Ich bekomme bitte dasselbe

An der Feinkosttheke entblößt jeder Einkäufer sein Innerstes. Stellt er vor Mengenangabe und Wurstsorte ein „Ich hätte gern“, handelt es sich um den höflichen Träumer, der den Wurstfachverkäufer mit seiner Bestellung auf gar keinen Fall unter Druck setzen will. Immer noch äußerst zuvorkommend und freundlich, wenn auch etwas bestimmter, ist die „Kann ich bitte haben“-Gruppe. Statt darauf zu hoffen, dass das Gegenüber auf bloße Nennung eines inneren Wunsches mit dem Aufschneiden der Wurstwaren beginnt, wird hier direkt auf das gewünschte Verhalten des Verkäufers Bezug genommen. Immerhin wird ihm aber so noch die theoretische Möglichkeit gelassen, mit einem Nein zu antworten.

In Österreich begegnen wir aber einer dritten Spezies, die den armen Wurstfachverkäufer rhetorisch zum willenlosen Vollstrecker des Schicksals  degradiert. „Ich bekomme“ nimmt mit einem fast schon gnadenlosen Blick in die Zukunft vorweg, dass man als Kunde gleich zehn Deka Honigkrustenschinken in Händen halten wird. Nein, Verkäufer, du hast keine andere Wahl. Eine prophetische Gabe, die nicht sympathischer wird, wenn man sie mit „bitte“ zu relativieren versucht. Und die auch in der Ausformung „ich kriege“ nichts von ihrem zweifelhaften Nimbus einbüßt.

Spannend sind in diesem Zusammenhang übrigens Bestellvorgänge in Gaststätten – wenn einer von zwei Gästen an einem Tisch dazu neigt, sich mangels ausgeprägten eigenen Willens bei der Bestellung prinzipiell an den anderen zu halten. Vor allem dann, wenn durch eine zufällige Fügung dieser weniger Entschlossene vom Kellner als Erster fragend angeblickt wird. Und aus lauter Gewohnheit unsicher vor sich hin stammelt: „Ich bekomme bitte dasselbe!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 30.08.2010)

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Sieben Stunden Eier kochen

Wie möchten Sie Ihr Ei? Abgesehen von Spaßvögeln, die auf diese Frage des Kellners mit „flott“ antworten, hat man in der Regel eine Vorstellung davon, in welcher Konsistenz man Eidotter und Eiweiß am liebsten aus der Schale löffelt. Dabei werden oft die Kochzeiten als Richtwert angegeben – am geflügeltesten ist dabei das „Drei-Minuten-Ei“, das häufig als die höchste Vollendung gepriesen wird. Soll so sein, bleibt nur die Frage, wie lange ein Ei gekocht werden muss, um ein Drei-Minuten-Ei zu sein. Schließlich stammt diese Regel aus einer Zeit, als Eier noch wesentlich kleiner waren als heute. Ein XXL-Ei aus dem Supermarkt würde da maximal vor Lachen ins Stocken kommen.

Der Physiker Werner Gruber hat dazu eine Formel aufgestellt, in die unter anderem der mittlere Durchmesser des Eis, die Temperatur des Eis vor dem Kochvorgang, die gewünschte Innentemperatur und einige weitere Faktoren einfließen. Zugegeben, in der Frühstückspraxis eher unbrauchbar. Darum rät er einfach zu einem Mittelwert zwischen fünf und sechs Minuten. Na also, geht ja.

Fünf bis sechs Minuten wollte ein alter Freund kürzlich zwei Eier kochen. Allein, er war dabei ein wenig in Eile, musste dringend fort – und wurde spät abends von einer lavaartigen Masse aus der Unterwelt empfangen, die auf seinem Herd blubberte. Als hätte sich das Tor zur Hölle im Eierkochtopf aufgetan – und Luzifer klopfte mit seinem Dreizack schon an den Topfboden. Ein Hauch von Schwefel lag in der Luft, der auch für eine ganze Woche nicht mehr entweichen wollte. „Wie möchten Sie Ihr Ei?“ würde der Teufel fragen. Drei Minuten? Kinderkram! Lassen Sie es sieben Stunden kochen! Bleibt die Frage, wie die Chinesen ihre 1000-jährigen Eier zubereiten.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 23.08.2010)

Ja, nein, aber generell

Die kürzesten Wörter erfordern das meiste Nachdenken – nämlich „ja“ und „nein“. Daher mögen wir Entscheidungsfragen auch nicht, schließlich kann man sich um deren eindeutige Beantwortung nicht so einfach herummanövrieren. Und doch haben wir mittlerweile ein Instrumentarium entwickelt, das uns eine eindeutige Festlegung erspart. Ein Klassiker darunter ist die absolute Killerphrase: „Das kann man so nicht sagen!“ Nicht nur, dass man damit die Last abschüttelt, sich in eine Richtung outen zu müssen, wird dem Fragenden auch noch subtil unterstellt, dass er nicht die nötige geistige Kompetenz hat, die richtigen Fragen zu stellen. Vielleicht noch garniert mit einem Goethe-Zitat: „Wenn du eine weise Antwort verlangst, musst du vernünftig fragen, Bussibär!“ (Ok, das letzte Wort war nicht original von Goethe . . .)

