Diese Stadt hat ein Imageproblem

„Lieber Bestellkolumnist!“ Mit diesen Worten leitete ein Freund kürzlich eine E-Mail ein, in der sich ein Hinweis auf ein gar nicht so unoriginelles Kolumnenthema verbarg: Städte mit Imageproblemen. Spaghetti bolognese, so schrieb er, seien ja bei der Elterngeneration noch sehr beliebt gewesen. Doch spätestens seit dem ominösen Bologna-Prozess mit seinen Bakkalaurei (ja, so heißt das im Plural) seien sie in Studenten-WG mittlerweile tabu. Und auch bei Pisa denke seit der gleichnamigen Studie kaum mehr jemand an schiefe Türme, sondern an Kinder, die bei Lesen, Schreiben und Mathematik versagen. Zu guter Letzt wäre da auch noch Maastricht, das wir vor allem damit verbinden, dass wir uns strengen Kriterien unterwerfen müssen. Allerdings, bevor die EU-Konvergenzkriterien in Kraft traten, hatte die niederländische Provinzstadt hierzulande eigentlich gar kein Image – man wusste vermutlich nicht, dass sie überhaupt existiert.

Durchblicken diverse Großstädte einmal dieses Phänomen, werden sie sich wohl mit Händen und Füßen dagegen wehren, dass bei ihnen noch irgendein Abkommen geschlossen oder ein Protokoll ratifiziert wird. Schließlich will man in einer Assoziationskette nicht unbedingt neben überbordender Bürokratie, sozialen Einschnitten oder Bildungswirrwarr seinen Platz finden. Aber keine Angst, irgendwelche Gemeinden werden statt ihrer diese Last auf sich nehmen – schließlich ist eine schlechte Assoziation besser als gar keine, oder? Und so warten wir schon freudig auf die Gramatneusiedler Kriterien, die Rattenberg-Protokolle und den Loretto-Prozess, die fortan zu geflügelten Worten der europäischen Vertragslandschaft werden könnten. Auch auf die Gefahr hin, dass Spaghetti à la Loretto in Studenten-WG dann tabu sind.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 31.05.2010)

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Kampf dem Jahreszeitenbetrug

Dieser Monat ist ein Kuss, den der Himmel gibt der Erde, dass sie jetzund eine Braut, künftig eine Mutter werde. Überträgt man diese Worte des Barockdichters Friedrich von Logau zum Mai auf das heurige Jahr, manifestiert sich die Berührung der Lippen als ziemlich feucht. Nun lässt sich darüber diskutieren, ob Küsse nicht direkt proportional zur Flüssigkeitsabsonderung immer schöner werden. Doch spätestens in dem Moment, in dem der derart Geküsste eine Nacktschnecke an Mund und Zungenspitze wähnt, hört sich das erotische Knistern schon wieder auf. Und kommen Sie mir jetzt nicht damit, dass man zur Erlangung des Glücks ein bisschen Schlatz aushalten muss! Hallo, das mit dem Frosch, der durch Abschmusen zum Prinzen wird, ist nur ein Märchen! „Ein Maitag ist ein kategorischer Imperativ der Freude“, schrieb Friedrich Hebbel. Als der heurige Mai noch zur Schule ging, dürfte er jedenfalls genau in jener Woche gefehlt haben, als die deutsche Lyrik des 19. Jahrhunderts auf dem Lehrplan stand – sonst hätte er sich dieses Zitat wohl zu Herzen genommen.

Vielleicht ist allerdings der Ansatz, die schwache Performance des Mai lediglich mit Unkenntnis deutscher Literatur zu begründen, ohnehin ein Holzweg. Möglicherweise greift eine andere Erklärung besser. Also gut, es handelt sich hier um einen groß angelegten Jahreszeitenbetrug. Rücksichtslose Wetterspekulanten haben den Kurs der Sonne derart nach unten gedrückt, dass der Wolkenindex ein All-Time-High hatte und die Regenblase platzen musste. Konsequenterweise müssen wir nun europaweit alle Solarien mit einer Sonnenbankenhilfe stützen, um die Stabilität wieder herzustellen. Klingt doch plausibel, oder? Wie ist eigentlich das Wetter in Griechenland?

