Machen Sie das bloß nie bei der Firmenweihnachtsfeier

Ein „Knigge“, den die Welt nicht braucht – es sei denn, Sie gehen wirklich im Einhornkostüm hin.

Eine Standarddisziplin im journalistischen Jahreskreis ist der „Knigge“. Der „Urlaubsknigge“ etwa verrät, dass Sie in Japan niemals die Stäbchen in den Reis stecken dürfen. Nicht, dass man das sonst tun würde, aber immerhin ist man gewarnt. Im „Trinkgeldknigge“ wiederum erfährt man, dass in Schweden kein Trinkgeld erwartet wird, dass man aber öfter „tack“ sagen soll, was dem deutschen „danke“ entspricht. Doch die Königsdisziplin wird gerade in diesen Tagen zelebriert. Gern eingeleitet mit den Worten „Alle Jahre wieder“ wird der „Knigge“ für die Firmenweihnachtsfeier aus dem Geschenkpapier gewickelt. Und wir erfahren, dass es vielleicht nicht so günstig ist, sich bis zur Besinnungslosigkeit anzuheitern, um dann dem Chef die Meinung zu sagen. Dass man damit konfrontiert sein könnte, dass einem von Vorgesetzten das Du angetragen wird, und wie man damit umgehen sollte. (Am nächsten Tag schauen, ob sich der Chef erinnern kann, nicht selbst duzen!) Und dass generell „nach der Weihnachtsfeier ist vor dem nächsten Arbeitstag“ im Hinterkopf präsent sein sollte. No shit, Sherlock. Tack für die Warnung!

Als würden Firmenweihnachtsfeiern irgendwo zwischen Sodom und Gomorrha liegen. Als würden alle über ein Jahr aufgestauten Emotionen wie ein Messerset bereitgelegt, um hinter der Deckung eines Christbaums auf die Protagonisten geworfen zu werden. Aber gut, offenbar sind solche Tipps gewünscht. Also bitte, schnäuzen Sie sich nicht ins Tischtuch. Verschließen Sie die Tupperware gut, damit die Wegzehrung vom Buffet nicht aus der Manteltasche tropft. Wenn Sie schon im Einhornkostüm kommen müssen, binden Sie sich eine Serviette um, sonst drohen Flecken auf dem Fell. Und seien Sie nicht allzu enttäuscht, wenn der DJ keinen satanischen Black Metal im Repertoire hat – im Zweifelsfall nehmen Sie halt selbst eine CD mit. Rock ’n‘ Roll!

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 28.11.2016)

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Den Algorithmus im Blut

Ein arabischer Mathematiker hilft bei der Suche nach der Schreibung von Rhythmus nicht weiter.

Abu Dscha’far Muhammad ibn Musa al-Chwarizmi ist schuld. Kenn‘ ich nicht, werden Sie jetzt sagen, vermutlich eine Figur aus einem besonders schlechten Roman von Karl May (nein, das war nicht der mit „Das Kapital“, der hieß ein bisschen anders). Nun ja, nicht ganz, eigentlich sogar gar nicht. Wobei, mit einem Roman liegen Sie schon mal ganz gut, nur dass es sich halt nicht um belletristische Literatur handelt, sondern um ein Lehrbuch über Ziffern. Und dass unser Freund mit dem langen Namen nicht Protagonist, sondern Autor ist.

Schweifen wir nun ab in eine Konzerthalle und geben uns der taktmäßigen Gliederung hin, in der die Musik gerade an uns vorbeiläuft. Ein Moment, in dem das Gehirn so entspannt ist, dass man plötzlich ins Grübeln kommt: Wie schreibt man eigentlich Rytmus? Also, ob da nicht noch ein h reingehört. Nur wo in den Rhytmus soll man es setzen, dass es rythmisch klingt, gut aussieht und noch dazu sprachlich korrekt ist? Das ist der Moment, in dem Freund Abu wieder auftaucht. Dessen Namensbestandteil ganz am Ende wurde nämlich aus dem Arabischen verballhornisiert. Aus al-Chwarizmi – der Choresmier (Choresmien war eine Großoase in Zentralasien) – wurde bei der Übersetzung aus dem Arabischen ins Lateinische Algorismi. Und aus der von ihm gelehrten Art des Rechnens wurde der Algorithmus – eine Handlungsvorschrift, die etwa in Computerprogrammen in Einzelschritten abgearbeitet wird. Dieser Algorithmus hat jedenfalls mit der Begeisterung beim Konzert überhaupt nichts zu tun – der Rhythmus leitet sich nämlich vom griechischen rhythmós ab, was ursprünglich für das Fließen steht. Als weltgewandter Schreiber weiß man das natürlich, lächelt deswegen milde über jene, die gern einen Algorhythmus auf das Parkett legen würden. Mit einem Hauch von Arroganz klopft man das Wort in die Tastatur – und liest dann, dass man gerade Alorithmus geschrieben hat. Ach, Abu Dscha’far, hättest du nicht ein bisschen einfacher heißen können?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 21.11.2016)

Leute, die glauben, dass Wickie ein Mädchen ist

Gedanken zu einem populären Missverständnis – und die Frage, ob Angst froh machen kann.

