Schluhupf uhunter die Deck, wahach vielleicht wieder auf

Einschlafen ist nicht immer leicht. Als Erwachsener, weil Gedanken an Arbeit, Miete und Wirtschaftskrise Morpheus beharrlich den Einzug in den müden Kopf verwehren. Und als Kind, weil Monster, Geister und Dämonen unter dem Bett nur auf einen Moment der Schwäche warten. Noch dazu wird dem kindlichen Gemüt vor dem Einschlafen oft eine gehörige Portion Angst und Unsicherheit injiziert – denn was vordergründig ein süßliches Schlaflied sein soll, verbirgt hinter einlullenden Zärtlichkeiten unzählige Bosheiten. Wie viele Kinder fühlten sich schon in Dornenhecken gefangen, weil sie „mit Rosen bedacht“ wurden? Oder gar an den Bettkopf genagelt, nachdem sie „mit Näglein bedeckt“ einschlafen sollten. Allzu verständlich, dass man ob solcher bösartiger Attacken ängstlich „uhunter die Deck schluhupft“. Guten Abend, gute Nacht, willkommen im Albtraum!

Und nein, man kann einschlafenden Kindern keine etymologischen Spitzfindigkeiten zumuten, etwa dass mit den Näglein im alten deutschen Volkslied Gewürznelken gemeint waren. (Andere Quellen erkennen darin übrigens „Braunnägelein“, was eine alte Bezeichnung für Flieder ist.) Die Assoziation mit einem ans Kreuz genagelten Jesus ist für das in den Schlaf gesungen werden sollende Kind jedenfalls um einiges naheliegender. Noch dazu, wenn im selben Lied auch die Möglichkeit in Betracht gezogen wird, dass man seine Augen zum letzten Mal schließen könnte – schließlich weiß man ja nicht so genau, ob Gott wirklich will, dass man morgen Früh wieder geweckt wird. Dass man Kindern das Einschlafen aber nicht nur im deutschsprachigen Raum ein wenig vergällen möchte, zeigt ein englisches Abendgebet aus dem 18.Jahrhundert. „If I shall die before I wake, I pray the Lord my soul to take.“ Na gut, dann komm halt herein, Sandmann! Und falls du ein Geräusch hören solltest – keine Angst, das ist nur das Monster unter meinem Bett!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.01.2012)

Advertisements

Stell dir vor, der Strom auf der Rolltreppe fällt aus…

Geschwindigkeit spielt in Actionfilmen eine tragende Rolle – im besten Fall merkt das Publikum vor lauter Speed gar nicht, wie dünn die Handlung eigentlich ist. Dementsprechend sind Verfolgungsjagden mit Autos, Bussen, U-Bahnen oder Schnellzügen geradezu prädestiniert. Ein Schattendasein fristet dagegen die Rolltreppe. Schade, eigentlich. Denn im wirklichen Leben spielen sich auf ihr tagtäglich Dramen ab. Da wird geflucht, gerempelt, gestoßen und gestolpert – mit oder ohne Fremdeinwirkung. Was gegen eine filmische Nutzung spricht, ist allerdings die Geschwindigkeit, die in der EU mit maximal 2,7 km/h nicht rasend spektakulär ausfällt. Gerade einmal alte Rolltreppen sowjetischer Bauart, wie sie etwa in der Prager Metro noch verwendet werden, bringen es auf bis zu 9 km/h. Aber zugegeben, für im Fahrtwind flatternde Haare sorgt das noch lange nicht.

Auch ein weiteres Genre bleibt den Rolltreppen verwehrt, nämlich der klaustrophobische Katastrophenfilm. Während das klassische Setting Stromausfall mit einem Aufzug – kleine Gruppe mehr oder weniger psychotischer Menschen ist in der Kabine gefangen – einwandfrei funktioniert, wagen sich Regisseure nur selten an stehen gebliebene Rolltreppen heran. Wobei die durchaus ein gewisses Potenzial haben: Auf einmal flackert das Licht, mit einem Ruck bleibt die Treppe stehen – die Fahrgäste erstarren mit ihr. Nervosität entsteht, Konflikte brechen aus, es kommt beinahe zur Eskalation. Doch schließlich kommt ein Spezialtrupp der Feuerwehr, vielleicht mit Keanu Reeves als Leiter, der die zu Tode verängstigten Menschen rettet.

