Heavy Metal, Herr Fäymann!

„Popkulturelles Gesülze“ nennt es der Kollege, wenn ich über Phänomene aus der Welt von Musik, Film und anderen Ecken der Populärkultur referiere. Dabei gäbe es doch so viele Dinge aus der wunderbaren Welt der Unterhaltungsindustrie, die auch in anderen Bereichen sinnvoll eingesetzt werden könnten. Nehmen wir zum Beispiel den Heavy-Metal-Umlaut. Hinter diesem Begriff verbergen sich die englischen „röck döts“ – Umlaute und andere diakritische Zeichen, die den (englischsprachigen) Bandnamen ein fremdartiges Erscheinungsbild geben sollen. Berühmt wurde der Umlaut in der Rockmusik durch die Band „Blue Öyster Cult“, die als Erste das Potenzial des Umlauts erkannte. Es folgten Gruppen wie „Motörhead“ oder „Mötley Crüe“, die mit den für die englischsprachige Welt exotischen Zeichen spielten.

Das Kalkül dahinter ist klar: eine geheimnisvolle Aura um eigentlich ganz banale Namen und Dinge zaubern. Allerdings muss man beachten, dass das auch danebengehen kann – beim früheren US-Vizepräsidenten Al Göre zum Beispiel. Zumindest im deutschsprachigen Raum würde man dann mit ihm weniger einen Politiker und Nobelpreisträger verbinden als eher ein freches Mädchen. Umgekehrt ist der österreichische Vizekanzler mit seinem ö gut bedient – schließlich würde Proll selbst in der wohlmeinenden sozialdemokratischen Diktion heute eher negativ aufgefasst. Von Exkanzler Wolfgang Schussel gar nicht zu reden. Bei anderen Personen des öffentlichen Lebens wäre es dagegen völlig unbedenklich, mit einem Heavy-Metal-Umlaut ein bisschen Pep in den Namen und das Erscheinungsbild zu bringen. Fäymann, Bändion-Örtner und Löpatka – das rockt! In diesem Sinn: Nö Sleep ‚Til Steuererhöhung!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 05.07.2010)

Advertisements

Rockin‘ all over the Staubsauger

„If you think you are too old to rock’n’roll then you are“, soll Motörhead-Sänger Lemmy Kilmister gesagt haben. Mag sein, doch haben Jethro Tull mit „Too old to rock’n’roll, too young to die“ schon in den Siebzigern angemerkt, dass das Leben ja nicht abrupt in dem Moment endet, in dem man beim Metallica-Konzert nicht mehr in der ersten Reihe stehen möchte. Und doch fühlt es sich komisch an, wenn einem so drastisch bewusst wird, dass man sich langsam  immer mehr einem Lebensstil annähert, gegen den man einst die nietenbehandschuhte Faust erhoben hat.

Den Moment des Kippens live miterlebt haben die Mitarbeiter des Internetversands Amazon. Jahrelang hatten sie regelmäßig Bandnamen wie „Manowar“, „Dragonforce“ oder „Iron Maiden“ auf meinen Bestelllisten bearbeitet und die entsprechenden CDs verschickt. Und auch die jüngste Bestellung werden die Mitarbeiter wohl  instinktiv an die Tonträgerabteilung weitergeleitet haben – allein, bei „Dirt Devil“ handelte es sich mitnichten um eine Hardock-Band. Sondern um einen Staubsauger. Hartplastik statt Schwermetall.

