You say goodbye, and I say hello!

Es ist eine jener Situationen, die sich nie befriedigend lösen lassen: Man begegnet in der Arbeit einem Kollegen, der gerade das Haus in Richtung Freizeit verlässt, zum ersten Mal an diesem Tag. Und jedes Mal stellt sich die Frage, wie man ihn denn nun jetzt begrüßen soll. Denn ein „Hallo“ oder das förmlichere „Grüß Gott“ ist bei der ersten Begegnung des Tages durchaus sinnvoll. Allerdings ist der Heimgehende mit den Gedanken längst nicht mehr beim Begrüßen, dem womöglich eine weitere soziale Interaktion folgen soll. Insofern wäre ein „Ciao“ oder das förmlichere „Auf Wiedersehen“ wohl eher angebracht. Im Widerstreit, ob nun die Begrüßung eines Gehenden oder die Verabschiedung eines noch gar nicht Gesehenen das kleinere Übel darstellt, ergibt sich dann meist eine für beide Seiten unbefriedigende Grüß-Gott-auf-Wiedersehen-Situation: „You say goodbye, and I say hello“, wie es schon die Beatles richtig erkannt haben.

Abhilfe schafft eine Grußformel, die sowohl Begrüßung als auch Verabschiedung beinhalten kann. Während ältere Semester das „Grüß Gott“ als Universalbegrüßung verstehen, klingt es für Jüngere als Abschied aber eher ungewöhnlich. Auch „Guten Abend“, das im Zweifelsfall – und zur entsprechenden Tageszeit – zur Verabschiedung tauglich sein kann, befriedigt nicht wirklich. Was also tun? Nun, unter Duzern (was für ein schönes Wort!) bietet sich in einer solchen Situation „servus“ an – eines der wenigen Wörter, das gleichzeitig als Begrüßung und als Verabschiedung verstanden werden kann. Doch unter Siezern (was für ein schönes Wort!) ist es schwierig. Im Zweifelsfall lösen Sie es einfach nonverbal – mit einer Verbeugung. Das wirkt beim Kommen und beim Gehen. Könnte zwar sein, dass man Ihnen in Zukunft aus dem Weg geht. Aber immerhin, das Grußproblem wäre damit nachhaltig gelöst.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.11.2010)

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Die Illusion des originellen Geistesblitzes

Jede Wortmeldung nützt sich mit ihrem ständigen Gebrauch ein wenig ab. Vor allem bei jenen armen Menschen, die sie zum hundertsten Mal zu hören bekommen. Wird man etwa bereits vom zweiundzwanzigsten Kollegen darauf angesprochen, dass man einen Kaffeefleck auf dem Hemd hat, ist irgendwann der Punkt erreicht, an dem der Neuigkeitswert gegen unter null tendiert. Auch die Frage, ob man verreist, wenn ein Koffer neben dem Schreibtisch steht, ist spätestens nach dem zehnten Durchlauf nur mehr mäßig spannend zu beantworten. Noch schlimmer wird es, wenn sich die Wortmeldung als Scherz versucht. Stellen wir uns etwa einen Menschen namens Seltenreich vor, der auf jedem Amt und in jeder Vorstellungsrunde zu hören bekommt: „Selten reich, immer arm! Haha!“

Gut nachvollziehbar, dass jener arme Mensch bei jeder Nennung seines Namens schon zähneknirschend auf das ewig gleiche Wortspiel wartet. Und darauf, dass sich der Wortwitzakrobat ganz sicher ist, als erster Mensch auf der Welt diesen Genieblitz gehabt zu haben. Ähnlich ergeht es jenen zahllosen Kellnern, die bei den ewig gleichen Sprüchen der Gäste („Jeder muss an etwas glauben! Ich glaube, ich möchte noch ein Bier! Haha!“) auch noch höflich lächeln müssen. Jenen Köchinnen, die nach dem Familienessen regelmäßig den Running Gag zu hören bekommen: „War gar nicht mal so gut! Haha!“ Jenen Verkäufern, denen nach Abwicklung des Verkaufs schwungvoll verkündet wird: „Die Firma dankt! Haha!“ So ziemlich jeder Berufstätige, der im häufigen Kundenkontakt steht, hat unser aller Mitgefühl verdient. Aber nicht nur sie – es erwischt auch andere. Denn auch als Erich wird man von besonders lustigen männlichen Zeitgenossen immer wieder mit einem alten Kalauer begrüßt: „Schwuler Name! Vorne er, hinten ich!“ Genau. Haha.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 22.11.2010)