Im Übrigen ist es wirklich abenteuerlich, über eine stehen gebliebene Rolltreppe zu gehen. Ständig wartet man darauf, dass sie losfährt. Und am Ende wundert man sich, dass man beim Aussteigen nicht so rasant wie sonst abgeworfen wird. Soll noch einer sagen, dass man da keinen Actionfilm draus machen könnte.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.01.2012)

Vom Staubsaugerroboter aus der Wohnung geworfen

Auf der Beliebtheitsskala der Hausarbeiten belegt das Staubsaugen einen Platz im Mittelfeld. Ganz oben findet sich das Wäschewaschen, das ja ohnehin eine Maschine erledigt. Am untersten Ende rangiert das Bettenüberziehen – warum gibt es dafür eigentlich keine Maschine? Manuelles Geschirrabwaschen hat fast schon etwas Meditatives, ist also ganz o.k. Und Fensterputzen lässt sich ohnehin bequem über Monate hinweg aufschieben – im Winter ist es sinnlos, und sobald es wärmer wird, sind die Fenster ja sowieso offen. Beim Staubsaugen muss man ein wenig differenzieren. Denn einerseits macht es schon Spaß, mit dem beutellosen Hochleistungsgerät wie ein Kammerjäger Staubfusel zu jagen. Andererseits ist es mühsam, um all die Zeitungen, Kleidungsstücke und den sonstigen Tand auf dem Parkettboden herumzusaugen – oder die verstreuten Bodenschätze gar aufzuheben.

Letzteres ist es aber auch, der die Anschaffung eines Staubsaugerroboters nicht wahnsinnig attraktiv macht. Denn so verlockend der Gedanke auch ist, dass der kleine Roboter, während man gar nicht daheim ist, selbstständig den Boden reinigt – man muss ihm dafür schon eine aufgeräumte Wohnung hinterlassen. Schließlich reinigt ein solches Ding nur freie Flächen, Zeitungen aufheben kann es nicht. Und es gibt noch einen Grund, sich keine Roboter für den Boden zuzulegen: Sie sind hinterlistig.

Noch heute wird der Kollege blass, wenn er erzählt, wie er einmal nur kurz vor die Tür ging. Im selben Moment rauschte der Staubsaugerroboter an, ein dumpfes Geräusch ertönte – und die Tür fiel ins Schloss. Immerhin, der Kollege trug nicht nur Unterwäsche. Und irgendwo in seiner Hosentasche hatte er auch den Schlüssel eingesteckt. Halb so schlimm, also. Und trotzdem, irgendwie hat man den Eindruck, dass er seit damals häufiger schlecht träumt… Gibt es eigentlich einen Begriff für die Angst vor Haushaltsgeräten?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 16.01.2012)

Warum der Freitag so oft auf einen Dreizehnten fällt

Wenn dieses Stilmittel nicht schon so ausgelutscht wäre, könnte man damit beginnen, dass die Angst vor einem Freitag dem Dreizehnten Paraskavedekatriaphobie heißt. Doch rund um den Ende dieser Woche wieder einmal anstehenden Tag gibt es viel Interessanteres zu erzählen. Etwa, dass er jedes Jahr mindestens ein Mal, höchstens jedoch drei Mal auftritt. Dass der kürzeste Abstand zwischen zwei 13. Freitagen vier Wochen, der längste 61 Wochen beträgt. Und dass – und jetzt wird es wirklich interessant – die meisten Dreizehnten tatsächlich auf einen Freitag fallen. Klingt komisch, ist aber so. Und liegt daran, dass sich der gregorianische Kalender alle 400 Jahre wiederholt – und dass entgegen der klassischen Formel nicht alle vier Jahre ein Schaltjahr eingelegt wird: Denn volle Hunderterjahre, die sich nicht durch 400 teilen lassen (etwa 1800 oder 1900), bekommen keinen zusätzlichen 29. Februar. Aus dieser Regel ergibt sich, dass es in einem Zeitraum von 400 Jahren 688 Dreizehnte gibt, die auf einen Freitag fallen. (Dass auch der 6., der 20. und der 27. ebenso häufig auf Freitage fallen, sei der Vollständigkeit halber erwähnt.)

