geprüft und dabei unschöne Druckstellen hinterlassen hat.

Gelegentlich begegnet man abseits dieser Dualität aber auch noch einer dritten Ausprägung der Gemüseauswahl – oberstes Kriterium ist hier das Mitleid. Wenn da einsam und verlassen eine Melanzani in einer Kiste vor sich hinrunzelt, man sogar ein leichtes Zittern zu spüren vermeint und nur noch zwei traurige Augen fehlen, um das Kindchenschema komplett zu machen – dann wird das Herz weich, und man will nichts mehr, als diese arme, geschundene Frucht in den Arm zu nehmen und ein wenig zu liebkosen. Und so rettet man das arme Ding, bettet es in die wohlig weiche Einkaufstasche und nimmt es mit nach Hause. Auf dass das kleine Runzelgewächs sein Dasein nicht in einer Holzkiste und unter Neonröhren fristen müsse.

Solange sich ein derartiges Verhalten nur gelegentlich einstellt, spricht auch absolut nichts dagegen, der einen oder anderen Gurke, einem bröselnden Karfiol oder einer bedauernswert verkrümmten Zucchini ein Gnadenbrot zu gewähren. Allerdings sollte man die Grenzen des Machbaren im Auge behalten. Denn spätestens, wenn die heimische Küche voll mit siechem Gemüse ist und Gäste plötzlich das Bedürfnis verspüren, für das vegetarische Gut Aiderbichl spenden zu dürfen – dann hat man es vermutlich übertrieben.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 06.02.2012)