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 17.05.2010)

Emoticon essen Ironie auf

Ironie ist ganz schlecht – das lernen angehende Zeitungsjournalisten in der ersten Lektion. Hat auch eine gewisse Logik, schließlich kann der Leser weder den Tonfall des geschriebenen Wortes hören, noch den Gesichtsausdruck des Autors beim Verfassen desselbigen sehen. Bisher hat es sich in den Redaktionen des Landes auch noch nicht durchgesetzt, ironisch gemeinte Passagen durch <ironie>HTML-Tags</ironie> zu kennzeichnen. Und auch die im Internet eingesetzten Smileys à la 🙂 oder 😉 haben es noch nicht in den methodischen Baukasten der Redaktionssysteme geschafft.

Das ist auch gut so. Schließlich werden Emoticons längst so beliebig eingesetzt, dass die Ironie nur noch traurig danebenstehen und ihren eigenen Tod beklagen kann. „Ich war gerade in meinem Stammcafé :)“ – wozu rückt der Autor ein Smiley an das Ende dieser ohnehin nicht sehr spannenden Lebensbeichte? Wo ist die Ironie versteckt? Oder was genau ist daran lustig? (Vielleicht geht er ja zu Starbucks und möchte „Café“ ironisch konnotieren . . .)

Umgekehrt scheint es, als ob so manche tatsächlich ironisch gemeinte Meldung ohne erklärendes Emoticon nicht mehr als solche verstanden wird. „Du blöder Hund“, nicht flankiert von einem Smiley, wird wohl zwangsläufig ernst genommen – da kann der Autor beim Eintippen noch so viel gegrinst haben.

Doch all das ist noch gar nichts gegenüber den Zeitgenossen, die Smiley & Co. in die gesprochene Sprache transportieren: Der Inflektiv, gebildet durch Weglassen der deutschen Infinitivendungen -n oder -en, mag ja in Schriftform einen Reiz haben. Doch wer „Lach“, „Seufz“ oder „Quietsch“ in der mündlichen Kommunikation einsetzt, ist ein blöder Hund. Und nein, da steht jetzt absichtlich kein Smiley.

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 10.05.2010)

Piefke, Taxi und ein Gummiband

Menschen, die jedes Erlebnis, über das sie berichten, als Anekdote ankündigen, muss man schon grundsätzlich mit einer gewissen Skepsis begegnen. Denn nur weil jemand einmal im Pyjama im Stiegenhaus aufgewacht ist, ist das noch lange keine ungewöhnliche oder komische Begebenheit – vor allem dann nicht, wenn am Ende die Pointe fehlt. Auch folgende Begebenheit ist noch lange keine Anekdote, für einen schnöden Witz jedoch ein wenig zu tiefgründig: In der Straßenbahn bückt sich ein Herr und hebt etwas vom  Boden auf. „Entschuldigung“, sagt er, „hat vielleicht jemand ein Bündel Geldscheine mit Gummiband verloren?“ „Ich!“, ruft sofort ein Fahrgast, auch ein anderer hebt die Hand und fragt: „Wo ist es denn?“ „Ich weiß es nicht“, meint darauf der Mann, „ich habe nur das Gummiband gefunden.“ Ist doch nett, oder?

Ähnlich muss es einem alten Freund – einem Deutschen, der seit mehr als zehn Jahren in Österreich lebt – ergangen sein, der kürzlich zur Sperrstunde in einem Gramatneusiedler Gasthaus saß. „Ich zahl dir 100 Euro, wenn du mich nach Ottakring bringst“, lallte ihm ein offensichtlich betrunkener Malermeister mehrmals entgegen. Der Freund zögerte, immerhin müsste er dafür erst einmal sein Auto von daheim  holen – und den Beifahrersitz mit Folie auslegen, damit des Malermeisters Arbeitskleidung keine Spuren hinterlässt. „Mach das“, spornte ihn auch noch der Wirt an, als der Maler erneut sein Angebot lallte. Also gut, so holte er das Auto, breitete Folie auf dem Sitz aus und ging zurück in die Wirtsstube. Aber 100 Euro, das schien ihm dann doch unredlich. Und so bot er an: „100 Euro sind zu viel, ich führe Sie für 50 Euro hin!“ Darauf der Malermeister: „Scheißpiefke, für 50 Euro kann ich auch ein Taxi nehmen!“

(„Die Presse“, Print-Ausgabe, 03.05.2010)