Ob Papst Gregor XIII., als er 1582 mit der päpstlichen Bulle „Inter gravissimas“ die Kalenderreform startete, bewusst war, dass er allen Paraskavedekatriaphobikern besonders viel Grund zur Sorge bereiten würde, ist nicht überliefert. Ob sein Namenszusatz etwas damit zu tun gehabt haben könnte, lassen wir jetzt auch einfach dort, wo es hingehört – im Elfenbeinturm der Verschwörungstheoretiker.

Widmen wir uns doch lieber praktisch anwendbaren Dingen, die uns im Leben auch wirklich weiterbringen: Will man sich etwa unbedingt vor einem Tag besonders fürchten, sollte man wenigstens einen auswählen, der nicht allzu häufig vorkommt. Mittwoch der 31. bietet sich da an, um in Schockstarre zu verfallen – den gibt es im Lauf von 400 Jahren nur 398 Mal.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.01.2012)

Freitag der 13 - Jason Voorhees

Würde der Horrorklassiker "Freitag, der 13." auch funktionieren, wenn er "Mittwoch, der 31." hieße?

Kaffee kochen für die Tea Party

Kaffeehäuser sind furchtbar, meinte der Kollege. Sie sind grindig, es zieht immer fürchterlich, und den Tee kann man dort sowieso nicht trinken. Spätestens beim letzten Punkt muss man einhaken – denn ins Kaffeehaus zu gehen, um dort Tee zu trinken, ist schon ein wenig, sagen wir, verhaltensoriginell. Man verlangt ja schließlich auch bei einer japanischen Teezeremonie nicht so einfach nach einer Espressomaschine. Genauso wenig muss man im Eissalon partout eine heiße Schokolade bestellen oder im Schnitzelhaus nach einer Salatplatte fragen. Vermutlich hat es einen Sinn, dass gastronomische Einheiten genau jene Speisen oder jene Getränke prominent anpreisen, für die sie da sind. Dass es noch keine reine Kakaoeria (welch schöner Neologismus!) gibt, ist in diesem Zusammenhang übrigens ein klares Versäumnis der beherbergend-kulinarischen Industrie.

Aber zurück zur Teevorliebe des Kollegen. Möglicherweise reagiere ich deswegen so verschnupft auf all die Connaisseure, die ihre getrockneten Blätter, Kräuter und Gewürze wie Alchimisten zu einem dampfenden Sud aufgießen, weil Tee für mich ein absolutes Krankheitsgetränk ist. Meine einzigen Assoziationen beim Anblick eines Teebeutels sind Halsschmerzen, Fieber und Bettruhe. Und Genuss spielt in diesen Momenten eine eher untergeordnete Rolle. Dass aus dieser schon in der Kindheit gelernten Assoziationskette kulinarisches Banausentum erwächst, hat eine gewisse Logik. Und die lässt sich auch im Erwachsenenalter nicht so mir nichts, dir nichts umpolen.

Aus dieser Logik heraus wirken leidenschaftliche Teetrinker für mich immer ein wenig wichtigtuerisch. Und die Gleichung, dass das Aufgießen von heißem Wasser ausgeglichenere Menschen hervorbringt, kann demnach auch nicht funktionieren. Von höherer geistiger Schaffenskraft sowieso keine Rede. Oder haben Sie als Lateiner schon mal gehört: „In tea veritas?“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.01.2012)