Man kann das natürlich auch auf andere Arten sagen, etwa: „Ich weiche nicht aus, ich habe nur Probleme mit der Fragestellung.“ Aber oft reicht es uns einfach schon, ein paar Sekunden Zeit zu gewinnen. „Wie meinst du das genau?“ Dann liegt der Ball wieder beim Gegenüber, und man hat die nötige Zeit, um sich Gedanken zu machen, wie man sich möglichst nachhaltig aus der Affäre ziehen kann. Sehr beliebt, um Zeit für die innere Sammlung zu gewinnen, ist seit einiger Zeit die paradoxe Antwort – „ja, nein . . .“. Dieses Stilmittel ist so erfolgreich, dass es mittlerweile sogar bei Alternativfragen eingesetzt wird: „Willst du nun oder willst du nicht?“ „Ja, nein, blabla . . .“

Und dann gibt es da noch die Kombination aus der wohl fürchterlichsten Entscheidungsfrage menschlichen Zusammenlebens „Soll ich irgendetwas mitbringen?“ und der abgelutschtesten Antwort: „Nur gute Laune!“ Ich sage dann meist den Besuch ab.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 16.08.2010)

(c) Anna Burghardt

Klare Antwort. Wie war noch mal die Frage?

Husten, wir haben ein Problem

Die meisten Menschen, die unter Husten leiden, gehen nicht zum Arzt. Sie gehen ins Theater. An wohl keinem anderen Ort der Welt reinigen derart viele Menschen lautstark ihre Atemwege. Umgekehrt scheint das Raumklima im Zuschauerraum eine äußerst heilsame Wirkung auf verstopfte Nasen zu haben – denn nur äußerst selten wird die gespannte Stille vor einem dramatischen Höhepunkt von einem Niesanfall durchbrochen. Was daran liegen könnte, dass dann reflexartig das Publikum inklusive Ensemble kollektiv „Gesundheit“ ausrufen würde. Und derart bloßstellen lassen, dass nicht nur die Nase vor Scham errötet, will man sich dann doch nicht. Ein solcher Wunsch zur Genesung ist dem Hustenden allerdings völlig fremd. Gerade einmal bei Kindern wird es mit einem liebevollen „Kutz Kutz“ kommentiert. Im höheren Alter bekommt man im schlimmsten Fall mit der flachen Hand einen Schlag auf den Rücken. „Danke, reizend“, möchte man dann gerne sagen – nicht, dass der Hustenreiz deswegen nachließe.

Aber es muss ja nicht immer gleich echter Husten sein. Auch sein kleiner Bruder, das Räuspern, ist allzu häufig zu Gast im Auditorium. Am liebsten würde man all die im Theater versammelten Räusperer in Frösche verwandeln – schließlich können sie dann keinen Frosch mehr im Hals haben, oder?

So sitzt man am Ende verzweifelt am Rang und lauscht all dem Husten, Krächzen und den Fröschen, die die Geschehnisse auf der Bühne übertönen, und malt sich aus, welchem Dialog man wohl lauschen könnte, würden all die kranken Menschen einen Doktor aufsuchen: „Ihr Husten hört sich ja schon viel besser an“, würde der Arzt sagen. „Kein Wunder“, käme die Antwort, „ich übe ja auch Tag und Nacht!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.08.2010)

Kleine Erniedrigung für Urlauber

Als Bewohner eines Landes, das zu einem Gutteil von Tourismus lebt, sollte man ausländische Gäste ja nicht vergraulen. Umgekehrt erwartet man aber auch, dass sich die Besucher so manche kleine Spitze sparen. Wird man etwa von einer kleinen Gruppe von Italienern angesprochen, die auf Englisch nach dem Weg radebrecht – und man kramt stolz aus dem Gedächtnis die schon in der Volksschule gelernten Wegbeschreibungen -, dann will man nach der langen Litanei, wie man denn nun zum Schloss Schönbrunn komme, genau einen Satz nicht hören: „Do you speak English?“

Fast bereut man in so einem Moment, dass man der Gruppe den richtigen Weg nach Hietzing gewiesen und sie nicht mit der U1 zur  Station Aderklaaer Straße geschickt hat. Einen viel öderen Ort in Wien gibt es bekanntlich nicht. Wobei, Gemeinheiten wie diese sollen gar nicht so selten sein. Zumindest geht das Gerücht, dass manche Gruppe von Pauschalreisenden, die Wien per Bus erkundet, gar nicht zum größten Wahrzeichen selbst vordringt, sondern kurz vor der Votivkirche abgeladen wird – um dort den berühmten Stephansdom zu fotografieren. Sieht doch nicht viel anders aus als auf dem Packerl Manner Schnitten. Mokieren sich dann doch ein paar Aufmüpfige, dass der Dom laut Reiseführer nur einen Turm hat, kann man sie ja auf einen Sprung beim Rathaus vorbeiführen. So, ein Turm. Noch was? Im Supermarkt besorgen wir dann Semmeln, gefüllt mit zehn Deka Polnischer – die preisen wir als das wundervolle Wiener Schnitzel an. Und am Ende schicken wir die Gruppe in ein Konzert, bei dem Musikstudenten in barocken Kostümen ein bisschen Mozart spielen, und verkaufen sie als Philharmoniker. So, und jetzt soll noch einer fragen, ob ich Englisch spreche.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 02.08.2010)