Das ist ja das Beste!

Der Markt hat nicht recht. Sonst hätte er vor einigen Jahren nicht zugelassen, dass das wunderbare Arosa aus den Supermarktregalen verschwindet – und Firn drin bleibt. „Was ist Arosa?“, fragte der jüngere Kollege, dem erst erklärt werden musste, dass es sich dabei um ein Pfefferminzbonbon mit Eukalyptuskern handelte. Im Gegensatz dazu behelligt Firn den durch die Pfefferminze euphorisierten Lutschenden plötzlich mit einem süßlich-klebrigen Innenleben – aus Schokolade. „Aber“, warf der junge Kollege mit fast schon authentischer Empörung ein, „das ist ja das Beste!“ Gratulation, damit hatte er mir einen Retro-Flash beschert. Nein, nicht wegen der Zuckerln! Sondern wegen des altklugen Spruchs! Schon als Kind habe ich den gehasst.

Auf einmal war da wieder die Erinnerung. An die Tränen, weil das Gulaschfleisch nur aus einer meterdicken Fettschicht zu bestehen schien. An den Brechreiz, als im flaumigen Gugelhupf plötzlich eine mumifizierte Weintraube auftauchte. Und an das (groß-)elterliche Totschlagargument, für das sich das kindliche Geschmacksempfinden wenig empfänglich zeigte: „Das ist ja das Beste!“ Nein, ist es nicht, verdammt noch mal. Genauso wenig ergiebig ist die Phrase, die meist auf solcherart geäußerten geschmacklichen Absolutheitsanspruch folgt: „Du wirst schon noch draufkommen, was gut ist!“

Allein, fast hätte ich dem verdutzten Kollegen das gleiche Argument entgegengeschmettert – nur mit umgekehrten Vorzeichen: „Du wärst draufgekommen, was gut ist, wenn du jemals Arosa gegessen hättest!“ Ein bisschen ertappt kommt man sich da vor. Man argumentiert ja auch nicht anders als die anderen. Aber was soll’s – schließlich lebt ja jeder in seiner eigenen Welt . . . Aber meine ist die richtige!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.06.2010)

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Kampf den Rosinen

Niemand mag Rosinen. Verständlich. Da haben Sie einen wunderbaren Kuchen, der Teig zergeht flaumig zwischen Zunge und Gaumen, und dann auf einmal meldet sich vehement Freund Brechreiz zu Wort, wenn eine angefaulte Weinbeere glitschig zwischen die Backenzähne gerät. Muss das sein? Warum stecken immer noch bösartige Großmütter, Bäcker und sonstige Übeltäter diese widerlichen Dinger in beinahe jedes Gebäck? Ich bin ja wirklich nicht heikel. Von Heuschrecken bis Lammhoden habe ich alles probiert, würde sogar Hunde essen, wenn sie mein Stamm-Asiate im Sortiment hätte. Aber bei Rosinen, da hört sich der Spaß wirklich auf.

Bringen Sie das am Besten gleich Ihren Kindern bei, dass Gerichte durch Hinzufügen ekliger Runzelbällchen in keinster Weise einen qualitativen Höhenflug erleben. Vielleicht gleich bei „Kinder kochen“ im Nachbarschaftszentrum 6 (6, Bürgerspitalg. 4-6; 10 Uhr). Wie viele wunderbare Lebensmittel es gibt, die Sie nicht mit Rosinen kombinieren sollten, können Sie derweil am Spezialitätenmarkt am Margaretenplatz in Erfahrung bringen. Zum Ausklang empfehle ich einen Besuch des Kunsthistorischen Museums (1, Maria Theresien-Str.), wo im Kuppelsaal ab 18.30 Uhr „Kunst & Genuss“ auf dem Programm steht. Für 34 Euro kann aus dem exklusiven Buffet ausgewählt werden, Verdauungsspaziergang durch die Gemäldegalerien inklusive. Und wehe, ich muss dort auf eine Sultanine beißen. Denn ich bin es einfach Leid, ständig die Rosinen aus dem Kuchen picken zu müssen.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 20.07.2006)