Die geheimen Toiletten der Stadt

An Bedürfnissen kann man auch konsequent vorbeiproduzieren. Da gibt es esoterische Stadtführer über Kraftorte, mystische Stätten und dergleichen, doch im Notfall fängt man mit Keltengrab oder Kapuzinergruft wenig an. Schon eher nach banaleren aber unentbehrlichen Requisiten der Großstadt. Zwar gibt es einen herrlichen Band diesen Namens über Wiens öffentliche Toiletten (Peter Payer, Löcker Verlag), doch ist man bei der Suche nach jenen geneigt, den darin beleuchteten historischen Aspekt nicht so wichtig zu nehmen, muss doch erst die unterste Stufe der maslowschen Bedürfnispyramide abgearbeitet werden. Abhilfe schafft ein Toiletten-Stadtplan, den der Pharma-Konzern Pfizer für Wien (auch für Linz, Graz, Salzburg und Innsbruck – www.pfizer.co.at/online/page.php?P=771) herausgegeben hat.

Der Variante, in Lokalen ohne Konsumation den Weg zur Toilette zu beschreiten, wird zunehmend ein Riegel vorgeschoben. Bei Haas & Haas am Stephansplatz bekommen Kunden längst einen Zahlencode, mit dem sich die Tür öffnen lässt. Und die McDonald’s-Filiale auf der Mariahilfer Straße vergibt an zahlende Kunden Klo-Gutscheine. Schwierigkeit: Schon beim Bestellen muss man das wissen – der unbestechliche Klomann im Keller lässt sich mit „Aber ich habe schon gegessen“ nicht abspeisen. Daher die Aufforderung an Jungautoren: Wir brauchen einen „Secret Toilet Guide“, in dem jene versteckten Plätze verzeichnet sind, die schnell Abhilfe bieten. Wird sicher ein Bestseller. Und deckt echte Bedürfnisse.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 09.01.2008)

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Lasset uns feiern, ehret die Toilette

Dass es eine regelrechte Inflation an Tagen gibt, nämlich an jenen, die irgendeinem Thema gewidmet sind, wurde bereits des Öfteren thematisiert. So wird etwa morgen der Tag der Industrialisierung Afrikas gefeiert, während am Mittwoch der Welttag des Fernsehens zelebriert wird. Heute hingegen steht ein Thema im Mittelpunkt, das sonst gerne unter Verschluss gehalten wird: Der 19. November ist der Tag der Toilette. Statt gleich auf dem Lokus eine Konfettiparade zu starten, richten wir unseren Fokus lieber auf den Hintergrund dieses Feiertages: Laut Unicef müssen nämlich 2,6 Milliarden Menschen ohne angemessene sanitäre Anlagen auskommen.

So mag die Landschaft auf der asiatischen Seidenstraße beispielsweise beeindruckend sein (Vortrag in der Österr. Orient-Gesellschaft, Dominikanerbastei 6/6; 19 Uhr), doch wer schon einmal seine Verdauungsprobleme auf einem kirgisischen Plumpsklo aussitzen musste, kann den Wunsch nach angemessenen Sanitäranlagen sicherlich nachvollziehen. Keine Rolle spielt die olfaktorische Belastbarkeit bei „Der Dritte Mann – auf den Spuren eines Filmklassikers“ (U4 Station Stadtpark, 16 Uhr), denn der Drehort Kanal wird bei dieser Führung ausgelassen. Dass manche den World Toilet Day nicht ansprechend würdigen, beweist übrigens MTV. Denn wie naheliegend wäre es gewesen, heute (21 Uhr) eine jener „South Park“-Episoden zu bringen, in der Mr. Hankey, der Weihnachtskot, wieder einmal die Welt rettet. Schade, man kann nicht alles haben. Auch nicht am Tag der Toilette.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 19.11.2007)