Die Simmeringer Schule der Diplomatie

„Als ich Diplomat wurde, war das erste, was ich lernen musste, den Mund zu halten – in vielen Sprachen.“ Mit diesem Satz charakterisierte die frühere israelische Premierministerin Golda Meir genau jenes Bild, das unsereins üblicherweise von Diplomatie hat. Jene Kunst, konstruktiv aneinander vorbeizureden. Oder aber auch, jemandem in so netter und charmanter Weise zu sagen, dass er zur Hölle fahren soll, dass dieser sich sogar auf die Reise freut. Kurz, es geht um die Fähigkeit, so zu tun, als täte man nicht so.

Die Aussagen des türkischen Botschafters Kadri Ecvet Tezcan von vergangener Woche heben sich ein wenig von dieser Maxime ab. Und sind vielleicht die Vorstufe für einen Paradigmenwechsel der angewandten Diplomatie, an deren Ende ein neuer Typus entsteht: Der Rüpel-Diplomat. Wer weiß, vielleicht begegnen wir schon bald in den Botschaftsvierteln dem einen oder anderen Konsul, der ohne Blick zur Seite bei Rot über die Ampeln geht – vor den fassungslosen Augen schockierter kleiner Kinder. Einen Botschafter, der die Reste seiner selbst gedrehten Zigaretten achtlos zu Boden schnippt und erleichtert daneben auf den Gehsteig rotzt. Bei Empfängen schneuzt er sich ins Tischtuch, spricht mit vollem Mund und legt am Ende des Banketts den Kopf schwungvoll zurück, um auch an den letzten Tropfen aus der Schwechater-Dose zu gelangen. Und das Rülpsen danach ist längst Teil der diplomatischen Amtssprache geworden.

Sollten Sie einem dieser Neo-Botschafter begegnen, empfiehlt es sich, ihn lieber nicht von der Seite anzureden. Denn womöglich ist er ein Absolvent der Simmeringer Schule der Diplomatie. Eine Denkrichtung, die vor allem durch einen oft gehörten Satz in der Lokalszene des elften Bezirks zu Berühmtheit gelangte: „Gemma auße! Regeln wir das diplomatisch!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 15.11.2010)

Du hast zwar recht, aber ich finde meine Meinung besser

Wenn der Klügere immer nachgibt, wird die Welt so, wie sie die Dümmeren wollen. Insofern ist es im Grunde ziemlich dumm, der Klügere sein zu wollen. Und doch versuchen wir immer wieder, unsere Klugheit in Gesprächen möglichst offenkundig zur Schau zu stellen. Sogar dann, wenn man gerade etwas Falsches gesagt hat. Etwa à la: „Louis Armstrong war der erste Mann auf dem Mond!“ Kommt vom Gegenüber die Korrektur: „Neil Armstrong“, kommt der Konter: „Sag ich ja!“

Einen ähnlichen Mechanismus beobachten wir vor allem bei Menschen, die einander schon länger kennen – oder zumindest vorgeben, viel über einander zu wissen. Da sagt der eine irgendetwas über seine Befindlichkeit – und der andere antwortet mit: „Das habe ich mir gedacht!“ Ganz ähnlich auch bei Dialogen, die mit der Phrase abgeschlossen werden: „Ich habe gewusst, dass du das sagen wirst!“ Beides sind Aussagen, die sich durch nichts beweisen lassen und nur dazu dienen, die eigene Weisheit und Erfahrung heraushängen zu lassen – oder zumindest so zu tun als ob.

Wurde man von einem Gesprächspartner geistig völlig überfordert, kann man sich immer noch in Sprichwörter oder Binsenweisheiten flüchten. „Tausend Rosen“ oder „Nützt es nichts, schadet es nichts“ sind klassische Waffen, um selbst in der rhetorischen Niederlage dem Kontrahenten noch eine verbale Ohrfeige anzuhängen. Weitere Möglichkeit, die eigene Unfehlbarkeit im Gespräch unterzubringen: „§ 1: Ich habe immer recht, § 2: Sollte ich mal nicht recht haben, tritt § 1 in Kraft.“ Jetzt meinen Sie wahrscheinlich, dass Sprüche wie dieser schon tausendfach auf T-Shirts à la „Bier formte diesen wunderschönen Körper“ gedruckt wurden – und damit nicht besonders originell sind, oder? Ja, eh! Sag ich ja!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 08.11.2010)