Wenn die Welt da draußen gerade wieder meint, vom Zusammenbrechen schwadronieren zu müssen, bleibt immer noch der Blick in die Vergangenheit. Schon damals, sagt man sich tröstend, haben Menschen geirrt. Kleine Umfrage unter den Kindern der 1970er- und 80er-Jahre – wer von Ihnen hat damals geglaubt, dass Wickie ein Mädchen ist? Wer jetzt zögerlich die Hand hebt, ist nicht allein. Und vermutlich weiblich. Gut, eine wissenschaftlich abgesicherte Studie dazu kommt jetzt nicht aus der Lade, aber aus vielen Gesprächen über die Kinderserie ist zumindest dieser Eindruck entstanden. Dass Mädchen in Wickie nämlich ein Mädchen gesehen haben. Vermutlich waren es die langen Haare, die diesen falschen Eindruck entstehen ließen. Oder die Kleidung – immerhin trug er etwas unter seinem Kettenhemd (oder war es ein Pullunder?), was wie ein Rock aussah. Letztendlich muss es aber vor allem Unaufmerksamkeit gewesen sein. Schließlich hat Wikingerhäuptling Halvar von Flake ihn ja immer wieder als seinen Sohn bezeichnet. Und im Titellied, das genau jetzt in Ihrem Kopf zu laufen beginnt („Hey, hey, Wickie, hey, Wickie, hey . . .“, böser Ohrwurm, nicht?), ist auch eindeutig von einem männlichen Protagonisten die Rede. „Die Angst vorm Wolf macht ihn nicht froh“, zum Beispiel.

Aber zugegeben, genau bei dieser Zeile taucht ohnehin ein anderes Problem auf, das die Geschlechterfrage in den Hintergrund drängt – was genau soll das nämlich heißen, dass Angst nicht froh macht? Gibt es das überhaupt, dass jemand „Juhu, ich hab Angst!“ jubiliert, wenn der Wolf vor der Tür steht? Kann es sein, dass da einfach eine sinnlose Phrase eingebaut wurde, damit es sich mit dem ebenso in der nächsten Zeile reimt? Bei „Biene Maja“ tauchten solche textlichen Unklarheiten jedenfalls nicht auf – oder kennen Sie jemanden, der geglaubt hat, dass die kleine Freundin eine Drohne ist?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 14.11.2016)

Sei nicht wie Pippi, sei wie Annika

Eine Pippi kann es nur geben, weil Annikas dafür sorgen, dass alles funktioniert. Eine Ehrenrettung.

Es ist eine recht sichere Position, auf die man sich zurückziehen kann, wenn man auf schnellen Applaus aus ist: „Sei Pippi, nicht Annika!“ Auf den ersten Blick ist man ja wirklich geneigt, den Kopf in zustimmende Nickbewegungen zu versetzen. Doch wie bei vielen Slogans, die auf den ersten Blick unglaublich gut klingen, lohnt sich ein bisschen Reflexion. Vordergründig ist natürlich gemeint: „Sei nicht so angepasst, geh aus dir heraus!“ Nicht so wie die brave Annika, die ein wenig schüchtern ist, und die darauf achtet, dass ihr Kleid nicht schmutzig wird. Sondern wie Pippi Langstrumpf, das freche Mädchen, das einen etwas, sagen wir, verrückten Lebensstil pflegt, laut ist, sich nicht an Regeln hält und sich über vermeintliche Autoritäten hinwegsetzt. Auf den zweiten Blick wird aber auch klar, dass hier ein Persönlichkeitsbild propagiert wird, das einfach nicht auf jeden passt.

Da wird geradezu so getan, als sei ein extrovertiertes Wesen das Maß aller Dinge. Als führten die nachdenklichen, ruhigen Charaktere aus Feigheit vor dem Tabubruch ein Leben zweiter Klasse. Es ist nichts Schlimmes dabei, introvertiert zu sein. Es gibt nun auch einmal Menschen, die ihre Kraft nicht aus dem ständigen Umgang mit anderen ziehen, sondern im Stillen aufblühen. Auch das ist Lebensqualität, wenn man sich dabei wohlfühlt. Abgesehen davon, wäre die Welt voller Pippis, könnte nie ein Gemeinwesen entstehen. Weil zum Zusammenleben auch Zurückhaltung gehört, der Blick auf das Wohl der anderen. Mit ständigem Regelbruch oder Verweigerung ist das nicht möglich. Ohnehin kann es Pippis nur dann geben, wenn genügend Annikas den Laden inzwischen am Laufen halten. Damit kein Missverständnis entsteht – wir brauchen Pippis. Ohne sie wäre die Welt nicht komplett. Aber wir brauchen auch Annikas. Lassen wir uns die nicht schlechtreden. In diesem Sinne: Sei Pippi. Oder sei Annika. Beides ist richtig.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 07.11.2016)