Und da steht er jetzt, den gerippten Rüssel an die Wand gelehnt, und wartet, dass die Show losgeht. Dass die Lichter erstrahlen, die Multicyclone-Turbine mit mächtigem Grollen Luft anzusaugen beginnt, dass die Turbobürste mit ihrer rotierenden Bürstenwalze über den vor Ehrfurcht erzitternden Parkettboden rattert. Born to be wild, und das ohne Motorradführerschein. Während sich die Stimmung immer mehr aufheizt, die Staubbehälter im Stakkato knirschen und ich den Teleskoparm des Saugers wie eine Luftgitarre triumphierend in die Höhe reiße – wird wieder wütendes Klopfen an den Wänden ertönen. Sorry, Nachbarn – aber Rock’n’Roll will never die!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 29.03.2010)

Wo Männer noch Frauen sein dürfen

Vor einigen Tagen durften hier die Urväter des Heavy Metal Manowar stolz ihre pralle Männlichkeit spielen lassen. Nun gebietet die journalistische Ausgewogenheit, auch die andere Seite zu Wort kommen zu lassen. Die ist nämlich erstens um keinen Deut schlechter und zweitens auch noch im Trend: In jüngster Zeit schießen bunte, lebensbejahende und unglaublich melodische Bands nur so aus dem Boden, die noch etwas eint – sie sind schwul.

Nun ist sexuelle Ausrichtung ja absolut kein Kriterium, um über die Qualität künstlerischer Darbietungen urteilen zu können. Doch gerade die positive Energie aus dieser Richtung sollte einmal lobend vermerkt werden. Immerhin haben die Scissor Sisters mit „I don’t feel like dancing“ eine Hymne geschaffen, zu der auch Heteros auf der Tanzfläche kess mit dem Hintern wackeln. Nicht umsonst treten die Glamrocker The Ark mit der Gute-Laune-Attacke „The worrying kind“ für Schweden beim Song Contest an. Gute Laune versprüht auch Austrofred heute und morgen im Chelsea (21.30) – zumindest sein Vorbild Freddie Mercury war eine schwule Gallionsfigur.

Noch nicht ganz einig ist man sich beim Newcomer des Jahres – Mika. In Schwulenmagazinen wird noch spekuliert, ob der britische Sänger nun straight oder gay ist. Musikalisch passen sein Debutalbum und vor allem die Single „Grace Kelly“ aber perfekt ins Bild: Großartige Melodien und bunter Pop voller Zitate, freudenspendend wie Sonnenlicht. Hören Sie sich das an – ob Sie nun schwul sind oder nicht.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 13.03.2007)

Wo ein Mann noch ein Mann ist

Manche Dinge können auch echte Männer mittlerweile ohne Probleme zugeben. Dass man etwa die erste Staffel von „Greys Anatomy“ auf DVD gekauft hat und ganze Abende auf der Couch verbringt, um dem Sozialleben von Meredith, McDreamy & Co beizuwohnen. Ganz genau, noch vor wenigen Jahren galt in bierseligen Männerrunden als Paria, wer einer Krankenhausserie beiwohnte. Mittlerweile ist es längst salonfähig – und in diesem Fall sogar äußerst unterhaltsam, so ganz nebenbei erwähnt.

Dennoch, ab und zu braucht der Mann ein Spielfeld, auf dem er so richtig Mann sein darf. Ohne Schokolade und heißen Kakao vor dem Fernseher, ohne Tränen, wenn den jungen Ärzten gerade wieder ein Patient weg gestorben ist. Nein, ein Feld, wo die männlichen Urinstinkte ausgelebt werden dürfen. Und nach Jahren des Wartens ist es nun endlich wieder so weit: Manowar haben ein neues Album herausgebracht. Auf „Gods of War“ liefern die Urväter des „True Metal“ den Soundtrack der zu Musik gewordenen Männlichkeit. Songtitel wie „Blood Brothers“ oder „Hymn of the Immortal Warriors“ sprechen Bände.

Voller Begeisterung über das neue Werk ruft man dann den alten Freund an, einst treuer Begleiter auf jedem Konzert, ob er nicht vorbeikommen will, um dem Opus zu huldigen. Um mit Tiefkühlpizza, Bier und Zigaretten ein bisschen infantile Heavy Metal-Nostalgie zu zelebrieren – Glory Majesty Unity, Sie wissen schon. Antwort: „Tut mir leid, ich muss noch bügeln.“ Ironing, so so. Na ja, auch eine Art von Heavy Metal.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 26.02.2007)