Denk mal drüber nach

Denken Sie mal nach – geht es Ihnen nicht auch fürchterlich auf die Nerven, wenn Ihnen jemand sagt, dass Sie mal nachdenken sollen? Wenn das Gegenüber mitten in einem Gespräch plötzlich eine unerwartete Wendung hervorzaubert und den scheinbaren Coup mit dieser Phrase abschließt. Immerhin insinuiert er damit, man hätte das Thema der Debatte bis dahin maximal mit dem Rückenmark verarbeitet. Überlegen Sie mal – wird es besser, wenn die Formulierung leicht abgewandelt wird, die Arroganz des besserwisserischen Gesprächspartners aber unverändert vorhanden ist? Sie müssen das so sehen – mit rhetorischen Tricks wie diesen kann es gelingen, anderen Menschen ein als väterlichen Rat verpacktes „Ei, ei, Trottel“ unterzujubeln, und auf dem derart bestellten Acker die eigene Meinung einzupflanzen, auf dass sie aufgehen möge.

Verdächtig oft kommen derartige Aufforderungen ja von Menschen, deren Weltbild, sagen wir, nicht unbedingt dem Mainstream entspricht. Also etwa jenen, die ernsthaft erwägen, dass hinter den Kondensstreifen von Flugzeugen der Plan einer geheimen Weltregierung steckt, das Bevölkerungswachstum in Schach zu halten. Oder die in Conchita Wurst eine chinesische Geheimwaffe zur Unterwanderung der abendländischen Kultur sehen. Nur kurz zum Nachdenken – ein bisschen was muss an dem allen ja dran sein, sonst würden es die Medien ja nicht ständig so lächerlich machen. Hm?

In Wirklichkeit ist es nämlich so, dass Menschen, die Sätze mit „In Wirklichkeit“ beginnen, genau die gleiche rhetorische Waffe einsetzen. Wobei sie das manchmal auch mit Formulierungen à la „Seien wir uns ehrlich“ umschiffen. Also, seien wir uns ehrlich – bei Gesprächen, in denen Phrasen wie diese zum Einsatz kommen, ist Vorsicht angebracht. Denn allzu oft steht ein „Denk mal drüber nach“ dort, wo man sich ein „das wird man ja wohl noch sagen dürfen“ nicht mehr zu sagen traut. Verwandt damit ist übrigens auch das „Ich habe es Ihnen ja gesagt“, das etwa dem gönnerhaften Tätscheln auf den Hinterkopf eines Kleinkindes entspricht. Interessant, nicht? Denken Sie mal drüber nach.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.02.2015)

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Mein Seitensprung mit George Clooney

„Wenn die Person, mit der du eine Affäre hast, ebenfalls verheiratet ist, dann sind die Verhältnisse klar, und es gibt weniger Missverständnisse.“ Sagt zumindest der Chef eines Internetportals, das Seitensprünge vermittelt. Und schreibt in seine dazugehörige Aussendung auch gleich eine Warnung: „Pass auf, Amal Alamuddin.“ Denn auf den Gatten besagter Dame hätten es ziemlich viele verheiratete Frauen, die man dazu befragte, abgesehen. Vermutlich kann sie jetzt nicht mehr ruhig schlafen, die Arme. Dabei wäre es doch ein Leichtes für sie, seine Treue ganz wissenschaftlich festzumachen. Britische Forscher haben nämlich herausgefunden (wenn ein Satz so beginnt, weiß man in der Regel, was davon zu halten ist…), dass sprunghafte Menschen an ihrer Fingerlänge erkannt werden können. Je länger der Ringfinger im Vergleich zum Zeigefinger ist, desto höher war die Konzentration des männlichen Geschlechtshormons Testosteron, dem man als Fötus im Mutterleib ausgesetzt war – und desto höher ist laut den Wissenschaftlern die Hinwendung zur Polygamie.

Sie dürfen sich jetzt übrigens ertappt fühlen, wenn Sie mit dem Lesen dieses Absatzes erst dann begonnen haben, nachdem Sie einen prüfenden Blick auf Ihre Hand geworfen haben. (Und, erwischt?) Genau das könnte Frau Alamuddin nun auch bei ihrem Gatten tun– vielleicht gibt es ja einen kurzen Moment, in dem sich seine Finger nicht gerade an eine Espressotasse klammern. Sollte sein Zeigefinger den Längenvergleich mit dem Ringfinger nicht erfolgreich bestehen, würde auch sein treuer Hundeblick nichts mehr helfen. Denn die Biologie lässt sich nicht überlisten, wie wir wissen – wer Augen hat zu sehen, der sehe. Und in diversen bunten Wochenblättern könnten wir schon bald von einem schmutzigen Scheidungskrieg lesen. („Du kannst die Kaffeemaschine behalten, aber die Stadt gehört mir!“)

Sollten Sie mit Hilfe dieses Tests den Filou in sich entdeckt haben, können Sie ja mal im Telefonbuch blättern. Herr Clooney dürfte dann ja wieder zu haben sein.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.02.2015)

Strč prst skrz krk im Chuchichäschtli

Aus dem Urlaub im nicht deutschsprachigen Ausland ist dieser Austromissionierungseifer ja bekannt. Dass ein verlegen lächelnder Kellner oder Reiseleiter unter großem Gejohle dazu gebracht wird, ein urösterreichisches Wort wie „Oachkatzlschwoaf“ auszusprechen. Ein Beitrag zur Völkerverständigung, könnte man meinen. Wenn es sich dabei wenigstens um ein Wort handelte, das tatsächlich einen sprachlichen Nutzen mit sich bringt. Allein, zu viel mehr als zum seichten Gaudium auf Kosten anderer taugt es dann doch nicht. Ein typisch österreichisches Verhalten ist dies allerdings nicht, denn auch andere Nationen und Sprachgruppen haben ihre Scherze. „Strč prst skrz krk“ („Steck den Finger durch den Hals“) ist etwa die tschechische Variante einer weitgehend sinnlosen Äußerung, die vor allem dazu dient, Anderssprachige in Schwierigkeiten zu stürzen – schließlich kommt sie komplett ohne Vokale aus.

Man möchte es kaum glauben, aber dieses Phänomen hat einen Namen. Von einem Schibboleth wird in der Linguistik gesprochen, wenn sich ein Sprecher durch ein spezifisches sprachliches Merkmal eindeutig einer regionalen oder sozialen Gruppe zuordnen lässt. Der aus dem Hebräischen entlehnte Begriff (Getreideähre) diente den Gileaditern im Alten Testament dazu, die feindlichen Epraimiter zu erkennen – die den Wortanfang nicht „sch“, sondern „s“ aussprachen. Und die derart identifiziert kurzerhand getötet wurden.

So dramatisch ist es heute nicht mehr, da amüsiert sich höchstens der Schweizer, wenn jemand am „Chuchichäschtli“ (Küchenschrank) scheitert, erkennt der Oberösterreicher am „Ödögidöggi“ (Öltiegeldeckel) den Ortsfremden und erfreut sich der Lustenauer, wenn jemand am Triphthong des „Äuöli“ (Ei) verzweifelt. Überlegenheitsgefühle gegenüber dem Kellner im italienischen Restaurant, der „D‘ Koinarin håd’s Bschteck z’schpâd bschtoid“ nicht reibungslos aussprechen kann, sind aber keinesfalls angebracht. Schon gar nicht, übrigens, wenn man vorher die „Gnotschi“ bestellt hat.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.02.2015)